Ausgabe 
11.9.1900 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 212 Erstes Blatt. Dienstag den 11. September 15V. Jahrgang LSQ«

1ck,Nch atü bei

Du «*wr faiiUhalUHte Bwrbro bm Anzeiger ta W-M mitM- BwbMh-T M.

Mr H- MMunbt* «GM. **! ktfdtflt

Gießener Anzeiger

ASezugsprei» virrteljährl. Mk 2M monatlich 75 Psg. mit Bringcrlohn) durch dir Abholkstelle» v^erteljährl. Mk. l,St monatlich 66 Pfg.

Bri Postbezug Mk. 2,40 viertkljätzaE. mit Bestellgeld.

S*c*N*< ** Anzeigen zu der nachmittag» fit baa Heg Nchcheinenden Nummer M »arm. LO Ahe. ÄMMhwfJH spätesten- *ebt vorher.

General-Anzeiger

Ale Lnzeigen'vermittlunß-fiellen des In- und Au-laadaM nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegM, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

Anita» Uttb Anzeigeblatt für Sen Nreia Gieße«.

W**, «S-ediNan und »cu*t*i:

>r. L

OrMsdeilaze«: Gießener Famiüenbiätter, Der hessische Landwirt, Matter für heMche UMstmudr.

Adresse für Depeschen: Anzeiger chiäßM« Fernsprecher Nr. 5L

Kmttüher Geil.

G.ießen, den 9. September 1900.

Betr.: Das Auftreten von Blatternerkrankung unter fremdländischen Arbeitern.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises, Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 0. August 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 186) noch nicht nachgekommen sind, werden wiederholt an deren Erledigung binnen fünf Tagen erinnert.

I. V.: Dr. Wagner.

Volitische Wochenschau.

In der chinesischen Frage ist die amerikan­ische Negierung angesichts ihrer Verwerfung der in der russischen Note enthaltenen Vorschläge jetzt bereit, den Mächten einen G e g e n v o r s ch l a g zu unterbreiten, dessen Wortlaut im Kabinettsrat zu Washington bereits ent­worfen Wurde. Jedoch verlautet, die Negierung Mc. Kinleys wolle ihren Plan nicht eher den Mächten vorlegen, bis sie amtlich unterrichtet sei, wie Rußland sich stellen würde, falls die Mächte ihn verwürfen. Indes ist es wohl sicher, daß Rußland in den größten Teil der amerikanischen Anregungen einwilligen wird, da die Frage, welcher Teil der Truppen in Peking bleiben solle, bereits Gegenstand von Unterhandlungen ist. Es ist anzunehmen, daß in den nächsten Tagen wichtige Entwicklungen stattsinden werden, die die jetzigen Reibungen beenden und die Einsetzung eines internationalen Ausschusses zur Feststellung der von China zu verlangenden Entschädigungen beschleunigen werben. Der amerikanische Vorschlag, der den Grund­zügen des deutschen Planes folgt, geht dahin, daß die verbündeten Truppen in Peking verbleiben fvllen.

Obwohl man jetzt Verbindung mit Peking hat, stockt der Nachrichtendienst noch immer in der seltsamsten Weise. Taku ist mit Tschifu und dadurch mit Europa neuerdings drahtlich verbunden, dennoch kommt auf diesem Wege nur wenig neues zu uns. Zwischen Taku und Peking aber giebt es einen höchst mangelhaften Meldedienst. Ob die Wege zwischen beiden Orten so schlecht sind? Der ehemalige Gesandte v. Brandt berichtet, nnd der muß es doch wissen, daß Karren in einem Tage von Tientsin nach Peking ge­langen können, reitende Boten werden den Weg von Taku nach Peking und umgekehrt also in zwei Tagen machen können. Aber dieser Weg wird überhaupt nicht zur Nach­richtenvermittelung benutzt. Ist er zu unsicher? Man muß es annehmen und deshalb wünschen, daß bald weitere Truppen eintreffen, um den Weg völlig zu sichern und den Telegraph zu überwachen. Jetzt gehen die Draht­meldungen aus Peking durch chinesische Hände über Tsinanfu! Welch ein Hohn! Man kann sich denken, daß die Herren Chinesen sich Mühe geben, den Dienst zu ver­langsamen und so den fremden Regierungen Verlegen­heiten zu bereiten.

