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10/07/1900 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 10. Juli

Zweites Matt

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Die Wirren in China.

Die unheimlichen Gerüchte, wonach die Vertreter aller Kulturmächte mit ihren Familien und Schutzmannschaften dem entfesselten Pöbel in Peking zum Opfer gefallen sein sollten, werden jetzt fast zur Gewißheit. Wie der offiziöse Draht auS London meldet, berichteten die dortigen Blätter a-rS Shanghai:

Die Nachricht über die Niedermetzelung der Ge­sandten in Peking sowie ihrer Frauen und Kinder nab bet europäischen Wachen nach achtzehntagigem Wider- staube wird bestätigt. Als die Munition und die Lebens­mittel erschöpft waren, drangen die Chinesen in die Gesandt­schaften ein, töteten die am Leben gebliebenen, steckten dann die Gesandtschaftsgebäude in Brand und ver- brannten die Verwundeten und die Toten. Vom Prinzen Tn an wurden selbst gegen Chinesen schr e ckliche Grau­samkeiten verübt. Er ließ 4000 angesehene chinesische Bürger töten, weil sie gewagt hatten, in einer Petition ihn zu ersuchen, dem Blutbade Einhalt zu thun. Auch der frühere Vizekönig von Tschili Wangwentschao soll von den Boxern getötet worden sein.

Auch dieserBestätigung" fehlt die Angabe der Quelle, und es ist nicht daraus ersichtlich, wann das schreckliche Ereignis stattgefunden haben soll. Die Gerüchte, die schon seit dem 5. Juli darüber an der Küste umgehen, nennen abwechselnd den 30. Juni oder den 1. Juli. Ist das richtig, dann hätte also die Belagerung der Gesandtschaften am 12. Juni begonnen. Immerhin bleibt, so wahrschein­lich diese Gerüchte sind, noch eine Hoffnung, denn im Widerspruch zu allen diesen Nachrichten veröffentlicht das Staatsdepartement zu Washington ein Tele­gramm vom 7. d. M. aus Shanghai, wonach die eng­lische Gesandtschaft in Peking am 5. d. M. noch unversehrt war. Und der französische Minister des Auswärtigen Delcassä hat ein Telegramm des französischen Konsuls in Shantung erhalten, in dem dieser mitteilt, er habe aus guter chinesischer Quelle erfahren, daß die euro­päischen Gesandtschaften am 4. d. M. noch unver- sehrt waren. Ein beruhigendes Telegramm des eng­lischen Konsuls in Shanghai, nach dem sich noch zwei Gesandtschaften in Peking halten sollen, wird in London freilich allgemein für eine Lüge der chinesischen Bizekönige angesehen, deren Zweck sei, die Mächte irre zu führen.

Wie dasKleine Journal" erfährt, ist der bekannte Zslldirektor Del ring mit seiner Familie in Sicherheit. Er hat sich rechtzeitig zu seinem Schwiegervater, dem Direktor der Eisenbahnen in Shanghaikwan, geflüchtet.

Mit Bezug auf eine Londoner Meldung, daß sich unter den in Peking eingeschlossenen Personen auch der chinesische General v. Hanneken nebst seiner Frau und deren beiden Schwestern, den Töchtern des Zolldirektors Detring, befänden, wird mitgeteilt, daß General v. Hanneken mit seinen beiden Schwägerinnen sich in Tientsin aufhält.

Eine Shanghai-Drahtung desDaily Expreß" schildert das Blutbad, das die Boxer unter den chinesischen Christen in Peking anrichteten. Die katholischen Missionen wurden angegriffen, die Christen zu Hunderten nieder­gemacht. Frauen wurden vor der Tötung gefoltert; Kinder und Säuglinge zerhackt und die Körperteile in die Flammen geworfen. Fünf- bis sechstausend Christen sollen umgekommen sein.

Laut einem Londoner Telegramm besteht die Ver­wundung des Admirals Seymour in einer Verletzung der Schulter durch Granatsplitter. Die Unruhe und Ver­wirrung in China wird dadurch erhöht, das zehn Regi­menter des Generals Rieh desertierten und sengend und brennend das Land durchziehen.

