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M. 159 Zweites Blatt Mittwoch de« 11. Juli
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Die Wirren in China.
Während nach einem Reuten Telegramm aus Shanghai die Legationen in Peking am 4. Juli noch standen, will der Shanghaier Korrespondent des „Daily Expreß" am 6. Juli durch den dortigen britischen Konsul offiziell davon in Kenntnis gesetzt worden sein, daß alle Fremden in Peking einschließlich aller Gesandten ermordet worden seien, und nur ganz geringe Hoffnung bestehe, daß einer oder der andere von den Gesandten noch am Leben ist. Als Datum der Niedermetzelung wird in Uebereinstimmung mit früheren Meldungen die Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli genannt. Ueber die Lage in der Hauptstadt wird ferner aus Tientsin telegraphiert: Alle chinesischen Häuser in der Umgebung der Gesandtschaften feien zerstört. Die kaiserliche Stadt werde durch die Truppen des Generals Tusuhsiang geschützt, von denen jedoch 20000 Mann zwischen Peking und Tientsin stehen. Nach dieser Meldung muß man annehmen, daß in Peking ein KampsAller gegen Alle herrscht. Die Chinesen- Viertel der Hauptstadt haben die Boxerhorden durch Brandstiftungen und Plünderungen entsetzlich verwüstet. Sie haben auch das innere Thor des Palastes niedergebrannt. Die Fremden-Niederlassung in Tschifu ist vollkommen der Gewalt des chinesischen Heeres preisgegeben, die mit Krupp'schen Kanonen ausgestattet sind, um die Stadt von zwei Seiten her anzugreisen. Die Rebellen haben schon drei Versuche gemacht, die englische Gesandtschaft zu stürmen. Alle drei wurden jedoch mit schwerem Verlust für die Boxer zurückgeschlagen.
So hat denn die Bewegung gegen die Fremden all- mählich den Charakter eines' Bürgerkrieges unter Chinesen angenommen, in dem aus der einen Seite die Partei der Kaiserin unter Führung des Prinzen Tsching und gestützt aus die großen Vizekönige in Mittel- und Südchina als Vertreter der Regierungsgewalt, aus der anderen Seite der Prinz Tuan und die Boxer nebst deren fremdenseindlichem Anhang stehen. Aus verschiedenen, srei- lich chinesischen Quellen ist bestätigt worden, daß bereits beim Ausbruch der Unruhen in Peking der Prinz Tsching, der seit dem Tode des Prinzen Kung Vorsitzender im Tsungliyamen war, bis er angeblich vor kurzem dem Prinzen Tuan weichen mußte, in gemeinsamem Wirken mit den fremden Schutzwachen, insonderheit mit der deutschen Truppe, deren Tapferkeit und Erfolge wiederum besonders lobend in den englischen Berichten hervorgehoben werden, gegen die Boxer und gegen den militärischen Anhang Tuans mit bewaffneter Hand vorgegangen sei. Prinz Tsching soll auch seitdem bei dieser Haltung verharrt haben. So meldet ein in Brüssel eingegangenes Telegramm aus Shanghai vom 9., einem chinesischen Blatte zufolge seien die Truppen des Prinzen Tsching in Peking dabei, die dortigen Europäer zu verproviantieren und gegen die Aufrührer zu verteidigen. — Nach einer Depesche des englischen Admirals Pruce aus Taku vom 7. ds. ist Grund zur Hoffnung vorhanden, daß Prinz Tsching mit seiner Armee die Gesandtschaften in Peking gegen den Prinzen Tuan und dessen Armee und die Boxer schütze. Hoffentlich ist das alles richtig, aber unerklärlich bleibt dann immer noch, zumal wenn Prinz Tsching in der Lage ist, mit den Gesandten der Mächte zu verkehren, weshalb er nicht dafür sorgt, daß beglaubigte Berichte über deren Befinden an die Küste gelangen. Inzwischen hat der Vizekönig Liukunyi in Nanking einen neuen Beweis dafür gegeben, daß er mit den Fremdenhassern nichts gemein haben will; denn der deutsche Konsul in Tschifu meldet vom 9. ds. MtS., der frühere Gouverneur in Schantung, Lipinheng, sei mit 8000 Mann von Nanking, wo der dortige Gouverneur den Aufenthalt nicht wünschte, nach Norden gezogen. Liping- heng ist einer der Führer der fremdenfeindlichen Bewegung und wurde wegen seiner Haltung auf Verlangen der deutschen Regierung seines Postens als Gouverneur von Schantung entsetzt, dann freilich zu einem höheren Amte befördert. In der Provinz Schantung scheint der Aufruhr weiter um sich zu greisen, denn nach einer weiteren Meldung des deutschen Konsuls in Tschifu sind die katholische Mission in Tschingtschufu und die amerikanische in Pingtu geplündert worden. Die Boxer bedrohten die Telegraphenftation Huanghsien, etwa 70 Kilometer westlich von Tschifu, und suchten die Bevölkerung in Tschifu auszureizen. Alle diese Vorgänge spielen sich übrigens in beträchtlicher Entfernung von unserem Kiautschougebiet ab. Damit aber unsere dortiges" b Überraschungen gesichert sei, sind, wie au« JJJ1 gemeldet wird, mit dem deutschen
November 1900 ab u.
