Ausgabe 
11.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr 23« Zweites Blatt

Telegramme des Gietzeuer Anzeigers.

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Durch die Nachrichten aus Hongkong ist neuer­dings die Aufmerksamkeit wieder aus Südchina gerichtet worden. Im Jahre 1898 hatte China auf dem der Insel Hongkong gegenüberliegenden Festlande und den dazu ge­hörigen Inseln an England ein Gebiet in der Größe von 975 Quadratkilometern abgetreten, das im Norden eine von der Mirsbai zur Deepbai gezogene Linie begrenzt, und diese neue Erwerbung war als Kanlungebiet dem britischen Reiche emverleibt worden. Schon im vorigen Jahre waren auf diesem Gebiete Unruhen ausgebrochen, die die Garnison Oon Hongkong zu einem förmlichen Feldzuge nötigte. Da-

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Der Krieg in Südafrika.

I Mit der Zersprengung desBotha'schen I Heeres hat auch die letzte reguläre Armee der Buren zu I existieren aufgehört. Der größte Teil derselben hat sich I nordwärts gewendet, um über Pilgrimsrest den sogenann- | ten Zoutpansberg zu gewinnen. Es ist dies nicht I etwa ein Berg wie der Name vermuten läßt, sondern ein | ganzer Distrikt, welcher sehr tief liegt und schon ziemlich I tropisches Klima mit all seinen Gefahren bat. Diese Ge- I biete gehören wegen ihres mörderischen Klimas und der I Wildheit des Landes im allgemeinen zu den gefürchtetsten I Strichen von Transvaal und wurden stets nur mit großer I Vorsicht von Weißen bereist. Es liegt auf der .Hand, daß I sich die Buren hier nicht lange werden halten können. Nach, I englischen Angaben sollen es nicht weniger als 4000 Mann | sein, welche mit nur schwachen Vorräten diesen Nordmarsch I in die Einöden Jnnerafrikas angetreten haben. Vermut- I lich werden sie sich zunächst auf Portugiesisches Gebiet schlagen und Portugal wird die Aufgabe zufallen, mit ihnen fertig zu werden. Aller Voraussicht nach gehen diese Buren einem sicheren Untergange entgegen, denn sie ge­langen in das Gebiet der Tsetsefliege, deren Stich be­kanntlich kein Rind widersteht. Ohne Zugtiere verfallen die Treker aber einfach dem Tode, wenn sie nicht noch rechtzeitig umkehren. Welche Ironie des Schicksals, wenn diese Buren, welche die gewaltige Uebermacht der Eng­länder nicht ßit zwingen vermochte, den Stichen eines winzigen Insekts erliegen müssen.

Mit Bezug auf die Rückkehr der Flüchtlinge n ach Transvaal teilt der Oberkommissar Sir Alfred M i l n e r unterm 4. Oktober mit, daß Vorbereitungen ge­troffen worden seien, um vom 15. Oktober an etwa 1000 Personen per Woche zu befördern, doch kann die Zahl nach einigen Wochen vielleicht vergrößert werden. Um nur die­jenigen, weiche bereits in Südafrika warten, heimzube­fördern, würden mindestens drei Monate nötig sein. Nie- mand sollte in weiteren drei Monaten aus England nach Südafrika kommen in der Hoffnung, Beschäftigung zu finden, denn Idas Geschäft könne nur allmählich seinen alten Umfang wieder gewinnen. Leute, die Eigentum in den neuen Kolonien" besitzen oder sicher sind, sofort Beschäfti­gung zu erhalten oder sich ohne eine solche zu erhalten vermögen, können sofort zurückkehren, aber es sei unmög lich, ihnen zu versprechen, daß ihnen erlaubt werde, sofort nach ihrer Ankunft in Südafrika hinaufzureisen.

DemDaily Telegraph" wird aus Lorenzo Marques vom 8. ds. abends gemeldet, daß 200 Buren daselbst ein­getroffen seien, nachdem sie die Grenze in der Nähe von Sabi überschritten und ihre Waffen ausgcliefert hätten.