Die Kaiserinwitwe hält sich jetzt nebst der Regierung in Taiyuenfu, der Hauptstadt von Schansi, auf, bei einem Gouverneur, der hinterlistig über fünfzig Europäer, da­runter viele Missionare, in sein Aarnen gelockt haben soll, angeblich, um sie zu schützen, um sie dann aber niederhauen zu lassen. Er verlange jetzt für diese Ver­brechen von der Kaiserin noch Belohnung. Die Kaiserin hat eine Kommission ernannt, die mit den Mächten wegen des Friedens verhandeln soll. Die Zusammensetzung dieser Kommission ist eine Verspottung der Mächte. Diese ver­langen bekanntlich als Bestandteil der Sühne für die Ermordung der Fremden die Bestrafung der Schuldigen. Zu diesen Schuldigen gehören aber gerade Yunglu und Hsütung, die zu Mitgliedern der chinesischen Kommission ernannt worden sind. Rilßland, das zur unwürdigen Mäßigung gegenüber dem chinesischen Hochmut rät, trägt die Hauptschuld daran, daß die Chinesen so etwas den Mächten zu bieten wagen.

Im Pachtgebiet von Kiautschou hat der erste Zu­sammenstoß deutscher Truppen mit einigen hundet Boxern stattgefunden; möglicherweise werden die zahlreichen deut­schen Soldaten, die jetzt in China fällig sind, also in Schantung zum Teil wenigstens Arbeit finden. Jm Yangtse- gebiet ist es auch unruhiger geworden, und Pessimisten künden schon innerhalb eines Monats einen großen fremdenfeindlichen Aufruhr an. Bei Shanghai liegt jetzt das stärkste deutsche Kriegsgeschwader, das jemals im Aus­lande zusammengezogen worden ist; es soll aber in nächster Zeit nach Taku gehen.

Inzwischen ist difficile est satiram non scribere das Werk der Haager Friedenskonferenz zum Abschlüsse gelangt. Am 4. September erfolgte die Nieder­legung der von den Mächten unterzeichneten Protokolle

im niederländischen Staatsarchiv. Wie wenig das Werk vollendet ist, das man mit so viel Pomp ankündigte, zeigen die unter wesentlichen Beschlüssen der Konferenz mangeln­den Unterschriften wichtiger Staaten. Dem internationalen Schiedsgericht haben sie ja alle zugestimmt, die meisten aber wohl in der Erwartung, daß er doch nicht praktisch zur Geltung kommen werde; hat es doch gleich versagt in der südafrikanischen Angelegenheit, wo England den Krieg vorzog und es niemand gab, der es daran gehindert hätte. Die Grundsätze von Humanität im Landkriege haben den Amerikanern nicht gepaßt und sind von ihnen nickst unterschrieben worden. England allein hat bezeichnender Weise seine Zustinnnung zu dem Verbot versagt, Explosivgeschosse aus Luftballons zu werfen, Ge­schosse anzuwenden, die eine erstickende Wirkung üben, oder mit Dumdumkugeln zu schießen. England aber mar­schiert nach wie vor an der Spitze der Humanität! Da es nicht gelingt, d.as chinesische Riesenreich zu annektieren, versucht England es zuerst einmal mit der kleinen Trans­vaal-Republik, aber vorläufig ist es notiji nichts mit der Zähmung der Widerspenstigen", selbst die Rosen dieser Besitzergreifung sind, wie Lord Roberts und die Engländer erfahren, nicht ohne Dornen. Denn diese An­nexion steht lediglich auf dem Papier, das ja bekannt­lich geduldig ist. Sie ist nicht nur völkerrechtswidrig, da man nur ein Land annektieren kann, das man erobert hat, sondern sie ist auch ein lächerlicher Akt, denn thatsächlich ist noch nicht ein Viertel der Transvaal-Republik in den Händen der Engländer. Es ist anzunehmen, daß die Buren weiter das ihre thun, um die Feinde nickst leichten Kaufes in den Genuß ihrer Annexion gelangen zu lassen. Viel­leicht gehören auch dieTeilung Chinas" und diePazi­fizierung Südafrikas" zu den Problemen, die wie das Schicksal deskranken Mannes" in der Türkei als per­manente Ladenhüter der Geschichte figurieren. Er, der schon vor längeren Jahren totgesagt wurde, erfreut sich wie alle Totgesagten eines zähen Lebens. Und als soeben der Sultan sein fünfundzwanzigstes Regierungsjubiläum beging, zeigte die Haltung der Mächte, daß der Glaube an die allmähliche Auflösung des osmanischen Reiches zu den überwundenen Vorurteilen der europäischen Politik gehört.

