Ausland.
Paris, 11. Juni. Den Blättern zufolge verlautet, daß derKönigvonJtalien, sowie der Prinz von Neckpel Anfang Juli zum Besuch der Weltausstellung nach Paris kommen werden.
— Regierungskreise versichern, daß der Zwischen- fall zwischen deutschen und französischen Pilgern in der PeterSkirche zu Rom keinerlei diplomatische Erörterungen zur Folge haben werde.
Rom. 11. Ium. Der Papst ist durch den gestrigen Kirchenbesuch derartig geschwächt, daß der Leibarzt Dr. Lapponi die größte Ruhe anbcfohlen hat.
Rom, 11. Juni. Gestern haben die Stichwahlen zur Deputiertenkammer stattgefunden. Die Ministeriellen erhielten achtzehn, die konstitutionelle Opposition zwölf, die Sozialisten vier, die Radikaler» hrei Stimmen und die Republikaner eine Stimme. Mit der Lr>^ ehemaligen
Universitätsprofessors Circottr der erste Sozialist seinen Einzug in Neapel. Die Sozias, die vor den Wahlen 15 Sitze in der Kammer hattrn, kehren mit 32 zurück. .
Leoben, 11. Juni. In Eisenerz fanden gestern bei der Feier des Barbarafestes aus bisher nicht festgestellter Veranlassung größere Ausschreitungen statt. Die Gendarmerie schritt ein und machte von der Waffe Gebrauch, als sie mit Steinen beworfen wurde. Es werden zwei Arbeiter getötet und drei schwer verletzt. Drei Gendarmen wurden leicht verwundet.
Die Wirren in China.
Die Nachrichten über die Wirren in China sind zurzeit noch wenig übersichtlich und ermöglichen noch kein zuverlässiges Urteil. Die Unterdrückung des Aufstandes würde ihren örtlichen Charakter verlieren, wenn sie den Anlaß geben konnte, zu einem Zankapfel um die Oberherrschaft in China oder um größere Provinzen des chinesischen Reiches zwischen den verschiedenen Großmächten zu werden. In dieser Hinsicht hat namentlich ein großer Teil der englischen Presse einen hohen Grad von nervösem Mißtrauen zumal gegenüber den russischen Absichten an den Tag gelegt. Das ist bei den
ns. > |
iulage.* \
i
auerei GS l
;hocolade ]
Getränke * '«w ml
en.
li:
Mert
ll6> Klint Will*
Tn Kümmel netadt rni C. Krausse, Eintritt 75 kh "ml trieft“
MM . beeehbv.
V Sirtttlyt; j liuibiiTfl 11 I
tib lkarz-Wanu
iWj
Mtz von 10 Hl K U Bl.
richt.
een
b'-b^Ltssr^
Tahrr^
b
iwäf*
1 efert unter er Beließ 0 U
Nr. 135 Erstes Blatt.
AUttwoch den 13. Juni
1900
Gießener Anzeiger
Heneral-Nnzeiger
53ejaiQ5preU vierteljährl. Mk. 2M monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Adholestetl« vieneljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2.40 vierteljährl.
mit Bestellgeld.
Alle Anzeigen'BermittlungSstellev bt« In« und Au-kanbei nehmm Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwärtS 20 Pfg.
chrfcheinl ItgNch
■it Ausnahme dcS Montag«.
Die Gießener
»erden dem Anzeiger hn Wechsel mit ^Heff. Sandwirt" x. ^Blätter Mr he». Volkskunde" »schtl. 4 »al deigelrgt.
Hinnahme »an Anzeigen zu der nachmMagS für de» solßendm Lag erscheinender. Nummer bis vorm. 10 Uhr. AddesteLungen spätesten« abend« vorher.
Amts- und Anzeigeblatt fAv den Areis Gietzen.
WiHIHh, Expedition und Druckerei:
-chntstraße Nr. 7.
Grattsbeüage«: Gießener FamMendlätter, Der hessische Kandwirt, Kälter für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger KttKev.
Fernsprecher Nr. 51.
Politische Tagesschau.
