Ausgabe 
10.3.1900 Zweites Blatt
 
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58 Zweites Blatt_____Samstag den 10 März

1900

Gießener Anzeiger

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Henerat-Azeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

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Achtelst» te Ar. 7.

GrMsbeÜKge«: Weßener Famitienblätter, Der hesfifthc Landwirt, ALttrr Mr heWtze DMstmnde._____________

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

r Betr.: Den Forst« und Jagdschutz.

Da die bestehenden Forst- und jagdpolizetltchen Straf­bestimmungen §§ 368 Z. 9 und I I, 361 Z. 9 R.-St.-G^B. Art. 25 und 34 Jagdstrafgesetzbuchs vielfach nicht beachtet werden, machen wir darauf aufmerksam, daß an die Polizei- organe Weisung ergangen ist, alle Zuwiderhandlungen un- nachfichtlich zur Anzeige zu bringen; insbesondere weisen wir darauf hin, daß es verboten ist:

Schonungen, die mit einer Einfriedigung versehen sind, oder deren Betreten durch Warnungsabzeichen unter- fagt ist, zu betreten;

jD Hunde in fremdem Jagdgebiet außerhalb der erlaubten Verbindungswege über 100 Schritte von diesen l ntfernt frei Herumlaufen zu lassen;

Anstalten für die Wildfütternug, Fallen oder andere Werkzeuge zum Fangen von Raubzeug rechtswidrig zu beschädigen;

daß ferner straffällig wird, wer Kinder oder andere unter seiner Gewalt stehende Personen, welche seiner Auf­sicht untergeben sind, und zu seiner Hausgenossenschaft ge hören, von der Begehung strafbarer Verletzungen der Ge­setze zum Schutze der Forsten, der Feldfrüchte, der Jagd oder der Fischerei abzuhalten unterläßt."

Gießen, den 7. März 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzogl. Bürgermeistereien, Polizei­behörden nnd Gendarmerien des Kreifes.

Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, Uebertretungen der erwähnten Art zur Anzeige zu bringen. Soweit Ihnen Feldschützen und Polizei­diener unterstellt sind, wollen Sie dieselben entsprechend bedeuten.

v. Bechtold.

Realgymnasium und Mediziner.

DieM. N. N." erhalten von einem angesehenen Mit­arbeiter ihres Blattes folgende Zuschrift:

Nach den Erklärungen, die der Staatssekretär Graf Posadowsky am 13. Januar im Reichstag abgegeben hat, kann es einem Zweifel nicht unterliegen, das; seitens der Reichs- und der preußischen Regierung beabsichtigt ist, den Realgymnasien unter Voraussetzung einerVertiefung" ihres lateinischen Unterrichts das Recht der Reifcdiplom- Erteilung an Studierende der Arzneiwissenschaft zu er­teilen. Angesichts dessen beginnt es in der ärztlichen Welt sich lebhaft zu regen, und so weit bis jetzt ein Urteil möglich ist, machen die Aerzte so gut wie ausnahmslos gegen diesen Entwurf womöglich noch entschiedener Front als 1879, wo namentlich die medizinischen Fakultäten, darunter viele Kliniker von europäischem Ruf, und die Aerztevereine in ihrer übergroßen Mehrzahl erklärten: Wir wollen von der humanistischen Vorbildung nicht lassen, und wenn man sie nicht mehr für die beste und idealste Art der Jugend­bildung ansieht, so soll man sie überhaupt abschaffen, nicht aber uns Mediziner allein davon ausschließen, bezw. erklären, daß man sie zwar für Juristen, Theologen und Philologen für unentbehrlich betrachtet, für uns Aerzte allein aber nicht.

