Samstag dm 8 September 150. Jahrgang
Nr. 210
und Anzeigrblatt für den -Kreis Gieren.
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Die Aufgaben des Goethebundes.
Gießen, den 7. September 1900.
Wir teilten gestern mit, daß im Herbst in Berlin ^ine Zusammenkunft der Vorstände der einzelnen Sektionen des Goethebundes stattstnden wird, in der über das Aktionsprogramm des Bundes Beschluß gefaßt werden soll. Wie nötig es ist, daß sich der Goethebund auch weiterhin recht rüstig regt, geht schon aus folgender Zeitungsmeldung hervor:
Die neue Gemeinschaft der Brüder Hart in Berlin hatte für ihre erste Festversammlung von dem Maler Fidus ein künstlerisches Plakat entwerfen lassen, das einen nackten, palmenschwingenden Knaben darstellt. Auf eine entsprechende Anfrage beim Polizeipräsidium erfolgte dec Bescheid, daß das Plakat unter keinen Umständen von der Polizei gestattet werden würde, da es das sittliche Empfinden des Berliner Publikums auf das Empfindlichste beleidigen würde.
Der Name Fidus bürgt wohl dafür, daß es sich bei dem Plakat um einen rein künstlerischen und keusch empfundenen Entwurf handelt. Jetzt sind nun vom Berliner Polizeipräsidium ein paar Mitglieder des Goethebundes zu Sachverständigen bei der polizeilichen Beurteilung künstlerischer Dinge berufen worden. Das ist ja höchst erfreulich, es sollte aber in allen größeren Städten geschehen und von allen Sektionen des Goethebundes bei den Behörden darauf gedrungen werden.
Theodor Mommsen hat vor einigen Wochen wieder einen interessanten, sehr beherzigenswerten Aufsatz über den Goethe-Bund veröffentlicht. Mit Recht schreibt er diesem einen sehr wesentlichen Anteil an der Abwehr der schlimmsten Bestimmungen der Lex Heinze zu; mit gleichem Recht aber warnt er davor, nun die Hände in den Schoß zu legen. Haben doch die „Kreuz Zeitung" und ein rheinisches Blatt erst kürzlich noch darüber keinen Zweifel gelassen, daß sie die nur in einer Zwangslage preisgegebenen Forderungen bei geeigneter Gelegenheit wieder aufnehmen werden. Als das sicherste Mittel gegen diese Gefahr bezeichnet Mommsen eine starke Beteiligung aller, denen der Bestand unserer Kultur lieb ist, vor allem aber auch der zum großem Teil der Tagespolitik fernstehenden Schriftsteller und Künstler an den nächsten Wahlen.
Mommsen wirft die Frage auf: Kann der Goethe- Bund etwas zur Verteidigung thun? Er empfiehlt die Gründung einer eigenen Zeitschrift des Goethe- Bundes. Darüber läßt sich reden; aber damit eine solche Zeitschrift Abonnenten und Leser findet, muß sie klare Ziele, womöglich einen oder einige praktische Zwecke aufstellen. Diese hat Mommsen nicht bezeichnet, weil sich ihm noch nicht Aufgaben gezeigt haben, die für den Goethe-Bund geeignet sind. Natürlich hat dieser nur mit Wissenschaft und Kunst, mit Politik aber gar nichts zu thun. In Preußen denkt man daran, rechtzeitig Front zu machen gegen eine neue Auflage des Zedlitz'schen Volksschulgesetzes, die man dort befürchtet. In dem Satzungen- Entwurf des hessischen Goethe-Bundes, den wir vor ein paar Wochen mitteilten, lauten die beiden ersten Paragraphen:
„Der Hessische Goethebund verfolgt den Zweck, die Freiheit der Kunst, Wissenschaft und Litteratur gegen Angriffe jeder Art zu schützen und weitere Volkskreise zu ernster Würdigung wahrer Kunst und Wissenschaft und zu selbständiger Abwehr von Ausschreitungen auf diesem Gebiete zu erziehen. Die Erreichung des Vereinszweckes soll durch alle gesetzlich zulässigen Mittel angestrebt werden, insbesondere durch Organisation von Rechtsschutz, durch volkstümliche Vorträge und sonstige Veranstaltungen."
