1900
Mittwoch den 11 April
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Mommsen über die Rechtsfrage zwischen England und der Hransvaal-VepuöliK.
Schluß.
Breslau das Licht der Welt. Sein Vater war ein jüdischer Kaufmann und von mäßigem Wohlstand.
Schon früh widmete er sich geschichtlichen Studien und trat mit schriftstellerischen Arbeiten in die Oeffentlichkeit. Er war ein Brausekopf, der selten von kalten Verstandeserwägungen sich leiten ließ; darum war sein Einfluß auf die Volksmassen sehr groß. Seine feurige Beredsamkeit, eine glühende, weitschweifende Phantasie machten ihn zu einem Bolksredner von Berufswegen. Im Jahre 1848 wurde er in den Hatzfeld'schen Kasiettendiebstahl Prozeß verwickelt, er wurde verhaftet, aber aus Mangel an genügenden Beweisen freigesprochen und aus der Haft entlüften. Verschiedene Stimmen wurden laut, daß die Verhaftung lediglich auf Machinationen einer gewissen, Lassalle feindlichen Partei zurückzuführen war, dis es gern gesehen hätte, wenn der gefährliche Volksaufwiegler einige Jahre hinter Schloß und Riegel seinen Ideen hätte nachhängen können. Aber diese Einflüsse waren nicht stark genug. Sein Schicksal erreichte ihn zuerst 1849, da er wegen sozialdemokratischer Agitation zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, die er auch abgebüßt hat. Sein Hauptverdienst ist bald zusammengefaßt. Er wirkte insbesondere für das allgemeine direkte Wahlrecht, er gab 1863 den Anstoß zur Gründung eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins, den er im inter- nationalen Sinne leitete, und war der geistige Urheber der Produktiv AssoziaüonSidee, durch die die Arbeiterbevölke- rung zur gleichen Beteiligung an dem gesamten Nationalvermögen und am Staatsregiment herangezogen werden follte. — Noch jetzt hat Ferdinand Lassalle in den Arbeiterkreisen Anhänger und Verehrer. Seinem Andenken wird bei vielfachen Gelegenheiten mehr Ehre angethan, als im Hinblick auf die von ihm erzielten Ergebnisse berechtigt erscheinen dürfte.
Lassalle starb an einer Wunde, die er im Duell mit dem walachischen Bojaren Racowitza davontrug. Des letzteren Frau Helene von Racowitza, eine Tochter des bayerischen Diplomaten Ritter von DönnigeS, betrachtete man in ein- geweihten Kreisen als die intellektuelle Urheberin dieses Duells. Sie lebt jetzt in Amerika und hat ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Meine Beziehungen zu Lassalle". Lesenswert von ihr ist auch der Roman „Gräfin Vera", in dem sie, wie es den Anschein hat, ihre eigenen Erlebnisse ein wenig mitwirken läßt.
Außer den zahlreichen Agitationsschriften, die von Lassalle verfaßt und nach feinem Tode herauSgegeben wurden, hat dieser geschrieben: „Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos", „Das System der erworbenen Rechte", „Bastiat-Schulze von Delitzsch" und ein „Tagebuch", das
Bekanntmachung.
Betr.. „Fides" Derficherungs-Aktien-Gesellschast in Berlin.
Das Großherzogliche Ministerium des Innern hat der obengenannten Gesellschaft die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb im Großherzogtum unter den üblichen Bedingungen auf Widerruf erteilt.
Gießen, den 9. April 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: die Maul- und Klauenseuche.
Nachdem unter dem Viehbestände zu Wohnfeld und Ulrichstein, Kreis Schotten, die Seuche festgestellt worden ist, ist Gemarkungs- bezw. Gehöftsperre angeordnet worden. Nachdem in mehreren Gehöften zu Ruppertenrod, Kreis Alsfeld, die Seuche ausgebrochen ist, ist über die verseuchten Gehöfte, sowie über die Gemarkung Ruppertenrod die Sperre verhängt worden.
Zn Ober-Eschbach, Kreis Friedberg ist die Seuche ausgebrochen und Gehöftsperre verfügt worden.
Zu Mehlbach, Kreis Friedberg, ist die Seuche wieder trlvschen, und sind die Sperrmaßregeln aufgehoben worden.
In einem Gehöfte zu Kinzenbach, Kreis Wetzlar, ist die Seuche amtlich festgestellt worden.
In Ebersgöns und Wetzlar, Kreis Wetzlar, ist die Seuche erloschen.
