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11.9.1900 Zweites Blatt
 
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M. I12 Zweites Blatt. Dienstag de« 11. September 150. Jahrgang ZNOQ

Gießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

Nach einer Pariser Meldung wird die Stettiner Äaiserrede in den tonangebenden französischen Jour­nalen als Beweis aufgefaßt, daß über die wichtigsten Fragen unter den in China interessierten Mächten ein einige Dauer versprechendes Einvernehmen erzielt worden sei. Die wichtigste Stelle der Kaiserrede wird in Frankreich Hahin commentiert, daß Deutschland zu den Friedens­verhandlungen wahrscheinlich mit reiflich durchgedachteu, wohlformulierten, der Lage der Weltpolitik entsprechenden Vorschlägen erscheinen werde.

Dagegen wird uns aus Berlin geschrieben:

Ueber die an Amerika gesandte Antwort Deutsch­lands auf den russischen Räumungs-Vorschlag, die nach Londoner Meldungen in Washington nicht befriedigt haben soll, ist man in maßgebenden amerikanischen Kreisen anderer Ansicht. Es kann deshalb auch keine Rede da­von sein, daß eine neue amtliche Note Deutsch­lands erwartet wird. Sollte irgend eine weitere offizielle Auslastung Deutschlands an Amerika dennoch erfolgen, so dürfte die Initiative für dieselbe in einem besonderen Anlaß zu suchen sein und nicht etwa in der Annahme, daß die srste Erklärung in Washington keine Befriedigung hervor­gerufen hat.

Die Washingtoner Meldung, nach der die amerikanische Regierung sich mit der Bildung eines Friedens-Aus­schusses beschäftigt, wird unserem Berliner Mitarbeiter von unterrichteter amerikanischer Seite bestätigt. Dagegen ist nicht zutreffend, daß Staatssekretär Hay in diesen Aus­schuß gewählt wurde. Neben Vizepräsident Harrington be- findet sich, wie man unserem Gewährsmanne mitteilt, der frühere Präsident Cleveland in diesem Ausschuß.

Eine Berliner offiziöse, in Sperrdruck veröffentlichte Meldung derKöln. Ztg." bestätigt, daß die Washingtoner Nachricht von einem deutschen Kompromiß-Vor­schläge wegen der Räumung Pekings auf einem Miß­verständnis beruhe, denn von deutscher Seite sei ein solcher Vorschlag nicht gemacht worden.

Auch diePost" meldet, daß die Antwort der deutschen Regierung auf die von russischer Seite ausgegangene An­regung bezüglich der Räumung Pekings nur eine Darlegung ihrer Ansichten über die beiden von Rußland zur Erörterung gestellten Punkte enthält: Verlegung der Gesandtschaften nach Tientsin und Zurückziehung der Truppen aus Peking. Besondere Wünsche oder Ratschläge betreffs einer ander­weitigen Behandlung dieser Punkte sind deutscherseits nicht ausgesprochen worden. Die deutschen Ausführungen sind in dem entgegenkommendsten Tone gehalten und dem­entsprechend auch auf russischer Seite ausgenommen worden. Demselben Blatte zufolge steht kaum zu erwarten, daß die Mächte sich geneigt zeigen könnten, mit Yung-lu in Unterhandlung einzutretcn, da derselbe sich stets als ent» chiedenster Fremdenseind gezeigt und namentlich an den Angriffen gegen die Gesandtschaften hervorragenden Anteil genommen hat. Außerdem sei aber auch die ganze Friedens- vermittlungssrage zurzeit noch in einem derartigen Dunkel gehüllt, daß es unmöglich scheint, sich bereits mit ihrer Lösung zu beschäftigen.

