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Freitag den 12. Januar
Zweites Blatt
1900
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Kießener Anzeiger
Heneral -Anzeiger
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* Kabinettskrise in England?
Gießen, 11. Januar 1900.
Für die gegenwärtige Lage im Jnselreiche jenseits des Kanals ist es immerhin bezeichnend, daß einflußreiche konservative Blätter gegen daS Kabinett zu agitieren beginnen und auf das Alter des Ministeriums Hinweisen, das sich nach ihrer Anschauung also überlebt hat. Es ist noch in Erinnerung, daß vor einigen Jahren schon einmal von dem Rücktritte Lord Salisburys die Rede war, und noch kürzlich, nach dem Tode seiner Gemahlin und nach seiner bedenklichen Erkrankung glaubte man damit rechnen zu können, daß der Premier sich bald von den Geschäften zurückziehen werde. Daß die Stellung der gegenwärtigen englischen Regierung eine ungemein schwierige ist, darf nicht verkannt werden; denn die jetzigen leitenden Männer können sich den Vorwurf nicht ersparen, die schweren Schlappen, welche ihr Vaterland erhält, selbst verschuldet zu haben. Selbst wenn Lord Salisbury und einzelne seiner Kollegen nicht die treibende Kraft waren, welche den Krieg veranlaßte, so hätten sie aber mehr Widerstandsfähigkeit zeigen und die Machenschaften Chamberlains und seiner Genossen verhindern müssen. Schwer rächt sich diese Unterlassungssünde, und die Verantwortung für die Einbuße des englischen Prestige fällt auf die Gesamtregierung zurück.
Wir haben schon einmal ausgeführt, wie schwierig sich die Situation auf internationalem Gebiete für England gestaltet hat. Blicken wir uns um und schauen nach einem Volke aus, das heute noch Sympathien für das britische Reich hat! Giebt es ein solches Volk?
Wir können diese Frage getrost verneinen, selbst die Türken, die ja noch kürzlich ihre Freundschaft für England bekundeten, dürften jetzt anderer Ansicht geworden sein. Die maßgebenden Männer in London wissen sehr wohl, daß sie heute isoliert in der Welt dastehen und nirgends auf Beistand rechnen dürfen. Das macht aber die Lage des Kabinetts Salisbury so besonders schwierig, weil es wahrend seiner Thätigkeit England die Sympathien deS Auslands völlig verscherzt hat. Aber auch die inneren Schwierigkeiten mehren sich, sie sind insbesondere seit dem Beginn des BurenkriegS eine Gefahr für den Staat geworden. Wir brauchen dabei nur auf Irland zu verweisen, dem die Londoner Regierung jetzt unausgesetzte Aufmerksamkeit schenken muß. Ebenso wie die Nachrichten vom Kriegsschauplatz einer strengen Zensur unterworfen werden, so
Feuilleton.
U Im Reich her Dichtung ist die Schönheit Tugend A »Und Priesterin der Schönheit ist die Jugend.« I Wilh. Hertz. «
• DaS große Los gewonnen und — verloren. Wie vor einige» Tagen mitgeteilt wurde, ist der „glückliche" Gewinner des ersten Hauptgewinnes der fünften Berliner Pferdelotterie bisher unauffindbar gewesen. Fast sämtliche Gewinne sind abgeholt worden, und für den Fünfzehntausender fand sich kein Liebhaber. Jetzt hat sich die Sache geklärt. Durch die Notiz im „Berliner Lokal-Anzeiger" wurde ein aus Brasilien stammender Ingenieur Dr. H., der sich zwecks Verwertung einer Erfindung in Berlin aufhält, daran erinnert, daß er sich im September v. Js. in der Filiale des Eigarrenhauses von Krüger u. Oberbeck, Rix- borf, Hermannplatz, ein Los der genannten Pferdelotterie gekauft habe. Er zog die Quersumme der Nummer des Hauptgewinnes, sie stimmte mit derjenigen deS von ihm gekauften Loses überein; schnell sah er in seinem Notizbuch «ach der Nummer, welche er beim Kauf des Loses im Herbst notiert hatte, es war wirklich 120 294, er war der glückliche Gewinner. Aber — das Los selbst war nicht zu finden. Dr. H. durchsuchte Kisten und Körbe, alles war vergebens, das wertvolle Papier blieb verschwunden. Der Cigarrenhändler, bei dem das Gewinnlos gekauft war, erinnert sich bestimmt, daß Di. H. der Käufer war. Dieser hat jetzt seinen Verlust an zuständiger Stelle gemeldet, und alle Schritte gethan, um zu verhindern, daß ein Unbefugter sich in den Besitz deS Hauptgewinnes setzt.
dürften auch über die wahren Zustände in Irland kaum authentische Meldungen in das Ausland gelangen.
