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11.12.1900 Erstes Blatt
 
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M. 290 GrRes Blatt. Dienstag de« 11. Dezember 150. Jahrgang *LDOO

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Politische Wochenschau.

jun Deutschen Reichstage kam zunächst die seit i..-igiiicr Zeit für das gewerbliche Leben luie aud)i für die , güiniliicu so drückende Kohlennot zur Sprache. Abg. 'deim fragte, ob den Reichstag nicht etwa der Kohlen- imürlt etwas angehe, wenn er z. B. in den nächsten Han- i^Isluicträgen dem Kohlensyndikat die im Gegensatz zu i tau i'nn Jnlande geforderten hohen Preisen billige Kohlen- iGsfuhr durch einen Ausfuhrzoll auf Kohlen erschwere? jm gunzen drehte sich die Erörterung um das rheinischs- iMMijche Kohlensyndikat, dessen Geschäftsgebarung einen iwrari monopolistischen Charakter angenommen hat i »er B ettbewerb der StaatSgrubcn macht demselben keine -Zvcgem, daß der ncttionall. Abg. H e Y l v. H e r r n s - ll'fiiti anregte, derartige monopolistische Betriebe unter jsHrfcre Staatsaufsicht zu stellen. Die Vertreter der Re- < I itruiig nahmen das Kohlensyndikat in Schutz, und wenn ßjüc zucsaben, daß die Kohlenpreise eine wucl-erische Höhe vmeicht hätten, so 'belasteten sie damit den Zwischen- 1| anbei. Ausnahmetarife lehnten sie ebenso ab, wie das LLohleniausfuhrberbot, das schon angeregt worden >var, 61 ainit das Ausland nicht billiger deutsche Kohlen erhalte, sck brr Deutsche selbst. Graf Kanitz nahm ganz besonders

Kohlensyndikat aufs Korn. Den einzigen Trost, den t)«ie Regierung gegenüber der Teuerung geben konnte, um düe Verweisung auf die Zukunft, wo es wieder nor- . iiüIci, zugehen werde, und die Mitteilung,, daß ein Teil j M Förderung der staatlichen Gruben für den genossen- chastl ichen Bezug Vorbehalten sei. Damit solche Ausbeut- Bg ides Publikunis nicht niehr vorkomme, verlangten i)«ic Sozialdemokraten die Verstaatlichung der Kohlen- ! gnibuit. Den: reichsparteiliche Abg. G a m p hielt zwar das : «ohiemsyndikat für eine ersprießliche Gründung, meinte «uhr idoch, es sei gut, wenn der Staat im westdeutschen : jöchemgebiet Gruben zu erwerben suche. Tie Erörterung i )«tr Interpellation nahrn nicht weniger als drei Tage Ä Einspruch, dreimal soviel, al^ die Behandlung des , Mc canz-Antrages" des Zentrums. In ruhiger, fast aka- i ^Mischer Art nahmen die Rebner der Parteien dem Zen- i uwn-yantrag gegenüber Stellung. Der Reichskanzler Graf ' Ksi'tw gab, ehe noch die Verhandlung begonnen hatte, ikm Erklärung im Ramen des Bundesrats ab, des Jn- l Wses!, daß die verbündeten Regierungen dem Anträge n ck zuskimmeu konnten, da derselbe den bundesstaat- (Iiiiieit Charakter des Reiches und die Autonomie der SthmibcSgHeber beeinträchtige, seine Zustimmung zu dem- !!?

Hießcner Sladltüeater. I

Die Schlierseer.

Die Schlierseer sind wieder bei und eingezogen. Der t »ixnlÄmliche Reiz, Bauern, veritable Doifkinder in Stücken i ui! ihrem heimischen Milieu Komödiespülln" zu sehen, i^i oon feiner alten Anzichungskrast noch nichts eingebüßt. '-Tmlicher, stärkerund unmittelbarer muß ja allerdings die : Sirfumg an Ort und Stelle, im idyllischen Schliersee selbst f!tii, das man freilich im Hochsommer auch häufig von der 5i^»riantentruppe entblößt sieht und, wie'S mir im vorigen %Ht<: ging, auch ein Sommerwetler kennt wie das der ^^^Gießelier Woche, das just zum Abschiednehmen nur

