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10.4.1900 Erstes Blatt
 
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M. 84 Erstes Blatt________Dienstag deu 10. ApriL

1900

Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Der Krieg iit Südafrika.

Das Londoner Kriegsamt veröffentlichte gestern keine Depeschen vom Kriegsschauplätze. Im Laufe der nächsten Ag-che sollen 26 Offiziere und eine große Menge Geschütz- Material nach Kapstadt abgehen. Ebenso soll demnächst' Hijenbahnmaterial zur Verschiffung gelangen.

General G a t a c r e hat infolge seines sinnlosen Draus- achens und seines Mangels an Vorsicht schon drei schwere Niederlagen erlitten, und nun ist dazu die vierte Schlappe gekommen, von der wir bereits am Samstag Mit­teilungen brachten. Eine nicht unbeträchtliche Abteilung seiner Truppen fünf Kompagnien nebst Train --ist von den Buren bei Reddersburg, südlich von Bloemfon­tein, gefangen genommen worden, und was er selbst mit dem Hauptteil seiner Truppen treibt, ist unbekannt. Da nun die Eisenbahnlinie nach Normals Pont die einzige Verbindung ist, die den Engländern von Bloemfontein nach Süden iiod) offen steht, und diese durch die Situation, in die Gatacre anscheinend gebracht worden ist, ernstlich bedroht erscheint, so sind die eventuellen Folgen für die Lage des englischen Hauptheeres in Bloemfontein natürlich sch» schwerwiegend. Daß man sich auch in Bloemfontein über den Ernst der Situation völlig klar ist, zeigt folgende Depesche:

London, 7. April. Aus Bloemfontein wird ge­meldet : Alle Nachrichten über General Ga­la c r e s Operationen bei Edenburg und Bethania an der Bahnstrecke BloemfonteinNorwals Pont fehlen.

Die Beunruhigung ist sehr groß, da gleichzeitig gemeldet wird, ein g' r o ß e s B u r e n k o m m a n d o rücke im Sü­den Bloemfonteins vor. Der Bahnverkehr zwischen der Stadt und Springfontein ist bereits wiederholt durch kleinere Burenkommandos unterbrochen worden. Mehrere von Süden kommende Transportzüge mußten schleunigst wieder nad) Norwals Pont zurückkehren. Feldmarschall Roberts hält die sechste und neunte Division und die ge­samte Kavallerie in Alarmquartieren bereit, um im Not­fälle durch einen Gewaltvorstoß Gatacre den Rückzug nach Bloemfontein zu sichern. Die Freistaatler be­festigen sämtliche Kopses in einem weiten Bogen um Bloemfontein. Die eingetroffenen Remonten sind vollständig unbrauchbar; der Mangel an Pferden macht sich infolge dessen in erschreckendem Maße bemerkbar.

lieber die Niederlage bei Reddersburg de­peschiert Lord Roberts iveiterhin aus Bloemfontein: Bei tat Kämpfen in der Nähe von Reddersburg am 3. und 4 April soll der Feind 3200 Mann stark gewesen sein, und fünf Geschütze mit fick; geführt haben. Unsere Truppenzahl betrug 167 Mann berittene Infanterie, 424 Mann Infan­terie. Von den Unteroffizieren- und Mannschaften wurden vcht getötet, 33 verwundet, von den Offizieren zwei getötet, »lvei verwundet und acht gefangen. Der Rest der Unter- pffiziere und Gemeinen ist gefangen. Der Gesamt-Ver- Iii-ft der Engländer beziffert sich also auf 591.

Weiter wird nock) depeschiert:

London, 7. April. DasReutersche Bureau" mel­det aus Springfontein vom 5. d. M.: Gn von Jagers- fontein nach Springfontein gehender Zug und die fünf Meilen von dem Lager bei Springfontein entfernt stehenden Vorposten wurden vom Feinde beschossen, der sich augenscheinlich von der Bahn nach Westen zu bewegt.