Weiter wird aus London depeschiert: Prinz Tuan hat dem Statthalter von Schantung den Befehl erteilt, mit 18 000 Mann aus Nanking zu marschieren und die Stadt in seine Gewalt zu bringen. Der Eisenbahnpräsident Cheng ist plötzlich aus Shanghai nach Nanking zum Vizekönig Liu abgereist; der Statthalter der Provinz Chekiag hat sich den bisher fremdenfreundlichen Gouverneuren von Nanking und Wuchang angeschlossen. Vom 30. Juni wird aus Tschifu gemeldet, daß die Lage in der Mandschurei alarmierend fei. Bewaffnete chinesische Streitkräfte befanden sich inner­halb 60 Meilen von Niutschwang. Die nordmasurische Eisenbahn sei zerstört. Ein russischer Beamter sei getötet. Die Brücke zwischen Tongku und Tientsin sei von Chinesen okkupiert. 800 Ruffen seien abmarschiert, um mit den Chinesen zu kämpfen. Verschiedene Londoner

Blätter veröffentlichen aus Tientsin vom 29. Juni eine Meldung, daß das Leben in Tientsin immer uner­träglicher für die Fremden werde. Das Bombarde­ment halte fast ununterbrochen an, und auch innerhalb der Stadt werde von in Schlupfwinkeln verborgenen Chi­nesen aus die vorübergehenden Chinesen geschoffen. Der Ches der Boxer soll sich als Ehrengast im Tsungliyamen befinden. 80 000 Chinesen sollen westlich von Peking stehen.

