Nr 236 Zweites Blatt.
Dienstag den 9 Oktober 150. Jahrgang
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Gießener Anzeiger
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Politische Wochenschau.
Zu der Forderung der Landwirtschaft über den Maximal- und Minimalzoll hüllt sich die Regierung in Schweigen, und führende Organe des Zentrums verschanzen sich hinter Vorbehalten und weigern sich, Hün jetzigen Stadium der Vorverhandlungen" bereits bindend sich zu verpflichten. Der „Deutschen Tageszeitung" gibt die „Köln. VolkSztg." folgende provisorische Antwort:
„Wenn in dem betr. Artikel abermals auf das Zentrum hingewiesen wird, das sich bereit erklärt habe, der Landwirtschaft eine wesentliche Erhöhung der Zölle zuzugestehen, und wenn nun verlangt wird, daß das Zentrum dem vom Verfasser angegebenen Zollsatz zustimme, so haben wir schon wiederholt Veranlassung gehabt, mit Rück- stcht auf den Stand der Verhandlungen zu betonen, daß ein solches Festlegen auf einen bestimmten Zollsatz zur Zeit unmöglich ist. Das hindert rnchts daran, daß das Zentrum der Landwirtschaft den ihr notwendigen Schutz angedeihen lassen wird."
Die freikonservative „Post" findet die Forderungen des Bundes „übertrieben", bemerkt aber, daß man mit der Aufstellung unerreichbarer Forderungen dieser Art in spezifisch landwirtschaftlichen Kreisen offenbar nur den Zweck verfolgen könne, die Durchsetzung der im Interesse der Landwirtschaft notwendigen Erhöhung der jetzigen Zollsätze bei Regierung und Reichstag zu erleichtern, und fährt fort:
„An manchen Stellen mag vielleicht auch der Wunsch mtt- fprechen, sich auch für die Zeit nach der Neuregelung unserer Zoll- und Handelsbeziehungen zum Auölande ein wirksames AgitattonSmittel bei der ländlichen Bevölkerung zu er- * Elt en. Abgesehen von dem letzteren Momente will es uns indessen mindestens fraglich erscheinen, ob mit der Aufstellung so weitgehender Forderungen, wie sie eingangs erwähnt wurden, den wirklichen Interessen der Landwirtschaft nicht mehr geschadet als genützt wird."
Der Vorgänger des jetzt amtierenden Kolonialdirektors Herr Dr. v. Buchka ist, wie erinnerlich, auf Empfehlung des Herzog-Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg auf seinen Posten gekommen. Dr. Stübel ist ohne derartige Protektion berufen worden, hat sich aber doch zu Anfang dieser Woche in Schwerin dem Herzog-Regenten porgestellt. *
Die „Berliner Neuesten Nachrichten" motivieren diese Reise und schildern ihren Verlaus wie folgt:
Der Herzog nimmt bekanntlich an den kolonialen Fragen den regsten Anteil und fördert die bezüglichen Aufgaben mit vieler Hingebung. Er gehört nicht nur dem Kolonialrat als Mitglied an, sondern steht auch an der Spitze der Deutschen Kolonialgesellschaft. Die Beziehungen des Herzogs zur Kolonialverwaltung sind somit recht vielseitige und weitgreifende. Herr Dr. Stübel hat, wie uns geschrieben wird, am Schweriner Hof die beste Aufnahme gefunden.