Dampfer KnivSberg 240 Marinesoldaten aus Tientsin dorthin zurückgekehrt. Da die Befehlshaber der fremden Truppen in Tientsin infolge der bedrohten Lage am 5. Juli beschlossen haben, die japanische Regierung um Unterstützung durch eine kriegsstarke Division anzugehen, und da diese sehr erhebliche Verstärkung vermutlich schon eingetroffen ist, so darf man annehmen, daß Tientsin nunmehr gehalten werden kann. Laut telegraphischer Meldung des österreichischen Kriegsschiffes „Zenta" sind bis jetzt 20 000 Mann ausgeschifft worden, die für Tientsin und Taku genügen.
"Mittlerweile aber haben die fremden Truppen heftige Kämpfe zu bestehen gehabt. Nach einem Telegramm aus Taku vom 4. Juli warfen die Chinesen während der wieder aufgenommenen Belagerung von Tientsin über 500 Granaten in die Stadt. Die „Zentral News" berichten aus Tientsin vom 6. Juli: „Die Chinesen griffen heute morgen Tientsin abermals an, indem sie ein Artillerie- Feuer mit 12 Geschützen eröffneten. Tie Alliierten antworteten mit zwei englischen Schiffsgeschützen. Darauf ging eine Abteilung von 1000 Mann unter dem Schutze der Artillerie gegen die Chinesen vor, die zurück- aeschlagen wurden. Das chinesische Granatfeuer auf die europäischen Ansiedelungen war sehr sicher". Aus London wird telegraphiert: General Ma hat mit 10000 Mann Peking verlassen und ist dicht vor Tientsin. 3000 Mann stießen auf dem Marsche zu ihm, und 15 000 sollen in der Chinesenstadt Tientsin sein.
In Tientsin hat die Auffindung eines Dokumentes großes Aufsehen erregt, in dem eine große englische Militäreffektensirma dem Vizekönig Chanchitung für 453 000 Pfund Sterling die binnen acht Monaten fertig zustellende kriegsgemäße Ausrüstung eines ganzen chinesisch!en Armeekorps offeriert!
Ueber die Verhandlungen mit Japan wegen dessen Hilfs-Aktion verlautet, däß Japan ein entscheidendes. Eingreifen an die Bedingung knüpfe, daß über sein Vorgehen ihm kein Konflikt mit anderen Mächten erwachse und daß ihm ein Ersatz geboten werde, der nicht in Landeserwerbungen bestehen soll. Aus Wien wird gemeldet: Die Frage des Oberst-Kommandos der europäischen Truppen in China bildet nicht den Gegenstand von Verhandlungen. Sie wird im Augenblick der gemeinsamen Aktion allseitig zufriedenstellend gelöst werden. Ein Spezial-Mandat soll keiner Macht erteilt werden, weder Rußland noch Japan. Die Aktion ist und bleibt eine gemeinschaftliche. Die gemeinschaftliche Armee soll auf 100 000 Manu gebracht werden.