Gießen, den 9. April 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Samstag den 21. April l. IS, vormittags | 10 Uhr, findet in dem Regierungsgebäude dahier eine Sfseütliche Sitzung deS Kreistages deS KreiseS Gießen mit folgender Tagesordnung statt:
1. Neuwahl der drei Körkommisfionen des Kreises auf 3 Jahre (Art. 6 des Gesetzes vom 26. Oktober 1887).
2. Wahl zweier Mitglieder und zweier Ersatzmänner zur land- und forstwirtschaftlichen BerufSgenossen- schaftS'Bersammlung für das Großherzogtum Heften, gemäß Art. 7 deS Gesetzes vom 4. April 1888, für die Jahre 1901/1906 ----- 6 Jahre.
3. Beschluß über die nach Art. 2 des Gesetzes vom 24. Mai 1893, die Kosten der Landarmenpfiege betreffend, aus der Staatskasse an den Kreis Gießen für die nächsten drei Jahre zu zahlende Pansch- summe.
4. Vorlage der Kreiskasserechnung pro 1898/99 und Erstattung des Rechenschaftsberichts hierzu, sowie Genehmigung der Kreditüberschreitungen.
ö. Festsetzung des Voranschlags für 1900/1901. Gießen, den 4. April 1900.
Per Vorsitzende des Kreistags.
v. Bechtold.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
85 Zweites Blatt
Humoristisches.
Letzter Vers deS Liedes vom „Wirtshaus an der Lahn". Fr«u Wirtin hat auch einen Kummer, Der raubt ihr nächtlich letzt den Schlummer, Was hat se nur, was weint se? Ihr Wirtshaus an der Lahn geht em i Warum? N- ja -
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berühmt» der Reserven und die Absendung einer starken Truppenmacht angekündigt." Die englische Regieruna hat den Krieg beschlossen ohne einen völkerrechtlich zureichen- den Kriegsgrund. „Indem die englische Regierung", sagt Bryce, „die Wahlfrage als das Ziel hrnstellte und sie durch Demonstrationen unterstützte, weiche ihre Gegner unter die Massen riesen, brachte sie sich m die Lage, einen ^ieg begonnen zu haben ohne Casus belli unbjtd) alp der Verurteilung des Auslandes auszusetzen. So führte N- den Krieg herbei, ohne ihn rechtsertigen zu können durch Aus- zciquna eines Grundes, wie der Gebrauch zivilisierter Staaten ihn fordert, ... 66 ist Thatsache und wesenttich dre Wurzel der ganzen Frage, daß die Buren das Verhalten der Briten als ein System der Gewalt und der Unwahr- baftigkeit betrachten." Er legt weiter dar, wie guten Grund sie dafür gehabt haben, und fährt fort: „Seit dem Einfall vom Dezember 1895 sind sie argwöhnischer als je und meinen daß die britische Regierung dann dre Hand gehabt bat und daß einflußreiche Geldmänner ihre Ränke gegen sie spinnen." Haben sie geirrt? Der fanatische Frecheits- sinn und das fanatische Vertrauen auf den Herrn der Heer- schaaren haben diesen Holländern die Waffen in die Hand gedrückt; man mag beides eine Thorheit nennen, aber es ist eine Lästerung, diese Erhebung als Angriffskrieg zu bezeichnen. — Unvorbereitet war die englische Regierung nicht auf den Krieg, wohl aber auf dessen Unmittelbarkeit jund auf dessen Gewalt; die ersten Monate desselben zeigen pns neben ihrer staatsmännischen ihre militärische Inferiorität. Daß die Frau Par excellence, wie Max Müller sie nennt und gern mit ihm jeder Deutsche, daselbst regiert, kann an dieser Inferiorität nichts ändern.