Im übrigen setzen die Buren die Umgehung der rechten englischen Flanke mit größter Thatkraft fort und sind bereits wieder in der unmittelbaren Nähedes Oranje- slusses angelangt; die dort stehenden englischen Truppen räumen das Feld. Eine Depesche des ^euterschen Bureaus aus Aliwal North ohne Datum mel­det: Tie Royal Irish Rifles ziehen sich von Roux­dille nach Beestekraal zurück. Wie es heißt, rücken Bu­ren komm andos von Osten und Westen nach R o u x - Ville vor. Hier ist eine Stadtgarde in Bildung be­griffen. Am Oranje-Fluß, 16 Meilen unterhalb von Ali- tral, sollen Abteilungen von Buren gesehen worden sein.

Die englischen Meldungen über die Lage bei Bloemfontein wiederholen nur, daß die Buren eine außerordentliche Thätigkeit entfalten, um die Hauptstadt des Oranjestaates wiederzuerobern, und daß ihnen tiglich Verstärkungen zugehen. Der Berichterstatter der ttchange Telegraph Company sucht seine Landsleute über die sehr bedenkliche Lage, in der sich Roberts Armee be­findet, dadurch hinwegzutrösten, daß er behauptet, die Ope­rationen der Buren seien als ein bloßer Raubzug zu be- Kachten, da sie kein Gepäck mit sich führten. Ter Mann lnmß die Geschichte des gegenwärtigen Krieges wenig ver­folgt und von der Kampfesweise der Buren keine Ahnung hoben, die bekanntlich das für sie notwendigeGepäck" hei schleunigen Unternehmungen in der Rocktasche tragen.

DerMorning Post" wird aus Bloemfontein telegra- Mert:Die Buren machen augenscheinlich einen Versuch, Bloemfontein zu nehmen. General Tucker bleibt in skanee Siding, nördlich von Bloemfontein am Modderfluß.

Seine Isolierung ist mehr scheinbar, als wirklick>, da das offene Gelände von Bloemfontein den Buren wenig Chancen bietet, dock) wird der Feind ihn möglicherweise engagieren, um die Aufmerksamkeit von anderen Opera­tionen abzulenken. Man meldet weiter das Auftreten von Burenabteilungen auf verschiedenen Seiten von Bloem­fontein. Die englischen Truppen haben eineetwas" (!) sorgenvolle Zeit".

Nack) einer Meldung aus London haben die Engländer im Laufe der ergangenen Woche ca. 1000 Mann und 7 Geschütze verloren, ohne den Buren einen auch nur annähernden Schaden zugefügt zu haben. Hierüber herrscht natürlich große Verstimmung im englischen Volke. Man fürchtet, daß die Buren, falls Lord Roberts am Vormarsch gehindert ist, die detachierten englischen Attei- lungen angreifen und durch die Uebermacht überwältigen werden. Am meisten ist man über W e p e n e r beunruhigt, dessen Uebergabe die Buren bereits verlangen. Auch die Wirkungen des eiligen, überstürzten Vormarsches Roberts auf Bloemfontein machen sich nunmehr geltend. Die bei Koornspruit gefangenen Engländer und die eroberten Ge­schütze sind in Pretoria eingetroffen.

*

Die Gefangennahme des Burenkommandanten Villebois bei Boshop ist als eine große Heldenthat Methuens natürlich nicht anzusehen. Ganze 70 Buren wur­den durch mindestens 500 Engländer umzingelt und nach tapferem Kampf zur Kapitulation gezwungen. Die Be­richte englischer Blätter über das kleine Gefecht weichen beträchtlich von einander ab. Eine Times-Depesche meldet: 68 Buren wurden auf einer Kopje von einer Abteilung Reichsgeomanry unter Lord Chesham und dem berittenen Kimberley-Korps mit einer Feldbatterie umringt. Die Buren hatten acht Tote und sechs Verwundete, die übrigen ergaben sich. General Villebois ist unter den Getöteten, viele Franzosen und Deutsche sind unter den Gefangenen. DieCentral-News" meldet aus Kimberley, Villebois be­drohte die englischen Verbindungslinien. Seine Leute waren meistens Europäer. Das Gefecht ereignete sich an der Straße von Jakobsdal. Die Buren suchten Zuflucht auf einem Kopje und wurden dort umringt. Die englische Streitmacht war 500 Mann stark. Lord Methuen komman­dierte persönlich. Die Buren hißten schließlich die weiße Flagge-Ujnd kapitulierten nach einem Kampfe von dreiein­halb Stunden.

