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11/11/1900 Fünftes Blatt
 
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M. 265 fünftes Blatt. Sonntag den 11. November 15V. Jahrgang 1900

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>ch»tftra-« Nr. 7.

Gral^krüagrn: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».

Fernsprecher Nr. 51.

Preußische Eisenbahnen.

Es ist jetzt wieder einmal viel von Eisenbahngemein- sichaftsplänen' die Rede. Von preußischer Seite ist offen bekundet worden, daß man, seit dem Scheitern des Reichs­bahnprojekts, in der Betriebs- und Finanzgemeinschaft inach Art der preußischi-hessischen Eisenbahngememschaft diejenige Form erblickt, in der sich die Angliederung des Staatsbahnnetzes deutscher Bundesstaaten an das größte einheitlich verwaltete Bahnnetz Deutschlandszweck­mäßig" vollziehen kann. Preußen ist bereit, Wünschen minderer Bundesstaaten auf Eintritt in die preußisch-hes­sische Betriebs- und Finanzgemeinschaft entgegenzukommen, und erklärt weder direkt noch indirekt nach dieser Richtung auf andere Staaten einwirken zu wollen. Tie Initiative dazu soll nicht von preußischer Seite ausKhen. Unter den mancherlei Bedenken, die den meisten Bundesstaaten mit eigener Staatsbahnverwaltung die Angliederung bis­her nicht wünschenswert erscheinen ließen in erster Linie steht dabei die Besorgnis, daß durch die Gemein­schaft mit Preußen die staatliche Selbständigkeit Einbuße erleiden könnte wird auch die Ab­neigung gegen die ganze Art der derzeitigen :preußischenStaatsbahnverwaltung, insbeson­dere gegen ihre Fiskalität geltend gemacht. Hierüber lspricht sich in derZeitung des Vereins deutscher Eifen- lbahn-Verwaltungen" der Göttinger Staatswissenschaftler 'Gustav Cohn aus. Prof. Cohn hält den Fiskalitüts-Vor- 'ivurf für berechtigt. Er schreibt:

Daß unsere Staatsbahnen jahraus jahrein größere Ueberschüsse abwerfen, immer größere Wohlthäter wer­den für die unwiderstehlichen Ansprüche der allgemeinen Staatsverwaltung in deren verschiedenen Ausgabe­zweigen, und daß sie, je mehr unser Staatshaushalt sich an diese Wohlthätersckiaft gewöhnt, gleichsam zur Strafe dafür Iblefto eiserner hierbei festgehalten wer­den, ihnen desto unerbittlicher die Luft zur Entfaltung einer fortschreitenden Verbesserung entzogen wird das ist ein so abgeschmackter Standpunkt, daß sich wohl niemand dazu bekennen wird. Allerdings wäre es eine arge Uebertreibung, wenn Jemand behaupten wollte, unsere Staatsverwaltung, insbesondere unsere Finanz­verwaltung, stände auf einem solchen Standpunkt. Aber doch habe ich in den letzten Jahren immer öfter den Eindru ck^mpfangen, als sei eine bedenkliche Neigung vorhanden, diesem Standpunkt sich mehr zu nähern, als es wünschenswert ist. Daß die seit länger als einem Jahrzehnt in den Akten des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten vorbereitete P e r s o n e n -- Tarif- Reform, die nicht nur im Interesse des reisenden Publikums, sondern auch im Interesse der Eisenbahn­verwaltung behufs größerer Vereinfachung des Tarif­wesens in sich selbst in der Gemeinschaft mit den anderen deutschen Staatsbahnen geplant worden ist daß diese Reform je länger je mehr ins Stocken ge­raten ist, um der Gefährdung von 2030 Millionen Mark der bisherigen Einnahmen willen, die für einige Jahre möglicherweise eingebüßt werden könnten, das mag zur Not gerechtfertigt werden, obwohl die Recht­fertigung immer schwerer wird, je länger es dauert und je größer die Ueberschüsse von Jahr zu Jahr werden. Daß aber auf diesen selben preußischen Staatsbahnen die Art der Personenbeförderung je länger je mehr von Sparsamkeitsrücksichten in einem Grade be­herrscht wird, daß es wie eine Satire auf die Hunderte Millionen der Ueberschüsse dem Publikum erscheint, das kann nicht hingehen, ohne in weiten Kreisen Verstimm­ung hervorzurufen. Ich selbst habe in einer Reihe von Fällen bestätigt gefunden, was zahlreiche Klagen des reisenden Publikums seit Jahren behaupten, "daß in Zeiten starken Reiseverkebrs (Sommermonate, Fest­zeiten) die verfügbaren Personenwagen zur Bewältigung des Verkehrs unzulänglich sind . . Hier mag Gelegen­heit genommen werden, in der freieren Bewegung bei der Anschaffung neuer Beförderungsmittel auch einen freieren Blick für ver belferte Einrichtungen der­selben zu entfalten ... Ein anderes Beispiel! Als ich vor bald 30 Jahren die englischen Eisenbahnen zum ersten Male aus eigener Anschauung kennen lernte, be­merkte ich den Kontrast zu deutschen Betriebseinricht­ungen in dem grundsatzmäßigen Sichselbstüber- lassensein des reisenden Publikums, verglichen mit der Fürsorge herkömmlicher deutscher Veranstalt­ungen. Der damals beobachtete Kontrast ist in den letzten Jahrzehnten durch die Aenderung unserer Ein­richtungen nach dem Vorbilde der englischen Gewohn­heiten beseitigt worden. Ja so gründlich beseitigt, daß man manchmal zu der Frage veranlaßt wird, ob wir nicht das englische Vorbild überholt haben. Ich habe nament­lich die.Schwierigkeit der Orientierung über die in den Zügen vorhandenen durchlaufenden Wagen im Auge. Besonders fatal ist es, daß sich das Personal der -süge über diese Frage häufig nicht genügend unterrichtet