In dem stolzen England giebt es noch viel zu reformieren, und die letzten Ereignisse haben deutlich gezeigt, daß auf manchen Gebieten England nicht auf der Höhe der Zeit steht. Ein Nachfolger Salisburys würde also ein reiches Arbeitsfeld vorfinden, auf dem besonders die veralteten Ueberlieferungen und Vorurteile umgeackert werden müßten. Daß Mr. Chamberlain nach den letzten Enthüllungen der Brüsseler „Jndependance" noch länger in seinem einflußreichen Amt bleiben kann, erscheint uns ausgeschlossen, und wir halten es für angebracht, daß bei dieser Gelegenheit die ganze Regierung umgestaltet werde.
GDie Eröffnung des preußischen Landtages.
Am Dienstag ist nun auch das preußische Parlament zusammengetreten, und Ober- sowie Unterhaus hatten sich eingefunden, um die Thronrede entgegenzunehmen, welche diesmal vom Ministerpräsidenten Fürsten Hohenlohe verlesen wurde. Wer da auf besondere Ueberraschungen ge- gerechnet hatte, wird sehr enttäuscht gewesen sein, denn der Ton der Thronrede ist so ruhig und geschäftsmäßig, als lägen nicht schwere parlamentarische Kämpfe hinter uns, als hätte es keine Ablehnung der Kanalvorlage, keine Maßregelung von Landräten und Regierungspräsidenten, die sich als Kanalgegner erwiesen hatten, gegeben. Auch wer da glaubte, die Kanalvorlage würde nun das Hauptstück der Thronrede bilden, ist enttäuscht worden; es wird nur kurz wiederholt, was schon längst bekannt ist, daß nämlich die Regierung an der Durchführung des Mittellandkanals festhält, dafür aber auch andere Landesteile mit Kanalbauten und mit Verbesserungen der Wasserläufe bedenken will. Daß die Kanalfrage trotz alledem auch ferner im Vordergründe des politischen Interesses stehen wird, ist damit nicht ausgeschlossen.
Der preußische Staat kann schon etwas für wirtschaftliche, kulturelle und Berkehrszwecke ausgeben; denn deutlich genug klingt es aus der Thronrede heraus: Wir habens ja dazu! Die Finanzen sind günstig, und die Staatsbetriebe, insbesondere die Eisenbahnen, werfen befriedigende Ueber- schüsse ab. Es ist nicht mehr als billig, daß nun auch zur Erweiterung des Staatseisenbahnnetzes reichliche Mittel in den Etat eingestellt worden sind und daß zu gunsten der von den großen Verkehrswegen weitab liegenden Landesteile das Kleinbahnnetz eine Vervollständigung erfährt.
* Der Aufsatz deS Tertianers. Von einem alten Herrn aus Schlesien, der in seiner Jugend viel in dem Städtchen Oels verkehrt hat, wird der „Frkf. Ztg." folgendes hübsche Vorkommnis mitgeteilt: Geht da vor etwa sechzig Jahren ein alter Herr auf der Promenade in Oels spazieren und denkt wahrscheinlich an sein Mittagessen, als ihm ein hübscher Knabe von etwa vierzehn Jahren begegnete, dessen Gesicht einen ganz verzweifelten Ausdruck hatte, und der bitterlich weinte. Der alte Herr rief den Knaben an, und befragte ihn um die Ursache seines Kummers. Zuerst wollte der Knabe nicht recht antworten, auf freundliches Zureden aber sagte er, daß er Tertianer auf dem Gymnasium sei, und daß er das Unglück habe, daß ihn der deutsche Lehrer nicht leiden könne. Deshalb gebe ihm dieser auch stets die aller- schlechtesten Noten unter seine Aufsätze, obgleich er sich bei der Abfassung die größte Mühe gäbe. So stände unter dem Aufsatze, den er heute wieder bekommen habe: „So schreibt nicht einmal ein Quartaner!" und nun würde ihm zu Hause ein recht schlechter Empfang zuteil werden. Der alte Herr ließ sich den Aufsatz zeigen, sah ihn durch und sagte dann: „Habt Ihr schon wieder ein neues Thema?" Der Knabe bejahte die Frage und nannte auch das Thema. Darauf sagte der alte Herr: „Nun gut; komme morgen mittag um dieselbe Zeit wieder hierher. Dann werde ich Dir den fertigen Aufsatz geben; Du schreibst ihn wörtlich ab, und giebst ihn dann ab. Am nächsten Montag, wenn ihr die Aussätze zurückerhaltet, werde ich Dich hier erwarten!" Es verlief alles so, wie eS verabredet war, und am Montag überreichte der Knabe, der wiederum Thränen in den Augen hatte, dem alten Herrn das Aufsatzheft. Dieser schlug es auf, sah, daß der Aufsatz von Ansang bis zum Ende durchgestrichen war, und las die Unterschrift: „Infames Deutsch". Ohne ein Wort zu sagen, steckte er daS Heft in die Tasche und ging nach dem Gymnasium, wo er den
Mit besonderer Befriedigung muß es ausgenommen werden, daß der Emdener Hafen für die Aufnahme großer transatlantischer Dampfer ausgebaut werden soll. Es bleibt nur zu bedauern, daß damit so lange gezögert und dem Nationalvermögen viele Jahre hindurch eine große Summe entzogen worden ist. Das rheinisch-westfälische Industriegebiet war bisher fast ganz von ausländischen Häfen abhängig, insbesondere von den belgischen und holländischen, waS nun anders werden wird, wenn der Verkehr auf Emden geleitet werden kann.
