Sonntag den 8. Juli
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M. 157 Viertes Blatt
aufbesserungen von über 2 Millionen für die nächsten drei Jahre verloren. Wie dankbar aber wäre man in den Lehrerkreisen der Regierung, wenn sie ihren Starrsinn aufgäbe. Diese Beugung unter den Willen der Mehrheit der Kämmer wäre für sie kein schmählicher, sondern ein ehrenvoller Rückzug. Darum wollen wir im Interesse der hessischen Lehrer doch noch das beste hoffen.
Mit der Mehrheit, d. h. für den reduzierten Antrag Backes stimmten die Abgg. Bähr, Berthold, Brauer, Brunner, Cramer, Dr. David, Diehl, Eck, .Haas-Mainz, Haas-Offenbach, Häusel, Joutz, MöNtnger, Pitthan, Rau, Ripper, Schönberger, Dr. Schvoeder, Schubart, Schmol- bach, Ulrich, Weidner, dagegen, d. h. für den Antrag Mol- than: die Abgg. Backes, v. Brentano, Euler, Dr. Frenay, Dr. Gutsleisch Horn, Köhler-Langsdorf, Korell, Molthan, Noack, Graf Oriola, Schlenger, Schvreel, Dr. Schmckt, Schönfeld, Seelinger, Weith, Leun und Wolf.
GrscheNü UgM mit Lu»»ahmk de» SRoRtae».
Die Gießener
werben de« Anzeiger te Wechsel dH ,Heff. gaubtoirt* n. „Blätter str Heß. Volkskunde- Wpchtl. 4««l beigelegt.
Die Wirren in China.
Ein Schreiben des britischen Gesandten Sir Claude Macdonald, der die Ermordung des Freiherrn v. Kettel er bestätigt und mitteilt, der ihn begleitende Dolmetscher Cordes sei lebensgefährlich verwundet worden, ist vom 20. Juni datiert. Es ist an den britischen Konsul in Tientsin gerichtet und von dem dortigen deutschen Konsul übermittelt worden. Seltsamerweise taucht in diesem Schreiben wieder ein neues Datum auf, denn es nennt als den Tag der Blutthat den 20. Juni. Die Frage, wie es zu erklären ist, daß das amerikanische Bureau Laffan schon ant 17. Juni die Ermordung des deutschen Gesandten gemeldet hat, muß somit aufs neue gestellt werden. Ob sie jemals ausreichend beantwortet werden kann, wird davon abhängen, ob einer oder der andere Ausländer, der imstande ist, den über die Vorgänge in Peking gebreiteten Schleier zu lüften, mit dem Leben davonkommt. — Reuters Bureau erfährt, daß in Beantwortung einer telegraphischen Anfrage über das Schicksal der Fremden in Peking das folgende Telegramm aus maßgebender Quelle in Shanghai eingetroffen ist: „Bereitet euch vor, das schlimm st e zuhören!"
Nach Telegrammen aus London hat der englische Konsul in Shanghai Nachrichten aus Peking empfangen, die bis zum 1. Juli reichen und wonach an diesem Tage die Legationen noch in der englischen Gesandtschaft belagert, aber in verzweifelter Situation waren. Danach gingen den Fremden am 1. Juli abends die Munition und Lebensmittel aus, und die englische Gesandtschaft wurde von den Angreifern im Sturm genommen. Zahllose Massen fanatischen Pöbels drangen in das Gebäude ein. Mann für Mann fiel, und endlich konnten sich die Angreifer, wilden Bestien gleich, auf Frauen, Kinder und Zivilisten stürzen, um ein entsetzliches Blutbad unter ihnen anzurichten. Es heißt, die Männer hätten nach Verbrauch der übrigen Munition wenigstens so viel Patronen in ihren Revolvern behalten, um im äußersten Notfälle ihre Frauen und Kinder selb st töten zu können, damit sie nicht den entsetzlichen Grausamkeiten der chinesischen Soldateska preisgegeben würden. — Dieser Bericht zirkuliert gleiche- zeitig in Shanghai, Tschifu und Tientsin. Die gleichen Schreckensnachrichten meldet auch „Daily Mail". Man betrachte es als ausgemacht, daßalleEuropäerinPe- kingumgebracht worden seien. Wenn einst die Einzelheiten der entsetzlichen Vorgänge ans Licht kommen würden, so würde bte Welt starr von Entsetzen sein.