®o rechte Bauern sind ja die Schlierseer Spieler nicht wenigstens die Protagonisten nicht, die die Kosten k.'«i Erfolges in der Hauptsache Abend für Abend tragen jDer Stcrn des Ensembles, Xaver Terofal, l'm erste Komiker der Truppe, ist sogar ein ganz hervor- Jf Wiber Künstler, eine Spezialität auf ziemlich knapp be Sintern Gebiete, aber darin schlechterdings nicht zu über Ihztfien. Ihm allein ist es auch zu danken, daß sich die C Blitfit der Schlierseer, durchweg keine litterarische Helden- iHiicn, längere Zeit auf dem Repertoire halten, ja über IIrJiipt genießbar wurden. Bon w lcher ergötzlichen Komik iMZerofal als der Klarinetten-Muckl imLiserl von 68chlüersee", aber was wäre die ganze PosseDer -Huie rika seppl" ohne Terofal! Ens der blödesten 8üüuennstücke, die Rauchenegger und Manz auf dem Ge« > Mjsiiu haben, eine der größte« litterarische« Sünden, für

t4 nirgends Vergebung gibt. Es soll allem Anschein N eine Uebertragung der unheimlich erfolggekrönten «Camleys Tante" ins Oberbayerische fein. Auf die -Midjen Verwickelungen der Posse einzugehen, alle die ^ipcroquod zu r giftrierea und den oft unglaublich albernen, u*r lnimer z«m Lachen reizenden Situationen nachzuspüren, r?**0'16 tväre einegot esfürchierliche" Arbeit. Um allen 01,1111 3U beweisen, daß der Sonntagnachmittag im Theater M ausgelassenster Lustigkeit war, genügt es zu berichten, daß

selben also das Vertrauen zur Reichsverwaltung schmälern würde. Persönlich fügte Graf Bülow hinzu, daß aller­dings in «einzelnqn Staaten ein Zustand der "konfessionellen Gesetzgebung bestehe, der dem Grundsatz freier Religions­übung widerspreche. Schließlich ging der Antrag, dem Vorschläge des Abg. Lieber gemäß, an eine bejondere Kommisfion von 28 Mitgliedern.

Bei der Landtägswahl in Württemberg hat das Kartell der Deutschen Partei, des Bundes der Landwirte und der Konservativen wenig Erfolg gehabt. Tas Zen­trum wahrte seinen Besitzstand, die Volkspartei verlor eine Reihe von Mandaten, hofft aber Ersatz in den Stichwahlen, die Sozialdemokraten dagegen gewannen zwei Sitze und erreichten bedeutend stärkere Stimmen­zahlen. Erst nach den über 30 Stichwahlen ist der volle Ueberblick möglich.

Von Herbesthal aus hatte Präsident Krüger beim deutschen Kaiser seinen Besuch ankündigen lassen; durch direkte Mitteilung auf dem Drahtwege aus Berlin, dann auch in amtlicher Form durch den deutschen Gesandten in Luxemburg wurde jedoch Ohm Paul kund gethan, daß der Kaiser ihn infolge schon früher getroffener Anord­nungen, bezw. früher eingegangener Verbindlichkeiten nicht empfangen könne. Tie deutschen Offiziösen hatten schon längere Zeit vorher bekannt gemacht, daß an einen Empfang durch den Kaiser nicl)t zu denken sei. Sie wußten schon, daß der Kaiser den Präsidenten überhaupt nicht empfangen wollte und zwar aus Rücksicht auf Eng­land, mit dem in chinesischen Dingen ein so wichtiges Abkommen geschlossen worden ist. An und für sich hätte für Kaiser Wilhelm II. ebensowenig wie für Präsident Loubet ein Hindernis im Wege gestanden, das Oberhaupt des Transvaal zu empfangen. Aber unsere gegen 1896 auf den Kopf gestellte Politik gegenüber Südafrika ver­hinderte es. Krüger verlängerte infolge dessen seinen Aufenthalt in Köln, um am Donnerstag nach dem Haag zu fahren. Seine Hoffnung, doch noch eine Macht zu einem guten Dienste für Transvaal in Bewegung zu setzen, hat durch die Abweisung aus Berlin einen schweren Stoß erlitten. Wenn er nach Holland geht, thut er das nicht, um von dort eine diplomatische Aktion ins Leben zu rufen, sondern nur, um der Königin Wilhelmina zu danken, weil sie den Kriegsdampfer für die Fahrt Krügers nach Europa zur Verfügung gestellt hat. Es heißt, daß Präsident .Krüger auch noch' den Zaren be­suchen wolle; da dieser aber wegen seiner Gesundheit kaum vor dem Frühjahr nach St. Petersburg zurückkehren.

