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Drittes Blatt
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
ÄeWMew. Expedition und Druckerei:
Kchnfflraße Nr. 7.
a* Die Nachtwächter der Sittlichkeit.
Gießen, den 9. März 1900.
Bor einigen Jahren stand vor den Schranken eines Berliner Gerichtes ein merkwürdiges Ehepaar, und an seiner Seite hatten Männer Platz genommen, deren kriminalistische Physiognomien den Memoiren des Pariser Polizeichess Goron zur Zierde gereichen würden. Man vernahm eine Sprache, deren einzelne Worte sich nicht bei Schiller und nicht bei Goethe finden, eine Sprache, die nicht sür die sanften Klänge der Elegie, wohl aber für jenen brutalen Realismus sich eignet, der unter der Hefe der Großstadtbevölkerung herrscht. Weder der Gerichtshof noch das Publikum hat an den Helden des Prozesses Heinze Spuren der Menschlichkeit zu entdecken vermocht, und nur dem armen Weibe galten noch leise Sympathieen, das von seinem rohen Manne gezwungen wurde, die Reste spärlicher Reize als Ware auf den Markt zu tragen.
Damals erließ Kaiser Wilhelm, in tiefstem Innern betroffen von dem Anblick einer Welt, die räumlich hart angrenzt an die Welt des Luxus und des Glanzes, eine Kund- gebung, die eine beschleunigte Abstellung des Zuhälterwesens forderte. Längst ist der Name des „Pallisadenkarl" und seiner Gefährten von einem mythischen Schleier umgeben, aber die schöne Anregung blieb, was sie war: eine schöne Anregung.
Und doch ist diese Anregung nicht ganz unfruchtbar geblieben. Die Regierung hat mühselig und kummervoll einen langen Gesetzentwurf ausgearbeitet, und Herr Nieberding hat ihn alljährlich im Schweiße seines Angesichts vertreten. Und als der Karren immer wieder stecken blieb, da hat das Centrum sich als Vorspann eingestellt, und unter dem ..Schnellfeuer des Gebetes", wie man es einst in Krefeld verhieß, ihn aus dem Sumpfe zu ziehen eifrig unternommen.
Aber in frommer Verzückung hat man des Weges allzuwenig geachtet, und heute erleben wir das köstliche Schauspiel, daß die Regierung sich wehrt gegen die ihr aufgezwungene Reaktion, daß sie sich wehrt gegen die Machtmittel, die ihr das Centrum in Gemeinschaft mit den braven, aber ahnungslosen Konservativen übertragen will. Während das Centrum darnach lechzt, mit der „Keule des Katholizismus alles niederzuschlagen was ihm widersteht", während Herr Roeren als Spion der Sittlichkeit in den Berliner Kunsthandlungen herumwandelt, und bei dem Anblick von Aktstudien entsetzt seinen Rosenkranz abbetet, während gottselige Kapläne ankämpfen gegen des Fleisches Lust und Verführung, eifrig wie einst der heilige Franz von Assisi und der Helfer in Examennöten, Antonius von Padua, er
klärt die Regierung, die einst das Umsturzgesetz schuf, ihr „Unannehmbar". Das ist charakteristisch genug für die Einen, wie für die Anderen, für eine Regierung, die sich scheut, vor der Nachwelt als die Sklavin klerikaler Beschränktheit zu gelten, für das Centrum, das jauchzend seine Zeit gekommen glaubt, und für die Konservativen, die wieder- einmal nicht wissen, was sie thun.
Man hat in die lax Heinze drei Bestimmungen „hinein- geheimnißt", die von der Regierung zurückgewiesen werden. Man will das Schutzalter sür Mädchen hinaufsetzen auf das achtzehnte Lebensjahr, auf daß das Handwerk der Er. Pressung zu Blüte gelange, man will mit besonderer Rigorosität gegen die Arbeitgeber vorgehen, die ihre Stellung und Autorität gegenüber den weiblichen Angestellten miß- brauchen, und man will die Kunst unter Polizeiaufsicht stellen.
