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10.4.1900 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 10. April

1900

Zweites Blatt

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wußte nicht, daß der Prinz von Wales auf die Politik Englands nur einen sehr geringen Einfluß ausüben kann. Die englische Presse bemüht sich jetzt, da glücklicherweise daS Leben des Prinzen erhalten geblieben ist, den Mord' anfall als eine Art Herausforderung Englands durch den Kontinent hinzustellen, indem sie die Presse Europas für >aS Verbrechen verantwortlich macht; die Uebereinstimmung )er Völker in der Verurteilung des gegen die Freiheit der Burenstaaten geführten Krieges hat daS alleinstehende Eng­land eben immer noch nicht in seiner Verstreutheit erleuchtet. Englische Blätter, die die Anklage noch ganz konkret, ge­stalten möchten, weisen ans Dr. LeydS als den eigentlich Schuldigen hin. Das ist eine Beschuldigung wider besseres Wissen, denn LeydS ist an den zahlreichen abenteuerlichen Telegrammen unschuldig, die in einzelnen kontinentalen Blättern Platz fanden, vielmehr sind die Lügenfabriken an anderen Stellen, auch in London selbst, zu suchen. Die englische Presse hat LeydS auch zum Verwalter eines großen PreßfondS gemacht, aus dem eine Anzahl kontinentale Blätter gespeist werde, zu dem Zwecke, daß diese für die Buren einträten. Diese lügnerische Behauptung wurde von eng­lischer Seite aufgestellt, damit man in England nicht zum Nachdenken über die wirklichen Gründe gelange, die alle Welt sonst zur Verurteilung des Krieges gegen die Buren veranlaßt haben. Mit dem Tode des Prinzen wären übrigens die Verhältnisse in England um keinen Deut anders geworden. Sehr wohl wird den Herren im britischen Ka­binett so wie so nicht sein, da die Nachrichten vom Kriegsschauplatz in Südafrika neuerdings für die Eng­länder nichts weniger als günstig lauten. Wir sprechen an anderer Stelle ausführlich darüber.

Die Kammern Italiens sind vertagt worden, nachdem der heillose Skandal, hervorgerufen durch die Obstruktion, wochenlang gedauert hatte. Es ist nur ein Scheinsieg, mit dem Regierung und Mehrheit in die Osterferien gingen. Die Linke hat nämlich ausdrücklich darauf verzichtet, gegen die Aenderung der Geschäftsordnung, welche die Obstruktions­lust knebeln soll und welche auf Verlangen der Regierung ohne jede Debatte in einfacher Abstimmung angenommen werden sollte, gegenwärtig aufs neue Obstruktion zu machen. Da die Art der Annahme des Knebelungsparagraphen gegen die rechtsbeständigen Gesetze der Kammer, ihre bisherige Geschäftsordnung, verstößt, wird die Linke nach dem Wieder­zusammentritt die Obstruktionsarbeit wieder aufnehmen. Inzwischen ist, wie wir bereits mitgeteilt haben, das decreto legge, das königliche Dekret über die politischen Einschrän­kungsmaßnahmen, aufgehoben worden.

Born Beigeordneten Wolff in Qffeubach.

