-tt. 185 Zweites Blatt. Freitag dm 10. August
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Finanzminister Guauth.
Gießen, den 9. August 1900.
Unsere Ahnung und Befürchtung, der wir im Anschluß an «inen kurzen Rückblick über das Wirken des damals wegen seines alten Halsleidens beurlaubten Finanzministers Küchler schon in Nr. 178 unseres Blattes Ausdruck gaben, daß ein Wechsel im Finanzministerium für unsere Stadt einen schmerzlichen Verlust bedeuten würde, hat sich bestätigt. Nach Redaktionsschluß ging uns gestern nachmittag 3*° aus Darmstadt folgende Drahtnachricht zu:
„Der Minister der Finanzen Wilhelm „Küchler wurde auf sein Nachsucheu mit Rück „sicht aus seine geschwächte Gesundheit unter „dankbarer Anerkennung seiner treuen und aus- „gezeichneten Dienste in den Ruhestand versetzt „und der Oberbürgermeister der Provinzial- „Hauptstadt Gießen Feodor Guauth zum Präsi- „deuten deS Ministeriums der Finanzen ernannt."
Diese Nachricht, die uns nicht ganz unvorbereitet traf, und die wir in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe unseren Lesern bereits mitteilen konnten, erweckte recht geteilte Gefühle in uns. So sehr wir Herrn Gnauth von Herzen Glück zu seiner Berufung wünschen, die er einzig und allein seinen hervorragenden Geisteseigenschaften, seinem gewinnenden, leutseligen Wesen, seiner großen Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit zu verdanken hat, so überwiegt doch bei uns das Bedauern, daß Herr Gnauth unserer Stadt entzogen wird. Wer in den letzten Jahrzehnten die Entwickelung Gießens verfolgt hat, findet allenthalben ein rüstiges Vorwärtsschreiten, und überall ist zu erkennen, daß unser Gemeinwesen von kräftiger, sachkundiger Hand geleitet wurde.
Der Lebenslauf unseres bisherigen Oberbürgermeisters und nunmehrigen Finanzministers Gnauth zeigt, daß ihm die Anwartschaft auf ein hohes StaatSamt nicht in der Wiege gelegen, so wenig ihm wohl jemals in den Sinn gekommen, das in der Regel nur für Juristen reservierte Amt eines Oberbürgermeisters zu bekleiden und gar zu allseitiger Zufriedenheit auszufüllen. Am 14. Juni 1854 in Stuttgart geboren, besuchte er dort das Gymnasium bezw. das Realgymnasium bis zum Jahre 1872. Nach Ableistung seines Militärdienstes bezog Gnauth im Jahre 1873 die Technische Hochschule in Stuttgart, um seinen Neigungen entsprechend Baufach zu studieren, in dem er 1876 die erste Staatsprüfung bestand. Eine um diese Zeit unternommene Bearbeitung einer Preisausgabe trug ihm die goldene Medaille ein. Nach Absolvierung der Hochschule wurde er bei der Kgl. Württembergischen Eisenbahnbaukommission, später beim Bau der Hohenzollernbahn beschäftigt. 1878 trat Gnauth in das Hohenzollern'sche Landesbauamt über und bestand nach erfolgreicher Bearbeitung einer Anzahl Straßen- und Brückenbauprojekte im Jahre 1880 die zweite Staatsprüfung als Baumeister, worauf er mit den Verrichtungen eines Kreisbaumeisters in Hechingen betraut wurde. Von dort aus bewarb er sich um die Stelle eines Kreis Ingenieurs in Gießen. Die mit dem Amte eines Provinzial-JngenieurS für die Provinz Oberheffen verbundene Stelle trat er am 1. Januar 1882 an. Seine hier entfaltete Thätigkeit verdankt manche gemeinnützige und zweckmäßige Einrichtung auf dem Gebiete des Kreis- und Provinzialbauwesens