Münchner, Hamburger und Berliner Fachblätter, die offizielle Organe der Aerztevereine sind, sprechen sich über­einstimmend mit großer Schärfe auch diesmal im gleichen Sinne aus, und so hat sich z. B. auch der ärztliche Landes­ausschuß Württembergs, in dem die Bezirksvereine des Landes sämtlich vertreten sind, einstimmig für Beibehal­tung der humanistischen Vorbildung ausgesprochen. So weit wir die Stimmung der Aerzte in Baden und Bayern, ja im ganzen Süden kennen und wir glauben sie gut zu kennen, wird überall die Stimmung dieselbe sein.

Aber wie man uns mitteilt, befürchten die Aerzte, daß man eben deswegen, weil man von den Aerztekammern und den Fakultäten eine Einsprache erwartet, in Berlin die sogenannteReform" über den Kopf der Aerzte weg durch­führen, diesen also die Sache aufzwingen will. So unge­heuerlich das klingt, so ist es leider nicht so ganz unglaub­lich experto crede Ruperto! Wir halten es deshalb für Pflicht der unabhängigen Presse, gegen eine solche be­absichtigte Vergewaltigung zum voraus entschiedene Ver­wahrung einzulegen sie müßte die schlimmsten Zeiten bureaukratischen Allmachtsdünkels ins Gedächtnis rufen

und auf Kreise tief verbitternd wirken, welche bis jetzt als loyal und als Stützen der Autorität galten.

Wenn die Aerzte einmal vom humanistischen Gyln- nasium los sein wollen, so werden und müssen die Gym­nasiallehrer und Gymnasialfreunde sich darein finden. So­lange die Aerzte aber selbst an ihm festhalten, soll man ihnen das natürliche Recht lassen, selbst ihren Bildungs­gang zu bestimmen, nicht aber sie einem Andrang der Real­gymnasien, welche ihre Klassen füllen wollen, und der Feinde des humanistischen Bildungsideals gegen ihren Willen opfern. Das ist des modernen Rechtsstaates absolut unwürdig. Auch eine Kritik der Gründe der Aerzte ist zwecklos: sie müssen doch am besten wissen, was ihnen frommt. Wenn man nun gar weiterhin hört, daß, um gründliche Arbeit zu machen, par ordre du mufti gleich das ganze humanistische Gymnasium beseitigt und das so­genannte Reform-Gymnasium allgemein gemacht werden soll, so wäre damit freilich ein Wunsch der Aerzte, der nach gleicher Behandlung aller Studierenden, erfüllt, zugleich aber eine noch viel schlimmere Vergewaltigung weiter Kreise vollzogen, welche am humanistischen Gymnasium hängen. Es mag ja sein, daß das Reform-Gymnasium sich schließlich breite Bahn bricht: aber das darf keinesfalls von heute auf morgen gemacht, darf nicht in absolutistischer Weise von Oben kommandiert werden, sondern es muß sich wie das vor ein paar Tagen schon von anderer Seite hier ganz zutreffend betont wurdeallmählich und organisch entwickeln und gestalten. Jedenfalls soll man die Thatsache nicht absichtlich übersehen wollen, daß unter der Herrschaft des humanistischen Gymnasiums die deutsche Wissenschaft auf allen Gebieten sich glanzvoll entwickelt hat, und wenn man mit dem gedankenlosen und lächerlichen Schlagwort operiert:Wir wollen nicht junge Römer und Griechen erziehen, sondern junge Deutsche", so antworten wir mit der Gegenfrage: Dient nicht der ganze.humanist­ische Betrieb im letzten Grunde der Kenntnis des deutschen Wesens, und hat es jemals ein deutscheres Geschlecht gegeben, als das, welches, auf dem humanistischen Gymnasium er­zogen, 1848 bis 1870 das Deutsche Reich geistig vorbereitett und in der Stunde der Entscheidung mit dem Schwert er= kämpfen half? Was auf der Welt will man denn mehr?

Schwurgericht.

W. Gießen, 8. März 1900.

Heute vormittag 9 Uhr wird vom Schwurgericht in die Sache gegen den Tagelöhner Georg Lein von

Feuilleton.