Also der positive Zweck des hessischen Goethebundes ist der Schutz der Freiheit der Kunst, Wissenschaft und Litteratur gegen Angriffe jeder Art, und die bisherige Thä- rigkeit der Sektion Darmstadt hat bewiesen, daß man dort ernsthaft bestrebt ist, diesen Zweck zunächst durch Versammlungen und Vorträge zu erreichen und immer weitere Kreise für diese besten Güter unserer Nation in der rechten Weise zu interessieren und dem Bunde zuzuführen. Man hat auch darüber keinen Zweifel gelassen, wie man sich die Ausführung der Ausgaben vorstellt. Man will nicht nur in der Defensive bleiben, sondern zur Offensive vorgehen; man will die geistige Rüstung des Volkes vervollkommnen, sodaß es in Zukunft kaum noch Leute geben soll, die dreist genug wären, der Nation ein solches Knebelgesetz, wie es die Lex Heinze geworden wäre, vorzulegen. Und wenn sie er wagen, sollen sie von der Intelligenz des Volker weg- gefegt werden.
Wir möchten nun die Frage aufwerfen, ob es mcht angängig wäre, daß von der leitenden Sektion des hessischen Goethebundes, der Darmstädter, in den größeren Orten des Landes Volkskunstabende veranstaltet werden, an denen auch dem „kleinen Manne" die Schätze
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Erstes Blatt
Kichmer Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Politische Tagesschau.
Ter größte Feind der Novelle zur Gewerbe- o r d n u n g, die am 1. Oktober in Kraft tritt, scheint uns die Schablone zu sein. Die Unterschiede zwischen den geschäftlichen und gewerblichen Verhältnissen in den einzelnen Teilen des Reiches sind so bedeutend, daß es unmöglich, ist, eine Regel aufstellen zu wollen, die auf alle paßt. Es geht nun einmal- nrcht an, dieselben Tage für die Ueb erarbeit für Städte wie Berlin, München, Hamburg, Dresden, Breslau, Frankfurt und Köln und einen Bezirk bestimmen zu wollen, in dem, wie in unserer Provinz Oberhessen, größere Städte überhaupt nicht vorhanden sind. Und genau so verhalt es sich, mit der generellen Einführung des Ladenschlusses um 8 Uhr abends. Hierbei ist den verschiedenen Verhältnissen und Bedürfnissen der verschiedenen Geschäftszweige unbedingt Rechnung zu tragen, wenn nicht einzelne derselben empfindlich geschädigt werden sollen. Unverkennbar besteht aber zu einer schablonisierenden' Ausführung des Gesetzes in nicht zu unterschätzendem Maße Neigung, insbesondere in Ansehung der Einführung des Achtuhrschlusses. Zum Teil hängt dies mit der deutschen Eigenart zusammen, die leicht dazu führt, das Schema F. ausnahmslos auf alle Verhältnisse anwenden zu wollen. Unter den Geschäfts- und Ladeninhabern macht sich die,er- halb eine gewisse Unruhe geltend, man befürchtet, daß die Ausführungsbehörden sich über die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Betriebszweige im Interesse einer äußeren Einheitlichkeit Hinwegsetzen könnten. Offenbar liegt die Verhütung dieser Gefahr vor allem in der Hand der unmittelbaren Interessenten, d. h. der Geschäfts- und Laden-Inhaber selbst; dieselben müssen nur mit Darlegung ihrer Wünsche in geeigneter Weise hervortreten und die Ausführungsbehörden über die verschiedenen Geschäftszweige unterrichten. Wenn freilich,
der schönen Künste in Bild und Wort, durch Skioptikon- bilder und durch Vorträge, vorgeführt werden. Vielleicht ann man auch die Leitung des Darmstädter Hoftheaters zur Veranstaltung von mehreren, nicht teueren Vorstellungen in Städten wie Gießen, Worms, Bingen, Alzey 2C. veranlassen. Unser Kunstv erein aber könnte, Hand in Hand mit dem ganzen hessischen Goethebunde gehend, sich bemühen, Gemäldeausstellungen zu arrangieren, durch die der Bevölkerung die Entwicklung der Kunst klar gemacht wird.
Freilich viel Mühe und nicht geringe Mittel würde die Durchführung solcher Pläne kosten, aber wir zweifeln nicht, daß sich überall im Lande und in allen Kreisen offene Herzen und offene Hände dafür finden ließen. Sämtliche wissenschaftliche und künstlerische Vereine sollten dem Goethebunde beitreten und ihm so eine gewiße Vertretung aller geistigen Jntereffen einräumen. Wenn die Freunde unserer Kultur allenthalben zusammenstehen würden, sie würden eine Macht repräsentieren, gegen die jeder Angriff erfolglos wäre. .
