In Gestalt einer gothischen Festung einen quadratischen Tempel. Von der Mitte der Seiten führen durch den Unterbau zwei sich kreuzende Straßen. Ihre Eingänge sind als Triumphbogen behandelt und von Siegesgöttinnen umgeben. Aus dem Kreuzungspunkte steht die Germania. Angestrahlt von dem unerwarteten Lichte, das durch die vier Oeffnungen eindringt, ist sie im Begriff, aufzustehen. Mit der Linken hebt sie schüchtern den Trauerschleier, der über ihrem Antlitze hing, und läßt mit der Rechten den unter dem Schleier verborgenen Reichsapfel, das Zeichen der Selbständigkeit, erschrocken hervorblicken.
Aus Leipzig selbst kamen auch Anregungen. Der russische Generalkonsul Staatsrat von Frey gang, der Ratsherr Dr. Stieglitz und der bekannte Geschichtsschreiber der Leipziger Schlacht, Major Aster, gaben gemeinsam den „Entwurf eines zum Andenken der Schlacht von Leipzig zu errichtenden (nicht Sieges-, sondern) TotenmonumentS" mit zwei lithographierten Zeichnungen heraus. Sie wünschten aus dem Monarchenhügel eine gotische Kapelle zu errichten.
Von allen diesen Entwürfen kam keiner zur Ausführung. Jeder Funke der Begeisterung für diese Sache erlosch im Groll über die bittere Enttäuschung, die das deutsche Volk nach 1813 erfuhr.
In Leipzigs Bürgerkreisen hielt in der damaligen schweren Zeit der noch heute bestehende „Verein zur Feier des 18. Oktober" das ehrende Gedächtnis der deutschen Be- freiungStage wach. Ihm gebührt auch das Verdienst, später dann zuerst die Notwendigkeit einer jährlichen Erinnerungsfeier der Völkerschlacht — wenn auch formell nur in ihrer Bedeutung für Leipzig — wieder betont zu haben und für eine äußere Schmückung und Kennzeichnung der Schlachtfelder besorgt gewesen zu sein.
Eine Reihe von Jahren hindurch ehrte die patriotisch sühlende akademische Jugend, voran die deutsche Burschenschaft, die Erinnerung an die große Befreiungsschlacht, bis die deutschen „Untersuchungsgerichte zur Unterdrückung demagogischer Umtriebe" ihr den Mund verschloffen und die Hände banden. Eine Zeit lang zog noch eine kleine Schar begeisterter Burschenschafter alljährlich am 18. Oktober in aller Stille nachts auf das Leipziger Schlachtfeld, um im Fackelscheine einer ernsten Rede zu lauschen. Dann verblaßte auch die letzte Spur der Erinnerung. Die Idee eines Völkerschlacht-National-Denk- malS ging schlafen.
Erst im Jahre 1863 lebte sie wieder aus. Man raffte sich zu schöner That empor, als es galt, die fünfzigjährige ErinnerungSseier der Schlacht bei Leipzig zu veranstalten. 540 Vertreter von 214 deutschen Städten legten am 49. Oktober 1863 angesichts 1400 ergrauter Veteranen und hunderttausend begeisterter Patrioten den Grundstein zu einem großartigen Nationaldenkmale, denselben, der am 18. Oktober d. I. zum zweiten Male geweiht werden soll. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt Leipzig" Dr. Koch, sprach damals: „Der erste Schlag gilt dem Erwachen des deutschen Volkes in seinem nationalen Bewußtsein, gilt allen denen, welche dafür gekämpft, gelitten und geblutet haben! Der zweite Schlag gilt dem treuen Ausharren in der begonnenen Arbeit für die großen Endziele der deutschen Nation! Der dritte Schlag gilt dem endlichen Siege des deutschen Volkes im Ringen nach nationaler Macht und Größe, Einheit und Freiheit des heißgeliebten Vaterlandes!"
Da lohte die Begeisterung mächtig empor, aber die That blieb aus. Auf dem feierlich eingesenkten Stein erhob sich kein Denkmal!
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 9. Oktober 1900.
