Nr. 237 Drittes Blatt. Mittwoch den 10 Oktober 15V. Jahrgang 1OOO
Gießener A nzeiger
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Die Lehre« der Pariser Weltausstellung.
Der ehemalige französische Handelsminister Jules Roche verbreitet sich im „Figaro" über die Lehren, die Frankreich aus der Weltausstellung ziehen müsse, wie folgt:
„Die Ausstellung", schreibt er, „sollte der Gesamtheit der Franzosen die ihnen fast ganz fehlende, unumgängliche Kenntnis des Auslandes verschaffen. Wir haben unter diesem Mangel furchtbar gelitten. Er war eine der Hauptursachen unserer Niederlagen vor dreißig Jahren und würde uns heute sicher töten, wenn er uns ankleben bliebe. . . . Wie viele Franzosen wissen denn genau, was seit fünfzig, fünfundzwanzig, seit zehn Jahren die Nationen geworden sind, was sie täglich neu werden, die Nationen, deren Geschichte sie — der Himmel weiß wie! — aus der Schule lernten? Wer kennt nur die Hilfsquellen, die Regsamkeit und den außerordentlichen wirtschaftlichen Aufschwung der uns so naheliegenden Länder Belgien und der Schweiz? — Nirgendwo anders stellt man in dem gleichen Grade wie in Frankreich die völlige Unkenntnis bezüglich des Auslandes fest. Ueberall findet man ein lebhafteres und aufgeklärteres Bemühen, das kennen zu lernen, was die anderen Nationen thun und vermögen, was man von ihnen zu erwarten und zu befürchten hat. In den äußersten Winkeln der entferntesten Länder habe ich diese „Planeten - Uebersicht" angetroffen, die eine wesentliche Vorbedingung des individuellen Lebens jedes Volkes _ und selbst jeder einzelnen Person geworden ist. Tie Feststellung wurde mir leicht, daß das Vorhandensein und die Stärke dieser Kenntnis in geradem Verhältnisse zu der Lebenskraft derer steht, die sie besitzen, und daß da, wo sie am meisten mangelt, auch die Bewegung, die Gesundheit und die Kraft am wenigsten vertreten sind. — Ich hatte nur zu oft Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir an dem Gedanken haften geblieben sind, daß wir allein auf der Welt zählen, daß Frankreich das einzige Land des Reichtums, des Fortschrittes, der Wissenschaft, der Zivilisation und der Kunst sei, daß die anderen Völker nichts weiter zu thun hätten, als bei uns Lektionen zu nehmen, daß wir bei ihnen dagegen nichts Nachahmenswertes, Gutes und Nützliches zu entdecken vermöchten, daß es ausschließlich von unserem Willen abhinge, den Kontinenten, Archipelen und Ozeanen unseren Willen zu diktieren, daß wir einen besonderen Organismus bildeten, der völlig unabhängig wie ein vereinzeltes Gestirn nach eigenem freien Willen im Raume sich bewege, daß wir den anderen schon eine große Ehre anthun, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, ihnen zuhören, mit ihnen sprechen und ihnen ihr Geld nehmen, — kurz, daß wir allein existierten, allein Geist hätten und daß unsere Kinder allein schön und gut gewachsen seien. Wenn wir noch einige Jahre in solcher Verdummung weiterlebten, so hätten die prächtigsten Gaben der Natur, die hervorragendsten Vorzüge unserer Rasse und unseres Nationalgenies uns nicht vor einem unvermeidlichen Verfall retten können. Eine kräftige Aufrüttelung allein konnte Frankreich aus diesem Hypnotismus reißen. Die Ausstellung hat diese harte, aber notwendige Lehre gegeben. . . . Zweifellos haben wir auf dieser einen unvergleichlichen Glanz entfaltet. Aber welche Nebenbuhler umringen uns von allen Seiten und aus allen Gebieten! Wie bedrängen sie uns auf gewissen Punkten, wie nähern sie sich uns überall, erreichen uns hier, überflügeln uns fast dort, werden uns sicher in allernächster Zukunft überflügeln, wenn wir nicht unsere Energie, unsere Arbeitskraft und unsere Initiative aufs schärfste anfpannen! . . . Man sieht das bei jedem Schritte in den Ausstellungsgalerien, nicht nur bei den mächtigen Nationen, sondern auch bei den kleineren, wie beispielsweise Schweden, das in manchen unseren Ingenieuren wohlbekannten Gruppen als Königin thront. Es genügt aber nicht, daß die Eindrücke von allen Besuchern der Ausstellung lebhaft empfunden wurden; sie müssen in ihrem Geiste erhalten werden, um wirksam zu bleiben, und allen bis in die bescheidensten Dörfer mitgeteilt werden. Ich wünschte, daß Kataloge, wie der deutsche, in dem in so frappierender und einfacher Weise die Dokumente das furchtbare Reich sozusagen in seiner lebenden Wirklichkeit weniger stark durch den Handel als durch die Waffen zeigen, in populäre Monographien zusammengefaßt uns in allen Volksschulen verbreitet werden. Das wären etwas nützlichere Lehrbücher als die heute üblichen, von der Universität approbierten. . ______,
Vermischtes.