Mbert Träger feiert heute, am 12. Juni, seinen 70. Geburtstag. Nächst LangerhanS und Virchow ist Träger der Senior der parlamentarischen freisinnigen Volkspartei. In Augsburg wurde Albert Träger geboren. Sein Vater war dort bei der Redaktion des „Ausland- angestellt. Ader schon im 8. Lebensjahre des Dichters siedelten die Ettern nach Naumburg über. In Halle und Leipzig widmete sich Träger Dem Studium der Rechtswissenschaften. 1857 wurde Träger GerichtSaffeffor, 1862 ließ er sich in dem thüringischen Städtchen Cölleda als Rechtsanwalt und Notar nieder. 1874 sandte ihn der Wahlkreis Gera in dm Reichstag, 1880 wurde er in Berlin gewählt. Nachdem er diesen Kreis bis 1884 vertreten hatte, entsandte ihn 1884 de» Wahlkreis Grünberg-Freystadt in den Reichstag. Seit 1887 vertrat Träger den 2. oldenburgischen Wahlkreis Barel. In das preußische Abgeordnetenhaus wurde Träger 1879 durch die Stadt Frankfurt gewählt. Von 1884 bis 1887 vertrat er den Wahlkreis Hamm-Soest, feit 1892 den 1. Berliner Wahlkreis. 1875 hatte Träger seinen Wohnsitz öoh Cölleda nach Nordhausen, 1891 von Nordhausen nach Berlin verlegt. Weit über die politischen Kreise hinaus ist Albert Träger bekannt geworden durch seine lyrischen Gedichte. — Wie man uns mitteilt, hat der Freisinnige Verein Gießen dem Jubilar herzliche Glückwünsche zugehen laffen.
Der Krieg in Südafrika.
Noch immer liegt keine Nachricht von Lord Roberts vor, also wird der bei Roodewal von den Buren abgeschnittene Telegraph noch nicht wiederhergestellt fein. Nie zu erwarten war, haben die Buren nicht nur den Telegraphen, sondern auch die Eisenbahn durchschnitten, und zwar soll die Strecke von Roodewal südwestlich bis America, die zweite Station vor Kronstadt, in einer Länge von 32 Kilometern gründlich zerstört sein. Daß General Forestier- Walker dies als den Bericht Eingeborener meldete, ist em Zeichen, daß bis zum 10. ds. die von Bloemfontein abge- sandten Truppen seltsamerweise noch nicht an dem Schauplatze des Anschlags auf die Rückzugslinie des Marschalls Roberts eingetroffen waren oder doch noch keinen Bericht erstattet hatten. Die Unterbrechung der Bahnlinie Pretoria- Bloemfontein Capstadt macht für General Buller die Aufgabe, nun die Bahn Johannesburg-Volksrust-Durban zu eröffnen und für das Hauptheer eine zweite Zufuhrlinie zugänglich zu machen, doppelt dringlich. Er hat zu dem Ende von Westen her den rechten Flügel der bei Laingsnek, dem Bergrücken, durch den der von den Buren verschüttete Eisen- dahntunnel führt, verschanzten Buren umgangen und meldete om 10., der Feind habe sich 40 Kilometer nach Nordwesten zurückgezogen. Ob nun LaingSnek vollständig vom Gegner gesäubert ist, sodaß die Ingenieure schleunigst mit den Aufräurnungsarbeiten beginnen und die Linie wiederherstellen können, erfahren wir nicht. Man könnte nach dem Wortlaut jener Buller'schen Meldung annehmen, daß die Buren den Laingsnek freigegeben und an der Bahn nach Standerton-Johannesburg zurückgegangen seien. Aber über die Bewegungen Bullers liegt noch die folgende Reuter- Meldung aus Gansvlei vom 10. Suni üor. Seneral Bullers Streitmacht hat eine nordöstliche Richt- una einaeschlagen und nahe au der Grenze von Transvaal und dem Oraniefreistaat em Lager biogen Nachdem die Truppen 13 Kilometer marschiert waren, stießen sie auf Widerstand, jedoch zogen bie Suren sich zurück, als die britische schwere Artillerie m Tätigkeit trat Später leistete der Feind abermals Widerstand an einem Bergrücken vor Gansvlei.- — Der NanSvlei ist ein Quellfluß des Klipriver und fließt in. westlicher Richtung in der Höhe des Laingsnek von den Drakensbergen ab. Vermutlich sind also diese von Reuter erwähnten Gefechte dieselben, von denen Buller in seiner Meldung redet, sodaß es sich immer noch um die vorbereitenden Bewegungen zum Laingsnek handelt, zumal die Marschrichtung Bullers nach Nordosten geht Uebn- aen8 würde General Buller sicherlich nicht versäumt haben, ausdrücklich davon Kunde zu geben, wenn es ihm gelungen Mre, den Engweg über den Laingsnek zu offnen.
