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11.7.1900 Erstes Blatt
 
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Betr.i Die Ober-Hörgern.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in Ober-Horgern erloschen ist, ordnen wir die Aushebung der Schutz­maßregeln an.

Gießen, den 9. Juli 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.___________________

Politische Tagesschau.

Der in Tanger ansässige Amerikaner Jon Perdicaris teilt derPall Mall Gazette" folgendes Urteil des er« mordeten Herrn v. Kelteler über die Missionare in China mit:

Unbescholtene Eingeborene oder solche, die zu der besseren Klasse gehören, kommen nur wenig mit den Missionarm in Berührung. E8 ist der soziale Pariah oder der Verbrecher, der sich an den Fremden wendet, um seine Protektion zu erlangen, für die er manch' mal eine Geldbezahlung zu machen hat, wie in der Türkei und Marokko, wo die Unterbeamten der Gesandtschaften und Konsulate mit ihren Verbündeten, den Wucherern, vor noch nicht langer Zeit ein blühendes Geschäft betriebm. Wenn der Eingeborene nicht« hat, wa« er al« Bezahlung für Protektion anbtetm könnte, dann wendet er sich an den Missionar und heuchelt großen Elser für die Religion, und schließlich, wenn er sich das Vertrauen des Missionars verschafft hat, enthüllt er ihm eine Schmerzensgeschichte, und zeigt ihm, wie seine Landsleute ihm mißtrauen und ihn verabscheuen infolge seiner Abtrünnigkeit, wie sie alle daraus aus seien, um ihn auf irgend eine falsche Beschuldigung hin vor ein Landesgericht zu ziehen, wie er dann von dcm grausamen, ungerechtm Richter in« Gefängnis ge­worfen wird, wo er Schläge und sogar Martern zu leiden habm wird. Durch solche Geschichten läßt sich der Missionar nur zu leicht bewegen, den unwürdigsten Betrügern seine Sympathk und Unter­stützung zu geben, besonders da er weiß, daß in Wirklichkeit die Gerechtigkeit der Landesgerichtee häufig eine Täuschung ist. Der schlimmste hiermit verbundene Umstand, sagte Baron v. Ketteler, -ft in China, daß es im allgemeinen gerade der unehrliche Schuldner -nd besonders der treulose Verwalter von ihm anvertrauten Geldern in dem plötzlich die Ueberzeugung von der Schönheit und dem Wert x christlichen Religion erwacht. Auf diese Weise find oft Landgüter nd anderes Eigentum von beträchtlichem Wert der chinesischen Gerichts­barkeit entzogen und unter die Konsulargerichte gebracht worden, und es ist unvermeidlich, daß der Unwille des Volkes, der dadurch hervor- gerusen wird, eine schwere Gefahr bildet. Der Schreiber dieser Zellen verwahrt sich gegen irgend welchen Verdacht, daß er ober der Baron v Ketteler beabsichtigt hätten, den Missionaren Unehrlichkeit vorzuwerfen. Aber das Ergebnis der Arbeit derer, die die Lehre vom Frieden auf Erden und Wohlgefallen gegen unsere Mitmenschen predigen, ist, rote wir heute in China sehen, zuerst Massenmord in entsetzlichem Maße, und schließlich bewaffnetes Einschreiten mit dem daraus hervorgehenden Ver­lust der nationalen Unabhängigkeit. China bietet die unmittelbarste und am meisten in die Augen fallende Anschauungslektion, aber es gibt noch andere orientalische oder mohammedanische Nationen, bei denen gleiche Ursachen früher ober später gleiche Wirkungen haben müssen. Marokko, wo ber Verfasser lange gewohnt unb an verschrobenen Versuchen, Miß­stände zu beseitigen, Anteil genommen hat, ist eine derselben, die bald die Aufmerksamkeit der Außenwelt auf sich ziehen lönnen.