Ein anderes Telegramm besagt, daß das kaiserliche Zollamt in Peking von den Aufständigen nieder- gebrannt worden sei. Der Generalzollinspektor, Sir Robert Hart, sei in die englische Gesandtschaft geflüchtet.
Der Vizekönig von Nanking, Lin, soll, englischen Quellen zufolge, das Erscheinen einer englischen Flotte vorder Yangtsemündung dringend wünschen.
„Daily Expreß" hat erfahren, die chinesischen Generale seien im Begriff, den Feldzugsplan auszuführen, den deutsche Offiziere im vorigen Jahre entworfen, als China den Krieg mit R u ß l a n d für möglich hielt.
In London ist die angebliche zuverlässige Nachricht ein- gettoffen, in der Hauptstadt hätten sich sämtliche Prinzen des kaiserlich,en Hauses den Boxern angeschlossen. Ist das richtig, so wird sich die Strafe der Mächte auf die ganze Mandschiudynastte auszudehnen haben.
Auch ein von einem italienischen Offizier aus Taku in Rom eingetroffenes Telegramm bestätigt die E r m o r d - ung sämtlicher Europäer in Peking.
Die Weserzeitung veröffentlicht folgendes Telegramm des Hauses Melchers u. Co. in Shanghai, das auch den Nordd. Lloyd vertritt, vom 6. Juni:
„Wir haben Grund zu glauben, daß alle Fremden in Peking umgebracht sind. Die Rebellion
Die N«lkssch«Iithkkrgkhältkr im tzMchen fanbiege.
So ist denn also der unveränderte Antrag Backes von.' der Zwecken hessischen Kammer wiederum ange- itommen worden und der Konflikt zwischen Regierung Lind Landtag fertig. Was sich, in dem Zwischenakte gestern mittag, in der Zeit zwischen der ersten und zwecken Sitzung »unter den Coulissen zugetragen hat, geht aus dem heutigen Bericht ziemlich, klar hervor. Offenbar haben Verhandlungen zwischen der Regierung und der nationalliberalen Bartei stattgefunden und dabei hat sich die Regierung als die standhaftere erwiesen. Sie hat aber schließlich! doch nicht den Anttag Backes zu Falle bringen können und ist unterlegen.
Die schroffe Stellungnahme der Mehrheit der Zweiten Kammer ist durch den Starrsinn der Regierung veranlaßt worden. Selten wohl — ivir erinnern uns allerdings an ähnliche Vorgänge im sächsischen Landtage, als dort auch die Lehrerbesoldungen zur Beratung standen — ist es geschahen, daß, wenn bei Neuordnung von Beamtenbesoldungen angesehene Männer des Landtages über die Regierungsvorlage hinausgehen wollen, die Behörde nicht mit Freuden darauf einging und für ihre Beamten davon nusgiebigen Gebrauchs machte. Statt die Bereitwilligkeit der ganzen Kammer dankbar anzuerkennen, begnügte sich die Regierung mit wohlwollenden Worten, die zwar sehr schön, aber auch ebenso wertlos waren; sie blieb hart wie Stein. 9hm hat die Regierung mit ihrer ablehnenden Haltung Erregung und Unzufriedenheit in die Reihen der Lehrer getragen.
Der selige Reichsfinanzminister von Beckerath streute anno 1848 Blumen in die erwiesenermaßen dürren Reichs- finanzen. Unser Finanzminister Küchler schilderte noch vor nicht allzu langer Zeit die Finanzlage Hessens in blumigster Weise, um fyann plötzlich mit seiner merkwürdigen Erklärung in Eisenbahndingen zu kommen, die genau das Gegendeck besagte von dem, was man bisher aus seinem Munde entnommen hatte. Der Finanzausschuß der Zweiten Kam- iner hat einsttmmig anerkannt, daß Staatsmittel genügend Händen sind. Die Regierung aber sagt: für die Volksschullehrer sind sie nidjft da! Es gefällt ihr nicht, da, wo ihr einmal eine solche Gelegenheit geboten ist, an der Spitze der deutschen Staaten zu Marschieren. Es macht fast den Eindruck, als ob man den Lehrern gern eine Kleinigkeit bewilligen wolle, nur um spätere Einwendungen aus Lehrerkreisen bequem und leicht zurückweisen zu können hat dem Bedeuten, was die Lehrer eigentlich wollten, sie seien doch um so und so viel Prozent aufgebessert worden. Selbstverständlich müssen die Prozente kräftig in die Dingen fallen, wenn zu der kläglichen Besoldung des Volksschullehrers ein paar hundert Mark zugelegt werden. Aber dadurch wird die Thatsache des Mißstandes unter den Lehrern nicht aus der Welt geschafft.