zeigt. Auch die Kurswagenbeschilderungen genügen häufig nicht. Tas sind natürlich nur flüchtige Be­merkungen und Andeutungen. Nicht auf die Einzel­heiten, ob dieses oder das augenblicklich am dringend­sten der Verbesserung bedarf, sondern auf den ganzen Geist kommt es an, aus dem heraus die Verwaltung der preußischen Staatseisenbahnen in der blühenden Finanzlage, deren sie sich seit so vielen Jahren und in fortschreitendem Umfang erfreut, sich der vornehmen Pflicht bewußt sein soll, daß sie bei Be­wahrung der nun einmal zur Notwendigkeit gewordenen finanzpolitischen Grundsätze ein offenes Auge und eine offene Hand für Reformen ihres Betriebes, ihrer Leistungen, ihrer Beförderungssätze habe. Noch weit we­niger als für den Personenverkehr können hier für den Güterverkehr bestimmte Fingerzeige gegeben wer­den, die in die Einzelheiten eingehen. Eins nur möchte ich zum Schluß betonen. Es wird für diese Fragen doch wohl irgend welcher neuer organisatorischer Einrichtungen bedürfen, die teils den Zwe ckver- folgen, die in den Beiräten der preußischen Staatseisen- bahnoerwaltung (Bezirkseisenbahnräten, Landeseisen­bahnrat) gegebenen Anfänge weiter fortzubilden, die dann aber auch den Versuch machen, eine Schranke zu setzen zwischen denjenigen Summen, welche die allge­meine Staatsverwaltung von. den Eisenbahnüberschüssen zu fordern berechtigt ist, und demjenigen Teile der Ueber­schüsse, welcher der Staatseisenbahnverwaltung zur selb­ständigen freien Verfügung überlassen bleibt.

Man wird nicht sagen können, daß Pros. Cohn er­schöpfendes Anklagematerial vorgebracht hat. Daß in der preuß. Staatsbahnverwaltung recht viel zu bessern ist, steht außer Frage. Es herrscht in ihren Betriebseinrichtungen eine gewisse Starrheit, die die jetzigen leitenden Personen augenscheinlich nicht aufzugeben gesonnen sind. Die Cohn- sche Anregung, die Eisenbahnräte weiter auszubilden, ver­dient sicherlich Anerkennung, dürste aber auch nicht von besonders großem Nutzen sein.

