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11.8.1900 Zweites Blatt
 
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Samstag den 1L August

Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger

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Die Leichenfeierlichkeit tu Rom.

Am Donnerstag moraen um halb sieben Uhr traf der Sonderzug mit der Leiche des Königs in Rom ein. Sie wurde geleitet von den Neffen des Königs, dem Herzoge von Aosta und dem Graf von Turin, dem Präsidenten des Senats und der Kammer. Der König war zum Empfang erschienen. Der Sarg wurde von acht Königskürrassieren in das Vestibül des Bahnhofs, das in eine Trauerkapelle verwandelt worden ist, getragen. Sämtliche Fahnen der italienischen Armee bildeten einen Kreis um den Katafalk. Dann trat der Pfarrer des Quirinal-Sprengels vor und segnete die Leiche. Um sieben Uhr wurde der Sarg auf eine von acht Pferden gezogene Lafsette gestellt und der Zug setzte sich in Bewegung. In der ganzen Trauerstraße bildete Militär Spalier. Der Platz vor dem Bahnhof, dessen Facade selbst ganz schwarz ausgeschlagen, war mit langen Masten, an denen schwarze Fahnen hängen, gesäumt. Am Eingang der Bia Nazionale befand sich über der Straße ein Baldachin. Der Anblick der Straße war ein feierlicher. Die meisten Balkone waren schwarz ausgeschlagen, alle Fenster und Dächer besetzt. An den Eingängen der Quer­straßen staute sich eine drängende Masse.

Die Spitze des Zuges bildeten berittene Carabinieri, Kavallerie, Artillerie, Alpenjäger und andere Truppen. Die Bank von Italien machte einen besonders feierlichen Eindruck. Die Gaslaternen waren umflort, vom Kapitol tönte die Stadtglocke, dazwischen donnerten die Kanonen vom Monte Mario. Den jugendlich schönen Kadetten­gestalten der Kriegs- und Marineschulen folgte eine riesige Gruppe von Offizieren aller Waffengattungen, Repräsen­tationen wissenschaftlicher Institute und Richterkollegien. Wahre Wunderwerke von Kränzen passierten vorüber. Es folgten Abordnungen der großen Städte mit ihren Stadt­bannern. Besonders schön war Rom mit seinen mittel­alterlich kostümierten Beamten. Darauf erschienen die höchsten Staatsbeamten ein Wandelpanorama blitzender Uniformen, die Mitglieder des Senats und der Kammer im Frack, mit Orden geschmückt, zwei Begräbnisbruder- schasten in grauen und braunen Kapuzen, Kerzen in den Händen tragend, Franziskaner, Weltgeistliche im Ornat, gleichfalls mit Kerzen, dann die Minister. Diesen folgte eine malerische Gruppe der Palatinalkirchen, worunter prächtige Prälatentypen.

Zu Pferde nahte der Generaladjutant Avogadro mit dem Degen des Verstorbenen, darauf der Sarg mitder Leiche des Königs, umgeben von den Präsidenten des Senats und der Kammer, sowie den höchsten Würden­trägern. Dann General San Marzano mit der eisernen Krone und das Pferd Umbertos am Zügel geführt. Dahinter schritt allein der König, bleich, aber frei und würdig. Bei seinem Anblick drängte das in den Querstraßen sich stauende Volk unruhig vor. Der König zog ein Taschentuch, und winkte Ruhe das half. Hinter ihm schritten die Prinzen des Savoyischen Hauses, Vertreter der fremden Höfe, eine glitzernde und blendende Wandelschau aller mög­lichen phantastischen Uniformen. Der Corso glich einer Feststraße. Die Palazzi des Corso trugen guten Schmuck. Auch hier wurde das soldatisch ungezwungene Benehmen des jungen Königs freundlich bemerkt. Hinter der Gruppe der fremden Repräsentanten defilierten die Regiments- sahnen, etwa 400 mit ihren Ehreneskorten, dann in unend- lrcher Folge Vertreter der kleineren Städte, patriotische Vereine, Arbeiter-Vereine mit unzähligen Feuerwehr- Eskorten, Bannern, Flumen, Kränzen und schweren, Brouce- N-änzen auf prächtigen Kissen. Eine poetische Note brachte die Abordnung der mittelalterlichen Bannerträger der be­rühmten Contraden von Siena hervor. Auf der malerischen Piazza Colonna, die einem Meer von Menschenköpfen glich, bildete Kavallerie Spalier. Am Palazzo Borghese bog der Zug links um nnd ging auf einem Umwege zum Pantheon das der Königssarg um halb zehn Uhr erreichte Es ent­wickelte sich eine malerische Szene. Der Glanz der Uni­formen kontrastierte mit der Facade des antiken Tempels der ganz schwarz behangen war. Es entstand ein kleines Gedränge, als dervSarg von den Königsgardisten abgehoben wurde. Die Fürstlichkeiten traten in den Tempel ein, wo sie von den beiden Königinnen und dem Doyen aller italien­ischen Erzbischöffe, Reggio von Genua, einem 83 jährigen Greise empfangen wurden.

