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9.10.1900 Erstes Blatt
 
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ML» 236 GEes Blatt Dienstag den 9. Oktober 150. Jahrgang M»o<»

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Ale Kksirkstugesehlkn in MchMrmgtn.

Man wird es in Altdeutschland vielleicht nicht ver­stehen, daß die Bezirks- und Kreistaaswahlen, diever­gangenen Sonntag stattfanden, in der reichsländischen Presse verhältnismäßig so viel Staub aufwirbelten. In den Kreistagen und in den in Metz, Kolmar urch Straß­burg tagenden Bezirkstagen wird ja nur über rein lokale Fragen, z. B. über Wegbauteu verhandelt. Politische Be­deutung aber haben die Bezirkstagswahlen, insofern 34 von den 58 Mitgliedern des elsässischen Landtags,Landes­ausschuß" genannt, von und aus den Mitgliedern des Bezirkstages gewählt werden.

Im großen Ganzen spielte übrigens bei den Wahlen die Kirchturmspolitik die Hauptrolle. Die Beteiligung an der Wahl war auf dem Lande eine sehr mäßige. Nur in den Städten hatten die Wahlen ein wesentlich poli­tisches Gepräge. Im großen Ganzen bedeutet derAussallderWahlen einenSieg derstaats- freundlichen über die staatsfeindlichen Ele­mente; sowohl der deutschfeindliche Klerikalismus, als auch die staatsfeindliche Sozialdemokratie haben bei den Wahlen vom letzten Sonntag erfreulicherweise sehr schlecht abgeschnitten. In Straßburg, das einst Bebel ge­wählt, erlitten die Sozialdemokraten eine besonders schwere Niederlage. Die beiden Kandidaten der Ordnungsparteien, der freisinnige Justizrat Riff und der gemäßigt kon­servative Bürgermeister Back wurden mit 4400 Stimmen gewählt, während es ihre beiden Gegenkandidaten, ein Schriftsetzer und ein Geschäftsagent, zusammen nur auf 1706 Stimmen brachten. In Mülhausen, das früher immer als eine Hochburg der Sozialdemokratie gegolten, mußten die Genossen, obwohl sie diesmal einen Ein­heimischen ausstellten, aufs neue erfahren, daß ihre Sache in der elsässischen Jndustriemonopole in unaufhaltsamem Rückgang begriffen ist. Obwohl der Kandidat der Ord­nungsparteien wegen seiner agrarischen Richtung von vielen nicht gewählt wurde, erhielt derselbe doch 3571 Stimmen, während es der Kandidat der Sozialdemokratie nur auf 2155 brachte.

Mit größter Spannung sah man int ganzen Lande der Wahl in Kolmar entgegen. Hier hatte es das ausscheidende Mitglied, der vielgenannte Priester Wetterle nicht mehr gewagt, seine Kandidatur aufzustellen. Unter der Bevölkerung der Stadt war in den letzten Jahren eine Wandlung vor sich gegangen. Man war auch in katholischen Meisen zu der Ueberzeugung gekommen, daß die deutschfeindliche Agitation Wetterles, wie er sie be­sonders in seinem nur in französischer Sprache erscheinen­denJournal de Kolmar" betrieb, die Stadt auf die Länge schädigen müsse. Die klerikalen Führer waren sich bewußt, daß, wenn sie Wetterle wieder als Kandidaten auf den Schild heben, ihrer eine geradezu vernichtende Niederlage wartete. Es galt, wenn man siegen wollte, die Altdeutschen zu gewinnen, die in Kolmar das Züng­lein an der Wage bilden. Es gelang ihnen auch noch int letzten Augenblick, einen altdeutschen Oberlandes­gerichtsrat, einen Zentrumsmann strengster Observanz, zu einer Kandidatur zu bewegen. Hätte sich Jsemann selbst aufgestellt, so wäre er der Unterstützung der Altdeutschen sicher gewesen.