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Die Ausreise der deutschen Geschwader-Division vom Kieler Hafen durch den Kaiser Wilhelm- Kanal über Wilhelmshaven nach, den chinesischen Gewässern ist am Montag vormittag zur festgesetzten Stunde erfolgt. Zuerst verließ die Hela den Hafen, dann folgten die großen Linienschiffe in der Reihe: Wörth, Weißenburg, Brandenburg und Kurfürst Friedrich Wilhelm. Der Kaiser beobachtete die Ausfahrt von der Kommandobrücke des Linienschiffes Kaiser Wilhelnt II. aus, wo die Kaiser-Standarte gehißt war. Der Monarch grüßte die Besatzung der beim Passieren die Standarte salutierenden Schiffe durch Mützenschwenken. Zur Bemannung des bei Taku eroberten chinesischen Torpedokreuzers werden 80 Mann von der Torpedo- Abteilung entsandt. — Der Kaiser befahl die sofortige Indienststellung des Keinen' Kreuzers Sperber für China. Die Ablösung für den Seeadler, die auf dem Dampfer Gera am 18. Juli stattfinden sollte, wurde inhibiert, da diese Mannschaften auf den Sperber übergehen sollen.
Die noch in der Bildung begriffene deutsche Brigade für China wird auf Befehl des Kaisers den Namen See-Brigade führen und zirka 4500 Manu stark sein. Die: Führung wird einem iGeneral-Leutnaut übertragen werden, der nad} der Landung in Tokio das Ober- Kommando über sämtliche deutschen Landtruppen in China übernimmt. Wie die „National-Zeitung" hört, werden sich im Stabe der See-Brigade, deren Formierung in Wilhelmshaven geschieht, auch« mehrere Generalstabs-Offiziere befinden. Zum Kommandeur der nady China gesandten Kavallerie-Truppen ist der Kommandeur des braunschweigischen Husaren-Regiments, Oberstleutnant von Arnstedt, ernannt worden. Das Marine-Verordnungsblatt veröffentlicht eine Ordre des Kaisers, wonach! die bisherige zweite Division des ersten Geschwaders die erste Division wird, während die bisherige erste unter dem Hinzutritt des kleinen Kreuzers Hela die zweite wird. Die nunmehrige zweite Division wird vom 8. Juli ab als besonderer Kommandoverband detachiert und begiebt sich nadfl Ostasien, wo sie unter Beibehaltung der Bezeichnung als zweite Division des ersten GesdMaoers in allen Beziehungen dem Kommando des Kreuzergeschwaders unterstellt wird. Sämtliche nach Ostasien entsandten Schiffe unterstehen mit ihrem Eintreffen in der ostasiatischen Station dem Kommando des Kreuzergeschwaders.
Wie die „Vossische Zeitung" aus Mel meldet, soll die
Panzer-Division die Reise nach! China in45Tagen zurücklegen. Die Abfahrt der nach China bestimmten Torpedoboots-Flottille erfolgt am 16. ds. Für die Truppen- Expedition nach! China wird das Brandenburgische Train- Bataillon in Spandau eine Sanitäts-Kolonne stellen. Stabsarzt Dr. Langheld, der mehrere Jahre in Afrika gewesen ist, hat auf seine freiwillige Meldung Ordre erhalten, sich dem Sanitäts-Detachement nach China anzuschließen.
Zu dem Wortlaut der vorgestrigen Rede des Kaisers an Bord des „Kurfürst Friedrich! Wilhelm" in Kiel schreibt die „Nat.-Ztg.": Eine Bestätigung des Textes dieser Rede liegt an unterrichteter Stelle nicht vor. Die Stelle von der Niederwerfung Chinas könnte jedenfalls nur so verstanden werden, daß damit die Niederwerfung des Aufstandes in China gemeint ist.