Das Schicksal der Buren erscheint uns Deutschen als besiegelt, und wir sind es ja gewohnt, dem Un-- heil zusehen zu müssen, ohne helfen zu können. Wir hegreifen vollständig, daß das Englische Kolk wünscht Und wünschen muß, das englische Element in seinen Kolonien zu stärken, und daß es ein solches Ergebnis von dem südafrikanischen Kriege erhofft. Wir sind auch
„Bei dem Jameson-Einfall", so bemerkt weiter Beyer, tTinren es enalische Offiziere und Truppen unter eng- ' facher Flagge, wenn nicht England selbst« die die Missechat ' verübt hatten." Daß Jameson bloß em gemeiner Straßen? räuber gewesen sei, werden auch in England nicht viele glauben, und vor allem diejenigen nicht, die den weiteren (i «erlauf der Dinge erwägen, die lediglich nominelle Be- faofunq der unmittelbar an dem Putsch beteiligten, die orqfältige Verhinderung jeder auf die Anstiftung desselben ' gerichteten Erklärung, die parlamentarische Untersuchungs- ! kornmission zum Zwecke der Richtuntersuchung, und was ' 5 allen noch frisch im Gedächtnis hegt. Auf Chamber- Iains Rechtfertigung wartet man bereits seit fünf Zähren, und es hat an Anschuldigungen wahrlich während derselben . cht qcfthu Der Verdacht der Mitschuld ist wotzlbegrun- " ? und es wäre die Pflicht der englischen Regierung und E allem des englischen Parlaments gewesen, gegen In- L und Ausland die volle Rechtfertigung zu erbringen »md, wenn dies nicht möglich war, Schuwigen krnnmUl »mb vor allem politisch zu strafen, um sich also von der S.,ä| »famX"».«... ...... * ™ sfflSWBSi SKSSSKMF
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nicht der Meinung, daß dadurch unsere eigenen Jnterefaen irgendwie verletzt oder gefährdet werden; die verständigen Deutschen wenigstens erkennen es vollkommen an, daß Englands Größe un d Englands Macht, mögen noch so viele Engländer Deutschland und Deutsche travestieren und insultieren, auch für Deutschlands Weltftellung eine Lebensfrage ist. Aber wir waren und bleiben der Meinung, daß Jameson ein Ver brecher niederen Ranges war, und daß seine höhergestellten Mitschuldigen straflos und einflußreich geblieben sind. Aus Verbrechen Gewinn zu ziehen dann, wenn dieser Gewinn nicht der eigenen Person, sondern dem Staat erwächst, versagen sich wenige, vielleicht nur quichottische Köpfe. Zahllose Engländer, die vor dem Anteil an der That selbst geschaudert haben würden, betrachten d«en Krieg und den Kriegsgewinn als Glücksfall für England. Ob sie recht haben? Ob die holländischen Südafrikaner, wenn sie in engere Beziehung zu dem Hauptland gebracht, die Segnungen der modernen Zivilisation dankerfüllt empfangen oder die Wege der Irländer em- schlagen werden, wer will es Vorhersagen? Aber was auch die Zukunft bringe, eines ist für die Gegenwart und für die Zukunft gewiß: in der ruhmvollen Geschichte Englands wird ein neues Blatt aufgeschlagen, die Verrichtung des Henkerdienstes an den verspäteten Gesinnungsgenossen Wilhelm Tells.
Theodor Mommsen.
hlgtntai Tag «ich-m-'d-» M 10 U6r- Abbestellungen spätestens abends vorher.
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Bekanntmachung.
Betr.: „Prudentia" Versicherungs-Aktien-Gesellschaft m Berlin.
Das Großherzogliche Ministerium des Innern hat der ybengenannten Gesellschaft die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb im Großherzogtum unter den üblichen Bedingungen auf Widerruf erteilt.
Gießen, den 9. April 1900.
Großherzogliches Kreis amt Gießen, v. Bechtold. ______
Ferdinand Lassalle.
Zu seinem 75. Geburtstage am 11. April 1900.
W. Gießen, 10. April 1900.
„Die Sozialdemokratie ist eine vorübergehende Erscheinung". Aus kaiserlichem Munde ist dieses stolze sieges- bewußte Wort ertönt und hat teils freudigen und lauten Widerhall, teils energischen Widerspruch gefunden. Es ist kein Zweifel, das lehrt uns die Geschichte, daß politische Parteien stets nur eine beschränkte Lebensdauer haben. Sie kommen und gehen wie die Menschen, deren Anschauungen, Wünsche und Hoffnungen zu verschiedenen Zetten verschieden sind. Dem heutigen Geschlechte liegt die Zeit eines Lassalle, I eines Marx ziemlich fern, und ihre politischen Lehren fangen an von den kritischen Blicken der Geschichtsforscher und Staatsphilosophen betrachtet zu werden. Marx wird heute schon von manchem namhaften deutschen Gelehrten, dem cd durchaus fernliegt, den Marxschen staatsökonomischen Ideen beizustimmen, mit einem gewissen Stolz zu den bedeutendsten Philosophen Deutschlands gezählt. Für die breite Masse der Bevölkerung aber bedeuten die Namen Marx und Laftalle, die einst auf aller Munde waren, nichts als I eine „klingende Schelle", als Schall und Rauch. Nur die „Genossen" feiern zuweilen Erinnerungsfeste an sie, um | auch der heute aufstrebenden Menschheit das Wirken dieser Männer nahezuführen. 1Ö9, .
Ferdinand Lassalle erblickte am 11. April 1825 tn
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