Aber einen, von den Protestlern Preiß und Wetterle präsentierten Kandidaten wollte man sich nicht gefallen lassen. So entschied sich denn der altdeutsche Verein zur

Unterstützung des demokratischen aber deutschfreundlichen Rechtsanwalts Blumenthal, dem Kandidaten der Volks­partei, der denn auch mit einer Majorität von 300 Stimmen über den Zentrumspolitiker Jsemann den Sieg davontrug. Man mag sich in Deutschland wohl hier und da verwundern, daß die gemäßigten deutschen Elemente Kolmars einen Demokraten unterstützen konnten. In An­betracht der maßlosen Angriffe Wetterles auf das Deutsch­tum, galt es aber, diesem und seinem Anhang auf alle Fälle eine Niederlage beizubringen, selbst wenn sie einen altdeutschen Oberlandesgerichtsrat auf den Schild er­hoben.

Unter den übrigen Wahlen ist vor allem noch die­jenige von Obexehnheirn zu erwähnen, wo ebenfalls ein protestlerisch gesinnter Abbe, der.Reichstagsabgeordnete Delsos gegen den altdeutschen Bürgermeister dieses Ortes kandidierte und eine vernichtende Niederlage erlitt. Auch sonst wurden die klerikal-Protestlerischen Kandidaturen, wo sie auftauchten, zurückgeschlagen. Die nächsten Reichstags­wahlen in Elsaß-Lothringen dürften ähnliche Erfahrungen zeitigen. __________

Politische Tagesschau.

Nachdem mit dem 1. Oktober die letzte Gewerbe- ordnungsnovelle und mit ihr die Bestimmungen über den Neun-Uhr-Ladenschluß in Kraft getreten sind, ist darauf aufmerksam zu machen, daß noch eine Frist im Gesetze selbst festgelegt ist, welche vier Wochen nach dem 1., also am 28. Oktober d. I., abläuft. Sie be­trifft alle offenen Verkaufsstellen, in welchen in der Regel mindestens zwanzig Gehilfen und Lehrlinge be­schäftigt werden und bezieht sich auf den Erlaß Dort Arbeits-Ordnungen. In der Gewerbeord­nungsnovelle vom Jahre 1891 wurde für jede Fabrik mit mindestens zwanzig Arbeitern der Erlaß einer Arbeits- Ordnung vorgeschrieben. Dieser Vorschrift sind die be­treffenden Bestimmungen der letzten Gewerbeordnungs-No­velle nachgebildet. Im allgemeinen werden sie denn auch in den Arbeitsordnungen für die größeren offenen Ver­kaufsstellen die gleichen Bestimmungen wie in den Fa­briken vorfinden müssen, so über Anfang und Ende der täglichen Arbeitszeit, über die Pausen, über Zeit und Art der Abrechnung und Lohnzahlung, über eine etwaige besondere Frist der zulässigen Kündigung und gegebenen­falls über Strafeü. Dagegen wird in den Arbeits­ordnungen für die größeren Verkaufsstellen eine Bestimm­ung über die Verwirkung rückständiger Lohnbeträge nicht enthalten fein, weil für die Handelsgeschäfte diese auf das Gewerbe im engeren Sinne beschränkte Anordnung überhaupt nicht zutrifft. Selbstverständlich entfällt für diese Arbeitsordnungen auch die für Fabriken vorgesehene Mitwirkung der etwa bestehenden Ausschüsse der Ange­stellten, jedoch ist ebenso wie in den Fabriken vor dem Erlaß den großjährigen Angestellten Gelegenheit zu geben, sich über den Inhalt der Arbeitsordnung zu äußern? Im klebrigen finden die in ber, Novelle vom Jahre 1891 ge­troffenen Anordnungen entsprechende Anwendung auf die Arbeitsordnungen der größeren offenen Verkaufsstellen. Die Arbeitsordnungen müssen, tvie1 gesagt, mit dem 28. Ok­tober d. I. spätestens erlassen sein.