Eine Depesche Bullers aus seinem Hauptquartier in Katal vom 10. d. M. meldet: Die britischen «Streit» fräfte haben sich in der vergangenen Nacht am Älip- rüver beim Zusammenfluß mit dem GanSvlei konzentriert. Wir kamen bei dem dortigen Paffe einer etwa 3000 Mann starken feindlichen Abteilung zuvor, welche die Absicht ge
habt haben dürfte, denselben zu besetzen. Dieselbe zog sich, obald unsere schweren Geschütze das Feuer eröffneten, zurück. Die leichten südafrikanischen Reiter und die zweite Kavalleriebrigade hatten während der Sicherung unserer linken Flanke ein scharfes Gefecht. Unsere Verluste betragen etwa 6 Todte und 7 Verwundete.
Am 7. Juni hat bei Roodewal ein Kampf stattgefunden. Das 4. Bataillon des Derbyschire - Re? giments hatte 17 Tote, darunter 2 Offiziere, und 76 Verwundete, darunter 5 Offiziere. Der Rest ist gegangen genommen worden. Da die Unterbrechung der Bähnlinie bei Roodewal vermutlich schon am 5. oder 6. Juni erfolgte^ so handelt es sich hier wahrscheinlich um einen neuen Unfall, der ein Etappenbataillon betraf, das auf die Kunde von dem Anschlag gegen die Bahn herbeieilte, aber der burischen Uebermacht erlag. — Lord Methuen hatte am 8. ds. 16 Kilometer südlich von Hei l b r o n n ein G ef ech ti zu bestehen.
Aus Lourenco Marques dringen Gerüchte Yon einem, Hand st reich gegen Komati Port herüber. Die Brücke wäre jedoch erhalten worden.
General Carrington marschiert mit seinen Truppen in Eilmärschen nach dem Süden. Aus Lourenco Mar-^ ques wird telegraphiert, daß die britischen Truppen in’ Bremersdorp (Swaziland), 80 englische Meilen von Macha- dodorp entfernt stehen, und wilde Gerüchte zirkulieren von einer SchlachtbeiMachadodorP mit unglücklichem Ausgang für die Buren. Piet Grobler, der Untersekretär des Auswärtigen in Transvaal, und ^ack- heer Sandberg, der militärische Sekretär General Bothas, sollen in Lourenco Marques mit einer beträchtlichen Menge Barrengold eingetroffen sein. Es soll in ihrer Umgebung erklärt worden sein, daß der Krieg noch drei bis fünf Monate dauern werde.
* *
Telegramme des Gießener Anzeigers.
London, 12. Juni. Die „Central-News" melden vom Botha-Passe vom Samstag: Buller trat ant Freitag den Vormarsch an, um sich des Passes zu bemächtigen. Der Feind leistete nur schwachen Widerstand, und der Paß wurde mit geringen Verlusten besetzt. Die Kavallerie verfolgte die sich zurückziehenden Buren, aber der Feind hatte das Terrain in Brand gesteckt, um den Verfolgern zu entgehen. _
London, 12. Juni. Aus Kapstadt wird gemeldet, daß man dort gestern zweimal die Lokale der Ch artere b Company in Brand zu stecken suchte. .