Die Königin Margherita erwartete bleich und in Thränen gebadet im Pantheon die Leiche des Königs Humbert. Nachdem sie einige Worte mit dem dort weilenden Bischof gesprochen hatte, kniete sie in Gemeinschaft mit der Königin Helene unb den anderen Prinzessinnen nieder und vertiefte sich ins Gebet.

Das JnneredesPantheon war künstlerisch, aber so ausgeschmückt, daß die Linien des Baues hervortraten. In der Mitte des Tempels erhob sich ein etruskisch-röm­ischer Katafalk, rot ausgeschlagen. Darüber eine baldachin- «leiche Riesenkrone, von der lange, schwarze Tuchbänder herabhingen. Im Innern der Krone brannten elektrische ^Lampen, die den Katafalk magisch beleuchteten. Andere

Lichteffekte entstanden dadurch, daß im Hintergründe der schwarz behangenen Kapelle andne elektrische Lampen­bündel Licht ausstrahlten.

Der Sarg wurde in den Katafalk gebracht und durch einen Aufzug in die Höhe gezogen, dann sprach der Erz­bischof von Genua die Absolution, worauf das Requiem begann unter musikalisch^ Begleitung eines un­sichtbaren Chors von 180 Stimmest, die von Mascagni dirigiert wurden. Der Gesang totere Lichteffekle erzeugten eine mystische Stimmung. Die Messe endete nach einer halben Stunde. Das Königspaar kehrte nach dem Quirinal zurück, während der Trauerzug noch fortdauerte. Derselbe wurde erst gegen 11 Uhr aufgelöst.

Als der Zug die Via Nazionale herabstieg, brach im Thorweg eines Hauses eine Tribünezusammen. Das veranlaßte eine Panik gerade in dem Augenblicke, als der König vorüberkam. In der ersten Aufregung sprangen die Prinzen des Königshauses zusammen mit den mon­tenegrinischen Offizieren herzu, den König umringend, um ihn mit gezogenem Degen gegen das flüchtende Volk zu schützen. Der König blieb kaltblütig und winkte dem Publi­kum mit dem Taschentuch, um es zu beruhigen. Bei dem Zwischenfall wurden 60 Personen verwundet.

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In Berlin fand Donnerstag vormittag halb elf Uhr in der Hedwigskirche eine feierliche Messe für König Humbert statt. Das Portal und das Innere der Kirche waren mit Flor und Blattpflanzen dekoriert. Unter dem zahlreichen Publikum befanden sich viele Mit­glieder der italienischen Kolonie, die Botschafter von Ruß­land, England und Frankreich, die Minister v. Studt und Schönstedt, die kommandierenden Generale v. Bock und v. Liegnitz, die Hofwürdenträger und die Herren des kaiser­lichen Hauptquartiers. Der Botschafter Lanza geleitete den Kronprinzen und den Prinzen FriedrichHein- rich in die Kirche. Probst Neuber zelebrierte unter Mitwirkung des Kirchenchors die Messe. Gegen halb zwölf Uhr war die Feier beendet.

* *

Rom, 9. August. Der Graf von Turin begab sich heute nachmittag nach dem Pantheon, um den Prinzen Heinrich dort zu empfangen, der im Namen des Kaisers Wilhelm einen Kranz auf dem Sarge des Königs Hum­bert niederlegte. Prinz Heinrich ist mit Gefolge heute abend nach Deutschland zurückgereist. Heute nachmittag war dem Publikum der Zutritt zum Pantheon ge­stattet. Der Andrang war so außerordentlich stark, daß das Gitter geschlossen werden mußte, um Unfälle zu ver­hindern. f "-§!