Xaver Terofal eine Weibsperson, dieHauserin", des Batzen- hoserS Schwester zwei Akte hindurch fpielt, um der künftigen Schwagerschaft aus Gründen finanzieller Spekulation Sand in die Äugen zu preuen. Man muß es gesehen haben was die ehrsame Pseudodame alles aufstellt, um dieseKomödie" durchzuführen. Etwas handgreiflich geht es dabei allerdings zu, und em etwas weniger starkes Unterstreichen der Effekte wäre oft erwünscht, wenn die Würde der Kunst zum mindesten nominell gewahrt bleiben soll. Aber was hilft's? Um des wirklich außerordentlich komischen Terofal willen lacht man aus Leibeskräften herzlich mit und findet es kaum verwunderlich, daß die falsche Hauserin mitten in einem hahnebüchenen Schuhplattler zum Entsetzen ihres geldgierigenBräutigams", der in seiner Dämlichkeit noch immer an dieDämlichkeit" des Amerikaseppl glaubt, (in Paar Purzelbäume in Nock und Schürze schlägt. Neben der Figur des fast übertoll spaßhaften Amerikaseppl sind alle andere Rollenträger nicht viel mehr als Staffage, auch das übrigens recht ansprechende Liebespärchen, Anna Dengg und I. Berger. Der letztere scheint die Auf gab.« Joseph Meths, des früheren vorzüglichen Liebhabers dcs Ensembles, übernommen zu haben, führt sie aber leider weit konventioneller aus als fein prächtiger Vorgänger, der eine der Hauptstützen der Gesellschaft war und schon durch feinen imposanten Wuchs so etwas wie einen Tele- mach der Berge vorstellte. Die echte Hauserin spielt Anna Reil drastisch und derb, wie sie sich die Verfasser der Posse gedacht haben mögen. Auch Niedermeier, Dengg und Wagner verdienen Hervorhebung. Als Beigaben von nie versagender Wirkung wurden außer denSchnada­hüpfeln" im ersten Akt die mit Verve ausgeführten Schuh­plattlervorträge und die Zitbermusik in den Zwischenakten auch mit g oßem Beifall aufgenommen, sie erhöhten den außerordentlichen Lacherfolg noch um ein Bedeutendes.

Mit dem oberbayerischen VolksftückDer Herrgott- schnitzer von Ammergau" von Ludwig Ganghofer und Hans Neuert beendeten die Schlierseer ihren Gießener Sonntag. DiesesWatschen"-Stück giebt wohl Gelegenheit, hier und da Temperament und wahres Gefühl zu zeigen, ellenlanges undramatisches sentimentales Geschwätz aber

auch vorerst wohl niemand empfangen wird, kann davon so bald nicht die Rede sein. Nackchem ihm von Sonntag bis Donnerstag in Köln unausgesetzt von großen Mengen trotz den sicherheitspolizeilich^n Einwendungen Huldigungen dargeboten worden waren, trat Präsident Krüger, von der außerordentlichen Burengesandtsci,'aft aus dem Haag abgeholt, in Gesellschaft einer zahlreichen jour­nalistischen Begleitung die Fahrt nach Holland an. In den rheinischen Städten, die der Zug berührte, erneuerte sich die Begeisterung nach dem Vorgänge der anderen Städte. Auf holländischem Boden berührte den Präsi­dent die Wärme des gastlichen Empfanges durch die amtlichen Persönlichkeiten. Wie in Frankreich hat auch in Holland die Kammer dem Präsidenten Krüger ihre Sympathie ausgesprochen, mit Rücksick)t auf die Stamm­verwandtschaft in noch freundlicherer Form. Im Deutschen Reichstage wurde erwartet, der neue Kurs unter dem Grafen Bülow werde sich auch darin kenn­zeichnen, daß eine amtliche Erklärung wegen des Richt­empfanges Krügers gegeben werde. Andererseits wurde eine Interpellation angekündigt, um eine solche Er­klärung herauszufordern. Sehr bemerkt wurde die in der offiziösen Presse bei der Erörterung des Wandels der deutschen Politik gegenüber Transvaal betonte Thcttsache, daß Frankreich gleich nach dem ersten Telegramm des Kaisers an Krüger 1896 sich in London als Bundes­genosse in einem etwaigen Kriege gegen das burenfreund­liche Deutschland angeboten habe. Deshalb stehe es, wurde geschlossen, Frankreich am wenigsten an, jetzt über die zurückhaltende deutsche Politik sich aufzuhalten.