13. Deutsches Bimdesschietzen zu Dresden vom 8. bis 15. Juli.

F. G. Dresden, 8. Juli.

Als vor langer Zeit an die deutschen Schützen im Jn- und Auslande der Ruf erging, in Dresden einige Tage in inniger Zusammengehörigkeit, in brüderlicher Freundschaft, die uns eint als deutsche Brüder", zu verleben, da hoffte man wohl, daß derselbe überall freudigen Wiederhall finden würde. Doch alle Erwartungen sind übertroffen worden, denn:Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt!" sie alle, alle kamen in die gastliche Sachsenresidenz an der Elbe. Daß der Schützensport eine echt nationale Sache ist, daß das ideale Element, das ins­besondere seine großen Feste verklärt, sich dabei in den heiligsten Gefühlen der brüderlichen Freundschaft, die Herz an Herz kettet, äußert, darüber ist sich wohl jeder klar, dessen Sinn nicht voreingenommen ist. Ist es doch von jeher der deutschen Schützen Ziel und Ehrensache gewesen, neben der Hebung von Auge und Hand vor allem dem Nationalgefühl und dem Reichsgedauken auch bei ihren Festen einen glühenden und beredten Ausdruck zu geben. Dabei sind uns die wackeren Deutsch Österreicher, die ge­treuen Unterthanen des unserem Kaiser treu verbündeten, von den Deutschen aufrichtig verehrten Kaisers Franz Joseph, immer liebe Gäste gewesen, dies hat ihnen auch der gestrige Empfang in Dresden erneut bewiesen. Schon in den frühen Morgenstunden zeigte sich gestern am festlich dekorierten Landungsplätze der Sächsisch-Böhmischen Dampfschifffahrts- Gesellschaft und an den verschiedenen Bahnhöfen reges Leben, da fortwährend Schützengesellschasten aus den ver­schiedenen Städten Sachsens eintrafen, die in ihre ver­

schiedenen Standquartiere unter Vorantritt von Musikkorps geleitet wurden; es kamen doch heute nicht weniger als 120 Schützenkorporationen hier an.

Vormittags in der 11. Stunde trafen mit frischer Musik (Musikkorps vom 10. Jns.-Regiment-München und der Chevaulegers-Nürnberg) die ersten Gäste aus dem Süden ein, bei denen eine wahrhaft herzerquickende Feststimmung herrschte, die wohl auch mit darauf zurückzusühren war, daß in München, Nürnberg, Fürth u. a. O. menschen­freundliche Bierbrauer die Reisenden mit einigen Fäßchen vom besten während der langen Fahrt versehen hatten. Grüß'Euch Gott, allemiteinander!" so hallte es beim Aus­steigen aus dem Hauptbahnhof den Empfangenden entgegen, und nicht minder herzlich klang der Willkommen-Gruß. Und al« sie trotz der ermüdenden Reise frisch und froh aus dem Wagen stiegen, die lieben Gäste aus München, Nürnberg, Stuttgart, Erlangen, Fürth, Forchheim, Schweinfurt, Regens­burg, aus Prag, Wien, Steiermark und Tyrol, da zeigte sich, daß der Süden Deutschlands und Oesterreichs wahre Hünen an Kraft und Gesundheit zum Bundesschießen ent­sendet hatte. Die Schützen auS Tyrol, echte unverfälschte Nachkommen des besten Schützen Wilhelm Tell, wurden überall ans das stürmischste bejubelt. Am Nachmittag trafen unsere lieben Schützenbrüder aus Norddeutschland ein, von Hamburg, Altona, Lübeck, von der Nord-und Ostkante, von der roten Erde, aus dem lebenslustigen Berlin, vom schönen Rhein, aus Frankfurt a. M., aus Wilhelmshaven, aus Schlesien, Posen rc., und der Empfang derselben war der wohlthuend herzliche, wie am Vormittag. Ein jovialer Berliner rief schon beim Einlaufen des Zuges auS:Na, nu man schnell etwas Feuchtigkeei, Sie kleener Bieronkel da, bis hierher mangelte et etwas an Stoff!" Mit der Ankunft der Norddeutschen kam der Frohsinn erst so recht zum Durch­bruch, und schon in den Nachmittagsstunden sah man Freund­schaften schließen. Da die Witterung günstig war, so ent­wickelte sich alsbald auf dem Festplatz ein feucht-fröhlicher Verkehr, bei dem die vielen Erfrischungshallen wohl zunächst den Vogel abgeschossen haben.

