Ausgabe 
10.6.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 10 Juni

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Gießen, 9. Juni 1900.

Perfoitalnachrichter,. Am 2. Juni wurde der Vorsitzende der Handwerkskammer zu Darmstadt, Jean Falk in Mainz, zum außerordentlichen Mitglied der Abteilung Großherzogl. Mimsteriums deS Innern für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe für die Dauer der Bekleidung der obenbezeichneten Stellung ernannt. Der GerichtSaffessor Dr. Maurer in Darmstadt wurde mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Staatsanwalts am Landgericht der Provinz Starken­burg beauftragt.

* Gastwirte Versammlung. Die Gastwirte unseres Leser­kreises machen wir auf die nächsten Montag (s. Inserat) hier im Gasthofzum Einhorn- stattfindende große all­gemeine Gastwirte-Versammlung aufmerksam, in der Direktor und Stadtverordneter R e in e m er - Darmstadt über die Bestrebungen des Bundes deutscher Gastwirte und deffen segensreich wirkende Sterbekasse sprechen wird.

§ Holzheim (Kreis Gießen), 8. Juni. Zu dem gestern berichteten Leichenfund ist nachzutragen, daß es fich um den aus Stockhausen gebürtigen Wilhelm Schöbt handelt. Er soll erst vor kurzem aus dem ArbeitShause in Dieburg entlassen und 45 Jahre alt sein. Dem Vernehmen nach ist die Todesursache nicht genau feftgestellt.

Darmstadt, 7. Juni. Eine Ausstellung mo­derner Kunststickereiarbeiten in der Großherzog­lichen Zentralstelle für die Gewerbe wird am 14. ds. eröffn net werden. Die Ausstellung ist außerordentlich stark be­schickt, z. B. vom Frauenarbeitsverein in Stuttgart und vom Künstlerinnenverein in Karlsruhe. Sie enthält auch schwedische, türkische, bulgarische und marokkanische Ar­beiten. Mit Kollektionen sind u. a. vertreten: Frau Mar­garete v. Brauchitsch (München), Fritz und Helene Rentsch (Dresden), Otto und Hanna Ubbelohde (München). Auch die Darmstädter Künstlerkolonie wird insofern an der Aus­stellung beteiligt sein, als in derselben Stickereien sich be­finden, die nach Entwürfen von Professor Christiansen und Paul Bürck von Herrn E. H. Bringer und Frl. Pauline Braun in Darmstadt, sowie Frl. Sturmsels in Hamburg «u»geführt wurden.

Frankfurt a. M., 8. Juni. Im Zoologischen Gartjev ist für Sonntag vormittag der Eintrittspreis er­mäßigt. Das endlich eingetretene Sommerwetter hat es ermöglicht, daß nun auch die wärmebedürftigeren Tiere ins Freie kommen. Bei dem so prächtig angewachsenen Tierbestand des Gartens, der nun in allen seinen Teilen

Kunst und Wissenschaft.

Die zehnjährige Wiederkehr der Grün­dung des atllgemeinen deutschen Lehrerin­nenvereins wurde an den Pfingsttagen zu F r i e d r i ch- r ob a festlich begangen. Aus allen Gauen des deutschen, Vaterlandes waren Lehrerinnen aller Schulgattungen her­beigeeilt, um dort an der Wiege des Vereins das Be­stehensfest zu feiern und zu gemeinsamen Beratungen zu- fammenzutreten. Vier Vorträge brachten mannigfache An­regung: 1) Die staatliche Prüfung der Musiklehrerin, Fräulein Sophie Henkel-Frankfurt, 2) Einige Worte zur Reform des Gesangunterrichts, Fräulein Louise Müller- D a r m st a d t, 3) die Besoldung der Lehrerinnen an öffent­lichen preußischen Mädchenschulen, Fräulein Bertha von der Lage-Berlin, 4) Kinderkonflikte, Fräulein Bertha Jor­dan-Danzig. In dankbarer Anerkennung der Verdienste um die Entwickelung des allgemeinen deutschen Lehrerin- uen-Vereins wurde dessen Gründerinnen Frau Marie Loeper-Houselle, von der zuerst der Gedanke des Zu- sammenschließens der Lehrerinnen ausging, sowie Fräulein! Auguste Schmidt, der Ehrenpräsidentin des Vereins, und Fräulein Helene Lange, der ersten Vorsitzenden, die Ur­kunde einer Stiftung: Schmidt-Lange-Loeper- Stiftung überreicht, die nach Entschließung der genann­ten Damen zu gunsten der Lehrerinnen, Studienzwecken und dergleichen verwendet werden soll. In letzter Stunde wurden der Stiftung von hochherziger Seite noch 1000 Mk. zugewandt, sodaß dieselbe jetzt nahezu die Höhe von 8000 Mk. erreicht hat. Die nächste Generalversammlung des allgemeinen deutschen Lehrerrnnenvereins wird nächstes ^ahr in Bonn abgehalten werden, wozu auch die Stadt vonn durch die Delegierten des Bonner Lehrerinnen^ Vereins eine Einladung hat ergehen lassen. (D. Z.)