Nach den Ereignissen der verflossenen Woche glaubt man, daß das unter den Kabinetten dank den unausgesetzten Bemühungen der deutschen Reichsregierung sich allmählich, aber sicher anbahnende Einvernehmen in der Schuldfrage auf die Chinesen einen entmutigenden Eindruck übe, und ihnen weitere Versuche, die Durchführung einer angemessenen Sühne der begangenen Verbrechen zu hintertreiben, verleiden müsse. Diese Annahme stützt sich unzweifelhaft auf gute Gründe, andererseits aber liegen auch Anzeichen vor, die eine baldige glatte Auseinandersetzung mit China, sei es selbst nur in der Schuldfrage, als noch immer sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Die Aufgabe, die chinesischen Wirren einer Lösung zuzuführen, birgt schon in ihrem ersten, nur die Vorfragen betreffenden Teil Schwierigkeiten genug in sich. Um so richtiger erscheint der in den bisherigen deutschen Vorschlägen festgehaltene Grundsatz, sich vorläufig auf die nächstliegenden und unerläßlichsten Forderungen zu beschränken, diese aber mit Nachdruck und Konsequenz zu vertreten, und sie im übrigen so zu formulieren, daß ihnen das Einverständnis aller Regierungen gesichert ist. Wenn das Pariser Kabinett in seiner letzten Note bereits die weiterreichenden Fragen Aber die Bedingungen des definitiven Friedensschlusses zur Diskussion stellt, so braucht man ihm deshalb gewiß nicht die Absicht einer unnützen Erschwerung der Verhandlungen zuzuschreiden, jedenfalls aber schießen seine Vorschläge über das nächsterreichbare Ziel hinaus, und es bekundet einen übertriebenen Optimismus, wenn es für möglich hält, daß diese so recht mäßigen Bedingungen in kurzem von der chinesischen Regierung angenommen werden.
Lord Roberts weilt noch immer in Prätoria, obwohl die Verhältnisse in den Burenstaaten, wie sie nach englischer Auffassung gegenwärtig sind, seine Anwesenheit kaum noch notwendig machen sollten. Auch der Feldmarschall selbst weiß von zunehmender Verminderung der noch nicht bewältigten Burenscharen zu berichten. In einem Telegramm vom Freitag meldet er: Die Zahl der Buren, die sich ergeben oder die gefangen genommen toerben, wächst täglich und dürfte sich zurzeit aus 16 000 belaufen.
— Diese Zahl könnte man allerdings erst dann aus ihren wahren Wert schätzen, wenn man wüßte, ob damit nur die in der letzten Zeit im Lande selbst in die Gewalt der Engländer Geratenen gemeint sind, oder ob dabei die seit Beginn des Krieges überhaupt Gefangenen mitgerechnet sind. Noch weniger Bedeutung hätte die angegebene Ziffer, wenn darin auch Frauen und Kinder inbegriffen wären.
Im Uebrigen sind die britischen Truppen selbst jetzt noch nicht vor kleinen Mißerfolgen und Verlusten sicher. Wie General Kelly-Kenny berichtet, wollte ein Bataillon Freiwilliger eine Abteilung Buren in der Nähe von Bultsontein überraschen; die Buren waren jedoch stärker, als man erwartet hatte, und das Bataillon mußte sich nach dreistündigem Kampfe zurück zieh en. Daß trotz dieses längeren Kampfes die Engländer nur sechs Verwundete gehabt haben sollen, während die Verluste der Buren als schwer bezeichnet werden, wird man nicht für sehr glaubwürdig halten können.
Von den Wahlen zum englischen Parlament waren bis SamStagnachmittag 6 Uhr 470 vollzogen. Gewählt waren 318 Ministerielle, 39Liberale, darunter der frühere Minister Asquith, und 63 irische Nationalisten.
ES stehen also noch gerade 200 Wahlen aus. Davon brauchen die vereinigten Konservativen und Unionisten nur noch 18 zu gewinnen, um die absolute Mehrheit im Unter» hause zu bekommen; 81 Mandate fehlen ihnen noch an der Zahl, die sie in dem aufgelösten Parlament besaßen, während die Liberalen, um die ehemalige Stärke von 189 zu erreichen, noch genau 100 Sitze erringen müßten. Den Irländern fehlen noch 19 Mandate an der früheren Zahl von 82. Da bei den noch rückständigen Wahlen eine völlige Umkehrung des Verlaufes, der sich bisher ergeben hat, nichts weniger als wahrscheinlich ist, darf man die schwere Niederlage der Opposition schon jetzt als besiegelt ansehen.
Die Wirre« in China.