Wenn der ..Arbeitgeberparagraph" in sorgfältig, bedachter Fassung zum Gesetz würde, so würden sicherlich weite Kreise ihre Zustimmung nicht versagen. Denn er trifft in der That eine der stärksten Wurzeln des sittlichen Elendster bildet ein reales Mittel, die Welt der Dirnen zu entvölkern, ihr die Rekruten zu entziehen. Aber gerade diesen Paragraphen giebt man leichtherzig preis, und nur an dem polizeilichen Schnürleib, den man der Kunst anzulegen gedenkt, hält die Reichstagsmehrheit mit Zähigkeit fest. Es sollen 198 Stimmen für seine Annahme gesichert sein; mit den sicherlich doch nur aus der Theorie ihre Weisheit schöpfenden Kaplänen verbinden sich die alten Praktiker des Lebens, um aus den schauerlichen Erfahrungen d.es Pro zesses Heinze, um aus dem Jammer der Großstadtprostitution, um aus dem Lebensinhalt des Pallisadenkarl und des Lattenfritze die groteske Folgerung zu ziehen, daß der „Schlafenden Venus" des Giorgio Barbarelli Hemd und -Nachtjacke anzuziehen sei, und daß die blühenden Frauen- gestalten Tizians sanft übertüncht werden müssen mit dem schwarzen Lack klerikaler Sittlichkeit.
Allerdings hat schon einmal, vor etwa sechs Jahren, das Magdeburger Landgericht eine Reihe von Nachbildungen der Michelangelo, Guido Reni, Palma Vecchio und Paolo Veronese als unzüchtig und die Verbreitung als strafbar bezeichnet, aber das Reichsgericht hat in einem prächtigen Urteil erklärt: „Unmöglich kann dieselbe plastische oder- malerische Darstellung einer unverhüllten Frauengestalt in öffentlichen Kunstsammlungen ausgestellt oder im Kunsthandel gleichmäßig verbreitet, Unzüchtigkeit annehmen oder verlieren, je nach den Absichten, welche der Beschauer oder Aussteller damit verbindet, je nach der geschlechtlichen Erregbarkeit des einen oder anderen Käufers solcher Darstellung." Und der Auffassung der Magdeburger Kammer, die mit großer '"""Wi —11 ............. ..................„in
Ruhe die Darstellung des unverhüllten weiblichen Körpers als „an sich unzüchtig" bezeichnet hatte, setzte der höchste deutsche Gerichtshof die Erklärung entgegen, daß ebenso wenig wie der unverhüllte männliche oder weibliche Körper selbst, auch dessen bildliche Darstellung an sich etwas mit Zucht oder Unzucht zu thun habe. Die bildenden Künste hätten von jeher den nackten menschlichen Körper nur seiner sinnlichen Schönheit wegen dargestellt; daß die Anschauung derartiger Bildwerke die herrschenden Gesetze von Sitte, Zucht und Anstand nicht ohne weiteres verletze, beweise die offenkundige Thatsache der öffentlichen Ausstellung derselben in Museen.
Man sei allerwärts der Ueberzeugung, daß die Kunst imstande ist, auch Gegenstände der berührten Art künstlerisch bis zu dem Grade zu durchgeistigen und zu verklären, daß für das natürliche ästhetische Gefühl die sinnliche Empfindung durch die interesselose Freude am Schönen zurückgedrängt wird.