** Jubiläum. Aus eine 25jährige Dozenten- thätigkeit an unserer Universität kann der Professor der Theologie Geh. Kirchenrat D. Stade zurückblicken. Aus diesem Anlasse soll ihm eine besondere Ehrung zu Teil werden. Hierzu versammeln sich im ersten Kolleg des Jubilars bei Beginn des neuen Wintersemesters am Dienstag, den 23. Oktober, nachmittags 5 Uhr, im Auditorium Nr. 7 die jetzigen und früheren Schüler zur Veranstaltung einer kleinen Feier. Abends 8^ Uhr findet ein Festkommers im „Hotel Einhorn" statt, bei dem auf eine starke Beteiligung gerechnet wird. Anfragen und Anmeldungen sind bis zum 15. Oktober an Herrn Repetenten Herrmann, zurzeit in Friedburg (Burg) zu richten.
** Probealarmieruug der Landfeuerwehren. Dem Vernehmen nach wird demnächst, ähnlich wie kürzlich in der Stadt Gießen, in einigen Orten des Landkreises eine Probealarmierung der Feuerwehr stattfinden.
•* Perssualnachrichteu. Der Ministerialkanzlei-Jnspektor bei dem Großherzoglichen Ministerium des Innern und der Justiz, Kanzleirat Philipp Dauber, wurde aus sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. November 1900 an unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhe- stand versetzt und ihm die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen; der Ministerialkanzlist Friedrich Krast wurde zum Ministerialkanzlei-Jnspektor bei den Ministerien des Innern und der Justiz mit Wirkung vom 1. November 1900 an er* Bannt♦ der Oberlehrer an dem Gymnasium zu Gießen Dr. Konrad Neßling wurde zum Oberlehrer an dem Ludwig-GeorgS'Gymnafium zn Darmstadt und der Oberlehrer an der Realschule zu Butzbach Otto Alteudorf zum Oberlehrer an dem Gymnasium zu Gießen ernannt.
Vermißt. Seit Sonntagabend wird ein junger Mann namens Georg Völlmar vermißt. Da er schon feit längerer Zeit leidend ist, so vermutet man, daß ihm ein Unfall zugestoßen sei. Der Vermißte ist 22 Jahre alt und von schlanker Statur; er war bekleidet mit dunkel* grünem Anzug und Schnürstiefeln und trug einen hellgrünen, weichen Filzhut mit Hellem Band. Alle, die über
seinen Verbleib irgendwelche Auskunft geben können, werden gebeten, solche im Interesse der besorgten Eltern an das Polizeiamt gelangen zu lassen.
** Plahgebiihr in D-Zügen. In der letzten Zeit sind durch die Blätter Beschwerden darüber gegangen, daß in D-ZÜgen auch dann von Reisenden die Bezahlung der Platzgebühr gefordert wurde, wenn sie infolge der Ueberfüllung des Zuges keinen Platz fanden. Für das reisende Publikum wird daher die Information von großem Interesse sein, die der Präsident der Eisenbahndirektion Berlin, Wirkt. Geh. OberregierungSrat Kranold bekannt giebt:
Es findet für die v Züge ein Vorverkauf von Platzkarten statt, wobei jedem Reisenden auf Grund einer Laufkarte ein bestimmter nummerierter Platz im Zuge überwiesen wird. Nach Schluß des Vorverkaufs werden zwar von den Fahrkartenausgabestellen noch Platzkarten verkauft, sie sind aber unnummeriert, da die Ausgabestelle nicht mehr im Besitz der Laufkarte ist und deshalb nicht wissen kann, ob und welche Plätze im Zuge noch frei sind. Infolgedessen hat der betreffende Reisende einen Anspruch auf Ueberweisung eines nummerierten Platzes nur dann, sofern im Zuge noch Plätze frei sind. Ist dies nicht der Fall, und unterläßt der Reisende die Fahrt oder kann ihm auch während der Fahrt ein Platz nicht angewiesen werden, so steht es ihm frei, sich die Nichtbenutzung der Platzkarte durch den Zugführer bescheinigen zu lassen und die gezahlte Platzgebühr zurückzufordern. Keines, falls ist der Reisende, dem ein Platz im v-Zuge nicht überwiesen werden kann, verpflichtet, eine Platzkarte zu lösen.
