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8.9.1900 Zweites Blatt
 
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M. 210 Zweites Blatt. Samstag den 8 September 150. Jahrgang 1900

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Die Wirren in China.

DieKöln. Ztg." meldet: Eine deutsche Pa­trouille von 30 Mann (!) wurde an der Nordgrenze von Kiautschou von 1000 Boxern (!) angegriffen. Letztere wurden auseinander gesprengt und verloren über 30 Tote. DieseitS sind keine Verluste, weder Tote noch Verwundete. Diese Meldung beweist, wie wenig recht diejenigen haben, die jetzt immer behaupten, daß schon alles zu Ende und die jetzt erfolgende Nachsendung von Truppen völlig überflüssig sei. Bisher war in Schantung die Ruhe noch so leidlich aufrecht erhalten worden; doch müssen unsere Behörden in Kiautschou dem Frieden schon seit einiger Zeit nicht ge­traut haben, da sie die Seesoldaten, die bei Tientsin ge­fochten hatten, nach Kiautschou zurückzogen, sobald dort die unmittelbare Gefahr geschwunden war. Der Einfall einer nicht unbeträchtlichen Abteilung von Aufständischen bestätigt die Berechtigung dieser Vorsicht, und wenn wir auch hoffen, daß es in unserem, an Schantung angrenzenden Gebiet zu größeren Operationen nicht kommen wird, so ist doch gewiß besser, zu vorsichtig als leichtfertig zu sein. Wie große Banden bewaffneter Aufständischen sich bilden können, sieht man aus einer Depesche desStandard", wonach sich auf die Meldung von der Eroberung von Peking ein Teil der Truppen des Gouverneurs von Kiangsu zerstreute. Solche Leute, die schon zu ihrem Lebensunterhalt in Banden zusammenbleiben müssen, sind eine große Gefahr für die Ruhe und können unter Umständen den Kern für eine an­schwellende aufständische Bewegung bilden. Im übrigen ist die. Mitteilung desStandard" sehr lehrreich, indem sie zeigt, welchen Eindruck die Eroberung von Peking auch auf solche chinesischen Truppen gemacht hat, die an den dortigen Kämpfen gar nicht beteiligt waren. RUckschließend kann man sich ohne Mühe vorstellen, wie es auf die Chinesen wirken würde, wenn ihnen jetzt plötzlich die Nachricht von der Räumung Pekings durch die verbündeten Truppen zu­gebracht würde.

Vom zweiten Admiral des deutschen Kreuzergeschwaders ging folgende Meldung des Kapitäns Pohl aus Peking ein: Der russische General besuchte am 26. August die deutschen Quartiere und sprach sich lobend über die Ordnung und Disziplin aus. Die Unterkunft der Leute ist gut. Der von deu deutschen Mannschaften besetzte Teil der Chinesenstadt wurde gereinigt. Beruhigende Proklamationen wurden erlassen. Am 27. August find zwei Hitzschläge vorgekommen, auch beim Seebataillon find einige Dysenteriefälle zu verzeichnen. Der Seesoldat Bergers vom Peking-Delachement ist einer Kopfwunde er­legen. Am 28. August fand ein Durchmarsch durch den Palast statt, der Einmarsch erfolgte von Süden her, der Abmarsch nach Norden Der Durchmarsch erfolgte durch die Empfangshallen, die Räume machten einen schmutzigen verwahrlosten Eindruck. Kostbarkeiten waren nicht vorhanden. Später wurde der Palast wieder ge­schlossen. Einem Gerücht zufolge ist die Kaiserin erst am 15. August früh entflohen. Vom 31. August meldet Kapitän Pohl: Das zweite Seebataillon ist in Pe­king eingetroffen. Ich trete nach Uebergabe der Geschäfte an den Generalmajor Höpfner mit den sehr angestrengten Landungstruppen den Rückmarsch nach Tientsin an. Auf den Etappenstationen und für die Wafferverbindung wird seemännisches Personal zurückgelassen. Der zweite Ad­miral meldet ferner: Am 25. August befanden sich an Land: Deutschland mit 91 Offizieren, 3150 Mann, 6 Ge­schützen, 344 Pferden, England mit respektive 218, 6746, 25, 1897, Oesterreich Ungarn: 16, 272, 2, 80, Amerika: 181, 5427, 17, 1239, Frankreich: 192, 5186, 37, 570, Italien: 25, 552, 1, 10. Ueber Rußland ist Näheres nicht bekannt.