Hannover, 7. Juni. Heute trat hier der Verein lder deutschen Chemiker zu seiner Hauptversamm­lung zusammen. Hofrat Dr. C a r o - Mannheim begrüßte

eine Fülle des Interessanten und Unterhaltenden bietet, fällt es auf, daß die Zahl der Affen, die sonst um diese Zeit zu Dutzenden den großen Käfig bevölkerten, in diesem Jahr so gering ist. Auf Befragen darüber sagte man uns, daß trotz aller Bemühungen keine Affen in größerer Anzahl aufzutreiben waren. Als Ursache nannte man uns die Verkehrserschwernngen, die durch die Pest in Indien an den Häfen hervorgerufen wurden und die Händler ab­schreckten. Immerhin sind in der letzten Zeit doch kleinere Sendungen angekommen, sodaß die Pavian-Gesellschaft einigen Zuwachs bekam, der fich auch schon genugsam ein­gewöhnt hat, um mit den oagewesenen das in seine Varia­tionen und Einzelszenen so anziehende und belustigende Possenspiel zu treiben, das immer zu den Hauptanziehungs- punken des Gartens gehört.

* Ditz Automobil-Aus stellung in Frank­furt a. M. Allenthalben, selbst an Stellen, die sich, weniger für die Sache interessieren, ist bekannt, daß in Paris und Vincennes eine große Automobil-Ausstellung stattftndet, daß in Nürnberg und Wien zu gleicher Zeit welche in Szene gehen, und daß sich in Berlin infolge der Initiative, die Herr Graf von Talleyrand-Perigord ergriffen, sogar eine ständige etablieren wird. Auch in Frankfurt a. M. wird eine solchtz Ausstellung eröffnet werden. Die Ausstellung fördert nicht nur die Automobil- Industrie, sondern alle mit ihr zusammenhängenden Ge- ive^rbe. Sie zerfällt in eine stehende, fahrende und ge­werbliche Abteilung. Die gewerbliche braucht keine Er­klärung, die stehende auch! nicht, dagegen möchten wir der fahrenden einige Worte widmen. Sie befindet sich außer­halb des Ausstellungsgebäudes und zeigt die Fahrzeuge im Betriebe; denn der Käufer will den Motorwagen ar­beiten sehen umd sich davon überzeugen, daß er das, was ihm nachaerührnt wird, auch hält. Bon morgens 8 Uhr bis zum Beginn der Dunkelheit werden große und kleine Fahrzeuge, Motordreiräder, Voiturettes und Tourenwageü die Fahrbahn beleben und mit ihrem fröhlichenTöff-Töff" die Zuschauer darüber zu trösten fudjen, daß die Abgase, welche nach der Explosion des Benzin- und Luftgemisches entstehen, noch nicht wie neapolitanischer Flieder riechen. Wie sich das große Ausstellungskomitee eifrig bemüht, die Ausstellung möglichst vollkommen auszugestalten, be­mühen sich! die verschiedenen Unterausschüsse ums Gelingen eines Blumenkorsos und das Zustandekommen eines großen Motorwagenrennens guf der Rennbahn des Rennklubs. Steht letzterer hem.Unternehmen freundlich gegenüber, wird Frankfurt ein noch nie gesehenes hochinteressantes Schau­spiel erleben: den Kampf der Rennwagen, bei dem Mut, Kaltblütigkeit und Jntelligenzj einerseits und 'gutes Fabrikat andererseits sehr wesentlich in Betracht kommen. Zum Schlüsse sei nod), erwähnt, daß das Komitee Unterhaltungen aller Art, große Konzerte, Fernfahrten, Luftfahrten und