Dr. Georg Hirth hat über Aufgaben und Orgamsatwn des Goethebundes für das von uns schon empfohlene „Buch von der Lex Heinze" (Verlag von L. Staackmann in Leipzig), das seinen Wert durch den Fall der gräßlichen Lex keineswegs eingebüßt hat, einen programmatischen Aussatz geschrieben, dem wir die folgenden Sätze entnehmen:
Wenn ich meine persönliche Ansicht über unser ferneres Zusammenleben und Vertragen im Goethe-Bund in einige kurze Sätze fassen soll, so sind es die folgenden: 1. Der Goethe-Bund sei und bleibe rm möglichst ideales Band aller Freunde der Geistes- und Gewissensfreiheit und ungefeffelter ungestrafter Forschung und Kunst. 2. Der Goethe- Bund halte sich fernvonderFörderung ober Sei ampfung besonderer politischer, sozialer,wissenschaftlich er, religiöser und künstlerischer Richtungen; wo er sich gegenüber unberechtigten Angriffen aus die geistige Freiheit m ber Lage der Ab- oder Notwehr befindet, da beschränke er sich darauf, die Fallr- bilität der Gegner aufzudecken, chre Waffen stumpf zu machen; aber er hüte sich davor, selber in den Fehler der Gegner zu verfallen und das Gesetz zu ihrer Bestrafung ober Vernichtung anzurufen. Er hüte sich bavor, die Geschäfte politischer Parteien oder irgend eines Konfessionalismus zu treiben. 2. Der Goethe- Bund vermeide eine straffe Organisation ober gar Centralisation nach politischen oder künstlerischen Rücksichten. 4. So, wenn wir uns vor Uebergriffen in das Getriebe der Glaubensrichtungen und der politischen Parteien in Acht nehmen und nicht nur die berechtigten Freiheits- interessen jedes Einzelnen unter uns, sondern auch diejenigen unserer Gegner anerkennen, — so wird es ein Leichtes sein, -wischendem Klem- getriebe des öffentlichen Lebens, das unfern Bund nicht kümmern soll, und den ernsten Gelegenheiten zu unterscheiden, wo wir mit unserer ganzen Kraft und Begeisterung, ja mit unserem ganzen teutonischen Zorn auf dem Kampfplatz erscheinen müssen, um, wenn nötig, einen an Zahl der Normalmenschen tausendmal überlegenen Gegner über den Haufen zu werfen. Aber auch hierbei seien wir menschlich: Unschädlich machen ben bösen Geist, ber Freiheit eine Gasse, nicht töten, nicht verbrennen, nicht einmal ber Freiheit berauben! 5. Unb haben wir Vertrauen zu- einanber I Glauben wir an den göttlichen Funken in unserem Herzen, und daß in der Religion der Freiheit für alle Bekenntniffe Raum ist."
wie man zn beobachten Gelegenheit hatte, die Geschäftsinhaber selbst nicht darüber einig sind, was sie eigentlich wollen, wenn sie selbst sich nicht zu Gunsten der einen oder anderen bestimmten Forderung aussprechen können, so dürfen sie den Ausführungsbehörden keine Vorwürfe machen, sofern diese bei Erlaß der Ausführungsverordnung, ein an sich vorhandenes und zu beachtendes Interesse nicht zur Genüge beachten. Leider hat sich in den Versammlungen der Ladeninhaber, Wie sich mit der Angelegenheit befaßten, wiederholt ein kleinlicher Gesichtspunkt geltend gemacht und auch Geltung verschafft; Geschäftsneid ist dann hin und wieder zum Ausdruck gekommen, und man scheint mehrfach der Meinung zu sein, daß es sich bei dem ganzen Gesetze nur um einen Versuch handle, der nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder rückgängig gemacht werden könne. Das ist ein Irrtum, dessen Folgen die unmittelbaren Interessenten vor allem zu tragen haben werden. Es ist klar, daß auch bei dem besten Willen die Ausführungsbehörden es nicht jedem recht machen können; darum müssen sich' die Geschäftsinhaber der einzelnen Zweige wohl oder übel über einen gemeinsamen Vorschlag einigen; ist erst einmal durch behördliche Anordnung der Ladenschluß für einen bestimmten Geschäftszweig auf 8 Uhr festgesetzt, so wird es schwer halten, die Anordnung wieder rückgängig zu machen, das mögen die Geschäftsinhaber beachten.