Universität Pichelsdorf. Als vor etwa 60Jah­ren infolgeAuflehnens gegen die akademische Ordnung" eine größere Anzahl Berliner Studenten aller vier Fakul­täten relegiert worden war, zogen die übermütigen Musen­föhnea. D." eines schönen Tages durch Charlottenburg und den Grünewald nach dem benachbarten Pichelsdorf, und gründeten hier eine Alma mater mit all den Statuten und Gesetzen, wie sie eine wirkliche Universität nur besitzen kann. Die Hörsäle befanden sich in einem recht primitiv ausschauenden Häuschen, unter dessen Strohdach Rauch und Qualm lustig hervordrangen, um den Weg in die Wolken za nehmen; Schornsteine besaßen nämlich die niedrigen Häuser des Dorfes, für welche die Bezeichnung Hütten ent­schieden angebrachter gewesen wäre, damals noch nicht. In diesem Universitätsgebäude walteten Rektor und Senat ihres schweren Amtes und sorgten dafür, daß an einem schwarzen Brett die Vorlesungen der Pichelsdorfer Studentenschaft angezeigt wurden, die übrigens in ihren Freistunden in Pichelsdorf ein dem Gambrinus sehr lieber Name durch­aus nicht verdurstete. Der Ruhm der jungen Universität drang bald in alle Welt; kein Wunder, daß auch aus Ber­lins Mauern tagtäglich Wißbegierige und Philister heraus­strömten, um dke neue Pflegestätte der Wissenschaft in Augenschein zu nehmen. Auf die neue Universität blickte aber die Alma mater Berolinensia mit neidischen Augen, und da sie eine bedeutende Konkurrenz in der Pichelsdorfer Kollegin befürchtete, so erschien nach einigen Wochen der Berliner Unioersitätsrichter (Krause war sein Name) und ließ durch die mitgebrachten Pedelle die Universität Pichels­dorf einfach schließen. Betrübt sollen die Exmittierten nicht »on dannen gezogen sein.

Ein amüsantes Geschichtchen aus der eng­lischen Finanzkammer, für deren Wahrheit er sich verbürgt, erzählt Sir Wemyß Reid imNineteenth Century": Ich erinnere mich an einen Mann, der eine sehr hohe Stellung im Staatsdienst einnimmt und mir aus dem Schatze feiner Erfahrungen folgendes zum besten gab: An dem

Tage, als er zum ersten mal als jüngerer Sekretär in ein StaatSbureau eintrat, war er Augenzeuge einer Szene, die ihn höchlichst in Erstaunen setzte. Ein alter Herr, der an einem anderen Pult in demselben Raume saß, stand plötzlich von seinem Sitze auf, zog seinen Stuhl an den Kamin, ergriff das Schüreisen und bearbeitete damit das unschuldige Möbelstück mit rasender Wut. Als er dem Stuhl endlich ein Bein abgebrochen hatte, schien seine Wut sich erschöpft zu haben. Er schleuderte den beschädigten Stuhl in eine Ecke des Zimmers, nahm einen andern Stuhl und setzte sich ruhig wieder an seine Arbeit, als wenn nichts geschehen wäre. Als mein Freund an jenem Nachmittag mit seiner Arbeit zu Ende war, wagte er es, mit der Zaghaftigkeit eines Neulings einen anderen Sekretär, der die Szene auch mit angesehen hatte, nach der Bedeutung derselben zu fragen: Ist Mr. X. derartigen Anfällen öfter unterworfen?" fragte er.Mr. £.!" lautete die Antwort,mit dem war doch nichts los. Eines der Röllchen unter seinem Stuhl hatte sich gelöst, und die Finanzkammer läßt solche Kleinigkeiten nicht ausbessern, sie entschließt sich zu Reparaturen nur dann, wenn es sich um ernsthafte Schäden, wie ein abge­brochenes Bein handelt. Deshalb brach er ein Bein ab, und jetzt wird auch das Röllchen erneuert werden."