Schon in der vorigen Periode war eine Besteuerung der großen Warenhäuser in Aussicht genommen worden, jedoch kam man nicht zur Beratung eines bezüglichen Gesetzentwurfs. Ein solcher soll nun in dieser Tagung vorgelegt werden. Ob ec freilich seinen Zweck, die Erhaltung und Stärkung des Kleingewerbes, erreichen wird, darüber sind die Ansichten bekanntlich verschieden. Der Versuch kann ja immerhin gemacht werden.
Auch auf sozialem Gebiete ist dem Landtage eine ausgedehnte Wirksamkeit Vorbehalten: Die Zwangserziehung der Jugend soll angesichts der zunehmenden Verwahrlosung der letzteren eine Erweiterung erfahren. Daß eine solche Notwendigkeit vorliegt, ist kein gutes Zeichen, und es ist nur zu wünschen, daß die geplanten Maßregeln auch wirklich wirksam sind.
Was die Thronrede sonst noch enthält, ist nicht besonders bemerkenswert. Man darf annehmen, daß vorläufig die Verhandlungen einen ruhigen, sachlichen Charakter tragen werden. Stürme sind freilich nicht ausgeschlossen, aber es bleibt zu hoffen, daß der vornehme Ton, der bisher die Sitzungen des preußischen Landtags ausgezeichnet hat, diesem auch fernerhin bewahrt wird.
Lokales uni) ProomMer.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen«)
Gießen, den 11. Januar 1900.
** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 381 Jahren, am 10. Januar 1519, starb zu WelS in Oberösterreich der Kaiser Maximilian I. Er galt als erster Ritter seiner Zeit und unterzog daS Heerwesen einer gründlichen Neugestaltung. Die deutsche Nation erblickte in ihm daS Ideal einer Kaisers. In allen Leibesübungen von außerordentlicher Tüchtigkeit, besaß er zugleich hervorragenden Unternehmungsgeist und war ein eifriger Förderer von Kunst und Wissenschaft.
•• Der Januar, benannt nach dem Gotte JanuS, ist in der Regel der kälteste und rauheste Monat des JahreS.
Direktor aufsuchte. Dieser empfing ihn sehr freundlich und es entspann sich folgendes Gespräch: Direktor: „Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" — Alter Herr: „Herr Direktor, glauben Sie, daß ich Deutsch verstehe?" — Direktor: „Aber welch' überflüssige Frage!" — Alter Herr: „Glauben Sie, daß ich gut Deutsch schreibe?" — Direktor: „Diese Frage ist eigentlich noch überflüssiger als die erste." — Alter Herr: „Nun, es giebt Leute, die anderer Meinung sind, z. B. der Herr Professor N. N., welcher meint, daß ich ein infames Deutsch schreibe." — Der Direktor machte bei dieser Eröffnung ein sehr erstauntes Gesicht, worauf ihm der alte Herr das Aufsatzheft des Knaben überreichte und ihm erzählte, wie der Aufsatz entstanden war. „Das ist aber wirklich unerhört," sagte der Direktor; ich werde die Sache untersuchen, und Sie sollen volle Genugthuung haben, mein lieber Herr v. Holtei." „Brauche ich nicht, brauche ich nicht," antwortete lachend Holtei und ging fort. Der Herr Direktor ließ sich den Herrn Professor zu einer Unterredung unter vier Augen kommen. Man darf hoffen, daß dieser der Gewohnheit, die Aufsätze seiner Schüler nach seinen Sympathieen oder Antipathien zu kritisieren, für die Zukunft wohl entsagt hat.
* Kämpfende Millionäre. Auf welche Weise zwei bekannte amerikanische Millionäre von Montana, W A. Clark und Marcus Daly, erbitterte Feinde geworden sind, erzählt ein New-Dorker Blatt. Daly baute Schmelzwerke in Anakonda, wo er fabelhaft wertvolle Kupferbergwerke besitzt. Für die Schmclzwerke brauchte er Wasser-Triebkraft, und so kaufte er unter der Hand die Wasser-Gerechtsame des Warren Springs Creek auf, welcher durch den Ort fließt. Ungefähr */* der Wasser-Privilegien hatte er für eine verhältnismäßig geringe Summe aufgekauft, etwa 10 000 oder 15 000 Dollars. Clark, ein Konkurrent DalyS, machte sich