Die Wirre» in China.

Heute liegt eine Reihe von Nachrichten vor, die sich als eine entschiedene Besserung der für europä­isches Empfinden nachgerade niederdrückend wir­kenden Luge kennzeichnen. Durch die Ernennung des Grafen v. Waldersee zum Oberbefehlshaber der ver­bündeten Truppen in China scheint so viel festzustehen, daß die Mächte sich entschlossen haben, endlich einen Ober­befehlshaber zu ernennen, und dieser Entschluß allein be­deutet einen gewaltigen Fortschritt, der mit Freuden zu begrüßen ist. Wenn ein deutscher Heerführer als berufen erachtet wird, die Zivilisation zum Siege zu führen, so ist das eine Ehre, die man in Deutschland zu würdigen wissen wird. Es darf, ohne daß man sich der Uebertreibung schuldig macht, behauptet werden, daß eine solche Wahl eine Anerkennung deutscher Kr i e g s t üch t i g- feit ist: darüber hinaus aber darf sie auch aufgefaßt werden als ein Ausdruck des Vertrauens zu der Rechtlich­keit und Ehrenhaftigkeit der deutschen Diplomatie, die sich stets bemüht hat, dien Grundsatz, ausschließlich! deutsche Interessen zu verfolgen, mit dem Bestreben zu vereinigen, dabei keine berechtigten Interessen anderer zu verletzen. Mit der Ehre fällt durch einen solchen Entscheid der Mächte auch ein großer Teil Verantwortung dafür auf unsere Sckiultern, daß dieser Feldzug ins Unbekannte, in dem so viele verschiedenartige und verschiedensprachige Fak- toran einzusetzen sind, zu einem guten Ende geführt werde. Soweit diese Verantwortung nach Meinung der Mächte aus der Thatsache entspringt, daß Deutschland infolge der Er­mordung seines Gesandten die zuerst und, bis jetzt wenig­stens, am schwersten gekränkte Macht ist, und daß es das Wort seines Kaisers dafür verpfändet hat, diese Schand- that zu sühnen und zu rächen, soweit wird die deutsche Regierung sich dieser Verantwortung um so weniger ent­ziehen wollen, als sie sicher sein darf, daß sowohl Graf Waldersee wie die deutschen Truppen ihr bestes Können und ihre äußersten Kräfte einsetzen werden, um das Wort des Kaisers einzulösen.

Auf die Chinesen wird es wahrscheinlich einen heilsam schreckenden Eindruck machen, daß einem Deutschen der Oberbefehl über die Truppen der Michte anvertraut wurde;

denn sie haben die Empfindung, daß sie sich an Deutschs land durch die Ermordung des Freiherrn v. Kettcler auss schwerste vergangen haben; sie werden die deutsche Führung mit Recht dahin deuten, daß angesichts solck>er Verbrechen alle Mächte gegen sie einig dastehen, und erkennen, daß ihre bisherigen für Europa beschämenden Spekulationen auf die Jnteressenverschiedenheit der Mächte nutzlos sind. Sofern sie überhaupt von Deutschland eine Ahnung haben, wissen sie überdies, daß es ein Land voller Soldaten ist, daß deutsche Kanonen und Gewehre gut schießen, und daß die militärischen Kenntnisse, denen sie neuerdings einige Erfolge verdankt haben, ihnen im wesentlichen von deut schen Militärlehrern beigebracht worden sind.