Wie aus Brüssel gemeldet wird, ist das neuver­mählte Paar, Prinz und Prinzessin Albert,

gestern nachmittag dort angekommen und wurde am Bahnhof vom König und den Spitzen der Behörden em­pfangen. Die für heute angekündigte sozialistische Kund- gebung ist infolge einer neuen Zusammenkunft des Bürgermeisters mit dem Vertreter der Arbeiterpartei auf morgen verschoben worden. Die Fahrt des Prinzen und der Prinzessin vom Nordbahnhof zum prinzlichen Palais auf der Place Royale verlief ohne Zwischenfall. Auf dem Wege bildete die Bürgergarde Spalier, hinter welcher eine große Menschenmenge Aufstellung genommen hatte, welche das prinzliche Paar stürinisch begrüßte. Einzelne Rufe: Es lebe die Amnestie!" wurden laut. Auf dem Bahn­hofe in Verviers hatte sich ein Zwischenfall ereignet. Ein sozialistischer Gemeinderat wollte dem Prinzen eine Bitt­schrift überreichen, in welcher Amnestie gefordert wird; Die Ueberreichung wurde jedoch unter Protest des Bitt­stellers verhindert. Als darauf der Prinz eine Revue über die Bürgergarde von Verviers abnahm, demonstrierte eine Gruppe sozialistischer Gemeinderäte wiederholt für die Amnestte.

Es verlautet, im Palais zu Brüssel sei die Meldung eingegangen, daß thatsächlich ein Komplott gegen den Prinzen Albert bestanden habe. Infolge der Anzeige des Komplotts wurden 5 Personen, unter denen sich einer der Mitangeklagten Sipidos befindet, verhaftet. Dort sollen von den Verhaftungen nur drei aufrecht erhalten worden sein.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 8. Oktober 1900.

** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 24, vom 4. Oktober enthält: 1) Oeffentliche Anerkennung einer edlen Thal. 2) Desgleichen. 3) Desgleichen. 4) Bekannt­machung, Genehmigung einer Stiftung betreffend. 5) Be­kanntmachung, die Organisation der Lokalverwaltung der Reichssteuern, insbesondere die Errichtung einer Orts« einnehmerei zu Nierstein betreffend. 6) Verzeichnis der Vorlesungen, Uebungen und Praktika, welche im Winter« fernerer 1900/1901 in den sechs Fachabteilungen der Groß­herzoglichen Technischen Hochschule zu Darmstadt abge­halten werden. 7) Dienstnachrichten. 8) Konkurrenz­eröffnungen.

** Provinzialausschußfitzuug. Am kommenden Sams­tag, vormittags 9 Uhr, findet hier im Regierungs­gebäude (Brandplatz Nr. 9) eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschuffes mit folgender Tagesordnung statt: 1) Wahl von Kommissionen zur Nachprüfung der Mittel­werte für die Veranlagung des Grundbesitzes zur Ver­mögenssteuer für die Steuerkommissariatsbezirke Büdingen und Friedberg; 2) Gesuch des Maurers Heinrich Neuß zu Friedberg um Erlaubnis zur Erbauung eines Ringofens in der Gemeinde Fauerbach; 3) Gesuch des Ludwig Gräf zu Gießen um Erlaubnis zum Ausschank von Branntwein im Hause Leihgefternerweg Nr. 7; 4) Gesuch des Wilhelm Amend zu Gießen um Konzessionierung eines weiteren Zimmers zum Wirtschaftsbetrieb im Hause Bahnhofstraße 62.

* Perfonalnachrichten. Der Kreisrat des Kreises Offenbach, Geh.-Regierungsrat Wilhelm Haas, wurde auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste mit Wirkung vom

Sektion Hießen des Z>. u. Ke. A.-W.

Die Reihe der Wintervorträge eröffnete in der letzten Monatsversammlung Herr Pros. Hedderich mit einem interessanten Reisebericht:Von den Quellen des Inn zur Jsere." Leider müssen wir uns versagen, auf die anregenden und lehrreichen Ausführungen näher einzu­gehen, mit denen der erfahrene Wanderer und bewährte Redner die zahlreich erschienenen Hörer zu fesseln ver­stand, wir beschränken uns daraus, den Verlauf der Reise in Kürze anzuoeuten.