ihre Entstehung; angesichts der Entfaltung seiner Fähigkeiten und seiner mit Sachkenntnis und treuer Hingabe an seinen Beruf in Kreis- und Provinzialtag vertretenen Anschauungen war es erklärlich, daß man bald in dem Kreis-Ingenieur und Bürger der Stadt den Mann entdeckte, der zur Hebung auch eines größeren städtischen Gemeinwesens berufen schien. In richtiger Würdigung dessen wählte die Stadtverordneten- Bersammlung am 11. November 1886 Herrn Gnauth zum Beigeordneten des Bürgermeisters an Stelle des freiwillig zurückgetretenen Gaswerksbefitzers August Heß. Die auf den neuen Beigeordneten gesetzten Hoffnungen wurden übertroffen. Herr Gnauth zeigte sich nicht nur als gewiegter Techniker und Baumeister, sondern bethätigte bald eine hohe Befähigung als Verwaltungsbeamter, wenn es galt, den schon damals in seiner Gesundheit angegriffenen Oberbürgermeister Bramm zu vertreten. Als letzterer am 17. April 1889 seinem Leiden erlag, konnte angesichts der bereits von dem Beigeordneten Gnauth im Jntereffe der Entwickelung unserer Stadt geleisteten, ersprießlichen Arbeit unserer Stadtverordneten - Versammlung die Wahl eines Nachfolgers Bramms nicht schwer werden, und so erfolgte
denn am 8. Mai desselben Jahres mit Stimmeneinheit die Wahl des Beigeordneten Gnauth zum Bürgermeister.
Die Ansprache, die bei der am 8. Juni erfolgten Einführung des neuen Bürgermeisters der damalige Kreisrat, Provinzialdirektor Frhr. v. G a g e r n an die Stadtverordnetenversammlung hielt, stellte Herrn Gnauth ein glänzendes Zeugnis seines bisherigen Wirkens sowohl im Staatsdienst wie in seiner Eigenschaft als Beigeordneter aus. Herr v. Gagern sagte u. a.: „Das Wohl der Stadt konnte keinen besseren Händen anvertraut werden; namentlich die Aufgaben, denen die Stadt bisher noch nicht gerecht wurde — wie Kanalisation und Verbefferung der Schulräume — werden in Herrn Gnauth stets einen unermüdlichen und sachkundigen Förderer finden. Es hieße Eulen nach Athen tragen, Herrn Gnauth zum Eifer zu ermahnen, den habe er ohnehin bisher stets bethätigt." Und weiter: „Nun ein Wort zur Gewissenhaftigkeit; zu dieser gehört vor allem Unparteilichkeit, und ich bin überzeugt, daß Sie, mein Herr Bürgermeister, in Ihrer Verwaltung, unbekümmert um Nebenrücksichten, unbekümmert um einen politischen Standpunkt, nur auf das ganze sehen, lediglich das Gemeinwohl im Auge haben werden. Sie stehen in religiöser Beziehung auf einem von dem der meisten Ihrer Mitbürger abweichenden Standpunkt; aber die Großh. Staatsregierung war, indem sie Ihre Wahl bestätigte, von dem Vertrauen beseelt, daß Sie als Bürgermeister allen Bekenntnissen das gleiche Jntereffe entgegenbringen, und Sie teilen gewiß meine persönliche Ueberzeugung, daß dem Volke, der Schule die religiös^sittliche Grundlage nicht fehlen darf." Dann sich an die Versammlung wendend, sagte Herr v. Gagern: „Meine Herren! Sie haben mit Stimm en einh eit, einer wie der andere und unter Absetzung von jedem Parteistandpunkt, Ihren neuen Bürgermeister gewählt; lassen Sie von dieser Einhelligkeit immer Ihre Beratungen beherrscht sein. Ich halte es für ein Unglück, in Fragen des städtischen Wohls den Parteigeist hineinzutragen, und bin überzeugt, daß Sie diesen stets von der Schwelle Ihrer Beratungen weisen werden."