Nach einer telephonischen Meldung aus Bremen trafen dort die letzten Truppentransporte heute (Freitag) früh ein und wurden in Bremerhaven nach China ein- Seschifft.

Das deutsche TruppentransportschiffBatavia" ist am 5. September in Schanghai eingetroffen. Der Gesund­heitszustand ist vorzüglich. DiePalatia" hat am 5. ds. Gibraltar passiert.Aachen" ist am 6. ds. in Hongkong angekommen. Der Gesundheitszustand Äjt gleichfalls vor­züglich.

Aus Schanghai wird vom 6. September gemeldet: Soeben landete der Stab und die 1. und 3. Kompagnie des 1. Bataillons vom 1. ostasiatischen Infanterie- Regiment unter Major Graham. Beim Empfang des Landungskorps durch den deutschen Generalkonsul war eine

französische Ehrenwache aufgestellt. Die Musik der englischen Truppen spielte. Es folgte ein Marsch der deutschen Truppen durch die fremden Nieder­lassungen mit der Musik unseres Geschwaders Vor demJltis"-Denkmal wurde ein Hurra auf den Kaiser ausgebracht. Beim Einrücken der Truppen in ihr Quartier fand eine Begrüßung durch den deutschen Gesandten und den Geschwaderchef statt.

DerFranks. Ztg." wird auS Schanghai telegraphiert: Ohne vorherige Anmeldung landeten die Eng­länder 700 Sikhs, 350 Geniesoldaten und 118 Mann von der indischen Kavallerie. Die letzteren gehen eiligst nach Taku weiter. Puonli, das Hauptquartier der deutschen katholischen Missionen in West-Schantung, hatte bereits drei Angriffe der Boxer anSzustehen; 1200 Christen sind in Gefahr. Nahrungsmittel und Munition sind nur spärlich vorhanden. Li-Hung-Tschang ist dringend aufgefordert worden, nach Peking zu kommen. Die chinesischen Beamten sagen, wenn er nicht gehe, sei daS Reich in Gefahr.

In dem Bericht des Admirals Seymour über den Versuch, Peking zu entsetzen, schreibt der Admiral folgendes über die deutschen Truppen:

WaS den Mut und die hervorragende Manneözucht betrifft, die alle uns begleitenden Offiziere und Mannschaften Seiner Kaiser­lichen Majestät zeigten, so kann ich nur sagen, daß sie der hohen Ueberlieferungen deS großen deutschen Reiches vollkommen würdig waren."

DieKöln. Ztg." reproduziert chinesische Blätter­meldungen, die von unaufhaltsamen Siegen der Chinesen berichten und Schauermären über Folter­ungen der Admirale verbreiten und sagt: Diese chinesische Geisterstimmung, sowie die von Ueberhebung ge­schwollenen Telegramme Li-Hung-TschangS an den Londoner Botschafter, worin er mitteilt, Rußland sei überredet, Peking zu räumen, kennzeichnen die Stimmung des Volkes sowie die Geistesverfassung, die der russische Vorschlag unter den höchsten Würdenträgern gezeitigt hat. Deshalb schon ist, welche praktische Folge auch ein Notenwechsel hat, zu bedauern, daß die Mächte den Chinesen gegenüber sich eine solche Blöße gegeben haben.

Der KaheldampferStore Nordiske" der Großen nor­dischen Telegraphengesellschaft hat die Legung des Kabels zwischen T s ch i f u und Port Arthur am 3., zwischen Tschifu und Weihaiwei am 5. ds. beendet.