Es wurde in diesen Tagen in verschiedenen der preußischen Regierung nahestehenden Blättern über die preußisch-hessische Eisenbahn-Gemeinschaft offiziös eine Darlegung veröffentlicht, die zeigen sollte, wie beträcht­liche Vorteile Hessen aus der Betriebs- und Finanzge­meinschaft mit Preußen erwachsen seien, die andere deutsche Eisenbahn-Verwaltungen (Sachsen, Württemberg, Baden) nur zum Anschluß daran zu bewegen geeignet seien. Wir können nur feststellen, daß Hessen seit der Eisenbahn­gemeinschaft mit Preußen alle Selbständigkeit, ja man könnte fast sagen: allen Einfluß in Eifenbahndingen ver­loren hat. Der preußische Vertreter erklärte bei den das jetzige wenig günstige Verhältnis einleitenden Verhand­lungen selbst, und diese Offenheit ist immerhin anzu­erkennen, daß seine Regierung bei der Einrichtung einer solchen Gemeinschaft nur ihr eignes Interesse im Auge habe und behalten werde. Trotzdem gingen unsere Re­gierungsvertreter darauf ein.

Eine süddeutsche Eisenbahngemeinschaft hätte u. E. für die Einzelstaaten wirkliche Vorteile. Derartige Ge­meinschaften mit einem größeren Staate aber bringen den kleineren naturgemäß nur Nachteile. Sachsen und Baden scheinen z. Z. nicht gerade abgeneigt, sich mit Preußen in derselben Weise zu bereinigen wie Hessen. Wir gestehen, daß eine Eisenbahngemeinschaft zwischen Baden und Hessen für beide Länder vorteilhafter erscheint als mit dem Vielfraß Preußen. Das kleine Oldenburg that klug, als es eine selbständige Eisenbahnverwaltung gründete mit einem sehr rührigen Präsidenten an der Spitze, und, daß es allen koketten Siebäugeteien des preußischen Eisen­bahnministeriums gegenüber sich so standhaft wie Josef gegenüber Potiphars Weib gezeigt hat und gewiß auch weiterhin zeigen wird.

Politische Tagesschau.

Da:. (David, der auch in Gießen wohlbekannte sozialdemokratische Abgeordnete, unterzieht in den Sozia­listischen Monatsheften den Pariser internatio­nalen Sozialisten-Kongreß einer scharfen Kritik. Er bezeichnet es als notwendig, Sorge zu tragen, daß die Kongresseeinen würdigeren Verlauf" nehmen. Es sei nicht angenehm, durch Vorkommnisse sich blamiert zu sehen,die wir, wenn sie sich bei den Veranstaltungen unserer Gegner ereigneten, gewiß nicht als Zeichen eines hohen geistigen Reifegrades registrieren würden". David ist unzufrieden mit der in Paris angenommenen Kom- promißresolution Kautsky, die den Gegensatz unter den französischen Sozialisten wegen des Eintritts Millerands ins Ministerium zu überbrücken suchte. Er nimmt Anstoß an den Sätzen, wonach die Eroberung der Regierungs­gewalt nicht stückweise erfolgen könne, und wonach der Eintritt eines einzelnen Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium nicht als der normale Beginn der Eroberung

der politischen Macht zu betrachten sei. DerFall Mille­rand" werde sich wiederholen; er werde zu einernor­malen" Erscheinung in Frankreich und höchst wahrschein­lich auch anderwärts werden. Man werde dann den Eintritt von Sozialisten in ein gemischtes Ministerium nicht mehr damit rechtfertigen, daß er ausnahmsweise notwendig, sondern damit, daß er normalerweise nützlich ei, nützlich für den Fortgang der positiven Umgestaltungs­arbeit an den bestehenden Verhältnissen in der Richtung auf die Demokratisierung und Sozialisierung derselben. Uebrigens hat in Paris Abg. Auer den bemerkens­werten Ausspruch gethan:Wir sind keine Fanatiker, keine Propheten, keine Religionsstifter, die die letzte Wahr­heit bereits in der Tasche haben. Wir suchen die Wahr­heit, und dem Streben nach Wahrheit haben wir den Weg offen zu halten."