Vierundzwanzig angesehene Bürger Offenbachs, dar­unter die Kommerzienräte Böhm, Heyne und Stroh, Prof. Dr. Bolckmar, Geh. Justizrat Dr. Weber und der Bei­geordnete JonaS Weber III., veröffentlichen in einer Sonder- reilage derOffeub. Ztg." eine längere Erklärung in Sachen des Beigeordneten Wolff. In der Koft'schen An­gelegenheit hatte am 13. Oktober 1898 die Stadtverordneten- Bersammlung ausgesprochen, daß das Herrn Wolff entgegengebrachte Vertrauen ungerechtfertigt gewesen sei. Nun erklären die 24 Herren folgendes: Unsere Beschlußfassung wurde veranlaßt durch die Be­fürchtung, daß die Charaktereigenschaften, wie sie Beigeord- neter Wolff im Verlauf dieser Angelegenheit zeigte, unheil­volle Folgen für den Frieden unserer Stadt haben würden. Das Vorgehen Wolffs gegen Kost entsprang unserer Ueberzeugung nach vorzugsweise der persönlichen Mißstimmung gegen Kost. Denn Wolff bekennt, daß er zwar schon bei der Uebernahme seines Amtes von den An­schuldigungen gegen Kost wegen Annahme von Geldern Kenntnis erhalten habe, daß er aber trotz aufmerksamer Beobachtung nichts habe entdecken können, was ihm Veran­lassung zu einem Einschreiten habe geben können. Erst als Wolff im März 1897 während kurzer Abwesenheit des Oberbürgermeisters durch Oeffnen nicht für ihn be­stimmter Akten in unberechtigter Weise Kenntnis von ungünstigen Zeugenaussagen erhielt, die Kost über ihn in der Disziplinaruntersuchung wegen seines Verhaltens gegen­über dem Amtsgericht abgelegt hatte, behandelte er Kost in verletzender Weise, indem er ihn einen Lügner nannte. Und am 31. Juli 1897 wendete er sich an das Polizeiamt schriftlich mit der Anzeige, daß Kost am 21. Juli ohne Erlaubnis von dem OrtSgericht sich entfernt und den Schlüffel des Pultes und der Kasse mitgenommen habe. Der Aufforderung, die Schlüffel abzuliefern, habe Kost nicht entsprochen, vielmehr erwidert, er werde nächste Woche zu einer von Wolff zu bestimmenden Zeit zur Abrechnung er­scheinen. Wolff ersuchte deshalb das Polizeiamt, die Schlüssel bei Kost abzuholen und ihn eventuell wegen Verdachts der Unterschlagung zu verhaften!! Das Polizei­amt lehnte dieses Ansinnen ab, dagegen suchte sofort der Oberbürgermeister die Angelegenheit zu vermitteln, indem er die reklamierten Schlüssel erhob und Wolff behändigte, letzterem aber zugleich vorstellte, daß Kost als Gemeinde­beamter nicht, wie Wolff beabsichtigte, eigenmächtig von ihm, ohne Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung der Dienstleistung enthoben werden könne. Gleichwohl ließ

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Britain der Zukunft. Es soll nicht verkannt werden, daß England dadurch den beiden kleinen holländischen Repu­bliken gegenüber in eine schwierige Lage geriet, und noch weniger verkannt werden, daß die nördliche derselben dem ungeheuren Problem, welches die Entdeckung der Gold­felder und die überwiegend englische Johannesburger Ein­wanderung ihrer Regierung stellte, mindestens unzulänglich gegenübergestanden hat. Tas Goldfieber und der Rassen­konflikt stellten sich ein. Es ist keineswegs aus der Luft ge­griffen, daß nicht gerade verbriefte, aber in der Suche be­gründete Ansprüche der Einwanderer von der allerdings, formell hierin unbedingt unabhängigen Regierung, Trans­vaals beiseite geschoben und mißachtet worden sind. Von den Schwierigkeiten, die der vorherrschenden Nation ihr nicht angehörige Gebiete bereiten, wissen auch wir zu reden; dergleichen Zustände verleiten beinahe unvermeidlich bald zu schwächlicher Nachgiebigkeit, bald zu tyrannischer Unbill. Es wäre mehr als vermessen, entscheiden zu wollen, wie weit hier Uebergriff der Schutzmacht oder Eigensinn des Kleinstaates eingewirkt haben; an Ausschreitungen nach! beiden Seiten hat es sicher nicht gefehlt. Was uns Deutsche betrifft, so hat man sich bei uns mit diesen Vorgängen! wenig beschäftigt, und fo weit meine Erinnerung reicht, haben dieselben auf die Beziehungen der beiden Nationen nicht eingewirkt. England muß sich mit seinen Kelten und Franzosen und Holländern und Indiern und Aegyptern abfinden wie wir mit unfern Polen und Dänen; es sind das schwerwiegende innere Fragen, aber die Ausländer haben sich nicht darein zu mischen, und wir haben in dem vor­liegenden Fall es nie gethan.