Im Zeichen der Auflösung steht zurzeit auch die Politik in unserem Nachbarlande O e st e r r e i ch, wobei es sich freilich nur um die Auflösung des Reichsrates handelt, die dem Kabinett Körber als der Weisheit letzter Schluß erscheint, um einen Ausweg aus dem Labyrinth der politischen Wirren zu finden. Allzu tiefgründig ist diese Weisheit freilich nicht und ob die Losung der Auflösung eine Lösung des politischen Problems in Oesterreich zu bringen vermag, das scheint noch sehr die Frage zu sein.

Die G en e r a l v e r s a m m l u u g der Katholiken Deutschlands ist in der verwichenen Woche abgehalten worden. Das Ausland hatte, wie immer, wenn die deut­schen Katholiken gerade am Rheine Generalmusterung hal­ten, manchen Vertreter geschickt. Während in den ge­schlossenen Versammlungen in hergebrachter Weise eine Reihe Anträge erledigt wurden, reihten sich in den öffent­lichen zahlreiche Reden aneinander, die naturgemäß teil­weise auf jene Anträge Bezug nahmen, so z. B. in der römischen Frage. Die Reden berührten alle Gebiete, die dem Katholiken als solchem, zumal unter Berücksichtigung der Zeitverhältnisse nahe liegen, seien sie religiöser, poli tischer, wirtschaftlicher oder sozialer Art. Professor MauS- bach hielt eine bemerkenswerte Rede über Freiheit nnd Autorität.Den Mann kann das Zentrum brauchten", sagte ein liberales Blatt von dem Landwirt Blum, der über Lage und Bedürfnisse der Landwirtschaft sprach. Rechts­anwalt Fehrenbach sprach über die Notwendigkeit der Teil­nahme der Katholiken am höheren Studium, lvobei auch die Frage, ob seminaristische Konviktsbildung ober auch Universitätsstudium für die katholischen Theologen berührt wurde. Pfarrer Dr. Wnrm verbreitete sich über die Kirche an der Jahrhundertwende, Abg. Roeren über den Schutz der Jugend gegen die Auswüchse in Kunst und Belletristik. Abg Lieber hielt die Schlußrede. Neben der General­versammlung hielt, wie alljährlich, der Volksverein für das katholische Deutschland seine Hauptversammlung ab. Wo die Heerschau der deutschen Katholiken im nächsten Jahre stattfindet, ist noch unbestimmt.

In Rom tagte seit dem 2. September der 17. itaUe - nische Katholiken kongreß. Kongreßraum war, wie das in Italien gebräuchlich, eine .Arche, die zu St. Apollinarios. Das Laienelement hat dort nur ein recht schwaches Interesse für solche Veranstaltungen; der Klerus bildete die überwiegende Mehrzahl.

Politische Tagesschau.

Die Einberufung des deutschen Reichstages soll, wie die Tägl. Rundschau" von zuverlässiger Seite erfahren haben will, für den 16. Oktober erfolgen. DieTägliche Rundschau" fügt selbst hinzu, daß sie für den Augenblick

die Richtigkeit dieser Meldung nicht kontrollieren könne. Wie dieDtsch. TageSztg." erfährt, ist über den Tag der Einberufung zurzeit noch nichts EndgiltigeS bestimmt worden. Der einzig richtige Zeitpunkt der Ein­berufung war der Juli oder vielleicht noch der Anfang August. Nachdem einmal dieser gegebene und eigentlich selbstverständliche Zeitpunkt versäumt worden ist, kann eS jetzt auf eine Woche früher oder später kaum mehr an« kommen. Die Regierung wird nicht nur die Berant« wortung allein tragen, sondern sich auch den Vorwurf gefallen laffen müffen, daß sie auf den zweiten Faktor der Gesetzgebung nicht die Rücksicht genommen habe, aus die er berechtigten Anspruch hat. Zu einer außer­ordentlichen Tagung den Reichstag jetzt auf kurze Zeit zusammenzuberusen, würde kaum noch zweckmäßig sein. Die Negierung wird gut thun, BeratungSstoffe vorzubereiten und den Reichstag nunmehr so bald wie möglich zu seiner ordentlichen Tagung einzuberufen.