? Lang-Göns, 8. Oktober. Gestern Nachmittag beging unser Turnverein, dessen gedeihliches Aufblühen allseitig mit Genugthuung begrüßt wird, im „Gasthaus zum Schwaneu" aus Anlaß des Abturnens eine kleine, in allen Teilen wohlgelungene Festlichkeit, an der auch der Turnverein Großen- Linden teilnahm.
§ Butzbach, 8. Oktober. Die am Samstag von der Ortsgruppe Butzbach eröffnete Obstausstellung ist reich- M beschickt und sehr gut geordnet, auch zahlreich von hier und aus der Umgegend besucht gewesen. Der seitens des Obstbautechnikers WieSner von Friedberg über die ausgestellten Obstsorten und über Zwergobstzucht gehaltene Vortrag war recht interessant. Heute abend wurde die Ausstellung geschlossen.
Grünberg, 7. Oktober. Heute fand hier ein Kreisfeuerwehrtag des Bezirks II. Kreises Gießen statt. An demselben nahmen die Kommandanten von 37 Wehren teil. Kreisamtmann Böckmann erteilte nach Begrüßung der Erschienenen dem Kreisfeuerwehrinspektor LooS das Wort zur Berichterstattung über den Stand des Löschwesens im Kreise Gießen. Redner gab zunächst eine Uebersicht über die Zahl der im Großherzogtum Hessen bestehenden freiwilligen Feuerwehren, woraus hervorgeht, daß in den letzten zwei Jahren sechs neue freiwillige Wehren entstanden sind; von den in ganz Hessen bestehenden 264 freiwilligen Wehren kommen 52 aus Oberhessen. In einigen Kreisen stellten sich bezüglich des Kostenpunktes Hindernisse entgegen, trotzdem bekannt ist, daß die Großh. Landesbrandkammer die Gründung freiwilliger Feuerwehren unterstützt. Im Kreise Gießen sind vorhanden 51 zweistrahlige Saug- und Druckspritzen, 5 einstrahlige Saug- und Druckspritzen, 70 Druckspritzen; 10 kleine zweirädrige Druckspritzen, 4 kleine zweirädrige Saug- und Druckspritzen, sowie 4 Wasserzubringer, insgesamt 149 Spritzen. DaS Schlauchmaterial hat eine Länge von ca. 11000 Meter. Au Mannschaft zählte der Bericht 7000 Feuerwehrleute. Die im Kreise Gießen bestehenden freiwilligen Feuerwehren haben 950 Mitglieder. Im Jahre 1899 kamen in den Landgemeinden des Kreises 35, in der Stadt Gießen 13 Brände vor. — Ein zweiter Vortrag des Kreisfeuerwehrinspektors betraf Scheuerbrände. Der Vortragende erteilte wertvolle Winke über die Bekämpfung des Feuers, die bei Ausräumung brennender Scheuern zu beobachtenden Vorsichtsmaßregeln, über den Schutz benachbarter Gebäude, Verhalten der Löschmannschaft bei heftigem Flugfeuer u. s. w. Die aus der Mitte der Versammlung gestellten Anfragen über technische Angelegenheiten wurden eingehend beraten. — Nach den Verhandlungen fand eine gut ausgesührte Hebung der freiwilligen und der Pflichtfeuerwehr statt, über deren Verlauf sowohl Herr KreiS- amtmann Böckmann wie Herr Kreisseuerwehrinspektor Loos ihre Zufriedenheit aussprachen. (Darmst. Ztg.)
Rudingshain, 8. Oktober. Bei der am Samstag statt- gehabten Bürgermeisterwahl erhielt der seitherige Bürgermeister Fischer 65 Stimmen, auf den Gegenkandidaten Karl Ludwig Deubel fielen ebenfalls 65 Stimmen; es wird deshalb eine Stichwahl stattfinden.
Darmstadt, 8. Oktober. Am Dienstag dem 16. Oktober, vormittags IN/, Uhr, findet in der Aula der Technischen Hochschule die feierliche Uebergabe des Rektorats seitens des Prorektors Geh. BauratS Prof. Koch an den neu ernannten Rektor Pros. Dr. Schering statt. Bei diesem Anlaß wird auch das Resultat der für die Studienjahre 1898/99 und 1899/1900 eiugelieferten Preisausgaben bekannt gegeben.