Von Chur, dem altehrwürdigen Bischofssitz Grau­bündens, führt die Wanderung durch die Lenzer Heide, dann ostwärts über den herrlichen Albulapaß (2300 Meter) nach dem großartigen Hochthale des Ober-Engadin. P o n t r e s i n a, in unvergleichlich schöner Lage, mit Aus­blick auf die firngekrönten Häupter der Bernina-Gruppe, ist zum Ausgangspunkt für einige Hochtouren ausersehen. Begünstigt vom denkbar besten Wetter wird der Besuch des Piz Languard (3266 Meter) ausgeführt, der mit seiner fast sämtliche Alpengruppen umfassenden Rundsicht der berühmten Aussichtswarte des Gornergrates min­destens ebenbürtig sein dürfte. Ebenso befriedigend ver­läuft die Besteigung des Piz Boval und des Piz M ör­ter at sch (3754 Meter). Nach einzig schöner Wanderung im Rosegthal nötigt jedoch der eintretende Witterungs­

umschlag, den begonnenen Ausstteg zum Piz Eorvatsch abzubrechen, sowie überhaupt auf weitere Hochtouren zu verzichten. Reichen Genuß gewährt die Höhenwanderung von Pontresina zum oberen Innthal, dessen saftgrüne Matten überragt werden von den Schneegipfeln, die in den lieblichen Seen der Thalsohle sich spiegeln. Bald ver­läßt die Straße den jungen Inn, und senkt sich nach Ueber- windung des Malojapasses in steilem Abfall zum Bergellthale. In überraschendem Wechsel, fast unver­mittelt, vollzieht sich der Uebergang aus der alpinen Region der Arve, Zirbelkiefer und duftender Alpen­kräuter in das Land der Palmen und die üppige Pracht südlichen Pflanzenwuchses. Vorüber an der jähen Steil­wand des Monte Conto, dessen eine Hälfte einst in fürch­terlichem Sturze eine blühende Stadt mit dritthalbtausend Bewohnern auf ewig begrub, gelangen wir an der Mün­dung des Thales nach der reizend gelegenen alten Stadt Chiavenna.

Eine kurze Bahnfahrt bringt uns zum Corner See, dem berühmtesten der viel gerühmten oberitalischen Seen. Während dem nördlichen Teile mehr die erhabene Felsen­umrahmung ihren eigenartigen Zauber verleiht, entzückt uns im Süden die Anmut des parkähnlich bewachsenen Ufergeländes. Da bei der überwältigenden Fülle der Ein­drücke eine Ueberfättigung zu befürchten ist, so verlassen wir in Bellagio, entschieden dem schönsten Punkte in der Mitte des Sees, «den Dampfer und setzen erst am folgenden

Tage die Ueberfahrt bis Como fort, lieber Monza wird dann Mailand erreicht.

Ein fesselndes Bild von den Sehenswürdigkeiten, dem Leben und Treiben der lombardischen Großstadt wird uns entrollt. Neue Naturschönheiten bietet wieder der Lu­ganer See. Auf dem Lago Maggiore erleben wir das aufregende Schauspiel eines heftigen Gewittersturmes, und erst nach mehreren angestrengten Versuchen gelingt die Landung in Pallanza.

Die Großartigkeit und Lieblichkeit der I s o l a B e l l a , die Pracht ihrer südlichen Pflanzenwelt, kann nur gefdjaut, nicht beschrieben werden. Auch dem Rigi Oberitaliens, dem Monte Mottarvne, wird ein Besuch abgestattet, von hier der Abstieg nach Orta am gleichnamigen See genom­men. In bequemer Fahrt durch die piemontesische Ebene und das herrliche Thal der Dora Balten aufwärts wird Courmayeur erreicht, wegen seiner bevorzugten Lage (1224 Meter) unmittelbar am Fuße der gewaltigen Mont- blanegruppe gleich stark besucht als Sommerfrische wie als Hauptstandquartier für alpine Hochtouren. Die Witterung ist zu längerem Aufenthalte nicht ermutigend. Von der Paßhöhe des Kleinen St. Bernhard (2188 Meter) ein letzter Gruß dem in reinstem Glanze erstrahlenden König unter den Sergen unseres Kontingents, 'und abwärts gehts zum fruchtbaren Thal der Jsere, von wo die Eisen­bahn den Wanderer der nördlichen Heimat zuführt.

Sch.