Die Heirat des japanischen Thronfolgers. Den neuesten Nachrichten aus Tokip zufolge wird in aller­nächster Zeit die Vermählung des einzigen Sohnes des Kaisers von Japan stattfinden. Die 15jährige Prinzessin Sada Kujo, die Tochter des Oberhauptes einer der fünf vornehmsten Familien des Landes, ist dazu ausersehen, die Gemahlin des Prinzen Iosi Hito und somit zukünftige Kaiserin von Japan zu werden. Der kaiserliche Bräutigam hat bereits sein 20. Lebensjahr zurückgelegt und man erblickt den Grund dafür, daß er nicht schon wie sein Vater mit kaum 16 Jahren den Ehebund schließen durfte, in seiner außerordentlich schwächlichen Gesundheit. Es heißt, daß der japanische Kronprinz schwindsüchtig sei, und daß er sich be­ständig unter der Obhut der tüchtigsten Aerzte befinde. Er ist nicht der eigne Sohn der Kaiserin, sondern das Kind einer bef zwölf Nebenfrauen des Mikado, von denen jedoch jede einzelne einen mindestens 1000jährigen Stammbaum

aufweisen kann. Die kinderlose Kaiserin hat den Prinzen adoptiert und nimmt das innigste Interesse an seinem Wohl­ergehen. Er hat eine vorzügliche Erziehung genossen und weiß ebensogut in den modernen, wie in den alten japan­ischen Wissenschaften Bescheid. Das Französische spricht er ziemlich gut, sein Studium der englischen und deutschen Sprache ist nicht ganz soweit gediehen. Prinzessin Sada hat bis vor kurzem dieKaiserinnen-Schule" in Tokio be­sucht; seitdem sie aber die Braut des Thronerben ist, wird sie nur von hervorragenden Lehrern im Hause unterrichtet. Sie besitzt ein nicht unbedeutendes musikalisches Talent und wird ferner allgemein für ein dichterisches Genie erklärt. Was aber den um die Thronfolge besorgten Kaiser haupt­sächlich dazu bewog, Sada Kujo zu seiner Schwiegertochter zu erwählen ist ihre geradezu robuste Gesundheit. Gegenwärtig wird das junge Mädchen von den Hosärzten mit Argus äugen bewacht, damit sie nichts thut, was ihr schädlich sein könnte. Die Prinzen Kujo sind direkte Nachkommen der berühmten Familie Fujiwara, die vom 7. bis 11. Jahrhundert sich der größten Macht in Japan rühmen durfte Während jener Epoche waren die Kaiser nicht als Marionetten in den Händen der Fujiwaras, die ihre Söhne in die höchsten Staatsämter einsetzten und ihre Töchter zu Kaiserinnen machten. Das japanische Gesetz bestimmt auch heute noch, daß die Herrscher in eine der fünf ältesten Familien hinein­heiraten, die sämtlich von den Fujiwaras abstammen. Für den Trousseau der zukünftigen Kaiserin des Mikadolandes sind 1200000 Den. ungefähr 2400000 Mk. ausgesetzt worden. Die Damen des japanischen Hofes, die Kaiserin und die Prinzessinnen an der Spitze, erscheinen jetzt bei allen formellen Gelegenheiten in europäischer Tracht. Prinzessin Sada wird daher nicht nur einen Ueberfluß an prächtigen japanischen Gewändern erhalten, sondern auch mit einer großen Anzahl der elegantesten Pariser Toiletten ausgestattet werden. Der neue Palast, der für das junge Paar erbaut wird, sieht seiner baldigen Vollendung ent­gegen. Es ist ein drei Stock hohes, ein sehr großes Terrain umfassendes Gebäude, dessen Kosten sich auf nahezu fünf Millionen Mark nach unserem Gelbe belaufen dürften.