Mainz, 8.Oktober. Die Süddeutsche Eisenbahn- Gesellschast hat der Stadt Mainz einen neuen Vertragsentwurf in Sachen der Umwandlung des Straßen- bahnbetriebeS in einen elektrischen Betrieb unterbreitet. Nach diesem Entwürfe hat die Stadt Mainz das Recht, nach 20 Jahren, von der Einführung des elektrischen Betriebes ab gerechnet, nach vorheriger einjähriger Aufkündigung das auszubauende Mainzer Straßenbahnnetz zu erwerben. Der Kaufpreis dafür wird bemessen nach dem Reinertrag des Bahnnetzes, mindestens ist jedoch das Anlagekapital zu bezahlen. Beträgt der durchschnittliche Reinertrag der letzten drei vollen Betriebsjahre mehr als 4 Prozent, so hat die Stadt Mainz über das jeweilige Anlagekapital hinaus zu bezahlen: a) 20 bis 30 Jahre nach der Betriebseröffnung des elektrischen Betriebes den 25sachen Betrag, b) 30 bis 35 Jahre den 20fachen Betrag, c) 35 bis 40 Jahre den 15fachen Betrag, d) 40 bis 50 Jahre den lOfachen Betrag des obigen Mehrertrages. Von 50 Jahren ab ist überhaupt nur das Anlagekapital zu bezahlen. Die Bürgermeisterei vertritt übrigens den
| Standpunkt, daß diese Vorschläge der Gesellschaft vorerst von ber Stadtverordneten- Versammlung nicht besprochen werden sollen, ehe Baurat Riese in Frankfurt, ber als Sachverständiger eingesetzt ist, sich darüber ausgesprochen hat, was der Stadt Mainz die Uebernahme der Straßenbahn in eigenen Betrieb koste und wie es mit der Rentabilität der Bahn stehe. Nach den von sachverständiger Seite der Bürgermeisterei gegebenen Zahlen soll die Umwandlung des Pferdebahn- in elektrischen Betrieb etwa 2 Millionen Mk. kosten.
Mainz, 7. Oktober. Die Jahresversammlung der Anwaltskammer erledigte die bereits mitgeteilte Tagesordnung und wählte zum Nachrechner den Rechtsanwalt Dr. Spohr-Gießen, zum Mitgliede des Vorstandes den Rechtsanwalt (Saufe in Mainz. In der lebhaften Debatte befürwortete Rechtsanwalt Dr. Spohr die Zulassung der forensischen Vertretung durch die dem Anwalt im Vorbereitungsdienste überwiesenen Gerichts- accessisten und erörterte die Notwendigkeit einer tiefgehenden Umgestaltung des Staatsexamens, wobei er namentlich hervorhob, daß den Prüflingen bei Ausarbeitung der schriftlichen Arbeiten der Gesetzestext belassen werden möge. Auch die Frage der Freizügigkeit der Anwaltschaft und die Zulassung der GießenerAnwälte beim Oberlandesgericht wurde vom Redner berührt. Rechtsanwalt Lindt- Darmstadt regte Maßnahmen der Landesjustizverwaltung hinsichtlich der Rechtskonsulenten und der über sie zu übenden Dienstaussicht gemäß § 157, Absatz 4 der Civilprozeß- orbnung an.
Hersfeld, 7. Oktober. Ein schrecklicher Unglücksfall ereignete sich gestern früh gegen 3/48 Uhr kurz vor der Ankunft des von Bebra kommenden Personenzuges auf dem hiesigen Bahnhof. Ein Reisender der 4. Klasse, der sich schon unterwegs durch ein auffälliges Benehmen bemerkbar gemacht hatte, sprang kurz vor ber Börnerschen Dachpappenfabrik aus bem noch in voller Fahrt befinblichen Zuge und geriet hierbei unter die Räder desselben, wobei ihm beide Beine unterhalb des Kniees abgefahren wurden. Außerdem erlitt er eine schwere Verletzung am Kops. Der Verunglückte, der etwa 30 Jahre alt ist, heißt Jtzig Herrmann und ist aus Nakel in Posen. Im Landkrankenhause, wohin er gebracht wurde, wurden ihm beide Beine sofort amputiert.
Vermischtes.