Aus Shanghai wird telegraphiert: Graf W a l d e r s e e geht in der Säuberung des Weges zwischen Tientsin und Peking von Boxern und anderen aufrührerischen Elementen ganz systematisch vor. Li-Hung- T s ch a n g reiste in sehr gedrückter Stimmung nach Peking ab;GrafWalderseehatteesabgele'hnt,ihnzu empfangen. Am 1. Oktober verlegte der kaiserlich chinesische Hof seine Residenz nach Sianfu, nachdem die Vicekönige int Aangtsethale und die anderen Gouverneure aufgefordert worden waren, Geld, Lebensmittel und Munition über Hankau nach Sianfu zu schicken. Vuanschikai, der Gouverneur von Schantung, erhielt den Befehl, Truppen nach Paotingfn zu entsenden. Die Aufständischen in Kwan- tung haben die Truppen des Vicekönigs bei Kwanglaufu geschlagen, ein Beweis, daß der Ausstand in den südlichen Provinzen zunimmt. Die Antwort Kaiser Wilhelms auf das Schreibendes Kaisers von Chincuhat unter den hiesigen Europäern wahren Jubel hervorgerufen, dagegen Schrecken unter den aufrührerischen Elementen. — Der Seesoldat, der bei dem Strafzuge nach dem.Jagdpark gefallen ist, heißt Michael Siska, und ist vom 1. Seebataillon. Der Feldartillerist Johann Brecht ist gestorben.
Aus London wird gemeldet: Während hier seit ein paar Tagen allgemeine Befriedigung über die günstige Wendung der Dinge zur Verständigung der Mächte rn China herrscht, lausen von Tientsin und Shanghai neuerdings Meldungen ein, die die dortige Lage in ungünstigerer ! Beleuchtung erscheinen lassen. Berichterstatter der großen Blätter teilen einstimmig mit, die neuesten scheinbar nachgiebigen kaiserlichen Erlasse seien wertlos, da gleichzeitig Geheimerlasse ausreizender Natur umliefen. Ein Erlaß । vom 30. September erkläre außerdem, der Kaiser bedaure lebhaft die Notwendigkeit, nach Singan als dauernder Hauptstadt gehen zu müssen wegen Mangels an Fourage für seine tausend Packtiere und 10 000 Mann Kavallerie. Er weist die Provinzbehörden Schansis an, Geld und Reis zu beschaffen und befiehlt den Bedeckungstruppen strengste Mmmszucht und gute Behandlung der Bewohner an. Die Kaiserin ernennt zahlreiche Mandschubeamte auch in Liukunyis Amtsbereich, wie man glaubt, um diesen zur Abdankung zu bringen. In Shanghai herrscht die Ansicht vor, die neuerliche scheinbare Nachgiebigkeit der leitenden Persönlichkeiten Chinas verfolge lediglich den Zweck einer allgemeinen Verschleppung bis zunt Anfang des Winters. Nach einer vorgestrigen Meldung der „Times" aus Tokio sind die leitenden Staatsmänner Japans unbedingt davon überzeugt, daß die Wiederherstellung des Friedens nur dann möglich sei, wenn die verantwortliche chinesische Regierung an einem Orte eingerichtet werde, wo mit den Mächten die Verhandlungen geführt werden könnten. Heute bestehe der Hof thatsächlich nicht für Verhandlungszwecke, seine heutige Umgebung schließe
außerdem die Hoffnung aus, seine Zustimmung zu befriedigenden Bedingungen zu erlangen. Die unvermeidliche Folge der Formulierung von Friedensbedingungen unter den heutigen Verhältnissen würden weitere militärische Operationen sein, deshalb müsse die Rückkehr des Hofes unter ausländischen Bürgschaften die wesentliche Einleitung zu den Verhandlungen bilden und Tsching und Li-Hung-Tschang aufgefordert werden, die Rückkehr des Hofes vor Beginn der Verhandlungen zu veranlassen. Unter solchen Verhältnissen würde auch der Abzug der Truppen der verbündeten Mächte nach! einem anderen chinesischen Gebietspunkte als ein Zeichen von Schwäche mißdeutet werden.