Weil aber das Urteil des Reichsgerichts die Lücke verschlossen hat, durch die die schnüffelnden Kapläne des Zentrums hindurchschlüpsen könnten, um ihre Lämmer zu schützen, muß jetzt die lex Heinze das Mittel bilden, das durch den schönen Zweck geheiligt wird. Wer bewundernd vor der Knidischen Aphrodite oder den farbengesättigten Bildern des Tizian steht, der soll zu einer Abart des wackeren Heinze gestempelt werden, den das Zuhältertum mit der ganzen Glorie bestialischer Gemeinheit umwob, und zum Lord-Ober- richter avanciert der Schutzmann. Er wird entscheiden, ob die kraft- und schönheitprangenden Gestalten des Palma in dem Betrachter niedrigen Sinnenkitzel erregen oder ästhetische Erhebung, und wenn ein in der Wolle gefärbter Pietist sich „ärgert", so lodert der Scheiterhaufen empor, auf dem die Werke höchster menschlicher Kunst verbrannt werden, dem Zentrum ein lieblicher Geruch, auch wenn Päpste und Kar- dinäle einst die Schützer und Förderer des Künstlers waren. Ach, vielleicht wäre es gut, wenn eine Sammlung veranstaltet würde, auf daß Herr Roeren die Reise zur Ewigen Stadt antrete und nach Florenz, um in den Sammlungen des Vatikans oder im Palazzo Pitti, um vielleicht gar im Museum von Neapel zu prüfen, ob er wirklich durch den Anblick all der herrlichen Werke der Renaissance und der Antike in jenen sinnlichen Taumel versetzt wird, der ihn zu einem würdigen Objekt der lex Heinze, seiner lex Heinze macht. Exibat quondam clericus!
Johann Winkelmann war sicherlich kein Mann, den man als den Apostel der Unsittlichkeit auffaffen dürfte. Und er hat dennoch den Satz ausgesprochen; „Der höchste Vorwurf der Kunst für denkende Menschen ist der Mensch." Und in der Protestversammlung der Berliner Künstler hat
Feuilleton.
Aertiner Arief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.'!
Vom alten Kaiser Wilhelm: Babelsberger und Gasteiner Ge- schichten und anderes.
Zwölf lange Jahre sind ins Land gegangen seit jenem dusteren 9. März, an dem der berühmteste und zugleich bescheidenste Herrscher seines Jahrhunderts in dem historisch gewordenen schlichten Palais Unter den Linden seine müde Seele aushauchte. Die Glocken tönten dumpf und mahnend, die Lust war trüb und grau, und in Millionen Herzen regten sich bange Zweifel um die Zukunft des Reiches, das der ritterliche Herr mit so viel Liebe, ftraft und Selbstverleugnung gegründet und geführt hatte. War doch der Erbe seines Thrones, die Lichtgestalt Kaiser Friedrichs, schon von den dunkeln Schatten eines unerbittlichen Verhängnisses mnschwebt, und wußte doch niemand, wie sich die Tinge gestalten würden, wenn die beiden Recken, die ihr bestes daran gefetzt hatten, das neue Reich zu bauen und zu festigen, die Augen zum letzten Schlummer geschlossen haben würden!