die Ehrengäste und Mitglieder. Wie die Versammlung in Darmstadt unter dem Zeichen des Namens von Justus Liebig gestanden habe, so gedenke man heute des großen Sohnes der hannöverschen Erde, Robert Bunsens, der am 16. August vorigen Jahres als unsterbliches Ehren­mitglied des Vereins zur ewigen Ruhe eingegangen fei. In einziger Größe, ehrfurchtgebietend, trete sein Leben uns! entgegen, ein Bild reicher Menschlichkeit und rastlosen For­schens nach Erkenntnis. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß der Geist Bunsens, das Suchen nach Wahrheit um der Wahrheit willen, auch über den Arbeiten der Ver­sammlung stehen möge. Es folgte eine Reihe von Be­grüßungsansprachen. Der Vorsitzende dankte den Rednern und spricht die Zuversicht aus, daß auch der Verein deut­scher Chemiker das Seine dazu beitragen werde, um den großen Vorsprung, den die deutsche chemische Industrie trotz ungünstiger Produktionsbedingungen dem Auslande gegenüber errungen habe, nicht wieder verloren gehen zu lassen. Es folgte der Festvortrag des Ehrenmitgliedes Geheimrats Prof. Dr. Winkler-Freiberg über die Schwefelsäureproduktion des abgelaufenen Jahr­hunderts. Der Vortrag fand rauschenden Beifall und ge­staltete sich zu einer großen Ovation für den Vortragen­den als Erfinder eines neuen, die ganze Schwefelsäure­industrie umwälzenden Kontaktverfahrens.

Hamburg, 7. Juni. Die 9. Hauptversammlung des Vereins zur Förderung des Unterrichts in der Mathematik und den Natur­wissenschaften in den höheren Lehranstalten nahm folgende Resolution einstimmig an:Die 9 Hauptversammlung erklärt, daß es eine schwere Schädigung des für die allgemeine Bildungsaufgabe der Schule unent­behrlichen mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichtsssein würde, wenn bei der bevorstehenden Neugestaltung des höheren Schulwesens die ihm zugewicsene, ohnehin sehr knapp bemessene Zeit eine weitere Ver­kürzung erfahren oder seine Stellung im Lehrplane beeinträchtigen sollte/

Leipzig, 7. Juni Der Kongreß deutscher Neuphilologen sprach sich in einer Reihe wichtiger Beschlüsse für eine größere För­derung französischer und englischer Sprachstudien an den Staatslehranstalten aus. Die Beschlüsse sollen sämtlichen Unterrichts-

dergleichen Dinge mehr Sorge getragen hat und auch be­strebt gewesen ist, auf dem Ausstellungsplatze eine vorzüg­liche Restauration einzurichten.

Zehn Jahre deutscher Jugendspielbewegung.

Während unsere Kultur durch die großen Fortschritte, die auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens, der Wissen­schaft, Technik u'nd Gütererzeugung im Laufe des letzten halben Jahrhunderts erzielt worden sind, eine mächtige Entwickelung erfahren hat, sind Körperpflege und Gesundheit weit hinter dem geistigen Ringen der Zeit zurückgeblieben. Die durch die Kultur bedingte Beschäf­tigungsart entzieht den einzelnen mehr und mehr der Natur; der Aufenthalt ist im wesentlichen das Zimmer, der geschlossene Raum, sei es als Wohnung, Arbeits- oder vielfach auch als Erholungsstätte. Zu dieser Einengung kommt die einseitige Inanspruchnahme der Kräfte, und in Verbindung hiermit für alle sitzenden Berufe eine fast völlige Entwöhnung von körperlicher An­strengung. So ergiebt sich, meist noch durch Genuß­sucht vermehrt, ein solch großes Maß gesundheitswidriger Einflüsse, daß es nicht wunder nehmen kann, wenn die physische Entwickelung zurückbleibt, und wenn Lebens- und Arbeitskraft, Wohlsein und Lebensfreude darunter leiden. Wir zehren am Kapital unserer Volkskraft.