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mit Bestellgeld.

mals wurde die dicht an der englischen Grenze auf chine­sischem Boden liegende Stadt Samtschun sowohl wie die ummauerte Stadt Kaulun zeitweise besetzt. Die jetzt aus demselben Gelände ausgebrochenen Ruhestörungen schemen nicht so Hallos zu sein wie damals, denn sie sollen nach übereinstimmenden Meldungen von der Drei- saltigkeitsbruderschaft (Samhopwui) ausgehen, dem am weitesten verbreiteten aller Geheimbünde Chinas, der auch den furchtbaren Taiping-Aufftand ins Leben rief. Ein heute über diese Bewegung eingegangenes Telegramm desDaily Telegraph" aus Kanton vom 7. Oktober meldet: 5000 Auf­ständische von der Dreifaltigkeitsgesellschaft haben die kaiser- Men Truppen geschlagen, verschiedene Plätze zwischen der Mirs-Bai und der Deep-Bai eingenommen und rücken jetzt südwärts vor. Der Vizekönig Taku in Kanton hat heute den Admiral Ho und den General Tong abaesandt, um sie zu bekämpfen.

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger

Zlints- und Anzeigeblatt für -en Urei« Gietzen

Donnerstag -en 11 October 150. Jahrgang

Die Wirren in China.

Zu den neuesten Meldungen sind einige Erläuterungen angebracht. Was zunächst die erste größere militärische Unternehmung seit der Einnahme von Peking, die zum größten Teil aus deutschen Truppen zusammengesetzte Expe- vltlon nach dem etwa 140 Kilometer südwestlich von Peking gelegenen Paotingfu, dem ehemaligen Sitz des General­gouverneurs der Provinz Tschili, angeht, deren Aufbruch vlSher durch die Schwierigkeit, die notwendigen Transport­mittel zu beschaffen, verzögert worden sein soll, die aber in Diesen Tagen von Peking abzumarschieren gedachte, so ist daran zu erinnern, daß im Frühjahr in Paoting, bis wo­hin die Luhanbahn (Peking-Hankau) ausgebaut war, die Boxerunruhen zuerst größeren Umfang gewannen und daß Die Bewegung von hier aus, nachdem an den dort thätigen Ingenieuren und Missionaren allerlei Schandthaten verübt worden waren, gegen Peking vorflutete. Noch jetzt werden ru der Nähe der Stadt fünf belgische Ingenieure und 15 Missionare belagert; sie haben, wie schon mitgeteilt wurde, den chnen von Li-Hung Tschang angebotenen freien Abzug unter chinesischer Bedeckung, weil sie Verrat fürchten, abgelehnt. Jene Expedition bezweckt also, Paoting, das Hauptquartier der Boxer, auszuheben und die belagerten Ausländer zu vefreien. Auch nach der Richtung dürfte diese Unter- v sein, daß sie den Chinesen aufs neue

me Rührigkeit der fremden Truppen vor Augen führt und chnen den Beweis liefert, daß sie nicht an die Straße Tientsin-Peking gebunden, sondern auch in der Lage sind Uebelthätern weiter im Innern an den Kragen zu gehen.

Auch die englische Meldung, daß die Sendung eines vrttischen Kanonenbootes auf den Hanfluß mit der Mög- lichkeit m Verbindung gebracht werde, den kaiserlichen Hof, Der sich bekanntlich von Taiyueusu nach Singanfu in Schenfi m Bewegung gesetzt haben soll, abzufangen, bedarf der kritischen Sichtung. Wie der jetzt viel genannte Dolmetscher Dei der deutschen Gesandtschaft iu Peking H. Cordes in seiner vortrefflichen Abhandlung über dieHandelsstraßen und Wafferverbindungen von Hankau nach dem Innern von China" (Berlin 1899, bei Ernst Siegfr. Mittler & Sohn) aussührt, kann der Hanfluß, der, in nordwestlicher Richtung <ius Scheust kommend, bei Hankau in den Jangtse fließt acht oder neun Monate des Jahres 780 Kilometer aufwärts bis Laohokou von kleineren Dampfern befahren werden. Von diesem Orte zweigen zwei Wege nach Singanfu in Schensi ab. Der bekanntere führt den etwas oberhalb Laohokou mündenden Tanfluß hinauf zu Wasser bis Kingtzekuan bezw. in der guten Jahreszeit bis Lung- kutschai, etwa 1200 Kilometer von Hankau, und von dort mit Saumtier oder Kuli über die Wasserscheide Mischen Han- und Weifluß (Tsinlinggebirge) in fünf Tagereisen nach Singan. Die zweite Verkehrsstraße nach Smgan folgt von Laohokou aus dem Hauptarm des Han vrS zur Grenze von Schensi. Dort biegt sie in einen von morden kommenden Nebenfluß ein, welcher bis Mantschu- Mkuan jenseit der Grenze Schensis schiffbar ist. Von