Die zwölf Jahre haben es, Gott sei dank, bewiesen, daß des Reiches Fundament nicht so leicht zu erschüttern ist; , sie haben auch gezeigt, daß dem Enkel des großen Kaisers nichts mehr am Herzen liegt, als das ihm gewordene hohe Vermächtnis im Sinne und Geiste seiner erhabenen Vorfahren auszuführen. — Wie groß und köstlich aber der alte Kaiser in seiner schlichten Güte, in seiner anmutenden Einfachheit war, wird durch eine Menge nach und nach auftauchender kleiner liebenswürdiger Geschichten
klar, die den Vorzug haben, nicht nur rührend, sondern auch wahr zu sein; was man bekanntlich nicht von allen Anekdoten über fürstliche Häupter rühmen kann. In Ba belsberg war auf seine Anordnung ein Rauchverbot für die Besucher des Parks erlassen, und die Eintretenden wurden daher jedesmal veranlaßt, ihre Zigarren auf eine Platte ani Pförtnerhause niederzulegen. Bei seinen Spaziergängen nun kam der alte Kaiser auch ein paar Mal an diese Sammelstelle halb verbrauchter Glimmstengel, erkundigte sich in ach ihrer Herkunft, und stand dann eine ganze Weile nachdenkend davor. Am anderen Tage aber erschien der Befehl, das Rauchverbot wieder aufzuheben. Nur einen kleinen Teil seines schönen Parkes ließ er sich für „rauchfreie" Spaziergänge abgrenzen, weil er nicht wollte, „daß seinetwegen tagtäglich eine so große Mnge Tabak unverbraucht geopfert würde!" Im Schlosse zu Babelsberg ist er auch einmal em paar älteren Damen, die vor seinen Zimmern vorübergeführt wurden, und dabei wohl ein geflüstertes Bedauern äußerten, chevaleresk wie immer entgegengetreten, hat sie zur Besichtigung derselben aufqe- fordert und lächelnd erklärt, daß er gern so lange spazieren gehen würde, um ihnen die Freude an der Erinnerung von Labelsberg nicht zu Oerberben. Noch feiner unb edler ist bei’ Zug, den Theodor Fontane in seinem „Stechlin" ausgezeichnet hat. Dort berichtet Frommet, der bekannte Hof- prediger, aus eine Bitte des originellen alten Stechlin: r'tac??tten jvrr einmal einen schweren Regentag in Gastein, sodag der alte Herr nicht ins Freie kam, und statt draußen ur den Bergen, in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben ging. Unter ihm aber, (was er wußte,) lag ein Schwerkrallkep. Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete, seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zu)ammenschleppt und übereinander Packt, und als er mein erstaunen sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und Mir unvergeßlichen Lächeln: „Ja, lieber Frommel, da unter
nur liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin Nicht minder sympathisch berührt die kleine Geschichte von dem Denkstein auf der Emser Promenade, an der historischen stelle der 1870er Benedetti-Abfertigung. In seiner vornehmen Bescheidenheit hat es der alte Held nie über sich vermocht, sich diesen Stein auzusehen, weil ihm das unbehaglich auffallend, zu posiert erschienen wäre, und erst in Begleitung eines seiner Adjutanten oder Räte hat er gelegentlich und wie zufällig die denkwürdige Stelle in Augenschein genommen. — Wie anspruchslos er in seiner Garderobe war, kann man in den verschiedenen Museen und Schlössern an den fleißig getragenen, oft fadenscheinig gewordenen Uniform-Röcken erkennen, und die Geschichte dou den drei Thalern, die er einem seiner Kanimerdiener al* Ersatz gegeben haben soll, um diesen für den Verkauf eines alten Jnterimsrockes zu entschädigen, von dem er sich nicht trennen mochte, ist vielleicht auch keine Erfindung. Ebenso sparsam und bürgerlich einfach war er in seinen ^aselgenussen, und es ist bekannt, daß er streng darauf
die heute halb verbrauchte Flasche Sekt morgen mit dem Rest vor seinem Platz zu haben. Schließlich wußte man sich im Interesse seines Magens nicht anders zu Helsen, als daß man ihm als „Rest" eine frisch entkorkte, halbgeleerte Flasche hinstellte. Und glücklicherweise hat er es nie gemerkt!
Zwölf lange Jahre sind ins Land gegangen seit jenem düsteren 9. Marz. Aber immer herrlicher und reiner steigt das Bild des schlichtesten aller Großen dieser Erde aus den Schleiern der Vergangenheit: immer größer und herzlicher^ wird die Verehrung für den schlichten Helden mit dem feinen Herzenstakt; immer mehr wird uns der stille Tempel im Schloßpark draußen zu Charlottenburg, der auch die irdischen Reste seiner unvergeßlichen Mutter umschließt , zu einem nationalen Heiligtume und glanz- umwobenen Wallfahrtsort! ... A. R.