Das Ministerium Italiens hatte kürzlich in der Kammer unangenehme Stunden. Zunächst erlitr der Kriegsminister eine Niederlage durch eine sehr antimili­taristische Abstimmung; auf einen Antrag der Sozialisten wurde nämlich die Abschaffung aller Krieasgeri. ! be­schlossen. Dann kam eine Interpellation wegen des Sicher­heitsdienstes bei Ermordung des Königs Humbert. Dieses Verbrechen ist begangen worden, als noch Pelloux Ministerpräsident war, während jetzt Saraeeo dessen Stelle einnimmt. Saraeeo' gab die für den damaligen Sicher­heitsdienst Verantwortlichen völlig preis, setzte sich und seine jetzigen Ministerkollegen aber außerhalb der Affaire, da sie ja damals nicht am Ruder gewesen seien. Für den Augenblick kam das Ministerium noch einmal davon.

Auf der Rückkehr von Kalgan hak das deutsche Detachement in China, das seine Aufgabe so gut gelöst, einen schweren Verlust erlitten. Oberst York von

macht es stellenweise unleidlich. Wir sind überzeugt, daß die Leute aus Bayern noch einen ganz anderen Rciz böten, wenn sie zu ihrer echten Kunst, ihren echten Kostümen, ihrem echten Schuhplattler auch echte Stücke mitbrächten. Wohl athmen ihre Stücke hier und da alpine Kraft, Natur und Schönheit, wohl sind auch sie zu einem Teil realistisch, dann aber sind sie auch wieder von gartenlaubenhaftcr Sentimentalität und ganze Szenen mit der Theaterschee, e zugeschnilten. Die Realistik der Schlierseer besteht in wenig anderem als daß sie sich selbst spielen; darin liegt auch das ganze Geheimnis des Erfolges. Aber welcher gesunde Gaumen findet nicht Schwarzbrot und Milch schmackhafter als Apfelkuchen mit Schlagsahne mit etwas Paprika darauf, wie ihn etwa die Herren Blumenthal und Kadelburg urd ihre zahllosen Genossen dem verehrten Publikum mit kellner- belfter Gewandtheit zu servieren belieb, n. Wer an den Schlierseer« Gefallen findet, der wird allmählich auch di; Meisterdramen der Realistik, deren dichterische Schönheiten und Kunstfortschritte namentlich in der Auffindung der fub tilften Empfindungen, der Ausprägung atomistischer Gefühls­werte bestehen, zn würdigen wissen, ohne mit dünkelhaft-r Prüderie an den aus tief und ernst fühlenden Dichlerherzcn heroorgestoßenen brennenden Daseins- und Wesensfragen mit nichtssagendem Nasenrümpfen vorbeizustolzieren.

Wie die Milch von mancher Kuh zusammenfließen muß, damit ein schmackhafter Käse daraus wird, so ist aus den bewähttesten Motiven von einem halben Schock Bolksstückm auch imHerrgottichnitzer" ein gesälliges Ding zusammen gerührt. Unter allen schablonenhasten Figuren des Stückes H der Loisl, derdalketa GaiSbua", die einzige, die ihre künstlerische Berechtigung hat: eS ist der alte, Gottlob nie Zu vertreibende Hanswurst der echten Posse in seiner alpine * Sbart. Wird er gut dargestellt, so ist der Erfolg des Abends gesichert. Und Erfolge werden's wohl auch, wie am Sonntag­nachmittag, am Sonntag und am Samstagabend gewesen fein, über die aus eigener Anschauung zu berichten ich leider nicht in der Lage bin. p. w