DasWochenblatt für den Kreis Tecklenburg", ein amtliches Kreisblatt, veröffentlicht einen Bries aus China von dem Seesoldaten Friedrich Hischemöller aus Westereappeln aus Tsimo, den 10. September, datiert. In diesem Briefe heißt es unter and er m:

Am nächsten Morgen gings wieder weiter; nach­mittags gegen 6 Uhr kamen wir in Tsimo an, zogen gleich in den Tempel und der Mandarin mußte 4000 Taels Strafe zahlen. . . . Als wir etwa 1000Meter davon entfernt waren, hörten wir den Nachtwächter, der zwei hohle Stäbe hat und damit des Nachts alle Stunden schlägt, schon klappern, als wir jedoch noch näher heran­kamen, da fing er mit feinen Stöcken an, Alarm zu klappern. Als wir in das Dorf marschierten, kamen uns die Einwohner mit Lanzen, Säbeln und allerhand Waffen entgegen; sie begrüßten uns mit Schüssen, daß die Kugeln uns um die Ohren pfiffen. Da wir uns infolge dessen nicht mehr sicher waren, wurde gesammelt und wir gingen an den Seiten des Torfes entlang. Der eine Chinese, den wir bei uns hatten, bezeichnete uns ein Haus, in dem viele Waffen sein sollten. Sofort schlug Gefreiter Bröckel die halbe Thür ein, erhielt aber von oem Chinesen, der in diesem Hause wohnte, einen Schlag ins Auge, daß er nicht mehr sehen konnte. Ich war noch einige Schritte zurück, als ein Chinese eine Wallbüchse losschvß, aber zu hoch, das Feuer ging mir über den Kopf, zu meinem Glück, sonst wäre ich nicht mehr am Leben. "Nun hieß es: Kehrt marsch nach dem Wall! Vor uns liefen zehn Chinesen, auf die Schnell­feuer gegeben wurde. Jetzt wurde das Seitengewehr aufgepflanzt und unser Oberleutnant befahl, alles was üorfommt, niederzuschießen und niederzu stechen. In dieser Nacht wurden viele Chinesen getötet, a ucb eine Frau und ein Kind. Am Wall blieben wir, bis es Tag wurde. Um 5 Uhr gingen wir in das Dorf und sahen da die Toten im Blute liegen. Eine Frau saß vor ihrem Mann, der gefallen war, und hatte ein kleines Kind auf dem Schoß; den Gefallenen hatte sie auf ein Brett gelegt und ihm ein Kissen unter den Kopf geschoben. Dem Mann waren zwei Kugeln durch den Kopf und eine durch die Brust geschossen worden, er war total mit Blut über­schüttet. Diessiehtwohtschauerlich aus, aber man wird dies alles gewohnt. Wie lange wir noch hier bleiben, weiß itb nicht."

Tie russische Preßhetze gegen Deutsch­land nimmt fortwährend zu. DieKreuzzeitung" citiert aus der letzten Nummer derPetersbnrgskija Wjedomosti" darüber folgende Kostprobe:

Rußland kann und darf nicht gleichgiltiger Zu­schauer bleiben, wenn die Germanen, ohne jedes Opfer, sich die Sympathien der Türken erworben haben und die asiatische Türkei in eine deutsche Kolonie umzu­wandeln im Begriff stehen. Dazu komme das Verhalten Deutschlands in der kretischen Frage. Schon einmal habe Deutschland das europäische Konzert verlassen und jetzt habe es wiederum, wie ui Mdiz-Kiosk versichert werde, erklärt, daß es sieb' jeder Einmischung enthalten wolle in der wiederaufgetauchten Frage von der Ver­einigung Kretas mit Griechenland.Tie Türken sind entzückt über die Ritterlichkeit" Deutschlands und er­blicken ha rin einen neuen Freundschaftsbeweis. Ruß­land braucht auch, gar ni seine guten Beziehungen zur Türkei abzubrechen, wenn Kreta mit Griechenland bereinigt wird. Hat es doch immer die Schwachen auf der Balkäninsel unterstützt unb dadurch die Türken er­bittert, ohne rechten Tank bei den Balkanvölkern zu finden.Tie Rolle, die Deutschland jetzt in der Türkei spielt, gehört von Rechts wegen Rußland und nur Ruß­land. Aber es hat trotz seiner Stellung als mächtiger Nachbar diese Rolle verloren infolge der geschickten Jn- trigueu erst Englands, daraus Oesterreichs und endlich Deutschlands, das sich bemüht, bav Vertrauen der Türkei zu Rußland zu untergraben. Eine Einmischung Ruß-