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Die Wirre« in China.
Die sozialdemokratische Presse nimmt für die Chinesen Partei. Nach ihnen ist China der angegriffene Teil, der sich mit Recht seiner Haut wehrt, während Europa, Deutschland eingeschlossen, der große Uebelthäter wäre, der alles Unheil im Osten aus purer Habsucht und anderen falschen Einmischungsgelüsten heraufbeschworen hat. Bis zu einem gewissen Grade haben jene Stimmen recht; aber, so meint die „Köln. Ztg.", nur bis zu einem gewissen Grade, und eben der Rest, den sie nicht sehen oder verschweigen, ist es, der ihren scheinbar richtigen Standpunkt vollkommen falsch macht- In einem Augenblick, wo wir uns anschicken, mit der Devise „unser Recht" auf unfern Fahnen in eine folgenschwere Phase unserer Entwickelung einzutreten, ist es von Wert dies festzustellen. Zunächst ist die Frage aufzuwerfen: Hat ein Volk unter allen Umständen das Recht, ohne Rücksicht !a.uf andere Völker seine Angelegenheiten zu besorgen, wie es ihm gut dünkt? Wir antworten mit „Nein", denn ein „Recht" ist nichts Angeborenes, Unverlierbares, es ist etwas Erworbenes, von einer Gesellschaft Anerkanntes. Zu einem Recht gehören immer zwei: einer, der es beansprucht, und ein anderer, der den Anspruchs anerkennt. Wo dieser zweite fortfällt, ist ein Naturzustand vorhanden, aber kein Recht, das lediglich Ausfluß einer Gesellschaftsordnung ist. Erst die Anerkennung bedingt den Rechtszustand. Für die Anerkennung aber haben sich bei aller sonstigen Verschiedenheit der Erdbewohner feste Normen, hat sich eine Rechtsanschauung herausgebildet, die ebensosehr in den Trieben zur Religiösität und zur Tugend wurzelt als in der Erkenntnis, daß der Bestand der Menschenrasse einen Zusammenschluß und damit eine eine gewisse Verzicht leistende Einfügung der Einzelglieder unabweisbar verlangt. Diese Einzelglieder können Individuen, sie können Gruppen innerhalb eines Volkes, sie können ganze Völker in ihrer Wechselwirkung bedeuten. Die Träger einer solchen Rechtsanschauung sind die Kulturvölker; diejenigen, welche ihr widerstreben, mögen sie auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft eine Rechtsanschauung ausgebildet haben und bewahren, stellen sich außerhalb des Rahmens der Kulturvölker und werden von dem Augenblick an, wo die Berührung mit diesen beginnt, zu deren Feinden, also zu einem Kulturhindernis.
Als ein solches Kulturhindernis ist China anzusehen. China ist ein rum teil hochkultiviertes Land, aber niemals ein Kulturland in unserem Sinne, nicht einmal eines im Sinne antiker Kultur gewesen. Es hat nicht befruchtet, wohlgethan, sondern stets die Rolle des Geizhalses, des Sonderlings, des geistig Hochmütigen und gesellschaftlich exklusiven gespielt. Ehemals konnte es, abgesehen davon, daß es in der That einmal das anerkannte Recht höherer Bildung besaß und große geschichtliche Epochen hatte, auch ungestört in dieser Weise sein Dasein führen, allein seit wir auf der Erde kaum noch trennende Schranken kennen, nachdem wir erkannt haben, wie klein der Erdball eigentlich ist, wie groß die Bevölkerungen und ihre Bedürfnisse, welche riesigen Anstrengungen dazu gehören, einer Nation das Recht auf ihre Zukunft, aus ihre Existenz zu sichern, ist die chinesische Mauer zu einem Ting der Unmöglichkeit geworden. Dieser weitschauende Kampf ums Dasein hat die großen Kulturvölker in Berührung, und naturgemäß in friedliche Berührung mit dem „Reiche der Mitte" gebracht. Sie jagen keinem Wahn nach; sie folgen einem Naturzwange, und deshalb wird die entfesselte Woge auch weiter rollen, spielend fort über die Köpfe aller Aengst- lichen und Schreier, und nur diejenigen wird sie tragen, die sich als gute Schwimmer erweisen. Ja, scheinbar fällt dem Europäer die Schuld zu, in Wahrheit aber dem Chinesen, der sich einbildet, sein zerbröckelter Fels sei stark genug, dem Brandungsaufwall der ganzen abendländischen Kultur zu widerstehen. Seit zwei bis drei Jahrhunderten leckten die ersten Brandungsspritzer an dem chinesischen Fels und lange mit wenig wahrnehmbarem Erfolge. Folgerichtig standen die seefahrenden Völker, von denen die Briten die Spitze behaupteten, voran. Auch England ist dabei einem großen instinktiven Zuge gefolgt, früher, weitblickender als alle ar,dem Nationen.
