durch die Wälder geht das Frühlingsregen, und wenn der Hain jetzt noch finster dreinschaut, so bereitet sich auch hier neues Leben vor. Die Bäume schütteln das fahle Laub, das dürr an den Zweigen herabhängt und harren der linden Lüfte und des Sonnenscheins, die es hinwegnehmen und durch lichtgrüne Blätter ersetzen sollen, Birken und Linden beeilen sich, recht bald im Frühlingßkleide zu prangen, ja selbst die unbeachteten Gräser und Moose haben bereits ein frisches Grün angenommen, um nicht zurückzustehen beim Einzug des holden Frühlings.
Um den alten Waidmannsspruch: Oculi — da kommen sie! zu schänden zu machen, finb auch die ersten Schnepfen eingetroffen, doch statt in Frühlingswonne schwelgen zu können, mußten sie ihren Fürwitz mit dem Tode durch des Jägers Blei büßen.
Die täglich höher steigende Sonne weckt alles in der Natur zu neuem Leben, zu neuer Lust. Im Sonnenglanze tanzen die Mücken und Schnaken den fröhlichen Rmgel- reihen, Würmer und Käfer kriechen hervor, und streben zum Sonnenlichte, das kleinste Wesen Hot feinen Anteil an der Auferstehung der Natur.
Und wie groß erst ist die Lebensfreude der Menschen beim Erwachen des Frühlings.
Singt und klingt es nicht allerorten, sobald die ersten Zeichen des lieblichen Lenzes nahen?
Mit welchem Jubel begrüßt man den ankommenden Storch als Frühlingsboten; auf Straßen und Plätzen, wo muntere Kinderscharen sich tummeln, schallt es uns entgegen:
Storch, Storch, Steiner, Mit den langen Seiner, Mit den kurzen Knie! Jungfrau Marie Hat ein Kind gefunden, War in Gold gebunden. Flieg' über's Bäckerhaus, Hol' drei Weck heraus, Mir ein’n, dir ein’n Und dem andern auch ein;
und weiter:
Storch, Storch, guter, Bring' uns einen Bruder, Storch, Storch, bester. Bring' uns eine Schwester!
Wenn wir solche Aeußerungen der Freude vernehmen über die Wiederkunft des Frühlings nach traurigen Wintertagen, dann ist die Zeit nicht allzufern, von der der Dichter sagt:
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang, Nun muß sich alles, alles wenden!
Humoristisches.
* Galant. Herr: „Gnädige werden von Tag zu Tag jünger, sollte mich nicht wundern, Ihren Namen nächstens unter Geburtsanzeigen zu finden.
* Gedankensplitter. Wer da glaubt, zum Vergnügen auf der Welt zu sein, meint immer nur das eigene Vergnügen.
* Aus einem Schulaufsatz.....Se. Hoheit nahm
auch unser Rathaus in Augenschein. Am Eingänge wurde er von dem Bürgermeister begrüßt, und darnach besichtigte er das Innere desselben.
* In der Klinik. Professor der Chirurgie: Sie sehen, das das rechte Bein des Patienten kürzer ist als das linke, und daß er infolge davon hinkt. Nun, was würden Sie in einem solchen Falle thun? — Student: Ich würde auch hinken!
* H e i r a t s - I n d u st r i e. A.: Wie kommt es eigentlich, daß die Hosrätin Lämmermeier mit ihren sieben Töchtern nicht mehr in diesem Hause erscheint? — B.: Jedenfalls, weil sie hier absolut keinen Schwiegersohn finden konnte. Sie wird sich ein anderes Absatzgebiet gesucht haben.
* Malitiöser Schluß. A.: Ist das nicht komisch, daß die berühmte Frauenrechtlerin und Männerfeindin Widerhuber geheiratet hat? — B.: Nun ja, da kann sie ihren Männerhaß in Thaten umsetzen!
* Aha! Herr: Finden Sie nicht auch, mein Fräulein, daß ein >tuß ohne Bart ebenso fade schmeckt wie Fleischbrühe ohne Salz? — Fräulein: Bedaure, ich habe noch nie . . . —' Herr: Na, na . . . — Fräulein: . . .Fleischbrühe ohne Salz, gegessen.
* Z e r st r e u t. Frau: Da ist eine Todesanzeige von Deinem früheren Schüler Alex Murmel gekommen! — Professor: So, denkt der auch mal wieder an mich?
* Störend. Dichter (zu seiner Gattin): Eulalia, nimm doch diesen Käse weg, ich möchte gern mein Gedicht „Wiesenduft — Waldesluft" vollenden!
* Ein Mäce n. Parvenü: ... Ja, Herr Professor, für Krinsh lund Wissenschaft scheu ich kein Opfer! Bei mir kann sich der berühmteste Mensch satt essen!
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Die Buren im Felde.