DasBerl, Tgblt. meldet, daß außer Deutschland auch die beiden anderen Dreibundmächte sowie England und Japan ihre Truppen in Peking belassen, da­gegen Rußland, Amerika und wahrscheinlich auch Frankreich ihre Kontingente nach Tientsin zurück­ziehen dürften. Das Blatt konstatiert ferner, daß die deutsche Regierung niemals einen Vorschlag gemacht hat, dem Grasen Waldersee eine diplomatische Mission zu übertragen, obwohl man von gewisser, namentlich englischer Seite gern gesehen hätte, wenn dem Grafen Waldersee zugleich auch eine diplomatische Mission zuteil geworden wäre. Es ist daraus zu schließen, daß die Frage der Räumung mit der Ankunft WalderseeS in China in keinen Zusammenhang gebracht werden kann.

Eine Zweiteilung, von der also immer noch die Rede ist, dürste ihre ernsten Bedenken haben, denn wenn man sich aus sie einließe, so könnte jeden Augenblick irgend ein militärisches Ereignis eintreten, das eine ganz rasche Dis­lokation der Truppen nötig machte. Soll dann erst wieder der ganze große europäische Apparat in Bewegung gesetzt werden, um über eine Aenderung eines früheren Beschlusses zu beschließen, oder soll der Oberbefehlshaber, falls er bis dahin eingetroffen ist, das Recht haben, selbständig und ^hne weiteres Maßregeln anzuordnen, die mit einem früher gefaßten Beschlüsse der Mächte in Widerspruch stehen würden?

Noch eine ganze Reihe anderer schwer zu lösender Fragen würden durch den TeilungSplan aufgeworfen werden. Welche Truppen sollen in Peking bleiben, welche sollen nach Tientsin gehen, wer soll hierüber bestimmen, der Oberbefehlshaber oder die Mächte? Man sieht, daß durch eine Teilung der Truppen eine Reihe von Fragen aufgeworfen werden würde, die durchaus geeignet wären, die an sich schon ausreichend verwickelte Lage um neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten zu bereichern. Für die Operation in Petschili soll lediglich die militärische Notwendigkeit maßgebend sein.

Daily Chronicle" meldet aus Rom, der italienische Gesandte in Peking habe seiner Regierung mitgeteilt, die Lage erheische die Beibehaltung der Truppen in China.

Der Attache an der Berliner japanischen Gesandtschaft Dr. Midzuno erklärte in einer Unterredung über die China- frage, er glaube, eS sei in der gemeinsamen Aktion der Mächte ein Stillstand eingetreten. Er sei der persön­lichen Ansicht, daß die Mächte ihre militärische Auf gäbe, wenn auch nicht völlig beendet, so doch im Großen und Ganzen erfüllt haben, indem die Provinz Petschili, der Ausgangspunkt des Boxer-Aufstandes beruhigt sei, und daß die weiteren Schritte der internationalen Diplomatie zufielen. Ihre Aufgabe sei die, nun zur dauernden Sicher­ung der Verhältnisse eine Regierung einzusetzen, unbedingt mit dem Sitze in Peking. Zweckmäßig sei eS, den Kaiser auf dem Throne zu belassen, denn er sei beliebt und ge­achtet bei dem Gros des chinesischen Volkes und ein unter den gegebenen Verhältnissen fast zu fortschrittlich gesinnter Mann. Aber äußerst wichtig sei eS, ihn der Einflußsphäre der Kaiserin-Witwe zu entziehen, und jene gänzlich unschäd­lich zu machen. Von dem Eintreffen des Grafen Walder­see verspricht sich der Diplomat einen großen moralischen Einfluß auf das chinesische Volk und seine Würdenträger. Die japanische Regierung denke gar nicht daran, dem russischen Vorschlag auf Räumung Pekings bedingungslos zuzustimmen. Er selbst sei der Ansicht, daß eine Zurück­ziehung der Truppen aus Peking den Erfolg der ganzen Aktion in Frage stellen würde. Man könne den Chinesen nur in ihren eigenen Mauern Bedingungen diktieren und nur unter dem Schutze der vereinigten Truppen Maßregeln zur dauernden Sicherung der Verhältnisse ergreifen. Japan werde feine Truppen nur dann aus Peking zurückziehen, wenn dies alle Mächte thun sollten.