Neben dem Kaufmann — vor ihm oder nach ihm — ist der Missionar in China eingedrungen, schließlich auch der Zollbeamte, der Ingenieur und Soldat. Alle sind auf unsägliche Schwierigkeiten gestoßen; viele haben nur unter Einsetzung ihres Lebens wirken können oder ihr Leben verloren. Wenn nun aber die Chinesen diese Leute nicht haben wollen, heißt es, kann man ihnen das verdenken? Der Kaufmann erweckt erst Bedürfnisse, um sich dann durch deren Befriedigung mit chinesischem Gelde zu bereichern, und der Missionar will Religion nach einem Lande bringen, das seine eigenen hochstehenden Religionsshsteme längst besitzt. Und warum? Um in letzter Linie China in Abhängigkeit und unter ein Kulturjoch zu bringen, das ihm mm einmal widerwärtig ist! Vom chinesischem Standpunkte aus, auf dem es eine für alle Völker der Erde gemeinsam verbindliche Gesellschaftsordnung, ein und dieselbe, diese Gesellschaftsordnung bedingende Rechtsanschau-
ung, die mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes arbeitet, nicht giebt, kann man sich allerdings eine Ungerechtigkeit konstruieren; allein der Europäer, der Freiheit in physischem und geistigem Sinne als die höchste Errungenschaft einer fortschreitenden Kultur schätzt, sollte anders darüber urteilen. Gewiß erweckt der Kaufmann wie der Ingenieur Bedürfnisse und will verdienen, aber dadurch, daß er das fremde Volk aus seiner Verkehrsabgeschlossenheit herauszieht und es mit einer andern Kultur bekannt macht, fördert er es in hohem Grade und führt ihm auf die Tauer ebenso viel.Vorteile zu, wie er herausholt. Und das ist doch das Ziel des Verkehrs, daß jeder dabei seine Rechnung findet; aber das gerade widerspricht chinesischem Geiste, der wohl viel verdienen, aber nichts hergeben will, der die Abhängigkeit und Abgeschlossenheit Der untern Kasten verlangt, um sie desto besser beherrschen zu können. Die Thätigkeit des Missionars ließe sich schon eher anfechten, namentlich, wenn wir sie nur als eine bekehren wollende und unter Umständen politisch-agitatorische auffassen müßten. Hier ist gesündigt und nicht unbedeutend gesündigt worden. Es giebt viele Europäer in China, die behaupten, so mancher Keim zu Verfolgungen wäre durch das herausfordernde Treiben der Missionen selbst gelegt worden. Allein auch hier schwindet das geschehene Unrecht gegenüber der erlittenen Unbill; auch hier tritt der Freiheit verlangende Standpunkt wahrer christlicher Kultur siegreich dem der Unduldsamkeit gegenüber, und wir können uns den Folgen des Wortes: „Gehet hin in alle Welt und lehret allen Heiden" nicht entziehen, so lange das Evangelium uns maßgebend bleibt. Und abgesehen von dem eigentlichen Religionswerk ist die rein irdische Thätigkeit der Missionen, wie Anbahnung einer Annäherung der feindlichen Kulturwelten, nicht gering tzu veranschlagen. ■
Der Ingenieur, der Zollbeamte und der Soldat sind mehr oder weniger nebst Eisenbahnen, Maschinen, Geschützen und Gewehren von Europa durch Chinesen selbst erbeten worden, teils in der Absicht, dadurch Nutzen für China zu ziehen, teils mit dem heimlichen Hintergedanken, zur geeigneten Stunde den Spieß umzudrehen und sich. Waffen zum Angriff gegen die Europäer zu verschaffen. Der letztere Fall ist zur traurigen Wirklichkeit geworden. Aber alles dieses geschah, namentlich seit dem japanischen Kriege und unter dem Druck der Verhältnisse, im Auftrage weniger und unter der Abneigung des Volkes, soweit dies nicht gleichgiltig blieb. Es war vielleicht