* Köln, 8, Oktober. Der Zuchthäusler Ernst Dinger aus Solingen, der am Sonntag aus dem Zuchthause zu Werden entsprungen ist, wurde gestern, als er sich zur Flucht nach Holland anschickte, aus dem Kölner Bahnhofe mit Komplizen verhaftet. Im Besitze ber Verbrecher wurden zahlreiche Diebeswerkzeuge vorgefunden.
* Görlitz, 7. Oktober. Gestern und heute fanden hier drei öffentliche Versammlungen des 5.D eu tschen Fortbit d u n g s s ch u l t a g e s unter Oskar Paches, v. Schenkendorffs und Sombarts Leitung statt, die durch zahlreiche städtische Delegierte aus allen Teilen Deutschlands und die namhaftesten Vertreter der Bestrebungen besucht waren. Anwesend waren u. a. der Liegnitzer Regierungspräsident v. Heyer, als Vertreter des preufi. Handelsministeriums, und Geh. Oberregierungsrat Simon. Man erkannte die allgemeine Einführung der Fortbildungs- schule als eine der wichtigsten und nötigsten Ausgaben der Zeit aN.
* Könitz, 7. Oktober. In seinem Plaiboyer führte der Erste Staatsanwalt Sette gast aus, Speifinger habe in drei Fällen wissentlich einen Meineid geleistet. Erstens hat er beschworen, daß Fleischerlehrlinge den Winter bedroht hätten, ein Beweis hierfür sei nicht erbracht. Zweitens hat Angeklagter beschworen, Landrichter Dr. Zimmermann habe ihn hart angelassen und später zu ihm gesagt, er wolle nur gegen Hoffmann etwas wissen, und nicht über die jüdischen Mädchen. Auch diese Behauptungen sind nicht erwiesen. Drittens hat Angeklagter beschworen, Moritz Lewy im Verkehr mit Winter gesehen zu haben. Lewy ist heute allerdings in Haft genommen, weil mehrere Zeugen seinen Verkehr mit Winter bekundeten. Es ist aber nicht erwiesen, daß der Angeklagte von einem solchen Verkehr aus eigener Anschauung etwas wußte. Auch hier ist deshalb anzunehmen, daß er einen Meineid geschworen hat. Auch die Geschichte mit dem alten Juden in Jastrow ist erfunden; sie ist geradezu undenkbar. Angeklagter hat zu jener Zeit selbst noch einen Christen, einen Verehrer der Anna Hoffmann für den Mörder gehalten, erst als er mit Berichterstattern und freiwilligen Untersuchungsrichtern in Verkehr getreten, sagte er gegen Lewy aus. Der Angeklagte ist ein Wichtig- thuer und nicht ein klassischer Zeuge; selbst den Verkehr mit Ernst Winter hat er erschwindelt. Für ihn ist nur mildernd, daß er von allen Seiten gedrängt worden, Zeugnis abzulegen. Erschwerend ist für ihn, daß er einmal Hoffmanns Lehrlinge zu verdächtigen gesucht hat und bann wider die Juden im allgemeinen. Die Verhandlung hat ergeben, daß Winter sehr viel mit Angehörigen des schönen Geschlechts intim verkehrt und hieraus seinen Freunden gegenüber kein Hehl gemacht hat; keinem von letzteren habe er aber jemals etwas erzählt von einem intimeren Verkehr mit jüdischen Mädchen. Also auch hier muß der Angeklagte gelogen haben. Redner beantragt zum Schluß eine Ge- fängnißftrafe von 2>/8 Jahren. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Gebauer- Könitz, plaidiert für Freisprechung. Nach kurzer Duplik und Replik, wobei der Staatsanwalt das Treiben gewisser Preßorgane scharf verurteilt, die wochenlang in tendenziöser Weise berichtet, jeden Zeugen, der gegen Christen etwas aussagen wollte, angriffen und schlecht behandelten, zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück, die nähezu drei Stunden dauerte. Der Präsident verkündete sodann, der Angeklagte sei freizusprechen, obgleich mancherlei schwerwiegende Verdachisgründe gegen ihn vorliegen, und er mehrfach objektiv die Unwahrheit gesagt x^at; ihm habe jedoch das Bewußtsein der Schuld gefehlt.