Nunmehr ergriff Bürgermeister Gnauth das Wort: „Hochverehrter Herr Provinzialdirektor! Meine Herren vom Stadtvorstand! Das erste, fast ausschließliche Gefühl, das mich bei Ihrer Wahl beherrschte, war das des Dankes für Ihr Vertrauen. Wenn ich es annehme, Ihrem ehrenden Rufe zu folgen, und die schwere Verantwortung des Bürgermeisteramtes trotz meiner Jugend, meiner Unbekanntschaft und mancher anderen Bedenken aus mich zu nehmen, so leitet mich dabei die Erwägung, daß ich das Amt wohl annehmen darf, wenn Leute, die eS immer wohl meinten mit mir, mich dazu für fähig halten. Mein Dank gebührt auch der Großherzoglichen Staatsregierung, die die Wahl bestätigt und mir damit ihr Vertrauen bewiesen hat. Ich will eS zu rechtfertigen suchen, indem ich meine ganze Kraft im Sinne der vom Herrn Provinzialdirektor angedeuteten Richtung dem Wohle der Stadt widme. Ich kann dieses Gelöbnis nicht ablegen, ohne der Verdienste des ersten Bürgermeisters nach der Städteordnung, unseres dahingegangenen Oberbürgermeisters, zu gedenken, und ihn als Vorbild bei den meiner harrenden Aufgaben hinzustell n. Dieselben sind schwieriger und mannigfaltiger Art: Die Verbindung des Südens und Nordens, der Alt - und Neustadt, der Verkehr mit dem Bahnhose erheischen neue Verbindungsmittel, in sanitärer Hinsicht hat viel zu geschehen, und ich hege zu dem Opfermut der Bürgerschaft die Ueberzeugung, daß er diese Hebung des Gemeinwesens erleichtern wird. Das Glück meines ferneren Lebens soll der Ersprießlichkeit der Stadt Gießen gehören, und ich will namentlich alles thun, um die so überraschend gegen meine Wahl ausgetauchten Bedenken zu entkräften, zu zeigen, daß man an persönlichen Ueberzeugungen festhalten kann, ohne die Ueberzeugungen anderer zu verletzen."
Ein Rückblick auf die 11jährige Thätigkeit unseres Bürgermeisters zeigt, daß unsere Stadtvertretung mit der Wahl desselben einen guten Griff gethan, zeigte, daß Herr Provinzialdirektor v. Gagern nicht zu viel erhofft, Herr Oberbürgermeister Gnauth aber nicht zu viel versprochen hat. Wenn heute die Stadt Gießen sich getrost an die Seite gleichgroßer Gemeinwesen stellen darf, ja dieselben in mancher Beziehung übertrifft, so ist dies dem Manne zu verdanken, der an der Spitze eines stets volles Verständnis für seine Anregungen zeigenden Stadtverordneten-KollegiumS stehend, mehr gethan, als er versprochen.
ES bedurfte keiner langen Zeit, bis auch an hoher und höchster Stelle das Wirken des Bürgermeisters bekannt
wurde und Anerkennung fand. Se. Königl. Hoheit der Großherzog Ludwig IV. verlieh bereits im folgenden Jahre Herrn Gnauth den Charakter als Oberbürgermeister, und als im Jahre 1895 Se. Königl. Hoheit Großherzog Ernst Ludwig dem Herrn Oberbürgermeister das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verlieh, gab er wohl nur den Gefühlen der Anerkennung der Wirksamkeit unseres Oberbürgermeisters Ausdruck.