Der Ausfall der Sedan-Feier in Deutsch- land wird in Rußland mit Beifall ausgenommen. Es fei zwar anscheinend korrekt, bemerkt ein Petersburger Blatt, wenn die „Nordd. Allg. Ztg." sage, daß Teutsch- land am 2. September nicht den Sieg bei Sedan, sondern die Aufrichtung des deutschen Kaiserreiches feiere, aber faktisch flössen doch diese beiden Erinnerungen in eins zusammen und die Beteiligung der Veteranen von 1870 an dieser Feier habe ihren militärischen Charakter noch mehr hervorgehoben. „Man kann nicht umhin, sich zu freuen, daß Deutschland jetzt s e i n e m N a ch b a r g e g e n - überDelikatesse gezeigt hat. Von dem gegenseitigen Aufwärmen feindlicher Gefühle konnten weder. Deutschland noch Frankreich wohlthätige Resultate erwarten. Mit jedem Jahre kompliziert sich das politische Leben der Staaten. Alle möglichen Fragen erscheinen unvergleichlich häufiger als früher, unb für ihre erfolgreiche Lösung müssen die Mächte ihre Kräfte in den unerwartetsten Kombinationen gruppieren. Der in die internationale Interessensphäre eintretende ferne Osten hat schon einmal Rußland, Frankreich und Deutschland zii einem Ganzen vereinigt. Jetzt hat dieser Offen' ulke Staaten der Welt vereinigt. Es find dies nicht Bündnisse, selbst nicht Vereinbarungen, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegen. Es sind dies einfach gemeinsame Aktionen, die im Hinblick auf den gemeinsamen Nutzen unternommen werden. Alles weist darauf hin, daß, je deutlicher der Nutzen solcher gemeinsamen Aktionen hervortreten wird, desto häufiger und lieber die Welt zu ihnen Zuflucht nehmen wird. Mer für die Möglichkeit solcher gemeinsamen Aktionen ist es natürlich unumgänglich, daß zwischen den Mächten nicht zugespltzte Feindseligkeit bestehe. Die Erinnerungen einerseits an den glänzenden Sieg, andererseits an die schweren Niederlagen erregen eine solche Feindseligkeit, aber nur in dem Falle, wenn die Erinnerungen noch allzu frisch sind. Es vergehen Jahrzehnte, und -die ehemaligen Feinde reichen einander friedlich die Dand. Der Bund. Rußlands mit Frankreich dient als überzeugender Beweis für die Möglichkeit einer solchen Metamorphose." Der Vergleich trifft allerdings nicht vollständig zu, denn die Resultate des Krimkriegs, soweit sie für das besiegte Rußland peinlich waren, sind durch die Erfolge der russischen Diplomatie im Jahre 1871 mit der Beseitigung der Meerengen-Be- ftimmung wieder wettgemacht worden. Elsaß-Lothringen, aber wird hoffentlich immer deutsch bleiben.
Die „Rheinische Volkszeitung" veröffentlicht den Brief eines deutschen Soldaten aus China an seinen dortigen Freund. Wir finden in dem aus Tsingtau, 16. Juli 1900, datierten Schreiben die folgende Stelle: „Wir Deutsche und Russen waren immer die ersten. Wir haben unser Detachement aus Tientsin unfeine europäischen Matrosen, die dort von den Chinesen eingeschlossen waren, befreit, sämtliche Forts, worin chinesisches Militär und Räuber, genannt Boxer, waren, eingenommen und alles niedergemacht, ob Soldat, Räuber, Chinesen, Frauen oder Kinder, das war uns gleich, alles niedergestochen oder geschossen, bis die Stadt Tientsin ganz leer und in Feuer und Flammen gesetzt war, sogar der Palast des Vizekönigs brannte nieder. Nur die europäischen Viertel blieben verschont." Zu diesem Schreiben bemerkt der Vorwärts: „Wir gewahren mit Entsetzen, was aus unseren deutschen Soldaten geworden ist. Die Sohne unseres Volkes hat man zu reißenden Tieren gemacht die Frauen und Kinder morden. Wohin sind wir durch das chinesische Abenteuer gekommen?" Auch wir gewahren mit