In Tientsin sind vier angesehene Mitglieder der Boxersekte hingerichtet worden; zwei wurden von den Franzosen erschossen, zwei von den Japanern enthauptet.

Aus Amoy wird vom 5. d. M. telegraphiert: Die japanischen und englischen Truppen sind noch nicht wieder von hier zurückgezogen worden, aber der ganze Zwischenfall scheint vollständig beendet zu sein. Nichtsdestoweniger leiden die Geschäfte, da keine Kulis aufzutreiben sind. Die einheimischen Banken sind geschlossen. Die Handelskammer macht große Anstreng­ungen, um die Zurückziehung der Truppen zu veranlassen. Es ist interessant, daß die Chinesen die g ü n st i g e Wendung der Dinge der Einwirkung der Deutschen zuschreiben, da der Umschlag gerade cintrat, als das deutsche KanonenbootTiger" in Amoy einlief.

Man meldet aus London: Nach Telegrammen aus Hongkong kam es in Kanton wiederholt zu Straßen­unruhen. Die öffentliche Meinung wendet ihre Sym­pathien jetzt den Boxern zu, da ein Teil der Bevölkerung über die Unterdrückung der Zeitungen sehr aufgebracht ist.

Nach Telegrammen aus Shanghai berichteten aus Peking dort eingetroffene Flüchtlinge, daß eine Straf­expedition auf dem Wege nach P a o t i n g f u sich be­finde, um die Mörder der belgischen Missionare zur Ver­antwortung zu ziehen und die Dörfer der Boxer zu zer­stören. Aus Paris wird telegraphiert: Die Straf-Ex­pedition 'der verbündeten Truppen gegen Paotingfu soll eventuell auch bis zum gegenwärtigen Zufluchtsort der kaiserlichen Familie vorrücken. In Peking und in einem Umkreise von 30 Meilen herrscht jetzt nach der Meldung des französischen Generals Frey vollständige Ruhe.

Nach einer Meldung aus Wien äußerte sich der öster­reichische Kaiser zu dem japanischen Militärattachee Oberst Fudjy, der, da er Wien verläßt, in Abschiedsaudienz empfangen wurde, in den schmeichelhaftesten Ausdrücken über die Bravour der japanischen Truppen in China, na­mentlich in Peking. In einer Unterredung mit einem Journalisten bemerkte Oberst Fudjy u. a., er glaube nicht, daß es noch zu großen Schlachten mit den Chinesen kommen werde. Die chinesischen Elitetruppen, die Li-Hung-Tschang durch europäische Instruktoren ausbilden ließ, seien im Norden von Petschili. Diese Truppen seien bereits von den Verbündeten zurückgeworfen worden. Alle übrigen

chinesischen Truppen seien minderwertig und würden vor­aussichtlich nicht Stand halten. Von den japanischen Truppen seien im Ganzen etwa 10 000 Mann in China.

Das Staatsdepartement zu Washington teilte dem Verweser des russischen Ministeriums des Auswärtigen, Grafen Lamsdorff, mit, daß nur eine amtliche Mel­dung aus Peking, wodurch das Zurückziehen der russischen Truppen aus der Stadt angezeigt werden würde, von den Vereinigten Staaten als genügender Anlaß zur Zurückb erufun g der ame rikani- . schen Truppen angesehen werden könne.