Lange vorher sind in weiser Voraussicht von den Re­formatoren des Erziehungswesens, von Basedow und Gut Muths, und von Bolksfreunden, insbesondere von Friedrich Ludwig Jahn bereits die Heilmittel gegen diese Kultur­schäden in der geregelten Pflege der Leibesübungen und in reichlicher Bewegung im Freien erkannt und gefördert: worden, vor allem int Turnen und Spiel. Die geregelte Bewegung bildet für die durch die Kultur hervorge­rufene physische Schädigung das notwendige, ja unentbehr­liche Korrelat.

In der Entwickelung der Leibesübungen war, was die Ausbreitung wie die innere Durchbildung betrifft, das Jugendspiel, welches reichliche Bewegung im Freien mit kräftiger Leibesübung ^verbindet/ zurückgeblieben. Als daher im Jahre 1890 vorn Zentral-Ausschuß für Volks- und Jugendspiele der Ruf ertönte, die Leibesübungen in Schule und Volk mehr ins Freie zu legen, fiel diese Mahn­ung auf fruchtbaren Boden, und ihre großen Erfolge dürf­ten sich diejenigen, welche in langer und verdienter Arbeit das deutsche Turnen erzielt hat, bereits angemessen zur Seite stellen.

Das neunte Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele bespricht in mehrfachen Abhand­lungen zugleich die seitherige zehnjährige Thätigkeit des Zentral-Ausschusses, und giebt sowohl von den Erfolgen als von dem hocherfreulichen Stande der Bestrebungen Kenntnis, sowie mehrfach auch zahlenmäßige Beläge. Die seit 1890 in allen Teilen des Reiches abgehaltenen zahl-

verwaltungen Deutschlands und Oesterreichs unterbreitet werden. Als Ort der nächsten, 1902 stattfindenden Hauptversammlung wurde Breslau gewählt. ______________

Mteratur.

Ein Sommer in Bad-Nauheim, Gedichte von H. Ploetz", betitelt sich ein soeben int Verlag von L. Wagner, Bad-Nauheim, erschienenes Buch (Preis M. 0,50), das in launiger Weise Bilder aus dem Kurorte und feiner Umgebung, Beobachtungen und Erinnerungen, Klänge aus Geschichte und Sage mit glücklicher Empfindung wiedergiebt. Wegen seines blühenden Humors und seinen sinnigen stimmungsvollen Gaben wird dieses Buch sicher- lich einen großen Freundenkreis finden und ein guter Be­kannter werden, der liebe Erinnerungen an unseren schönen heilbringenden Nachbarort in angenehmer Form wach­ruft.

Als fünfter Band des neunten Jahrgangs der Ver­öffentlichungen desVereins der Bücherfreunde", (Ge-< schäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schall, Hof­buchhändler), Berlin 30, erschien soeben: 'Südafrika. Von Peter Wlast. Entwickelungsgeschichte und Gegen­wartsbilder. Mit 31 Bildern nach Original-Photographien. 312 Seiten. Preis geheftet 3.50 Mk. Gerade jetzt, wo das Burenvolk sich um seiner Freiheit willen verblutet, erscheint ein Buch willkommen, das nicht die Litteratur über den Buren krieg selbst vermehrt, sondern dem deutschen Leser Aufschluß über die südafrikanische Lage giebt und jeden in die Lage versetzt, sich selbst ein Urteil über die englische Politik in Südafrika zu bilden, und somit das Verständnis! für südafrikanische Angelegenheiten zu fördern sucht. Des­halb ist dieses Buch zu begrüßen, zumal es zum ersten Male eine umfassende Schilderung Südafrikas von einem Süd­afrikaner bringt, der, als Deutscher eingeroanbert, Jahre lang in Südafrika lebte, und erst mit dem Ausbruch deH Krieges Transvaal verließ. ,