* Ueber die Verkleidung von'Kriminal- beamten werden, der „Deutsch. Tages^tg^" zufolge, folgende interessante Einzelheiten berichtet. Bekanntlich wurden zum Schutze des Kaisers nach Eadmen fünf Berliner Kriminalbeamte abkommandiert. Der eine dieser Beamten bewegte sich als Zim-rn ermann mit dem Zollstock in. der Hand, der zweite lag als „Stromer" im Chausseegraben und sprach eifrigst seiner nut Thee
gefüllten Schnapsftasche zu, der dritte zog als Handwerksbursche durch das Land rc. Ter Aufsicht führende Beamte fuhr Zweirad und erteilte in dieser Verkleidung als Tourenradler an seine Untergebenen die notwendigen Instruktionen in unauffälligerweise. Natürlich waren die Beamten den Gendarmen und den Ortspolizisten aus Elbing gut bekannt. Auch in der Umgebung von Tilsit, Danzig, Marienburg, Rominten rc. bewegten sich die Sicherheitsbeamten in ähnlicher Verkleidung.
* Die Hochzeitsgeschenke der. Herzogin Elisabeth. Sehr zahlreich und kostbar sind die Hochzeitsgeschenke, welche die Herzogin Elisabeth in Bayern, deren Vermählung mit dem Prinzen Albert von Belgien in München stalt- fand, erhalten hat. Besonders graziös und elegant ist das Kollier gefaßt, das der Prinz Regent der Braut bestimmt hat. Persische Türkise von tiefem Himmelblau, hochgewölbt und groß, sieben an der Zohl, sind aneinandergereiht und durch funkelnde Diamantranken miteinander verbunden, zwischen denen tropfenartig neun mandelförmige Türkise herabhängen. Der Schmuck ist ebenso sinnig wie kostbar. Eine reiche Auswahl von Broschen wird der Braut dargeboten, ein aus größeren und kleineren Solitären gefaßter Aehrenstrauß von der Königin von Neapel, ein mittelalterliches Schwert, deffen Klinge aus Diamanten ä jour besteht, vom Herzog und der Herzogin von Urach, ein goldener, auf einem Dreizack reitender Delphin mit Leib und Flügeln aus grün-blau schillerndem Aquamarin von der Prinzessin Ludwig Ferdinand, ein Kleeblatt aus Brillantenparo, das in der Linie deS Blatt geäderS von Rubinchen durchzogen wird, von den Erzherzoginnen Maria Annunziata und Elisabeth, ein aus Diamanten und Saphiren gebildetes Kleeblatt von Erzherzog Ludwig Viktor, ein Rosenzweig modernen Pariser Stils mit großen Diamanten in dem Kelchblatt der Knospen von Infantin Maria de las Neves. Ein prächtiges Kettenarmband mit großem Rubin und zwei Diamanten von seltener Schönheit haben der König und die Königin von Sachsen gewidmet, ein zweites Kettenbracelet mit Smaragdschloß, das sechs große Brillanten umrahmen, die Erzherzogin Maria Theresia, ein auch als Diadem verwendbares breites Renaissancearmband aus Diamantblättern und Perltropsen der Fürst von Monaco. Eine Uhr mit dem Allianzwappen ist das Geschenk der Brüder der Braut, wozu die Herzöge Siegfried, Christoph und Luitpold eine lange Goldkette mit erbsengroßen Perlen gewidmet haben. Der dem Goldhaar der Braut so kleidsamen Mode blonder diamantincrustierter Schildpattkämme begegnen mit ihren Geschenken Graf und Gräfin Törring, die zwei Seitenkämme mit Festons aus Brillantrevisrcn mit Perlagraffen gespendet, der Ecbgroßherzog und die Eibgroßherzogin