Die neueste Nachricht aus Peking geht bis zum 4. August, bis zum letzten Samstag zurück. Es ist eine in Wien eingetroffene chiffrierte Depesche des österreichisch- üngarischen Geschäftsträgers v. Rost Horn, die folgen dermaßen lautet:Das österreichisch-ungarische Gesandtschaftsgebäude nebst Inventar und Archiv ist am 27. Juli verbrannt. Wir verteidigten seit dem 20. Juni gemeinsam mit dem französischen Detachement das französische Gesandtschaftsgebäude, welches unausgesetzt aus Gewehren und Kanonen beschossen wurde. Ein Teil dieses Gebäudes ist durch Minen zerstört worden. Wir be­klagen folgende Verluste: Fregattenkapitän Thomann und drei Matrosen tot, Boyneburg und zwei Matrosen schwer- verwundet, jedoch bereits außer Gefahr. Seit dem 16. Juli blieben die Angriffe der Chinesen ohne intensivere Wirkung. Die chinesische Regierung sucht uns zur Abreise nach Tient­sin unter sicherem Geleite zu bewegen, wir sind jedoch auf dieses Anerbieten bisher nicht eingegangen." Diese De­pesche ist ein neues Zeichen der Hoffnung, daß es gelingen wird, die Belagerten zu befreien, zumal sie so wenig wie die des englischen Gesandten davon spricht, daß die Lebens­mittel knapp geworden sind. Ist dies aber nicht der Fall, so werden die Gesandten es zweifellos vorziehen, sich noch länger zu verteidigen, als sich Md die 200 Frauen und Kinder, die sie zu schützen haben, auf Treu und Glauben einemsichern Geleit" von Chinesen anzuvertrauen. Was die Beförderung der Telegramme aus Peking angeht, die in den letzten Tagen so zahlreich eingetroffen sind, so ist zu bemerken, daß die Bezeichnung der Abgangsstelle als Tsungliyamen", die einige von ihnen trugen, offenbar nicht richtig war. Diese Bezeichnung wurde dann tele­graphisch in Tsienyamen oder Tsinayamen und anderes berichtigt. Das alles bedeutet nichts, sondern ist als Tsinan Pamen wiederherzustellen, d. h. die Depeschen sind mit Regierungsboten nach Tsinan, der Hauptstadt von Schan- tung, gebracht und dort im Yamen (Regierungsgebäude) des Vizekönigs auf den Draht gegeben worden.

Eine Meldung aus Tokio vom 7. ds. bringt über das Gefecht bei P eit sang keine weiteren Neuigkeiten, legt jedoch endliche den Tag des Kampfes auf des 5. ds. fest. Die Depesche lautet: Die verbündeten Streitkräfte gingen in der Nacht zum 4. August zum Angriff gegen die etwa fünf Kilometer nördlich von Tientsin stehenden chinesischen Truppen vor. Der Kampf begann am nächsten Morgen um 3 Uhr 30 Min. früh. Nach siebeneinhalbstündigem Gefecht war der Feind geschlagen ;unb Peitsang besetzt. Die Russen hatten 500 Tote, die Engländer 50. Die Deutschen und Japaner hatten ebenfalls schwere Verluste, dieselben sind aber noch nicht bekannt. Der Weg nach Peking wird nunmehr für offen ge­halten. Dom Chef des deutschen Kreuzergeschwaders, Vice-Admiral Bendemann, ist darüber nachstehendes. Telegramm, datiert Taku, den 6. August, eingegangen: Die verbündeten Streitkräfte haben am 5. früh morgens die chinesischeStellungbeiPeit sanggenommen. Von deutschen Truppen haben zwei Kompagnien unter Kapitänleutnant Philipp teilgenommen. Ein weiterer Vorstoß nach ^angtfun ist sofort beabsichtigt, um das dort beabsichtigte Zusammenziehen von chinesischen Truppen zu verhindern. Der Plan ging dahin, daß die englischen und die japanischen Truppen, in der Stärke von 12000 Mann, vom rechten Ufer des Peihoflusses aus vor­rücken sollten, die 5000 Mann zählenden Russen und Fran­zosen vom linken Ufer aus. Die Letzteren konnten aber nicht weiter gelangen, weil der Feind das Gelände unter Wasser gesetzt hate. Daher wurde die Besetzung von Peit­sang lediglich von den Engländern und Japanern unter­nommen. Die Verbündeten werden also jetzt auf Pang- fun marschieren. Wie derTimes" aus Shanghai vom 8. ds. gemeldet wird, werden dort am 12. d. Mts. drei indische Regimenter zum Seyutze der Niederlassungen in Shanghai gelandet werden. Dem Taotai von Shanghai ist versichert worden, daß die Besetzung nur eine keitweinge sein werde, solange die Unruhen im Norden andauern, axt Tcwtei sprach die Hoffnung aus, daß die Anzahl der Trup­pen nur auf das unbedingte Erfordernis beschrankt werden möge.

Aus New,York wird vom 9. August berichtet: Konsul Goodnow in Shanghai meldet, daß die Briten