Besorgt sah man heute früh nach den Wolken, ob es wohl bis zum Beginn des Festzuges aufhören würde mit dem schon seit nachts niedergehenden Regen; doch wurden die frommen Wünsche nicht erfüllt, esnieselte" weiter und erst nachmittags gab es einige Stunden, wo man wenigstens von außen nicht angefeuchtet wurde. Doch der altbewährte Schützenhumor überwand auch diese Situation, und punkt 11 Uhr vormittags verkündeten schmetternde Fanfaren, daß sich der Festzug vom Albertplatz in der Neustadt nach der Altstadt zu über die Carolabrücke in Bewegung gesetzt hatte. Tausende, Zehntausende bildeten aus den Straßen, durch die der Zug führte, Spalier, stundenlang wartete das Pub­likum geduldig im Regen auf das seltene Schauspiel, und auch hier bemerkte man nichts von übler Stimmung, obgleich das Gedränge ost recht ungemütlich wurde. Für die König­liche Familie war am Postplatz ein Pavillon errichtet; aber leider vermochte König Albert, der sich von seiner schweren Erkrankung noch nicht völlig erholt hat, zu seinem Bedauern nicht die ihm zugedachte Huldigung entgegen zu nehmen. Dafür erschienen des Königs Bruder, der greise General- seldmarschall Prinz Georg, sowie Prinzessin Mathilde, Prinz Friedrich August nebst Gemahlin, Prinzessin Louise, Prinz Johann Georg nebst Gemahlin, Prinzessin Isabella, Prinz Albert und die Prinzen Paul von Mecklenburg-Schwerin und Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz nebst Hof­staaten und Gefolge, begrüßt vom Bürgermeister Hetschel.

Nachdem am Altmarkte vor dem Nathause die Be­grüßung der Schützen durch den Oberbürgermeister Dr. Beutler erfolgt war, wofür der 1. Präsident des deut­schen Schützenbundes (Hauschild-Bremen) mit verbind­lichen Worten gedankt hatte, fügten sich hier die Innungen Dresdens mit ihren Fahnen und Emblemen in den Zug ein, dessen Spitze gegen V21 Uhr auf dem Postplatze an­langte. 25 berittene Stadtknechte in der Tracht des Jahre« 1683, 13 auf derben Gäulen sitzende Fanfarenbläser und ein starkes Musikkorps zu Fuß eröffneten den Zug; dann ritt stolz zu Roß ein Herold der Stadt Dresden einher, und ihm folgte der prunkvolle Bannerwagen des deutschen Schützenbundes, eskortiert von einer Abteilung Nürnberger Schützen (mit dem Trichter) und den Dresdener Freihand­schützen. Vor dem Königspavillon angekommen, und nachdem der überaus reizend ausgestattete Prunkwagen mit der Dresdensia daselbst Halt gemacht, entstiegen die Vorstands­mitglieder des deutschen Schützenbundes, die Ehrenmitglieder des Centralausschusses, Deputationen der städtischen Kolle­gien, die Vorsitzenden der Festausschüsse ihren Wagen und

teilten sich vor den hohen Herrschaften auf, an die der verdiente Vorsitzende des Fest-Ausschusses, Rechtsanwalt Dr. Lehmann-Dresden, eine Ansprache richtete, in derer mit warm empfundenen Worten im Namen der deutschen Schützen für die Anteilnahme dankte, die SachsenS Königs­haus jederzeit an der deutschen Schützensache genommen habe. Aufs Neue versicherte er, daß die deutschen Schützen mmerdar festhalten werden an der Liebe und Verehrung ür König und Vaterland. Seine patriotische Rede klang in ein jubelnd aufgenommenes dreifaches Hoch auf den hohen Protektor des Festes, den König Albert von Sachsen aus. Die einfachen schlichten Worte machten auf die hohen Herr­schaften sichlich den befriedigendsten Eindruck, und Prinz Georg gab diesem Empfinden in der huldvollsten Weise Ausdruck. Dann trat der Zug den Weitermarsch durch die Wettinerstraße an.