London, 12. Juni. Eine gestern von Rhenoster River eingetroffene unklare amtliche Depesche vom 8. ds. über die Vorgänge bei der Zerstörung der Ei'-sen- bahn durch die Buren bei Roodevaal wird vom Kriegsamt dahin ausgelegt, daß die B u r e n e i n ganz e s . Bataillvn des 4. Derbyshire-Regiments bis auf! 6 Wann gefangen nahmen. Auf englischer Seite blieben zwei Offiziere tot /und 7 verwundet. — Offiziell wird aus Bloemfontein vom Sonntag gemeldet: Lord Methuen mit dem größeren Teile seiner Truppen befand sich heute früh im Gefecht 10 Meilen südlich von Heilbronn, wo General Colville sich mit der Hochländer^Brigade befand. Methuen verließ Lindley am 5. b& Mst Vorräten für sich selbst und General Colville. Er ließ den Oberst Paget mit genügenden Streitkräften in Lindley zurück. General Kelly Kenny hat<bem Oberst Knox, befohlen, aus die Vorposten des Feindes zu drücken, m der Meinung, daß die Stärke des Feindes übertrieben sei. ^m Süden ist alles ruhig, wi Norden von Kronstadt sind dagegen die Verbindungen seit dem 6. ds. abgeschnitten.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Juni. Der Kaiser besichtigte heute vormittag aüf dem Tempelhofer Felde das Garde-Ku- rassierregiment sund das 2-. Garde-Ulanen-Regirnent und exerzierte im Anschluß daran die Garde-Kavalletzne-Divi sion unter gleichzeitiger Verwendung von Artillerie und Infanterie. Das Frühstück nahm der Kaiser beim Offizier- korps des Garde-Kürassier-Regiments ein und kehrte spätei nach dem Neuen Palais zurück. Nach Schluß der gestriges Aufführung des „Mikado" im Königl. Opernhause ließ dei Kaiser den Komponisten Sir Arthur Sullivan in feint Loge bescheiden, wo er ihn dafür dankte, daß er auf seiner Wunsch die Mühe der Reise nach Berlin nicht geschew und sein Werk persönlich dirigiert habe. Es entspann fid ein längeres Gespräch zwischen beim' Kaiser und dem Kompo nisten, in dessen Verlauf der Kaiser sagte, er sei sehr dann einverstanden, daß an seiner Oper auch das leichte Genr< des „Mikado", der „Fledermaus" und ähnlicher gutei Operetten 'gepflegt wird. Mit der Frage Sullivans, ol der Kaiser wohl in diesem Jahre nach England kommer werde, nahm das Gespräch eine andere Wendung. Sullivar führte aus, der Kaiser werde in London einen Empfanc sinden, so begeistert, wie er niemals vorher einem Souveräi
in England bereitet worden ist. Zwei Männer seien jetzt in England populär: Lord Roberts und Kaiser Wilhelm. Der Kaiser erwiderte, Roberts habe eine «Sache glänzend gemacht. Er, der Kaiser, l>abe ihn wirklich aufrichtig bewundert. Roberts habe seinem Lande unschätzbare Dienste geleistet. Auf die Entgegnung Sullivans, daß nächst Roberts der Kaiser England in schwerer Zeit einen großen Dienst erwiesen habe, und daß man in England sehr wohl wisse, wie sehr man dem Kaiser zu Dank verpflichtet ist, gab der Kaiser seiner Freude Ausdruck, daß man in England seine freundlichen Gefühle kenne und ie zu würdigen wisse, und sagte schließlich, daß er vielleicht nach Aowes komme. Der Kaiser überreichte dem Kom- wnisten ein Etui mit Manschetten knöpfen aus Brillanten.
— Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, hat sich in Begleitung jtzes Prinzen und der Prinzessin von Reuß von Straßburg aus zum Besuch der Weltausstellung nach Paris begeben. Der Erbprinz und die Erbprinzessin zu HolMlohe sind bereits vor einigen Tagen direkt von langenbura aus nach Paris vorausgefahren. Der Aufenthalt daselbst ist auf mehrere Wochen berechnet.
— Die „N o r d d. A l l g. Z t g." weist mit Entschiedenheit den Vorwurf zurück, daß die an der Konitzer Angelegenheit beteiligten Beamten voreingenommen und von d em Wunsche geleitet gewesen seien, gewisse Bevölkerungsklassen zu schonen. Vielmehr sei jedem Verdacht, gleichviel auf welchen Thäter und auf welches Motiv der That er hindeutete, mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln nachgegangen worden. Statt die Behörden zu unterstützen, habe ein erheblicher Teil der Bevölkerung sich durch parteipolitische Agitationen und durch eine skrupellose Thätig- keit gewisser Preßorgane in den Wahn besttmmter Vor-, stellungen zwingen lassen. Infolge dieser Beeinflussungen, die durch Verbreitung zahlreicher unwahrer Behauptungen über die Ergebnisse der Untersuchung gefördert wurden, habe sich in weiten Kreisen die Ueberzeuaung festgesetzt, daß es sich bei dem Konitzer Verbrechen um einen jüdischen Ritualmord handele, obwohl die bisherigen Ermittelungen nichts ergeben haben, was eine s o lche Annahme rechtfertigen könnte. Je schmerzlicher es sein müsse, daß der Urheber der grausigen That noch nicht entdeckt und zur Rechenschaft gezogen ist, umsomehr sollten die beteiligten Bevölkerungstlassen bemüht fein, die Behörden bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgabe zu unterstützen.