unklug von den Kulturmächten, selbst den Chinesen diese Waffen geschmiedet zu haben. Eine internationale Vereinbarung, sich! der millitärischen Schulung und Waffenlieferung zu enthalten, wäre richtiger gewesen. Wie das „Berl. Tagebl." meldet, finden zur Zeit zwischen den Mächten Besprechungen statt, die darauf abzielen, ein gemeinsames Verbot der Waffeneinfuhr in China zu erlassen. Man thäte iU- E. gut, der Waffeneinfuhr in Außereuropäische Länder überhaupt einen Riegel vorzuschieben; man sieht ja klar, wohin das Gegenteil führt. Auch die Zulassung Fremder zur Ausbildung in Heer und Verwaltung, in Industrie,, auf unseren Hochschulen rc. ist u. E. vielfach sehr zum Nachteil für uns. Doch das sind Dinge, die sich leider schwer vermeiden lassen. Es bleibt vor der Hand jeder einzelnen Macht, die sich nicht in den Hintergrund drängen lassen, nicht zusehen will, daß ein anderer Welt- koukurreut das große Geschäft rc. mache, das sie selbst von der Hand wies, nichts anderes übrig, als sich nach Kräften zu beteiligen. Hier liegt zweifellos das Unrecht der Kulturmächte, und dieses hat verdiente Folgen nach sich gezogen. Aber das ist keine Schuld gegenüber den Chinesen, es ist nur eine gegen sich, selbst, während die Schuld des Chinesen noch weit größer ist, als sie auf den ersten Blick erscheint. China ist das Land der Erstarrung, der Beraubung, der Ungerechtigkeit, der Verschmutzung, der Dummheit, des Hochmuts, des Egoismus, der Lüge, der Grausamkeit, der Feigheit — kurz, des Verfalls in jeher Beziehung, aber man könnte auch — und das ist das merkwürdige — wieder viele Eigenschaften aufzählen, die ein glänzendes Kehrbild geben würden. Im Volke stecken sehr viele gute Eigenschaften; doch ist es eine ganz hoffnungslose Sache, zu glauben, daß diese hinreichen, aus sich heraus China zu einem Staatengebilde zu reformieren, mit dem ein modus vivendi für die Kulturstaaten möglich wäre. Wir vermögen diesen Verfall mit seinen Folgen nicht länger zu ertragen, wir vermögen ihn aber auch nicht aufzuhalten, und die Hauptschuld der Chinesen besteht darin, ihn nicht selbst aufhalten zu können. China war wie ein Menschs, der unter Kuratel gestellt werden mußte; wenn nichts anderes, so haben uns die furchtbaren Vorgänge in Peking über diese Notwendigkeit belehrt.
Wir sind nicht zum Vergnügen nach Kiautschou gegangen und wir haben dort wenig Land genommen, nicht mehr als für den Stützpunkt unserer Operationen nötig war. Der Verfall Chinas selbst zwang uns dazu. Auch die Besitzergreifungen der anderen Nationen sind überwiegend in demselben Lichte zu beurteilen. Der chinesische
Standpunkt ist selbstverständlich ein anderer; aber der Europäer, der ihn aus Idealismus teilt, überschätzt China und unterschätzt die Aufgaben seines eigenen Vaterlandes, sowohl in materieller, wie in idealer Beziehung. Der europäische „Karren" ist in China zur Zeit erhebliche verfahren worden. Es war nicht unser Fehler. Wir brauchen auch nicht zu besorgen, daß er stecken bleibt. Das Wort, daß unsere Fahnen über der verwahrlosesten Hauptstadt der Welt wehen werden, wird sich früher ober später erfüllen; "das wäre an sich ein wenig befriedigender Erfolg; aber er gebietet neben dem Gebote der Ehre die einzige Möglichkeit, dem deutschen Nationalvermögen. Milliarden zu retten, die in Ostasien für uns auf dem Spiele stehen, und gleichzeitig wird er das Fortwirken des deutschen Schwergewichtes zur Verhinderung eines Weltkrieges zwischen Kulturnationen schern.