Es ist zu befürchten, daß die Regierung auf ihrem Standpunkte beharren wird. Wenn unter solchen Umständen Unzufriedenheit und Erbitterung unter den hessischen Nolksschnllehrern entstehen, so wird das wohl kein billig denkender Mann ihnen verargen. Trotz alledem wird, deß sind wir gewiß, der unbesiegbare Idealismus im Volksschullehrer, der zum Wesen eines kräftig aufwärts dingenden Standes gehört, keine Einbuße erleiden. Die Volksschullehrer werden auch in Zukunft ihre Pflicht ithun und genau wie vordem in den breiten Volksschichten den Unterbau zu liefern sich bestreben, der allein die festen Stützen bietet für Thron und Altar. Aber ebenso werden sie auch weiter kämpfen gegen alle süßen Liebesbeteuer- rmgen für die soziale Hebung ihres Standes.
Bemerkenswert ist, daß auch in der Ersten Kummer s ich zwei Stimmen für den Beschluß der Zweiten Kanckner gefunden haben, und ein anderes Mitglied der Ersten Kammer, irr Vertreter unserer Universität, Prof. Dr. Arthur Schmid t, hat ebenfalls, wie wir nachträglich erfahren, durchaus nicht ohne weiteres die Regierungsvorlage vertteten. Er hat ausdrückliche erllärt, daß er persönlich nicht anstehen werde, für den Antrag Backes zu stimmen, daß er dies jedoch nicht thue, weil er diesen Antrag für aussichtslos halte und das Zustandekommen d»es Gesetzes als erstes erstrebenswertes Ziel ansehe. Er hat sich dann für den Anttag Molthan in der Sitzung vom 4. Juli ausgesprochen, nachdem die Regierung in der Ersten Kammer erklärt hatte, den Antrag Piolthan aceep- tieren zu wollen.
Das Ergebnis der Verhandlungen der Kammern ist also vor der Hand, daß die berechtigte und lang ersehnte Gehaltsaufbesserung der Volksschullehrer für die nächsten drei Jahre ein frommer Wunsch gewesen ist, wenn die Aiegierungsichjetztdochnichtnoch entschließt, suhl den Wünschen der Ersten Kammer zu fügen. Sehr bndcmerlich wäre es, wenn sie die Vorlage zurückzöge. Da n.achi be$i landständischen Bestimmungen für die Dauer v«s jetzigen Landtages von keiner Seite und unter keiner anderen Form eine ähnliche Vorlage gemacht werden kann, sw gingen unter diesen Umständen den Lehrern die Gehalts
itn Norden von China breitet sich aus. Die Fremden in Tientsin werden die Stadt verlassen müssen, da neue chinesische Angriffe erwartet werden. Die Unruhen in Schantung nehmen zu. Wir sehen jedoch, noch keinen Anlaß zu Besorgnissen für das Yang- tsegebiet und Schanghai, da die Vizekönige von Wutschang und Nanking die Befehle der gegenwärtigen Machthaber in Peking nicht anerkennen. Auf alte Fälle ist die Lage der Dinge jedoch, sehr ernst".