Zu der Meldung, daß englische Marinetruppen Tsching- wantgo in der Absicht besetzt hätten, den Ort als Ueber- winterungsstation für das britische Geschwader einzurichten, bemerkt die „Westminster Gazette": „Das Volk erwartet mit dem größten Interesse eine amtliche Aufklärung darüber, was dieser Schritt bedeutet und ob er mit oder ohne Einwilligung der übrigen Mächte unternommen wurde." Eine weitere Reutermeldung behauptet, die Deutschen hätten die Bahn Tientsin-Peking beansprucht; b'ie Russen, die bekanntlich die Strecke schon teilweise ausgebessert haben, hätten diesen Anspruch als berechtigt anerkannt, und die Deutschen würden nunmehr mit der Widerherstellung dieser Bahn von Aangtsun bis Peking beginnen. Ist diese Meldung, die von deutscher Seite bis jetzt nicht bestätigt ist, richtig, so wird es sich dabei nicht sowohl um einen deutschen Besitzanspruch, als vielmehr darum handeln, daß die deutschen Truppen dank ihrer Ausrüstung in der Sage sind, diese wichtige Bahnlinie am schnellsten wieder fahrbar zu machen. Ter deutschen Rundnote vom 1. Oktober zollt, laut einem; Privattelegramm aus Newvork, selbst die sonst deutschfeindliche Presse Amerikas rückhaltlose Anerkennung. Allgemein wird betont, daß ein wirksames Zusammengehen der Mächte in China jetzt durch die Politik des Grafen Bülows gesichert sei. Dagegen glaubt man, wie dem Wolff'schien- Bureau aus Newyork berichtet wird, in den politischen Kreisen der Vereinigten tSaaten, daß Amerika verschiedenen Punkten in der französischen Note nicht werde zustimmen können.
In einer Depesche der „Tribuna" aus Taku vom 4. Oktober wird die tapfere Haltung der italienischen Bersaglieri bei dem Angriff auf Shanghaikwan betont. Es ist hierin ferner von einem Zwischenfall die Rede, der die französischen und russischen Truppen betrifft. Die Ruffen hätten hiernach die Franzosen für Boxer gehalten und auf sie gefeuert, woraus die Franzosen erwiderten. Auf beiden Seiten sollen etwa 12 Mann getötet und mehrere verwundet worden sein.
Berichte des russischen Generalstabs vom 3. d. M. melden: Der Mongole Lagolde, ein einflußreicher Bewohner von Chailar, teilte dem Kommandanten von Chailar, dem Obersten Worobiew, mit, die Mongolen des chailarschen Kreises hätten in einer Zusammenkunft ihn (Lagolde) zum Bevollmächtigten ernannt, um die russischen Behörden zu fragen, ob nun Friede fei, und wie die Russen sich den Mongolen gegenüber verhalten würden. Oberst Worodiew unterrichtete Lagolde über die bereits getroffenen Anordnungen der Regierung, und machte ihm den Vorschlag, die Mongolan möchten in ihre alten Ortschaften zurückkehren. Lagolde erklärte, er werde in fünfzehn Tagen übersiedeln und andere Mongolen würden ihm folgen. Die Mongolen bitten, man möge sie mit Kleidung, Lebensmitteln und Zelten unterstützen, wofür sie in Tausch Rindvieh geben wollen. Sie versichern, die Chinesen hätten bei ihnen viele Räubereien begangen.
Aus Petersburg wird vom 5. ds. gemeldet: Nachdem die Unruhen in der Umgegend von CH ar bin aufgehört haben, hat man mit der Ausbesserung der Bahnstrecke von Charbin nach dem Süden begonnen. Weiterhin treiben sich Aufrührerbanden umher, die noch nicht zerstreut werden konnten. Die Arbeiten können daher nur langsam sortschreiten. Auf der Endstrecke der Zweigbahn Charbin- Port Arthur verkehren die Züge jetzt bis Chaitschen. Der Bahndamm ist bis Laojan ausgebessert.
Aus Washington wird gemeldet: Hier ist eine Depesche aus Peking vom 2. ds. eingetroffen derzufolge der Rückzug der japanischen Truppen begonnen hat. Amtlich wird gemeldet, daß die Hälfte der japanischen Truppen nach Japan zurückkehren wirb. — In mehreren Eisenbahnzügen, bte mit Japanern Peking verließen, sollen, wie es heißt, sich große Gelbbeträge befunben haben. Die Japaner behaupten, es habe sich nur Munition barm befunben. — Britische Truppen verhafteten in Peking Chinesen, die den Boxern Mnnition verkauften.
Nach einer Meldung aus Tokio ist am 5. ds. abend-