Wie vorzüglich die Kriegsführung der Buren auch sein mag, wohl niemand kann sich der Thatsache verschließen, daß ihr auch große Fehler anhaften, Fehler, welche Cronjes Mißgeschick wohl größtenteils verschuldet haben. Gerade in dieser Beziehung dürften die nachfolgenden „Kriegseindrücke" so manches aufklären und von hohem Interesse sein; sie geben eine klare Darstellung von den Vorzügen und Fehlern der Buren im Felde und entstammen der Feder des Redakteurs der Transvaalschen „Volksstem", Dr. Eugelenburg's:
„Nichts ist dem europäischen Neuling überraschender, tilg die Beobachtung eines Umstandes, der in einem Buren- 'ommando jeden Augenblick zu konstatieren ist, nämlich, daß verschiedene Reiter sich mit einem Sonnen- oder Regenschirm qeyen Sonnenhitze oder Regen schützen. Andere wieder leisten sich einen achterryder“, einen berittenen Kaffer, der das Gewehr, die Patronen u. s. w. seines Herrn trägt, tvrnn dieser sie nicht benutzt. Von einem Antreten zum Appell und dergleichen ist bei den Buren keine Rede; wenn sie Truppen ,'ausziehen sollen, erschallt der Befehl: „op sa^el! burgers, op sa’el! “ (in den Sattel! Bürger, in den Zattel!), und es steht jedem frei, ob, und wann er dieser Otdre Folge leisten will. Die einzige existierende, aber sehr wirksame Disziplin wird durch das Bewußtsein geschaffen, daß man von den Kameraden beobachtet, und ilö-tigenfalls ausgelacht wird. Mancher Feldkornet kennt nicht mal die genaue Anzahl seiner Mannschaften.
Noch nie während des jetzigen Krieges hat jemand den Generalissimus „Oom Piet Joubert" etwas tragen sehen, üüs von einem besonderen Militäranzuge auch nur eine chwache Ahnung hatte; wiederholt habe ich diesen eigenartigen Feldherrn auf Rekognoscierungen begleitet, und noch sche ich ihn vor mir: sitzend in einem kleinen Wägelchen, einen harten braunen Hut auf dem Kopfe und den Hals in dem umgestülpten Kragen eines höchst prosaischen Ueber- zichers verborgen. Nur der im ledernen Etui hängende
Feuilleton.
Feldstecher und ein Patronengürtel gaben bet friedlichen Erscheinung des Herrn Joubert einen Beigeschmack.
Die Abneigung der Buren gegen schneidig militärisches Auftreten geht auch daraus hervor, daß die wenigen Chargen, die es überhaupt giebt, ebenso unbedeutend, wie äußerlich schwer zu erkennen sind; ihr Kriegrat ist höchst gemütlich, und die Befehle haben mehr das Ansehen von höflichen Bitten. Großthuerei und sich seiner Thaten zu rühmen, wird als recht verwerflich betrachtet; dagegen wird ein Bur mit der größten Offenheit und ohne Scheu bekennen, daß er das Kämpfen lange nicht für das „Höchste der Gefühle" hält; derselbe Mann wird aber, wenn er muß, unter den Bomben hindurchgehen.
Oeffentlich beraten die Buren, wie im Notfälle am besten davonzukommen, aber nicht ein Kommando wird seine Stellungen aufgeben, bevor es dringend notwendig ist, und wenn längeres Verweilen lediglich Opfer kosten würde. Ueberhaupt ist Kapitulation den Buren furchtbar, und das allerletzte, was sie thun. „Schneidigkeit" auf dem Schlachtfelde ist verpönt, kein Bur denkt daran, lediglich aus lieber: sluß an Mut sein Leben zu wagen. Derartiger Uebermut wird gegebenen Falles auch anstatt mit dem Ehrenmetall, durch einen gehörigen „Anschnauzer" des Feldkomets gewürdigt, denn jeder Mann, der fällt, raubt nicht allein einer Familie ihren Ernährer, sondern schwächt zudem sein Kommando und verringert die Aussichten auf den Sieg. Der Bur soll sich selbst schützen und so viel wie möglich die Feinde kampfunfähig machen.
Bedingungsloser Gehorsam im Kriege ist bei den Buren eine Unmöglichkeit; denn erstens ist die Machtbefugnis der Befehlshaber viel zu beschränkt, und zweitens haben die Untergebenen ein großes Maß von Selbständigkeit und ein sehr kritisches Urteil aufzuweisen. Jeder Befehlshaber der Buren — er möge Generalissimus, „Vechtgeneral", Kommandant, oder „Veldcornet" fein — verdankt feine Autorität lediglich dem Willen des „souveränen" Volkes, es sei mittels Abstimmung oder auf andere Weise. Seine Truppe besteht aus Leuten, die ihm materiell durchaus gleichstehen
und ganz freiwillig feinen Anordnungen Folge leisten. Wer nicht mitkämpfen will, kann ohne viel Federlesens daheim bleiben, und wem der Feldkornet seines Viertels nicht paßt, stellt sich ohne weiteres unter einen anderen. Das Verhältnis zwischen beiden Parteien ist also nicht das von einem Hauptmann zu seinen Soldaten, sondern dasjenige von einem Anführer zu feinen Kameraden.