Aber da erschienen Cecil Rhodes, Ja meson, Chamberlain aus der Bildfläche. Wenn auch die Herr­schaft über andersartige Völkerschaften kein reinliches Ge­schäft ist! umd dabei nicht alles gehen kann, wie es gehen sollte, so ist darum auf diesem Gebiet keineswegs alles erlaubt. Es giebt Vorgänge, welche das Stttltchkert^geftlh der geformten zivilisierten Welt empören, und bei denen das höchste Tribunal der Welt, die öffentliche Meinung!

Politische Wochenschau.

Gießen, den 9. April 1900.

Mit der Vertagung der Parlamente ist auch in unserer inneren Politik eine Ruhepause eingetreten, und die Oeffent- liifeit beschäftigt sich augenblicklich mehr mit Gegenständen, die von der Politik fern abliegen. Da ist vor allem der Pwzeß gegen das Ehepaar Gönczy, der, wie wir an anderer Stelle melden, mit der Verurteilung Gönczys zum Tode seinen AuSgang gesunden. Er hat in der ver­gangenen Woche daS allgemeine Interesse am meisten in Anspruch genommen. Dessen ungeachtet ist in der Politik rin vollkommener Stillstand natürlich nicht eingetreten. Fl»ttenvorlage, Reichstagsdiäten, Mittellandkanal, Lex Heinze Verden noch immer erörtert, und nicht eher aus der poli­tischen Gesichtsweile verschwinden, bis sie in dieser oder jener Weise endgiltig abgethan worden find. Die hohe Politik wurde in den letzten Tagen besonders angefacht durch die Verlobung, die dort unten am schönen Traunsee Mi fürstliche Familien einander nahe gebracht hat: wir meönen die Verlobung zwischen dem Prinzen Max Don Baden und der Prinzessin Marie Louise von Cumberland. Wird Herzog Ernst August seinen Frieden mit. der Krone Preußen machen? Wird die braunschwei­gische Thronfolgefrage nunmehr endgiltig geregelt werden? Welche Konstellationen werden durch das eventuelle Eiu- trtien eines welftschen Prinzen in den Bund der deutschen Frosten entstehen? Das alles sind hochinteressante Fragen. WuS in dieser Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit er­regt hat, das war das Festmahl, das der deutsche Bot­schafter in Wien zu Ehren des verlobten Paares gab, und wobei der Herzog von Cumberland zum erstenmale als Gast be£ offiziellen Vertreters des deutschen Kaisers und des Königs von Preußen auftrat. Der Kombinationen, die sich an dieses Ereignis knüpfen, sind sehr viele, aber noch ist über die nächste Zukunft ein so dichter Schleier gehüllt, daß es müßig erscheinen würde, wollten wir den Kreis der Vermutungen noch weiter ausdehnen.

Ganz urplötzlich ist der Prinz von Wales, der fiolte Lebemann, der Tonangeber in Mode und Sport, in das öffentliche Interesse gerückt worden. Er hat wohl am allerwenigsten daran gedacht, daß man ihm die Schuld auf- wLlzen könnte für die Folgen, die die englische Politik in Südafrika gezeitigt hat. Der Prinz ist, wie jeder verstän­dige Mensch weiß, höchst unschuldig an den Greueln, die da unten in dem Goldlande und auf den Diamantfeldern sich gegenwärtig abspielen. Es war ein dummer Junge, der die Waffe g-gen den englischen Thronfolger richtete, er

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Mommsen über die Rechtsfrage zwischen England und der Transvaal-Hiepuölik.

Max Müller, der berühmte Oxforder Gelehrte, hatte im Aprilheft derDeutschen Revue" die in England herr­schenden Anschauungen über den Transvaalkrieg in einem Aufsatze ausgesprochen. Nun ergreift in einem soeben zur Ülmsgabe gelangten Supplement zum Aprilheft derDeut­schen Revue" Theodor Mommsen das Wort.