C 3B?Fen ru Lande über Schanyanghsien nach bäum die angeführte englische Meldung über-

daS^britiicko eFtnn könnte er nur dahingehen, daß ? 2SK

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sicherlich bei dem ersten Versuch wieder aus die Beine macken würde. Da auch der. wenn man nack taVw.,..T wollt-, bequemste Weg nach Singan. tat H^ugh» und den Weifluß aufwärts mcht eingeschlagen werden kann weil der Hoangho der Schifffahrt unüberwindliche Schwierigkeiten bietet, so wird man also wohl oder übel auf den Plan dem Kaiser und der Kaiserin aus ihrer Flucht zu foinen' verzichten müssen. '

I Grafen Hatzfeld sowie dem französischen und amerikani­schen Vertreter über China.

L o n d o n, 10. Oktober. Aus Peking wird gemeldet: General Chaffee erklärte, die Engländer würden die ! augenblicklich in Peking befindlichen Trupperr dort überwintern lassen. Die Expedition nach Paotingfu soll vertagt werden, bis die De u t s ch e rr sich hierzu vorbereitet haben. 12 000 Chinesen befinden: sich in Paotingfu. Eine andere bedeutende chinesische Truppenmacht ist zwischen Paotingfu und Peking signa­lisiert.

L o n d o n, 10. Oktober. Nach Meldungen aus Tientsin, trifft Graf Waldersee umfassende Vorbereit­ungen für einen Winterfeldzug, was auf kein rasches Ende der Wirren in China schließen läßt.

L o n d o n, 10. Oktober. Aus Peking wird gemeldet: Die Edikte des Kaisers, die mehrere Prinzen ihrer Würden und Aemter für verlustig erklären, sind dem diplomatischen Korps zugestellt worden. Der Kaiser wies in ihnen darauf hin, daß er nicht gezögert habe, mit allem Ernst sogar gegen Mitglieder seiner eigenen Familie vor­zugehen, weil diese der schlechten Verwaltung öffentlicher Aemter beschuldigt worden sind.

London, 10. Oktober.Daily News" meldet aus Shanghai: Die Großmächte verhandeln augenblicklich über die Frage der Entsendung des Prinzen Tsching zum Kaiser, damit derselbe auf diesen bezüglich der Verlegung des Hofes nach Peking einwirke.

Paris, 10. Oktober. DerMalin" veröffentlicht ein Telegramm aus Tientsin vom 7. Oktober, in dem mitge­teilt wird, daß drei Bataillone französischer Trup­pen Tientsin verlassen haben, um nach Paotingfu zu gehen. Eine englische Kolonne unter dem Befehl des deutschen Generals v. Kettler ist nach derselben Richl- tung hin abgegangen. Die deutschen Truppen nahmen an dieser Expedition nicht teil, weil sie nicht dazu bereit waren. Wie verlautet, handeln Engländer undFran- zosen im Einverständnis. Sie werden ohne die Deutschen die Expedition ausführen. Ein weiteres Telegramm desMatin" aus Shanghai berichtet, daß die verbündeten Truppen bereits in Paotingfu ein­trafen, ohne dort auf Widerstand zu stoßen.