von Luxemburg mit einem dazu passenden großen Aufsteckkamm, den ein diamantenes Schleisendecor von anmutig moderner Schleisensührung reizend bereichert, und durch eine Garnitur mit Perlen und Brillanten bekrönter, gleichfalls mattgelber Schildpattkämme der Graf und die Gräfin von Bardi. Die Reihe der Vasen eröffnet die mit Lilien bemalte tiefrote große Porzellanvase der Prinzessin Adalbert. An Schalen und Bechern ist viel künstlerisch Bedeutendes vorhanden. Eine vorzügliche kunstgewerbliche Leistung ist der mit weißem Moirö bezogene Lehnstuhl, dess n gefällig geschweiftes, vergoldetes Gestell Myrten- und Rosenzweige zieren. Louis Shamelhout in Brüssel hat dieses Prachtstück geschaffen und gesendet. Von heimischen Meistern hat Fritz August v. Kaulbach einen schönen Pastellkopf gewidmet. Richard Adam erriet einen Wunsch der Prinzessin, indem er ihr das Porträt ihres Lieblingspferdes „Miezi" malte.
* Deutsche Industrie in Südamerika. In Santiago de Chile ist kürzlich die bis jetzt fertiggestellte Strecke von 50 Kilometer der elektrischen Straßenbahn^ für den Betrieb eröffnet worden. Die Bahn ist gebaut ourch die Allgemeine Elektrizitäts-Aktien-Gesellschaft Berlin und ist mit ihrer Gesamtlänge von 100 Kilometer die größte der bisher bestehenden Straßenbahnen Südamerikas. Die Anzahl der Motorwagen beträgt 170, der Anhängewagen 150. Der Leiter dieser großartigen Anlage, Herr Hugo Zimmermann, ist ein geborener Hesse und früherer Schüler der hiesigen Realschule (u. a. unter den Professoren Tache und Buchner) und der Technischen Hochschule zu Tarmstadt. Einem Ausschnitt der chilenischen Zeitung „Deutsche Nachrichten", Ausgabe für das Ausland, entnehmen wir darüber folgendes: „Santiago, 3. Juli 1900. (B esuch bei der elektrisch e n K r a f t st a t i o n.) Bei Gelegenheit seines Vortrags über das Elektrizitätswerk Santiago im Deutschen Wissenschaftlichen Verein hatte Herr Chefingenieur fr. Zimmermann die Freundlichkeit, die Anwesenden für
den letztvergangenen Sonntag zu einem Besuch, der Kraft- station der Elektrizitätsgesellschaft einzuladen. In den Nachmittagsstunden war eine große Anzahl Damen und Herren der hiesigen deutschen Kolonie erschienen — etwa 200 Personen — um die großartigen Maschinen und Einrichtungen zu besichtigen. Die Herren Direktoren und Ingenieure der Gesellschaft hatten die Freundlichkeit, die Anwesenden zu begleiten und die nötigen Erklärungen bei der Besichtigung der Maschinen rc. zu geben. Die zahlreichen Besucher wurden gegen Abend zu einem Glas Bier und Butterbrod eingeladen und verbrachten ein gemütliches Stündchen in den hübschen Räumen der elektrischen Kraftstation." Es freut uns, zu hören, daß es immer wieder u n s er e Landsleute sind, die sich durch ihr Wissen und Können auch im Ausland Achtung und Anerkennung zu verschaffen in der Lage sind.
Auszug aus den KircheukSchrr« der Stadt Gieße«.
Evangelische Gemeinde.
Getraute.
Matthäusgemeinde.
Den 29 September. Heinrich Hillgärtner, Schreiner zu Gießen und Katharine Elisabethe Schmidt. Tochter des verstorbenen Bahnarbeiters Ludwig Schmidt zu Güßen.
