Ausgabe 
11.3.1900 Drittes Blatt
 
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Professor Eberlein den Satz ausgenommen, daß der nackte Mensch die Schöpfung Gottes, die Krone der Schöpfung und der Kunst bleiben muß trotz aller Philister und Tar- tuffeS. Aber das Zentrum scheut nicht den Vorwurf der Tartufferie und die Konservativen des Reichstages haben das Bedürfnis, sich wieder einmal zu Gefolgsleuten der Thorheit zu machen, sich im hellsten Lichte zu blamieren. Warum auch nicht? Sie haben in vielen Fragen in den letzten Jahren so verständig gehandelt, daß sie wieder ein­mal das Bedürfnis haben, des Lebens Unverstand mit Wehmut zu genießen und den Liberalismus als den Hort der künstlerischen Freiheit hinzuftellen. Man hat ja freilich eine Abschwächung, einen Kompromiß vorgenommen, aber man hält den Wortlaut der neuen Fassung sogleich geheim. Was gut ist, scheut niemals das Licht, und kein Mensch wird aus dem deutsch englischen Vertrage oder aus dem neugeformten Kunstparagraphen .auf seine tiefgründige Weisheit schließen. Die Nachtwächter der Sitttlichkeit lieben das Dunkel.

Vermischtes.

Radfahren und Verbrechen!Jeder neue, in unser tägliches Leben eingeführte Mechanismus verviel­fältigt die Ursachen und die Zahl unserer Verbrechen." Dies ist der Grundton in Professor Lombrosos neuestem Artikel. in der Märznummer desPall Mall Magazine", in dem er seinen Grundsätzen eine neue Anwendung auf die Beziehungen zwischen dem Verbrechen und dem Zweirad giebt! Erstens bewirkt dieZweirad-Verrücktheit", wie Lombroso sich ausdrückt, daß die Menschen zu Dieben werden,- von zahllosen Beispielen von Fahrraddiebstählen und Schwindeleien wird täglich in den Zeitungen berichtet. Dasselbe haben freilich andere Gegenstände des menschlichen Begehrens wie Gold und Juwelen, auch gethan. Lombroso versucht jedoch zu zeigen, daß das Zweirad einige ganz spezielle und geradezu geistreich erdachte Formen der Spitz­bubenstreiche hervorgebracht hat. Das Rad hat seine Be­sonderheiten, es ist so außerordentlich beweglich, daß es leicht die Beute eines Diebes werden kann, und

geräde diese Beweglichkeit macht es zu einem sehr

nützlichen Instrument auch für die Vollbringung anderer Verbrechen, besonders beim Straßenraub.Denn was", so fragt Lombroso,erleichtert die Flucht und ein Schein­alibi mehr als das Rad, das schneller als das Pferd, sicherer als die Eisenbahn mit dem ausplaudernden Tele­graphen ist? Größtenteils sind die Straßenräuber sehr behende, leidenschaftliche Radfahrer, und stammen oft aus guter gesellschaftlicher Stellung; häufig sind es Leute, die gedient haben, ja sogar Studenten. . Der leidenschaft­liche Radfahrer wird sich erleichtert fühlen, wenn er hört, daß dieseAutorität" der Kriminalanthropologie zugiebt, daß, wenn das Rad die Ursachen und Mittel des Ver­brechens vermehrt hat, es andererseits auch die Wohlfahrts­und Kultureinrichtungen des Lebens gefördert hat. Er fügt außerdem noch vorsichtig hinzu, daß, wenn das Rad dem Verbrechen neue Formen giebt, es auch neue Mittel zur Unterdrückung des Verbrechens gewährt. . . Der Herr Professor scheint' den Zorn der begeisterten Radler zu fürchten!

* Die Telephonanschlüffe der ganzen Welt belaufen sich auf noch nicht anderthalb Millionen. Die weitaus größere Mehrheit entfällt auf die Vereinigten Staaten mit 900,000 Abonnenten, denen Deutschland, das mit 140,000 an zweiter Stelle steht, weit nachhinkt. England hat 75,000, die Schweiz 55,000, Frankreich 35,000, Oesterreich 20,000, Rußland 18,000 und Spanien 12.000 Anschlüsse. (Mit­geteilt vom Internationalen Patentbureau Karl Fr. Reichelt, Berlin N.-W. 6.)

Erdbeben sind bekanntlich keine Erfindungen der Neu­zeit, und in manchen Gebieten schwebt die Einwohnerschaft schon seit Jahrtausenden in steter Furcht vor diesen Natur­ereignissen. Es ist wenig verwunderlich, daß über dieselben Nachrichten aus dem grauen Altertum in einiger Fülle vor­liegen. Erdbeben mit ihren zerstörenden Folgeerscheinungen machten von jeher auf die Bevölkerung, zumal der außer» europäischen Länder, einen besonders tiefen Eindruck, und so kommt es, daß uns heute authentische Aufzeichnungen über Eruptionen zur Verfügung stehen, die bis zum Jahre 596 v. Ehr. zurückreichen, und außer Europa auch China, Sibirien, Zentralasien und Rußland berücksichtigen. In­

teressant ist ein Vergleich der einzelnen Länder bezügljq der Häufigkeit der Erdbebenerscheinungen während der vn floffenen 25 Jahrhunderte. Im ganzen sind aus diese Zeit 2396 Erdbeben bekannt, also ungefähr eine pro Jahr Dieselben verteilen sich auf

China mit 710

Oestl. Sibirien 549

Kaukasus 590

Zentralasien 202

Kleinasien und Persien 121

Europäisches Rußland 188

West-Sibirien 36

Zieht man die Größe der verschiedenen Länder in & tracht, so zeigt der Kaukasus auf dem kleinsten Flächenrarv die größte Erdbebenzahl. Dann erst kommen China Sibirien, Türkistan, Mittel- und Süd-Rußland, schließlich die Oftseeprovinzen und Finland, wo durchschnittlich nur 1518 Erdbeben in jedem Jahrhundert gezählt wurden. (Mitgeteilt vom Internationalen Patentbureau Karl Fr Reichelt, Berlin N.-W. 6.)

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