Müller hatte behauptet, daß die englische Regierung nut) das englische Volk er identifiziert beide in diesem Konflikt vollkommen im Recht sind. Darauf erwidert nun Mommsen:

Der Transvaalkrieg gehört wie zu den seltsamsten, |o auch zu den unseligsten, die die Geschichte kennt. Ter alte, starre, religiös-politische Fanatismus ringt in diesem vergessenen und verlorenen Splitter der republikanischen Kap-Holländer mit der modernen, von nicht minder fana­tischem Weltausbeutungsdrange getragenen Zivilisation. Wie immer in den politisch-militärischen Vorgängen sich Lacht und Schatten verteile, es stehen hier zwei Welt­anschauungen mit einander im Kampfe, die Schlacht wird geschlagen sozusagen zwischendem sechzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert. Bei der Tragik dieses Konflikts o-rsteht man nicht recht die Leichtherzigkeit der Mullerschen Ausführungen. ,. . . ,, .. , .

Sie beiden Republiken sind faktisch auf die englische Schutzherrschaft angewiesen. Eine effektive Selbständigkeit giebt es nicht für diese relativ kLeinen und durch die englische Umklammerung vom Meer allgeschnittenen Gebiete, und die Souveranitats- oder Luzeränitätsfrage ist wenigstens für uns Ausländer nicht vnel mehr als ein Wortgefecht. Freilich hat England selbst b'tn beiden Republiken eine weit über die Befugnis aller

selbstverwaltenden Kolonialgebiete hinausgehende Recht­stellung vertragsmäßig zugesichert, ihnen die formale Un­abhängigkeit ganz oder so gut wie ganz eingeräumt, Trak­tate von Macht zu Macht mit ihnen abgeschlossen und selbst in ihnen die Ueberzeugung verbriefter Selbständigkeit großgezogen, die zu achten für den stärkeren Staat eine Ehrenpflicht war. Es wird auch in England nicht bestritten werden, daß die Behandlung dieser Gebiete durch die eng­lische Regierung ein Muster von Ungeschicklichkeit und In­konsequenz gewesen ist; wie gewöhnlich hat auch hier die menschliche Verkehrtheit viel mehr Schaden gestiftet als die Nichtswürdigkeit. Nachdem die Buren im Jahre 1836, wie einst die Kinder Israel aus Aegypten, mit Weib und Kind und Vieh aus der unmittelbaren Nähe der englischen Kolonie abgezogen und bald darauf durch die englische Be­sitznahme von Natal von der Küste abgedrängt waren, stand die englische Politik Südafrika gegenüber wesentlich im Zeichen der Indifferenz.Diese erbärmlichen Kolonien", sagte d'Jsraeli,werden in wenigen Jahren unabhängig sein; uns hängen sie wie Mühlsteine am Hals." Lange Dezennien hindurch haben diese Gebiete in faktischer Ab­hängigkeit von England gestanden, und in den Nöten ihrer Finanzen und ihrer Händel mit den Eingeborenen diesem wenig andres als Last und Leid gebracht.

Aber diese fahrlässige Gleichgiltigkeit sollte nicht von Dauer sein. England, sagt Lord Salisbury, begehrt weder Gold noch Gut; wir hören achtungsvoll die Botschaft, aber der Glaube fehlt. Nach Entdeckung der Diamantfelder von Kimberley im Jahre 1869 wurde dieser Landstrich, ent­gegen dem Spruch des eingesetzten Schiedsgerichts, im Jahre 1876 von der südlichen Republik abgerissen und zum englischen Gebiet geschlagen; ein Vorgang, der in Süd­afrika nie vergessen worden ist, und dessen weitere An­wendung auf Die Johannisburger Goldminen der Buren in der That recht nahe lag. Allmählich entwickelten sich die einigermaßen phantastischen, aber unzweifelhaft groß­artigen und erfolgreichen Pläne auf Umwandlung Afrikas vom Kap bis zum Nil in einen Bestandteil des Greater

Erscheint täglich nit Ausnahme des

MontagS.

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