Aus Bloemfontein wird gemeldet: Ein Buren kom- m an d o schnitt jede, auch die telegraphische Verbindung zwischen den Streitkräften General Methuens in Bos­hop und hier ab.

In Paris ist das Testament des Obersten Villebois am 7. d. M. eröffnet worden. Der Verstorbene wünscht darin, daß er dort begraben werde, wo er stirbt. Der Bruder des Obersten, der sich nach Südafrika begebens wollte, u.m die Leiche nach Frankreich zu schaffen, wird infolge dessen seine Absicht aufgeben, lieber 2000 Beileids­telegramme, darunter auch von Deroulede, sind bei der Familie des Obersten eingetroffen. Dr. Leyds ist persönlich erschienen, um sein Beileid ausdrücken. Der General- Konsul von Transvaal in Paris hat ebenfalls der Familie das tiefste Beileid im Namen seiner Regierung ausge­sprochen. Die Pariser ZeitungLiberte" eröffnet eine Subskription, wrm dem Obersten Villebois-Mareuil ein Denkmal zu setzen. Paul Vivien wird im Munizipal­rate beantragen, einer Straße in Paris den Namen Ville- bois-Mareuils zu geben. Gerüchtweise verlautet, der fran­zösische General de Negrier werde nach Transvaal ab­reisen, um in die Reihen der Buren einzutreten.

* *

Der Aufstand im Norden der Kapkolonie lodert von neuem auf. Die Prieska- und Kenhardtdistrikte sind in voller Rebellion. Die Aufständischen marschieren von Kenhardt nach Calvinia und Forteen Streams. Wäh­rend also die Aufständischen aus dem Prieskadistrikt offen­bar Fühlung mit den nördlich von Kimberley bei Fourteeu Streams stehenden Burenkommandos suchen, versuchen die Holländer aus Kenhardt auf Calvinia vorzudringen, von wo aus es ihnen unter einer planmäßigen Führung mög­lich fein würde, sogar das Land nach Kapstadt tzu zu be­unruhigen, mindestens aber die dortigen Afrikander an sich zu ziehen und die Eisenbahn zu beschädigen.

Im englischen Unterhaufe hat der Parlamentssekretär des Krieges, Windham, erklärt, die Gefamtziffer der Gefangen envonTransvaal und dem Oranje-Frei­staat habe sich am 23. März auf 5000 Mann beziffert. Die Gesamtsumme der gefangenen Engländer fei nicht genau festgestellt; die Zahl der Vermißten und Gefangenen habe am 3. März 3466 Mann betragen. Man halte nicht dafür, daß die Zeit gekommen sei, die Frage der Aus­wechselung der Gefangenen zu regeln. Diese Angaben dürf­ten doch nicht ganz den thatfächlichen Verhältnissen ent­sprechen. Namentlich die Zahl der englischen Gefangenen scheint zu niedrig bemessen. Trotz der früheren Erklärung der englischen Regierung hat man sich jetzt entschlossen.

von einer Ueberführung der gefangenen Buren nach St. Helena Abstand zu nehmen.

Aus Simonstown wird telegraphiert, eine große Ab­teilung Buren-Gefangener machte einen verzweifel­ten Fluchtversuch. Einer wurde erschossen, ein anderer schwer verwundet. Der Kutscher eines vorbei- fahrenden Wagens wurde durch Zufall erschossen. Von 15 vermißten Gefangenen wurde einer wieder gefangen, 14 enttarnen.

Auch am Vaalf luf s e bei Warrenton hat es wieder, ein kleines Gefecht gegeben. Die Buren wurden am Freitag bei Fourteeu Streems von einer englischen Batterie be­schossen; sie verließen darauf ihre Stellungen und suchten im Gebüsch Deckung, wo sie gegen die Geschosse der eng­lischen Kanonen sicher sind.