DenTimes" wird aus Shanghai telegraphiert: Die französischen Truppen halten Lukutschian, den Ausgangs­punkt der Lukanbahn, besetzt; die Russen und die Deut­sch erhalten die Forts von Peitang besetzt u-nd haben sich der Gruben von Kaiping be- m ach t r g t. Man erwartet mit einer gewissen Neugierde, welche Maßregeln diesen Thatsachen gegenüber die eng- nsche Regierung ergreifen wird. Man ist der Ansicht, daß der.Verzug Englands in der Betonung seines politischen Einflusses dem englischen Ansehen in China unwiderbring­lichen Schaden zufügt.

Aus Petersburg wird vom 9. gemeldet: Der Ge- neral-Gouver'neur des 'Amurgebietes, General Grode - kow, hat an den Militärgouverneur von Transbaikalien, General Maziewski, folgendes Telegramm gerichtet:Nach einer Mitteilung des Kriegsministers hat oer Kaiser, zum ne.r äscheren Wiederherstellung der freundschaft- irchen Beziehungen zu China, zu bestimmen geruht, den russischen Besitzungen keinen Teil des chinesischen Gebiets emzuverleiben, und sich auf die Ergreifung von Maß­nahmen zu beschränken, die zur ruhigen und gesicherten Benutzung der ivon derjjund durch die Mandschurei geführten Eisenbahnen und zum ungehinderten Verkehr unserer Schiffe auf dem Amur erforderlich sind."

Aus Hongkong wird vom 9. gemeldet: Alle weißen britischen Truppen wie auch die Hongkonger asiatische Ar­tillerie smd plötzlich aus unbekanntem Anlaß hierher aus dem Kaulungebiet zurückberufen worden. Wohin sich die Aufständischen des Hinterlandes von Kaulun gewandt haben, ist unbekannt. Man nimmt an, daß sie von der i Grenze des britischen Gebiets aus nordwärts abmarschieren. In Kanton ist alles ruhig.

Das Reutersche Bureau meldet vom 2. ds. aus Pe­king: General Yamaguchi bildet die neue japanische Di­vision, welche die Stellungen in China besetzen soll- sie wird bestehen aus 5000 Mann der 21. und 5000 Manu der 9. Brigade unter dem Befehl des Generals Bukamoto 2000 Mann werden hier bleiben, die übrigen werden an der Verbindungslinie zwischen Peking und Taku und andern Punkten verteilt. 8000 Deutsche, 1500 Amerikaner und eine gleiche Zahl Russen werden den Winter über in I Peking bleiben. Wie viel Engländer bleiben, ist noch nicht I bestimmt, wahrscheinlich eine Brigade. Die Verbündeten I versehen sich mit Vorrat, der für sechs Monate beschafft werden muß. Die Russen haben ihre Schutzwache aus den I kaiserlichen Gärten fortgenommen, die dann sofort von I den Deutschen besetzt wurden. Die Deutschen richten I die früher von der Kaiserin-Witwe bewohnten Gebäude I als Hauptquartier für den Grafen Walder-! fee und seinen Stab ein. 600 Engländer haben vom I Sommerpalast Besitz genommen. |

Berlin, 10. Oktober. Aus Shanghai wird ge­meldet: Die Ursache des Alarms in der vorletzten Nacht ist noch nicht aufgeklärt. Nach einer Meldung ent­deckte man starke chinesische Truppenmassen in der Um­gegend von Shanghai und erwartete einen Angriff von ihnen. Nach einer anderen Version hatte der Kriegsrat der Verbündeten die Besetzung des Arsenals beschlossen, wogegen die Chinesen protestierten. Es wurde daraufhin nachts ein Angriff ins Werk gesetzt. Als aber die franzö­sische Schützen-Kolonne das Lager in der Nähe des Arsenals erreichte, zeigten sich die chinesischen Truppen äußerst freundlich. Die Franzosen besaßen Artillerie. In Re­serve standen deutsche, japanische und englisch-indische Truppen sowie Freiwillige. Sie blieben die ganze Nacht draußen stehen. Schließlich kehrte alles in die Stadt zurück weck kem Gegner zu finden war. Die Truppen standen indes noch unter Waffen. Ein d e u t f ch e s T o r p e d o - boot ist m W u s u n g eingetroffen.

s B e r l i n 10 Oktober. Nach einer Meldung aus L o n- don hatte Lorh Salisbury Konferenzen mit dem I