Der New 9)orfer Korrespondent desGlobe" berichtet, das französische Staatsministerium habe eine Mitteilung aus Petersburg erhalten, worin Rußland ankündigt, es werde ein unabhängige Haltung entnehmen und seine Truppen aus Peking und der Provinz Petschili z u r ü ck z i e h e n. Weiter meldet man aus Paris: Die Einverleibung des rechten Amurufers ein­schließlich des dazu gehörigen Gebietes im asiatischen Ruß­land gilt in informierten Kreisen als sicher, doch wird Rußland, um fein Ziel zu erreichen, die Mächte keineswegs vor diese brutale Thatsache stellen, sondern dieses Zu­geständnis für s e i n e N a ch g i e b i g k e i t a u f a n d e r e n Gebieten verlangen und wie man annimmt, er» halten. (?) Es verlautet, daß sich die Mächte über die vollständige Schleifung der Pekinger Be­festigungen einig geworden seien.

DieZentral-News" melden aus Shanghai: Die fran­zösischen Truppen in Peking organisieren eine Expedi­tion, um deu von den Boxern in C h i n g -1 in g - s H belagerten Missionaren Hilfe zu bringen.

Vom deutschen Gesandtschaftsarzt, Stabsarzt Dr. Velde, ist aus Ursache des Todes des ermordeten Gesandten Frhrn. v. Kettel er ein Schuß in den Hals festgestellt worden, der unmittelbar darauf den Tod herbeigeführt haben muß. Der Mord wurde gegen 9 Uhr vormittags ausgeführt. Tie Gesandten hatten für 9 Uhr um eine Unterredung im Tfungli-Yamen nachgesucht, um gegen die von der chinesischen Regierung über das diplo­matische Korps verhängte Ausweisung Einspruch zu er­heben, bekamen aber auf das Audienzgesuch kernen Bescheid und unterließen lediglich deshalb, nicht aus Besorgnis vor Angriffen die den Umständen nach nicht zu vermuten waren, ihren Besuch Sie hatten auch Freiherrn v. Ketteler nicht gewarnt, als dieser infolge anderweitiger Verab­redung das Tfungli-Yamen allein aufsuchen wollte. Bei der Bestattung des deutschen Gesandten fungierte als Geistlicher der Generalvikar Tarlins. Der amerikanische Gesandte hielt eine ergreifende Ansprache. Das diplo­matische Korps und die fremden Detachements waren voll­zählig anwesend.

Legatiousrat v. Below in Peking hat an seinen Vater einen Brief gerichtet, worin er eine Schilderung der durchlebten Sch recke ns tage giebt.Mit noch fütr anderen Herren hatten wir uns ein kleines Zimmer, das kaum sechs Meter im Geviert war, als letzten Zufluchtsort ausgesucht und mit allen möglichen aufzutreibenden Re­

volvern und anderen Schießwaffen ausgerüstet. In der Mitte stand ein Pulverfaß, mit dem wir uns beim Eindringen der gelben Mörderbande, um ihr nicht lebend in die Hände zu sollen, in dieLuft sprengen wollten. Doch^, Gott sei Dank, blieb uns diese ultima ratio erspart, und das Nähere über unsere Befreiung habt ihr schon, aus den telegraphischen Berichten gehört!"

* N *

Nach einer Meldung aus Wilhelmshaven sind die a us China zurückgekehrten Truppen am 8. d. Mts. aus dem dortigen Bahnhof eingetroffen und wurden von einer großen Menschenmenge empfangen und mit Musik in die Kasernen gebracht.

DerRhein. Kur." bringt eine Meldung, die darauf schließen läßt, daß die deutsche Artillerie in China binnen kurzem entweder verstärkt oder ergänzt werden soll. Die Meldung lautet: Das Bezirkskommando erläßt eine Bekanntmachung, in der Offiziere des Beurlaubtenstandes sowie Offiziere z. D. und a. D. der Fußartillerie, bie bereit find, bei dem Expeditionskorps in China einzutreterr aufgefordert werden, sich bis spätestens 13. September auf dem Bezirkskommando zu melden.