In einer Burenarmee diktiert der Kommandierende seinen Willen nicht kurz in einer TageSordre, sondern hält fortwährend Fühlung mit feinen Offizieren, um von deren Hilfe versichert zu bleiben. Je weniger folgsam ein Offizier ist, um so höher steigt er oft in der Achtung feiner Leute. Das ist der widerspruchsvolle Geist der Buren! Es kostet einem General oft manchen Schweißtropfen, um den Kriegsrat zur Annahme seiner Pläne zu bringen. Und es sind mir Fälle bekannt, daß ein Feldkornet wiederholt sich weigerte, seine Instruktion zu befolgen, weil diese nach seiner Meinung nicht stichhaltig waren. Ueberhaupt ist der „kritische Blick" der Buren viel größer als derjenige seiner Gegner. In jedem Afrikaner schlummert ein Feldherr; sofort und ohne jede Mühe durchschaut er die Situation und ist sofort darin zu Hause. Er ist in fortwährender Berührung mit feinen Offizieren, so daß er weiß, was in den höheren Regionen umgeht; auch ist er ein eifriger Leser der Zeitungen, deren er habhaft wird, und der sofort in den Lagern verbreiteten Bulletins.
Jeder Bur-Soldat weiß folglich, was von seinem Kommando verlangt wird. Kommt ihm die Aufgabe zu schwer oder problematisch vor, so spricht er mit feinen Kameraden, und man geht zum Feldkornet. Sich willenlo- hinschlachten zu lassen, fällt ihm nicht im Traume ein, und während eine Menge englischer Gefangener in Prätoria tatsächlich nicht weiß, weshalb überhaupt gekämpft wird, will der Bur jeden Befehl nicht nur vollständig verstehen, sondern auch gutheißen, sonst führt er ihn einfach nicht aus.
Soweit die Beobachtungen des transvaalschen Regierungsblattes. Das gerade dies einer der Hauptschäden des tapferen Burenheeres ist, bedarf wohl keiner Erörterung.
Irüßlingsöolen.
Von C. Geißler.
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z angenehmen Gen
Noch fesselt uns eisiger Wind und Schneegestöber ans Zimmer, und verdrießlich harren wir im warmen Stübchen hinter den Fensterscheiben der Ankunft des Lenzes. Einige schöne Februartage mit hellem Sonnenschein und lauen Lüften haben uns vorgegauckelt, der Frühling sei gekommen, unb nun kommt der März und fegt mit wilden Stürmen unsere Hoffnung auf einen baldigen Frühling hinweg?
Und trotzdem es draußen stürmt und schneit, und wir griesgrämig mit dem Frühling hadern, daß er gar so lange auf sich warten läßt, hat doch die Natur längst ihr geheimnisvolles Weben begonnen; sichtbar freilich nur für diejenigen, denen es vergönnt ist, sie in ihrer Werkftätte läglich zu belauschen.
Da sind Wunder zu schauen, wie mächtig es sich regt in Au und Hain; wie es unter der scheinbar grauen Decke 'des Wiesengrundeö grünt und sprießt, und die Knospen an Zäumen und Sträuchern hervorbrechen. Im Garten kündigt sich der Frühling an, der Hollunder und andere Sträucher treiben Blätter, die Schneeglöckchen strecken ihre nieißen Köpfchen aus der kalten Erde hervor, und Gänseblümchen und Märzveilchen blicken neugierig in die vom Frühling träumende Welt. Haselsträucher und Sahlweiden haben sich zum Lenzempfang mit ihren Kätzchen geschmückt, die nun der Märzwind arg zerzaust, aber auch die Amsel auf der Tanne im Garten läßt schon seit Wochen ihr vunderbares Lied erschallen, Meisen und Finken schmettern im Chor, und gar der Storch, die Lerche, der Staar und die Bachstelze haben sich zeitig eingefunden, um an dem allgemeinen Frühlingskonzert teilzunehmen. Gar mancher dieser lieblichen Sänger läßt in der Kälte der Morgenstunden das Köpfchen hängen, denn —
Rauh wühlt der Windhauch im Gefieder Der kleinen Brust voll süßer Lieder, dc)ch wenn die Sonne ihre wärmespendenden Strahlen her- nteberfenbet, bann ist alles Leid vergessen —
Und es schallt innig, ungestört, Ihr Lied, das schon dem Lenz gehört.
Der Vögel Lieder sind nicht ungehört verhallt; auch