Wie die Ernennung KüchlerS vor zwei Jahren zum Finanzminister, so wird auch die Berufung unseres Oberbürgermeisters auf den verantwortungsreichen Posten eines Finanzministers für manche etwas überraschend gekommen sein. Auch er ist, wie schon gesagt, gleich dem früheren Wormser Oberbürgermeister aus der Reihe der Gemeindebeamten unseres Hessenlandes hervorgegangen. Es ist erfreulich zu sehen, daß bei der Wahl dieses Ersatzmannes wiederum die kommunalen A e m t e r als eine treffliche Vorschule für die staatliche Verwaltung erachtet worden sind. Die Laufbahn Miquel'S mag dazu beigetragen haben, den Oberbürgermeistern die Qualifikation zum Finanzminister zuzuerkennen. Herr v. Miquel ist für die positive Seite des Amtes gewiß kein schlechtes Vorbild, und unser Heffen wird im Punkte der Staatseinnahmen nicht Übel beraten sein, wenn der bisherige Leiter der oberhessischen Provinzialhauptstadt in die Fußstapsen seines preußischen Kollegen tritt. Behält Herr Gnauth auch in seiner neuen Stellung daneben eine offene Hand für den Bedarf der Kulturausgaben und für den wirtschaftlichen Fortschritt, so wird das Land ihn willkommen heißen dürfen. Zwischen beiden Ministern bestehen gewisse Aehnlichkeiten insofern, als beide nicht ausschließlich ober auch nur vorwiegend ihre Ausbildung am grünen Tische empfingen, durch langjährige Thätigkeit in der Verwaltungspraxis und fortgesetzte Berührung mit allen Bevölkerungsschichten vielmehr genau wissen, was der Allgemeinheit not thut. Beide haben sich vor ihrer Ministeclaufbahn als tüchtige Verwaltungsbeamte bewährt und die von ihnen als Oberbürgermeister geleiteten Gemeinwesen zu hoher Blüte gebracht. So sehr wir auf der einen Seite und mit uns die gesamten Bewohner Gießens nochmals bedauern, daß wir unseren hochverehrten Oberbürgermeister verlieren werden, so freuen wir uns doch auf der anderen Seite, daß es Herrn Gnauth nunmehr an ganz hervorragender Stelle vergönnt ist, seine großen Kenntnisse und Fähigkeiten zum Wohle des ganzen Hessenlandes zu verwerten. Wir dürfen uns wohl der sicheren Hoffnung hingeben, daß Herr Gnauth auch als Finanzminister der Stadt Gießen dauernd sein Wohlwollen bewahren wird.
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Herr Beigeordneter Kommerzienrat Georgi, der gegenwärtig, wie gemeldet, die Geschäfte unserer Bürgermeisterei führt, sandte gestern folgendes Telegramm an Herrn Finanzminister Gnauth nach Bad Sayn:
„Mit dem herzlichsten Glückwunsch zur Ernennung zum Finanzminister, verbinde ich den Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns, daß die Stadt Gießen ihren so sehr hervorragenden Bürgermeister verliert.
Beigeordneter Georgi."
Darauf ging folgende Antwort ein:
Beigeordneter Georgi-Gießen.
„Herzlichen Dank für den freundlichen Glückwunsch und den Ausdruck des Bedauerns über mein Scheiden, das mir wahrlich schwer genug wird.
Gnauth."
Nach dem Aufgabeort der auf unser Glückwunschtelegramm heute früh eingegangenen Drahtantwort weilt Herr Finanzminifter Gnauth heute in Darmstadt._________
Finanzminister a. D. Küchler.
Als vor zwei Jahren, am 6. Juli 1898, der damalige Oberbürgermeister Küchler zu Worms auf den verantwortungsvollen Posten eines Finanzministers berufen wurde, brachte diese Ernennung manchen Kreisen eine gewisse Ueberraschung. Indessen gaben sich alle diejenigen, die die Person und das Wirken Küchlers von ftüher her kannten, der sicheren Hoffnung hin, daß nunmehr auch in Hessen eine Reihe dringender Reformen durchgeführt werden würde. In der That wurden diese Erwartungen in keiner Weise getäuscht, da man getrost sagen kann, daß Küchler in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Amtsführung außerordentlich viel Ersprießliches für Hessen geleistet hat. Es ist sowohl menschlich betrachtet als auch im Interesse des hessischen Staates tief zu benagen, oatz der Minister durch ein hartnäckiges Leiden gezwungen wurde, mitten aus einer segensreichen Thätigkeit und bevor