Das Reichsmarineamt giebt bekannt: Zahlreiche An­fragen bei den militärischen Behörden durch die Angehö­rigen der in Ostasien stationierten Marinemannschaften (Ähiffsbesatzungen und Seebataillone) lassen es geboten erscheinen, darauf aufmerksam zu machen, daß die Nach- sendung von Paketen nach O st a s i e n noch mit sehr erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. Es sind Erwägungen im Gange, wie die Hinaussendung von Pa­keten allgemein geregelt werden kann. Die prompte Be­förderung von Paketen ist naturgemäß sehr schwierig, weil die Empfänger sich nicht alle an einem Ort befinden, son­dern weit zerstreut sind, häufig auch den Aufenthaltsort werden wechseln müssen. Die Beförderung eines Pakets nach der deutschen Postanstalt in Shanghai erfordert an sich schon etwa sieben Wochen. Hier würde es oft längere Zeit liegen müssen, bis es zum Aufenthaltsort des Em­pfängers befördert werden kann. Es können also leicht zwei bis drei Monate vergehen, ehe der Adressat in den Besitz des Paketes gelangt. Mithin empfiehlt es sich nicht, Lebensmittel per Postpaket hinaus­zuschicken, da dieselben, zumal sie die Tropen passieren müssen, leicht dem Verderben ausgesetzt sind. Für die ausreichende, kräftige Verpflegung aller Leute wird über­dies so.gut wie möglich gesorgt, sodaß keinerlei Anlaß zus Befürchtungen vorliegt. Leuten, die einer besonderen Ver­pflegung bedürftig sind, werden in erster Linie die zahlreich einlaufenden Liebesgaben zuteil werden.

*

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

London, 7. September. Die heutigen Morgenblätter raten der Regierung, die Truppen aus Peking nicht zurückzuziehen, falls die deutschen Truppen dort bleiben sollten. Die Eisenbahn zwischen Peking und der Küste ist bis Aangtsun wieder betriebsfähig.

London, 7. September. Aus Shang ai wird gemeldet, daß dort Räumlichkeiten für das Hauptquartier des Grafen Waldersee gewonnen worden find.

Washington, 7. September. Der amerikanische Ge­schäftsträger in Berlin sandte seiner Regierung die Mit­teilung, daß Deutschland, obgleich es eine Spaltung zwischen den Großmächten vermeiden möchte, angesichts der jetzigen Lage in Peking sich gezwungen sehe, die deutschen Truppen in Peking zu belassen. Japan soll den Großmächten mitgeteilt haben, daß es bereit sei, seine Truppenzurückzuziehen, falls die Mächte einen solchen Beschluß fassen sollten, in der Voraussetzung, daß die chi­nesische Garnison zum Schutze der Legationen in der Stadt zurückbleibt.

Der Krieg in Südafrika.

Der Standard meldet aus Belfast vom 2. ds.: Ro­berts kehrte gestern nach Belfast zurück. Die Zarps (die Johannesburger Schutzmannschaft) durchziehen das Busch- fcld und zwingen die dort wohnenden Buren, sich ihren kämpfenden Landsleuten anzuschließen. Daily Mail meldet aus Kapstadt vom 5. ds., es fehle nicht an Zeichen, die aus das herannahende Ende des Krieges deuten. Das Heerestransportpersonal der Oranjeriver-Ko­lonie ist aufgelöst und die in dieser verwandte Imperial Aeomanry und die Späher sind hier angekommen, um ebenfalls endgiltig abgelohnt zu werden. (Die angeführten Zeichen sind allerdings nur einseitig englisch. Von den Buren liegen Zeichen vor, daß der Kampf fortdauert.)

Der Standard meldet aus Durban: Auf der Bahnlinie zwischen Charlestown und Volksrust wurde der Heizer eines Militärzuges durch Gewehrschüffe getötet, der Zugführer verwundet.

Daily News meldet aus Lourenzo Marquez: Krüger werde wahrscheinlich das Land über Jncomati verlassen, in dessen Nähe zwei Schlepper aus dem Komatiflusse bereit lägen, um ihn nach einem Schiffe zu bringen, das ihn an der Mündung des Flusses erwarte. Ein Dampfer des Oesterreichischen Lloyd sei in Lourenzo Marquez mit 50000 Säcken Mehl für die Regierung von Transvaal eingetroffen.

Central News" meldet aus Lourenzo Marquez: Präsident Krüger telegraphierte an Lord Salisbury utifc