Der erste Schützenzug bestand aus außerdeutschen Schützenvereinen, nach Ländern und Städten alphabetisch geordnet. Denselben eröffneten drei Deputierte aus der Schweiz, dann folgte eine bekränzte Equipage mit New- Aorker Schützen, hieran schlossen sich die Schützen aus Giddings-Texas, Valdivia, Chile, Argentinien, San Franzisko, weiter die Schützen aus Oesterreich (Wien war sehr stattlich vertreten), Steiermark, Tyrol und Vorarlberg (Meran hatte die eigene Bürgerkapelle in ihrer braunen kleidsamen Tracht mitgebracht) und auch Triest hatte seine Vertreter entsendet. Der nun folgende Zug B enthielt nur kostümierte Teil­nehmer und wurde durch Ouerpseiser und Trommler er­öffnet. Diesem Zug lag die Idee zu Grunde, daß Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen nach der siegreichen Türkenschlacht bei Wien 1683 an der Spitze seiner tapferen Truppen wieder in seine Residenz Dresden einzieht. Diese historische Gruppe in den Festzug einzusügen, war jedenfalls ein sehr glücklicher Gedanke. Dem voran­schreitenden Trommlerzug folgte die Fahne des Propheten, getragen von kurfürstlichen Streitern, dann kam ein ge­fangener Pascha mit zwei Damen zu Pferde, nach ihm ein mit Ochsen bespannter Wagen, der den Harem des Würden­trägers und erbeutete Teppiche rc. barg. Die folgende Gruppe bestand aus 30 gefangenen Türken, eskortiert von zwei kurfürstlichen Soldaten, einem recht mißmutig barem-- schauenden Kamee! mit zwei Fezträgern, einem Geschütz mit Bedienung, fünf Reitern mit zwei Lastpferden, einem weiteren Beutewagen, verwundeten Muselmännern und endlich wieder kurfürstliche Soldaten mit der Kriegskasse. Hieran schloß sich der zweite Schützenzug, enthaltend deutsche Vereine. Wir nennen daraus die Vereine aus: Karlsruhe, Heidelberg, Offenburg, Lörrach, Pforzheim, München, Ansbach, Bayreuth, Erlangen, Lauf, Regensburg, Reichenhall, Schweinfurt, Schwabach, Kronach, Weißenfels, Berlin (sehr stark), Bocken- heim, Kottbus, Crossen, Breslau, Frankfurt a. M., Offen­bach, Wiesbaden (Bürgerschützen-Korps und Schützevgesell- schast), Waldkirch, Kreuznach, Gotha, Erfurt, Koburg, Zelle, Finsterwalde, Senftenberg, Braunschweig, Blankenburg, Apolda, Montigny, Hamburg, Wesselbeuren, Düsseldorf, Koblenz, Neuß, Köln, Hannover, Wilhelmshaven, Magdeburg, Mühlhausen i. Thür., Eisenach, Görlitz, Kalau, Eisleben, Sorau, Lauban, Halberstadt, Schmalkalden, Magdeburg, Habelschwerdt, Naumburg a. S., Rudolstadt, Rostock, Soest, Stettin, Schönebeck, Wittenberg, Lauscha, Nordhausen, Schwäbisch-Hall, Stuttgart, Plochingen, Eßlingen u. f. w. (Aus einer uns von einem dort weilenden Gießener zu­gegangenen Postkarte wird bedauert, daß Gießen nicht bei dem Fest vertreten ist.) Den Schluß dieser Gruppe bildeten die jetzige Dredener Bogenschützengilde, sowie ein Reiterzug der privilegierten Gilde Dresdener Bogenschützen von 1683 und der Kaufherren Dresdens aus derselben Zeit. Dem nun folgenden wiederum kostümierten Zug ritten Fanfaren­bläser voran j dann kam der Standartenreiter des Kurfürsten^ der Kurfürst Johann Georg III. mit Gefolge, der Bürger­meister von Dresden (1683) mit Ratspersonen, alles be­ritten, und schließlich eine Anzahl kurfürstlicher ReitWdom roten und braunen Regiment. Der historische Zug ge­währte einen sehr abwechselungsreichen und farbenprächtigen Eindruck.

Der nun folgende letzte (3.) Schützenzug war au« sämtlichen sächsischen Schützenvereinen gebildet, die sehr zahlreich vertreten und vielfach in ihren kleidsamen Parade­uniformen, die Anführer zu Pferde, erschienen waren. Der wohl über 4000 Teilnehmer zählende Zug, den die Dres­dener Scheibenschützengilde, sowie eine Abteilung historischer berittener Stadtknechte schloß, führte außer sechs teils be­rittenen Mufikkorps die Kapelle des Bayer. 2. Infanterie- Regiments Nr. 10 (München), sowie das Musikkorps ber