Der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins hatte auf Grund von Beschwerden, die über die Behandlung der deutschen Sprache in unseren Kolonien laut geworden waren, Hrn. v. Liebert, den Gouverneur von Deutsch- Ostafrika, um einen Bericht gebeten, der in der September­nummer derZeitschrift des Sprachvereins" abgedruckt ist. Der Gouverneur bezeichnet es als rätselhaft, wie die Deut­schen in Afrika in den Verdacht der Engländerei gekommen seien. Herr v. Liebert sagt u. a.:

In unfern sehr stark besuchten und Ausgezeichnetes leistenden NegierungSschulen wird überall Deutsch gelehrt, und von dort auS wird sich unsre Sprache sehr langsam, aber stetig ihren Weg durch das Land bahnen.frell Dir im Stegerkranz" wird den Kindern weidlich eingepaukt; denn sie müssen selbstverständlich unsere National­hymne fingen können. AlS ich kürzlich mit dieser Hymne begrüßt wurde, hörte ich von der einen Strophe deutlich die Laute:Hasoha detiim Fatalam, das sollte heißen:Herrscher des Vaterlands". Nach solchen Erfahrungen begünstige ich die Bemühungen unsrer Lehrer, die unsre schönen deutschen Lieder in Suaheli übersetzen, und freue mich, wenn ich von den Kindern auf der Straße unsre Melo­dien, wieDer Mai ist gekommen",Der Lindenbaum" u. a. im Suaheli vortragen höre. Die Neger sind sehr musikalisch, lieben den Gesang sehr und werden durch solche Lieder an unsre Denkweise gewöhnt. Die in der Kolonie von früherer Zett her befindlichen zahlreichen englischen MtssionSanstalten sind streng gehalten, sich, da säst kein Engländer Deutsch versteht, nur der Landessprache zu be­dienen. Stundenplan, Lehrbücher usw. sind nur in Kisuahili ge­stattet. Auch der Verkehr mit den deutschen Bezirksämtern wird in Kisuahili geführt. Als ich die hiesigen Geschäfte übernahm, wurde ich von dem britischen Generalkonsul in Sansibar ausgefordert, mit ihm französisch zu verkehren. Ich lehnte die« höflich ab und be- merkte, seit den Zetten des Fürsten BtSmarck set die deutsche Sprache in den internationalen Verkehr etngrführt, ich bäte ihn, mir englisch zu schreiben, ich würde deutsch antworten. Ebenso sind alle mir unterstellten Offiziere und Beamten angewiesen, ,tm Verkehr mit dem britischen Protektorat, mit Uganda, dem Kongostaat und Britisch- Zentralasrika sich ausschließlich der deutschen Sprache zu bedienen.

Wie viel Wert an maßgebenden Stellen der Pflege der deutschen Sprache beigelegt wird, geht nicht nur aus dem von uns bereits mitgeteilten Schreiben des Staats­sekretärs Grafen Bülow an den Vorsitzenden des Sprach­vereins hervor. Wir erfahren aus der neuesten Nummer der Zeitschrift des genannten Vereins, daß der hessische Staatsminister, Dr. Rothe, neuerdings ebenfalls dem Sprachverein beigetreten ist.

Bemerkenswert ist auch folgende Mitteilung, die Geh. Hofrat Prof. Dr. Behaghel in Gießen als Beispielfür den vortrefflichen Geist, der unsere hessischen Beamten auch in sprachlichen Dingen beseelt," in dieser Zeitschrift veröffentlicht:

Einer der höchsten Staatsbehörden war der Entwurf einer Dienst­anweisung vorgelegt worden. Ihr Gutachten enthielt an hervorragender Stelle den Satz:Es dürfte sich empfehlen, wie dies auch in vielen neuen derartigen Erlaßen geschehen ist, alle Fremdwörter, die durch gangbare deutsche Wörter ersetzbar erscheinen, auszu- merzen und an ihrer Stelle die deutschen Ausdrücke zu wählen."

Prozeß Jsraelski.

Könitz, 8. September.

Um 9 Uhr begannen die Verhandlungen. Jsraelski versichert seine Unschuld. Er will zwar auf der Mühlen- straßc beim Landgericht gewesen sein, jedoch nicht die Schützenstraße zur, Fundstelle entlang gegangen sein. Bäcker meister Lange sagt aus über das Verschwinden des Winter und das Auffinden der Leichenteile im Mönchsee. Bauunternehmer Winter, der Vater des Ermordeten, bestätigt diese Aussage und erzählt von einem ihm aus Hammerstein zugegangenen anonymen Schreiben, das ihm 50000 Mk. bietet, wenn er in der Zeitung erklären wolle, die Juden seien nicht die Mörder seines Sohnes. Der Brief befindet sich in den Händen des Abg. v. Lieber­mann. Zeugin Frl. Lange. Nach dem Herausnehmen des Rumpfes aus dem See sei blutgefärbtes Wasser dem