Unter den Transporttieren in Ladysmith, ist die Sunge nseuche ausgebrochen.

DerStandard" veröffentlicht einen Aufruf, der alle Engländer auffordert, bei ihren Sommerreifen Belgien: zu m e i b e n.

* *

Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 9. April. Ein Telegramm aus Ladysmith berichtet: Ein schottischer Farmer, der in der Nähe von OliverS-Nock-Pak wohnt, ist hier angekommen und hat be­richtet, daß deutliche Zeichen dafür sprächen, daß die Buren von den Biecarsbergen in der Absicht heranschlichen, Natal wieder zu besetzen oder wenigstens wieder Streif­züge durch die Kolonie zu unternehmen. Der Farmer hat Buren-Abteilungen mit Bagage heranziehen und Zelten er­richten sehen.

Loudon, 9. April. Aus Bloemfontein wird vom 7. April gemeldet: Der Buren-General Sommer hatte 5000 Mann bei sich, als er die englische Kolonne unter dem Obersten Broadwood überraschte, und diesem 600 Mann abnahm. Die Zahl der ihm jetzt zur Ver­fügung stehenden Truppen wird insgesamt auf 6000 Mann veranschlagt.

London, 9. April. Aus Bloemfontein wird vom 6. ge­meldet: Der Feind hat eine neue Truppenbewegung in der Gegend von Kareo, 13 Meilen nördlich von Bloemfontein, ausgeführt. Das Gefecht am vergangenen Mittwoch bei Mesters Hök hatte schlimme Folgen für uns, da die Buren dadurch in die Lage versetzt wurden, ihre Flanken- bewegungs zu beendigen, sodaß sie augenblicklich in einer Linie südlich von Sann ahsp ost und östlich von Jagersfontein stehen. Die Eisenbahn ist zwar genügend geschützt, doch benötigt ihre Verteidigung einen scharfen Patrouillendienst. Die Frage des Schutzes der Freistaatler, die dem Aufrufe Lord Roberts nachgekommen sind, ist da­durch erledigt worden, daß sie als Flüchtlinge im englischen Lager Unterkunft finden.

London, 9. April. G a t a c r e hat sich jetzt nach Bethany zurückgezogen infolge von Instruktionen aus Bloem­fontein, denen zufolge er die Verbindungslinie offen zu halten hat. Die Buren sollen in beträchtlicher Stärke heranrücken. Ein starkes Kommando soll sogar die Linie vor Bethany-Station besetzt haben in der Absicht, die Eisern bahn-Linie zu zerstören.

Loudon, 9. April. DerTimes" wird aus Boston vom 7. April gemeldet: Lord Methuen begab sich heute morgen nach Schwärtkopje-Fontein, 10 Meilen von Boshof. Er fand keinen Widerstand. Auf Befehl Lord Methuens ist General Villebois mit den übrigen Offi­zieren, die bei jenem Kampfe gefallen sind, beerdigt worden.

Loudon, 9. April. Aus Wepenor wird vom 6. ge­meldet: Die Buren drohen, die Grenze des Basuto- Landes zu überschreiten. Auf Anraten des englischen Kommandanten in Lagden hat der Basutochef den Befehl gegeben, eine Demonstration an der Grenze auszuführen und sich der Ueberschreitung der Grenze seitens der Buren zu widersetzen.

London, 9. April. Aus Pretoria wird vorn 6. d. gemeldet: Der Buren-General D e w e t traf in Dwet-

dorn vier Meilen westlich von Bloemfontein ein. Er machte 450Gefangene und erbeute teeineMenge Munition und Waffen aller Art. Die Buren hatten mir zwei Tote und vier Verwundete. Die Verluste auf englischer Seite sind unbedeutend.

London, 9. April. Ein Telegramm aus Spring­fontein vom Donnerstag meldet: Die Freistaatler von Reddersburg, die trotz ihres Unterthanenerdes sich wieder erheben und mit den Buren öeretnigem haben die b ritische Flagge h e r a b g e r i f f e n und- die Freistaaten-Farben gehißt.