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Das Reutersche Büreau verbreitet den Vorschlag, man möge Japan als Entschädigung für sein Eingreifen in die chinesischen Wirren die Erlaubnis geben, Korea in ähnlicher Weise zu besetzen, wie dies England mit Aegypten gethan habe. Reuter meint, daß dies die beste und richtigste Kompensation sein dürfte. Uns aber erscheint es vorläufig recht unwahrscheinlich, daß man auf dieser Grundlage zu einem Abkommen gelangen wird, für das die einhellige Zustimmung der Mächte nötig sein würde. Nach! allem, was man bisher über die Haltung Rußlands in den koreanischen Angelegenheiten weiß, ist kaum anzunehmen, daß dieser in Korea so bedeutend engagierte Staat auf den englischen Vorschlag eingehen wird, und da hätte noch der amerikanische Vorschlag, Japan mit Geld abzufinden, mehr Aussicht auf Annahme durch die Mächte.
Heber die Lage der europäischen Truppen in China ist seit gestern keine neue Meldung eingetroffen. Dagegen erfährt man, daß Japan nicht nur eine Division, sondern — allerdings nur im Rahmen der Kooperation — noch eine zweite Division im Einverständnis mit den Mächten noch! China senden wird.
Die „Köln. Vvlksztg." meldet: Eine im November des vorigen Jahres geschlossene deutsch-russische Abmachung bezüglich Ostasiens gelte auch für die gegenwärtigen chinesischen Wirren. Danach dürfe keine der beiden Mächte einen Schritt unternehmen, der nicht zur Kenntnis der anderen gebracht worden sei und deren Billigung gefunden habe. Bevor Deutschland einen großen Teil feiner Flotte nach China dirigierte, vergewisserte es sich vorher, was es von Frankreich zu erwarten habe, wobei die russische Diplomatie mindestens dafür die Bürgschaft übernehmen zu können glaubte, daß Deutschland sich keines irgendwie unfteundlichen Aktes seitens Frankreichs zu versehen habe; sie habe vielmehr geglaubt, daß Frankreich sich dem deutsch-russischen Abkommen anschließt. Die Kriegsschiffe der beiden verbündeten Mächte organisieren einen umfangreichen Wachtdienst, um die Zufuhr von Waffen und Munition an China zu verhindern.
Auch der Petersburger „Herold" erwähnt einen Vertrag zwischen Rußland und Deutschland über die ostasiatische Frage. Wie man uns aus Berlin schreibt, soll ein s olcher Vertrag thatsächlich nicht existieren. Wenn seiner Zeit auch mündliche Besprechungen zwischen den betreffenden Ministern stattgefunden haben mögen, so ist doch ein formeller Vertrag nicht abgeschlossen, weil unsere Beziehungen zu Rußland auch nach dieser Richtung hin stets sehr gute gewesen sind. Die in dem genannten Blatte besprochenen Einzelheiten des angeblichen Vertrages entbehren somit auch jeder thatsächlichen Grundlage.
Nachdem der englische Unterstaatssekretär Brodrick sich dahin ausgesprochen hate, daß die englische Regierung ernsten Grund habe, die besseren Nachrichten aus Peking für begründet zu halten, wird man nicht umhin können, als die Nachrichten über Revolutionen und Gegenrevolutionen! in Peking die Möglichkeit näher rücken, daß die Gesandtschaften sichdoch haben halten können. Eine Reuterdepesche besagt, daß die Kaiserin von China am 30. Juni wieder die Regierung übernommen, Yunglu zum ersten Minister ernannt und den Vizekönigen der Südprovinzen für ihre Haltung gedankt und liljnen ans Herz gelegt habe, die Fr em den! zu schützen. Weshalb die Kaiserin dem Boten, der diese Nachricht brachte, nicht auch Briefe der Gesandten mtt- gegeben habe, die ihm zu einer fehr wesentlichen Beglaubigung gedient haben würden, wird nicht gesagt. Unter allen Umständen erwächst aus den günstiger lautenden Nach- richten und der bloßen Möglichkeit, daß die Europäer noch leben, den Regierungen die Pflicht, den Abmarsch eines Rettungskorps nach Kräften zu beschleunigen. So lange man annahm, daß doch nichts mehr zu retten sei, konnte man die Vorbereitungen mit verhältnismäßiger Ruhe betreiben, jetzt aber wird man sich vor Augen halten müssen, daß die neue Lage und die neuen Nachrichten neue Verpflichtungen schaffen, denen man mit äußerster Energie uachkommen muß.