* * *

Einige englische Blätter haben den ernsten Augenblick für passend gehalten, in schmählicher Weise die Haltung Deutschlands zu verdächtigen. Anknüpfend an eine falsch aufgefaßte Aeußerung deutscher Zeitungen hat sich z. B. derDaily Graphic" erlaubt, Deutschland umterzuschieben, es befürworte nicht das Ein­greifen Japans in die chinesischen Wirren und lasse aus Unterwürfigkeit gegen Rußland die Mitglieder seiner Ge­sandtschaft in Peking abschlachten. Der gallige Erguß des Blattes gipfelte in folgendem Satze':Männer, die, wie jetzt die Leiter frei Politik in Rußland und Deutschland, egoistisch ihre Interessen abwägen können, wo europäische Männer und Frauen in Peking tapfer für ihr Leben kämpfen, sind eine Schande für unser Zeitalter und unser Geschlecht". Also auch hier wieder die in den letzten Jahren so oft beobachtete Erscheinung, daß englische Zei­tungsschreiber, im Gegensatz zu den bewährten Grundsätzen der ailten englischen Journalistik, leichtfertig verleumden und verhetzen, ohne ein solches Gebühren auf einen aus­reichenden Untergrund zu stützen, und das zu einer Zeit, wo Einigkeit not thut wie das tägliche Brot. Jede Macht, der es ernst ist mit ihrer Verpflichtung, abzuwenden, daß die unermeßlichen politischen Folgen der traurigen Crisis in China in einem Weltbrand ihren Ausdruck finden, muß ihre Sorge auf die Erhaltuitg cti Einigkeit und Einmütig­keit der Mächte gerichtet halten. Nach Meldungen aus Petersburg beharrt Rußland in der Chinafrage auf der Politik der freien Hand. Rußland wird keinen Ein­spruch erheben gegen die weitere Landung von Truppen seitens der anderen Mächte, jedoch niemandem ein Mandat erteilen. Danach hat also Rußland auch der japanischen Regierung Aktionsfreiheit ein­geräumt. In Wiener diplomatischen Kreisen verlautet, die russische Regierung habe die Mächte verständigt, daß infolge der Ereignisse in Peking der Befehl zum Einmarsch russischer Truppen in die Mandschurei erfolgt sei und daß an den Operationen der Mächte in Südchina Rußland selbstredend weiter teilnehmen werde. Auch die deutsche Regierung räumt Japan volle Aktionsfreiheit ein. Sie hat zugleich mit Recht in ihrer Antwort an Japan darauf hingewiesen, daß das Einvernehmen der Mächte gewahrt werden müsse. Man darf es wohl als eine Er­widerung der deutschen Regierung auf die haltlosen Ver­dächtigungen jener englischen Blätter auffassen, wenn das Wolffsche Büreau über Verhandlungen zwischen Deutschland und Japan folgendes meldet:Die japanische Regierung wies darauf hin, daß ihrer Ansicht nachher waMende« Ernst der Lage än China die so fort: ge Entsendung größerer Truppenkörper er­heische, und spracht hierbei den Wunsch aus, die Ansicht der Mächte zu kennen. Die Deutsche Regierung antwortete, sie erblicke das Hauptmoment der Lage in der Erhaltung des Einvernehmens unter den Mächten und würde d'ementsprechMd allen Maß­nahmen zu ft im men, die von anderer Seite keinem Einspruch begegnen." Da aber offenbar, wie man voraussetzen dürfte, von keiner Macht Einspruch gegen ein Vorgehen Japans erhoben worden ist, so ist ihm auch, die Zustimmung und man darf sagen die freudige Zu­stimmung Deutschlands gesichert. Inzwischen hat die bri­tische Regierung an Japan die Anfrage gerichtet, ob es mit Zustimmung der übrigen Mächte bereit wäre, weitere starke Truppensendungen nach China zu schicken. Als Antwort darauf soll derCentral News" zufolge dem japanischen Gesandten in London, Hayaschi, die Erklärung seiner Re­gierung zugegangen sein, Japan sei nicht nur bereit, son­dern auch willens, den Vorschlag auszuführen; eine Di­vision könne unverzüglich! abgehen. Damit wird hoffent­lich diese Episode ihren Abschluß gefunden haben, und es ist erfreulich, festzustellen, daß diesmal die Uneinigkeit der Mächte nur in der Phantasie einiger mißgünstiger eng­lischer Journalisten bestanden hat, und daßeine Schande für unser Geschlecht und unser Zeitalter" vorderhand nur solche Leute sind, die sich nicht scheuen, ohne jeglichen An­halt ihren Mitmenschen die Ehre abzuschneiden. Die Post" hebt im übrigen hervor, daß alle diese Nachrichten nicht etwa so aufzufassen seien, als ob damit stillschweigend Japan der Mandatar der Mächte werden solle. Inner­halb des Rahmens der Kooperation hat jede Macht eine gewisse Aktionsfreiheit. Würde Japan ein Mandat der Mächte erhalten, so wäre das etwas wesentlich! anderes; dann würden sich die Mächte ihrer eigenen Aktionsfreiheit zu Gunsten Japans begeben. Die Anregung, daß Deutsch­

land den Zaren für die Zustimmung zu einer Mandats­übertragung von Japan gewinnen möge, ging von Eng­land aus. Der von der französischen Regierung gemachte Vorschlag, alle chinesischen Behörden und Funktionäre für Leben und Gut der Europäer haftbar zu machen, hat die volle Zustimmung Englands gefunden. Die Zustimmung der übrigen Mächte gilt als sicher, sodaß ein Kollektiv­schritt der Kabinette in diesem Sinne alsbald erfolgen dürfte.

Was allerdings Amerika anbetrifft, so wird trotz eines Dementis des amerikanischen Botschafters in London in Wiener unterrichteten Kreisen behauptet, daß ein ge­heimer Staatsvertrag zwischen Amerika und China besteht. Derselbe soll im Jahre 1867 abgeschlossen worden sein. Die amerikanische Regierung soll auch heute noch an diesem Freund schaftsvertrage festhalten, wie dies kürzlich die an die Mächte übersandte Note des Staatsdepartements in Washington beweise.