Eine Hamburger Korrespondenz meldet aus Kre l vom 8. d. Mts.: Die Militär-Verwaltung ließ heute vormittag Munition, die von Friedrichsort mittelst Dampfer nach dem Kieler Hafen befördert worden war, vom Schiff in Eisenbahn-Waggons verladen. 48 Waggons sollten nach Bremen befördert und dort auf nach China gehende Schiffe gebracht werden. Nachdem 8 Eisenbahn-Waggons gefüllt waren, erhielt die Militär-Verwaltung ein Telegramm mit der Weisung, sofort mit der Verladung aufzu­hören.

* * *

Telegramme des Gießener Anzeigers.

Berlin, 10. September. Wie man von besonderer Seite erfährt, hat die Leitung der deutschen Politik ihren Standpunkt in bestimmter Weise dahin präzisiert, daß an eine Zurückziehung der deutschen Truppen aus Peking nicht eher zu denken sei, vls bis von einer chinesischen Regierung, die zugleich die Garantien der Be­ständigkeit bieten müßte, voll st e Genugthuung für das Geschehene erlangt worden sei. Dieser Politik hat die englische Regierung in positiver Form ihre be­dingungslose Kooperation zugesagt.

Köln, 10. September. DieKölnische Zeitung" meldet aus Berlin: Der japanische Vertreter in Shanghai hat einem Kollegen die Mitteilung gemacht, daß auch Japan sich an der Besetzung von Shanghai mit Landtruppen beteiligen werde. Bei ihrem Eintreffen wird eine Abteilung von japanischen Matrosen und Seesoldaten in der Stärke von 600 Manu gelandet werden.

London, 10. September. Aus Schantung wird ge­meldet: Ein Missionar wurde auf offener Straße von Eingeborenen angegriffen und nur durch das recht­zeitige Eintreffen europäischer Soldaten gerettet. Man ver­sichert hier, daß die Franzosen Kwang-Chouan angegriffen und daß die Mandarinen in ihrer Angst die Fremden ersucht haben, nicht in die Stadt einzudringen.

London, 10. September. Die Blätter drücken die Ansicht aus, daß die Unterhandlungen der Großmächte über die China-Frage zu internationalen Verwickelungen führen könnten. Sie stellen dabei fest, daß England augen­blicklich wegen des südafrikanischen Krieges sich in einer schlechten Situation befindet.

Paris, 10. September.Siecle" veröffentlicht ein Telegramm aus Petersburg, nach dem bei Blagowescht­schensk 3000Chinesen, die sich nicht an dem Kampfe beteiligt hatten, von den Russen in den Amurfluß ge­drängt wurden, wo sie sämtlich ertranken.

Rom, 10. September. Direkte Meldungen aus Peking sagen, daß die Kommandeure der verbündeten Truppen entschieden gegen die geplante Uebergabe der Stadt an" die Chinesen sich ausgesprochen haben. Die Zustände in Peking seien derart, daß eine solche Maß­regel zu weiteren Unruhen führen müßte. Die von der Be­völkerung fortgesetzt feindliche Haltung erfordere, daß fast täglich Exekutionen an Boxern vollzogen werden.

Tokio, 10. September. Da die Sicherheit in Amoy wiederhergestellt ist und die chinesische Regierung sich ver­pflichtet hat, die Fremden zu schützen, wuroeu die japan­isch e n T r u p p e n am 7. ds. wieder zurückgezogen.

Der Krieg in Südafrika.

Emer Depesche des Feldmarschalls Roberts zufolge haben die Generäle Dundonald und Brocklehurst Lyden» burg am Donnerstag (6.) besetzt. Die Buren gingen teils nordwärts, teils ostwärts, ihre Geschütze und Vorräte wurden nach Krügers Post gesandt. Es ist also Botha nicht möglich gewesen, die Nmgehungsbewegung der Engländer zu verhindern. Jan Hamilton, der Führer der Umgebungskolonne, der übrigens Dnllstroom schon am