Lukasgemeinde.
Den 29. September. Wilhelm Hirdes, Hilfsheizer zu Gießen, und Emilie Zeiler, Tochter des Bergmanns Heinrich Zeiler zu Marienberg.
Johannesgemeinde.
Den 29. September. Karl Lorenz Haack, praktischer Tierarzt zu Höchst i. O. und Anna Katharina Lina Ruckstuhl, Tochter des Privatiers Peter Ruckstuhl zu Gießen.
Denselben. Dr. Philipp Otto Ernst Schönewald, praktischer Arzt zu Groß-Salze, und Elisabethe Johannette Karoline Wilker, Tochter des EisenbaHnsekretärs Georg Alexander Witter zu Gießen.
Getaufte.
Matthäusgemeinde.
Den 30. September. Dem Schutzmann Wilhelm Seitz ein Sohn, Heinrich Johann, geboren den 6. September.
Lukasgemeinde.
Den 30. September. Dem Bureaugehilfen Karl Lingelbach ein Sohn, Karl Heinrich Philipp Ludwig, geboren den 30. August.
Johannesgemeinde.
Den 1. Oktober. Eine uneheliche Tochter, Margarethe Emma Sina, geboren den 11. September.
Den 4. Oktober. Dem Uhrmacher Heinrich Marx ein Sohn, Walter Konrad Emil, geboren den 12. August.
Beerdigte.
.Lukasgemeinde.
Den 2. Oktober. Auguste Diery, geb. Riegelmann, Witwe des Justizrats Dr. Karl Diery, 76 Jahre alt, starb den 29. September.
Johannesgemeinde.
Den 5. Oktober. Heinrich Noll, Rentner, 78 Jahre alt, starb den 3. Oktober.
Mteratur.
— Dekorative Kuust. Ein drittes, besonders mit der Pariser Weltausstellung sich beschäftige! des Sonde,heft dieser bet F. sBruckmann in München .er scheinenden Zeitschrift für angewandte Kunst liegt uns vor. „Ftnland auf der Pariser Weltausstellung" eröffnet das sowohl textlich als künstlerisch vortrefflich ausgestattete Heft. Deutsche in b österreichische Model und Jn- tcrters, daS russische Doif, der Bing'sche Pavillon l'art nouveau d.lden den übrigen Teil der die Weltausstellung behandelnden Schilderungen und Illustrationen. Zum Schluß folgt eine wertvolle kritische Uebersicht von Erich Heenel über die „modernen Bestrebungen in der Architektur aus der ersten deutschen Bauausstellung in Dresden". Wir empfehlen nochmals die in ihrer Art und Vollendung einzig in Deutschland dastehende Zeitschrift, die, monatlich erscheinend, zum Preise von 3.75 Mk. pro Quartal durch jede Buchhandlung zu beziehen ist.
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Humoristisches.
* Serenissimus (beim Guß einer Kirchcnglocke): „Ach. mein lieber Hof-Glcckengießermeister, sagen Sie mal, wird eigentlich der Klöppel gleich mitgegossen?"
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* Heiratsgesuch. Ein flotter, vorwäetsstrebender junger Mann, der bereits 60,000 Kilometer zurückgelegt hat, sucht eine Lebens- und Tourengefähitin mit ebensoviel Mark.
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* Optimist: .Sag' was Du willst: die Ehe ist und bleibt eine der hervorragendsten Institutionen in der Weltordnung." — Pessimist: „Natürlich! Sie giebt zwei Leuten Gelegenheit, sich gegenseitig als die Ursache ihres Unglücks zu bezeichnen."
. * Gut Bescheid gesagt. Junger Herr: „Ich halte um die Hand Ihrer Tochter Luise an, Herr Schwarz!" — Protz: „So? Wie viel Geld haben Sie denn?" — Junger Herr: „Erlauben Sie, ich will Ihre Tochter nicht kaufen, sondern betraten."
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* Nicht seine Schuld. Amtsrichter: „Was, schon wieder hier? DaS ist nun gewiß das zwanzigste Mal, daß Sie vor mir erscheinen." — Angeklagter: „Na, Herr Amtsrichter, da kann i do nix dafür, daß S' nöt befördert werd'n."