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Ueber Pie von deutschen und anderen europäischen Werften an d ie chinesische Regierung gelieferten Kr i e g s sch i f f s n eu b au ten ist folgendes mitzuteilen. Seit dem Ende des japanisch-cht- nesischen Krieges wurden drei Panzerdeckkreuzer auf der Vulkanwerst bei Stettin und vier Torpedobootszerstörev auf der Werft von Schichau in Elbing gebaut. Die drei Panzerdeckkreuzer der Hai $ung, der Hai Chen und der Hai Cheu, sind Doppelschraubendampfer von 100 Meter' Länge und 2950 Tonnen Wasserverdrängung. Die Maschinen entwickeln 7500 Pferdekräfte und geben den Schiffen eine Geschwindigkeit von 19 einhalb Seemeilen. Es sind Schwesterschiffe. Jeder Kreuzer besitzt ein Panzerdeck von 75 Millimeter Stärke, 24 Geschütze, 3 Torpedostoßrohrs und 2 Scheinwerfer. Die Kohlenbunker fasse:: 520 Tonnen, an Besatzung führt jedes Sck)iff 244 Mann. Die auf der Elbinger Schichauwerft gebauten Torpedobootszerstörer Hai Lung, Hai Nju, Hai Chung und Hai Hoha sind moderne Fahrzeuge, die sich durch eine außerordentlich große Geschwindigkeit, große Stabilität und einen bedeutenden Aktionsradius ,auszeichnen. Die Boote laufen 32 Seemeilen. Die Maschinen kraft übertrifft diejenige unseres Kreuzers Gazelle. Die Fahrzeuge können eine Dampsstrecke von annähernd 4000 Seemeilen machen. Unseres Wissens befindet fick) augenblicklich fein chinesisches Kriegsschiff oder Kriegsfahrzeug auf deutschen Werften im Bau, es sei beim, daß China neuerdings wiederum einige Torpedoboots-Zerstörer bei Schichau bestellt hat. Dagegen läßt das Reich der Mitte bei der englischen Schiffswerft Armstrong in Elswick zwei große Kreuzer, den Hai Tieu und den Hai Tschi, bauen, die eine Wasserverdrängung von je 4300 Tonnen besitzen. China war die erste fremde Nation, die Kriegsschiffe auf deutschen Werften erbauen ließ. Sie gab bereits Ende der 70 er Jahre zwei Schlachtschiffe in Deutschland in Bau und ließ anfangs der 80 er Jahre drei Panzerkreuzer folgen.
Das französische Expeditionskorps für China besteht nach den neuesten Bestimmungen des Marineministers au-s den beiden neu gebildeten Marine-Infanterie-Regimentern Nr. 16 und 17 von je 1800 Mann und vier Batterien von je 110 Mann und 55 Pferden. Die Truppen sind mit Tropenausrüstung versehen, und es hat der General Vorschläge zur Ausrüstung für den im Norden von China sehr harten Winter zu machen. Jeder Mann erhält 120 Patronen, jedes Geschütz 130 Schuß. Außerdem wird eine Reserve von 1 Million Gewehrpatronen — 275 für jedes Gewehr — und 2400 Schuß für die Artillerie — 100 für das Geschütz — mitgeführt, in Anbetracht der Feuergeschwindigkeit eine vollständig unzureichende Zahl, wenn man bedenkt, daß in den Schlachten des französisch-deutschen Krieges 8-—900 Schuß an einem Tage verfeuert hat. Der Befehlshaber dieser Truppen, General Dodds, soll Vorschläge machen, ob auch Reiterei zu verschicken ist und ob diese alsdann ihre Pferde in Tonking erhalten soll. Den Truppen wird eine Abteilung Artillerie- arbeiter mitgegeben, und zwar 20 Holzarbeiter und 20 Eisenarbeiter, zu denen in Saigun noch 40 eingeborene Arbeiter stoßen. Weiter erhält das Korps eine Telegraphen- Abteilung und 40 der Artillerie entnommene Geniesoldaten und Feuerwerker, ergänzt in Saigun durch 43 Eingeborene. Diese verschiedenen Arbeiter sind außer den Werkzeugen mit Karabiner und 60 Patronen ausgerüstet. Um die Truppen an körperlichen Arbeiten im Lager u. dgl. zu entlasten, erhält jede Kompagnie 10 aus Tongking entnommene Kulis, jede Batterie 110 Kulis, jede Arbeiterabteilung wie auch die dem Korps beigegebene Telegraphen-Abteilung 20 Kulis; eS kann aber der Oberbefehlshaber, wenn nötig, in Jndochina eine größere Anzahl Kulis sich beschaffen. Drei Jntendanturbeamte für Verpflegung und Kassenwesen sind dem General beigegeben, welche am 10. Juli abreisen. Fuhrpark wird dem Korps nicht beigegeben, ebensowemg wie ein Feldlazarett oder eine Sanitätsabteilung, beides