Die Provinz Schantung ist bekanntlich deutsche Interessensphäre. Es sieht aber auch« dort keineswegs zum besten aus. Die deutschen Eisenbahn- und Bergbauten int Innern haben teilweise eingestellt werden müssen, aus der Hafenstadt TMfu wird gemeldet, daß durchs zuziehende Aufrührer und, was noch schlimmer ist, durch das dort stehende chinesische Militär erhebliche Besorgnisse vor einer Störung der bisherigen guten Beziehungen zwischen den Europäern und der eingeborenen Bevölkerung hervorgerufen worden sind, und auch das Verhalten des chinesischen Gouverneurs von Schantung, der über etwa 10000 europäisch ausgebildete Truppen verfügt, ist in hohem Grade verdächtig. Jedenfalls hat er sich noch nicht dem Auftreten der vier Vizekönige unzweideutig angeschilossen. Hoffentlich, reichen die deutschen Streitttäfte aus, um jeden Versuch! die öffentliche Ruhe in Schantung zu stören, sofort und nachdrücklich niederzuschlagen, damit nicht der Aufstand in per Deutschen Interessensphäre, weitere Nahrung' gewinnt, insbesondere damit er nicht in das eigentliche deutsche Schutzgebiet von Kiautschou übergreift. Wenn es auf diese Weise gelingt, den eigentlichen Herd des Aufstandes auf die Provinz Tschjli zu beschränken, so wäre schon ein großer Erfolg erzielt. Man wird dann hoffen dürfen, daß, sobald die internationalen Streitttäfte auf eine ausreichende Stärke gebracht sein werden, die Niederschlagung des Aufstandes umso rascher erfolgen wird, als den Chinesen doch mit der Zeit die vom Auslande bezogenen Munitions-Vorräte ausgehen werden. Für die ausländischen Staaten wird es vor allem wichtig sein, recht bald eine Verständigung darüber zu erzielen, daß jede Ausfuhr von Waffen und Munition nach, China nach'drück- lich verboten wird. Auch, ist die internationale Flotte in den chinesischen Gewässern jetzt so stark, daß es verhältnismäßig leicht halten wird, die Einfuhr in die chinesischen Häfen zu überwachen und jede nennenswerte Ein- schmuggelung von Kriegsvorräten zu verhindern. Gelingt es dann noch weiter, die vier Vizekönige in ihrer Gegnerschaft gegen den Aufstand und gegen die Fremdenaustreibung zu bestärken, so dürfte allmählich wieder irgend eine Regierungsgewalt in China sich, aus dem gegenwärtigen Chaos herauskrystallisieren, die den Mächten gegenüber die Verantwortung für die weitere Entwickelung zu übernehmen vermag. Solange wie das jetzige Chaos andauert und die chinesische Regierungsgewalt in der Versenkung verschwunden bleibt, ist für die europäischen Mächte nichts anderes zu thun, als ihre Waffenmacht so zu verstärken, daß sie der Bekundigung ihres einheitlichen und einträchtigen Willens die unbedingte Sicherheit der Vollstreckung verbürgen.
Der deutsche Kaiser telegraphierte an den Ches des Kreuzergeschwaders, an den Gouverneur vons Kiautschou und an die Vizekönige von Nanking und Wutschang, er v erpf lich te sich aus sein kaiserliches Wort, für jeden in Peking eingeschlossenen Fremden, gleichviel welcher Nationalität er sei, der lebend einer deutschen oder sonstigen fremden Behörde ausgeliefert werde, demjenigen, der die Auslieferung lebend herbeiführt, 1000 Taels auszuzahlen. Auch übernimmt der Kaiser alle Kosten, die jedwede Uebermittelung seiner Zusage nach Peking verursacht.
Auf Allerhöchsten Befehl verbleibt der Kreuzer Condor in Afrika; der zu seiner Ablösung bestimmte Bussard sowie der kleine Kreuzer Schwalbe haben sich schleunigst nach China zu begeben. —n Auf kaiserlichen Befehl haben zahlreiche Reservisten der deut-schen Marine aus dem Jahrgang 1895 Gestellungsordres erhalten und sind sofort nach Wilhelmshaven abgereist, wo sie sich am Freitag zu melden hatten, um nach ihrer Einkleidung! voraussichtlich sofort mit dem Kanonenboot „Luchs" die Reise nach Ostasien anzutreten. Unter diesen Leuten befindet sich auch ein Reservist, der seinerzeit die Todesfahrt auf dem alten „Iltis" mitgemacht hat und glücklich gerettet wurde.
Bezüglich des Aufenthaltes der ersten Panzer- Division in Ostasien rechnet die deutsche Marinebehörde offenbar mit einem längeren Zeitraum. Es wurde nämlich, wie man aus Siel meldet, den Schiffen außer der etatsmäßigen Kriegsmunition, für ein Jahr reichende Uebungsmunition überwiesen, damit sie die nächstjährige Schießübung in den chinesischen Gewässern erledigen können.
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