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Ueberhie deutsch enKriegsrü st unge ft liegen heute zunächst folgende Einzelheiten aus Kiel vor. Der Abgang der fünf Torpedoboote, von denen zwei in Äel und drei in Wilhelmshaven die Besatzung an Bord nehmen, erfolgt Mitte Juli. Die Boote sollen haupt­sächlich für den Depeschendienst und den Krankentransport verwendet werden. Der kleineKreuzerBussard" geht Dienstag morgen nach China ab. Für die ausgeschiedene erste Panzerdivision wird eine neue aus den Panzern Baden, Bayern und zwei Küstenpanzern zu bildende Division dem heimischen Linienschiffsgeschwadern ein­gefügt,tnit dem FlaggschiffKaiser Wilhelm, II". Die stach China ausreisende Linienschiffsdivision wird fortan die Be­zeichnungO st a s i a t i s ch e s P a n z e r g e s ch w a d e r" führen. Die Kommandanten und höheren Offiziere der zu dieser Division gehörenden Schiffe nahmen^ auf Einladung des Kaisers vorgestern an Bord derHohenzollern" am Diner teil. Nach einer weiteren Meldung aus Kiel hat das KanonenbootLuchs" am Samstag seine Chinafahrt angetreten. Der Kaiser beobachtete die Abfahrt an Bord derHohenzollern". Brausende Hurrarufe der Kameraden begleiteten das Schiff. Am Freitag in später Abendstunde ließ der. Kaiser signalisieren, daß die Panzerdivision auf ihrer Chinafahrt zu einem höchst zwölfstündigen Aufent­halt Wilhelmshaven anläuft. Dort sollen einige über­zählige Mannschaften und noch Geschosse an Bord genom­men werden. Der Kaiser hat um Freitag und Samstag mit dem Kontreadmiral Geißler den Reiseplan der Schiffe festgestellt. Die Besichtigung der ersten Panzer-Division durch den Kaiser fand am Sonntag morgen um 10 Uhr, die Abfahrt nach China heute früh 10 Uhr statt.

Wie dieBerl. N. Nachr." aus Wilhelmshaven melden, ist außer den Panzerschiffen auch eine Torpedo­division mobilisiert, die ebenfalls heute schon fertig zur Ausreise sein soll. Der Transport der in der Bildung begriffenen kriegsstarken Brigade nach China wird wiederum auf Dampfern des Norddeutschen Lloyd erfolgen. Wie das genannte Blatt erfährt, ist in Wilhelms­haven die Mitteilung der Direktion eingetroffen, daß sie trotz der Brandkatastrophe in Hoboken zehn Salon- dampfer, und zwar sämtlich Schnellschraubendampfer, stellen könne. Die Befehle zur Bereitstellung und Ver­sendung des Kriegsbedarfs für die nach China gehenden Truppen sind in Spandau eingetroffen, und ihre Aus­führung ist in vollem Gange. Der Bedarf ist jetzt viel größer als bei der zuerst erfolgten Mobilmachung der beiden Seebataillone. Darum haben auch die Arbeiten einen erheblich größeren Umfang, sodaß im Artillerie-Depot, der Munitionsfabrik und auch in zahlreichen privaten Werk­stätten eifrigst gearbeitet werden muß. Die Umfrage nach Freiwilligen ist bei sämtlichen Truppenteilen er­folgt. ES meldeten sich durchweg noch bedeutend mehr als zu der ersten Sendung. Diesmal werden Personen fast sämtlicher Dienstgrade gebraucht.

Der Entschluß Kaiser Wilhelms, für die Rettung eines jeden Fremden aus Peking, gleichviel welcher Nationalität, eine Belohnung von 1000 Taels (nach deutschem Gelde etwas über 6000 Mk.) auszusetzen, ist in London mit warmer Zustimmung begrüßt worden.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

Berlin, 9. Juli. Wie dem Londoner Korrespondenten der Berliner MontagS-Zeitung aus hervorragenden Finanz­kreisen versichert wird, ist die in Shanghai thätige englische Kaufmannschaft seit Jahr und Tag auf den Ausbruch dieser und ähnlicher Greuel gefaßt gewesen, und sie hat es auch an Warnungen maßgebenden Orts nicht fehlen laffen. Der leitende Direktor eines großen Shanghaier Unter« nehmens hatte erst im Februar eine längere Unterredung mit dem britischen Gesandten in Peking, gelegentlich der er