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8.7.1900 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 8. Juli

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Aints- und Anzeigeblatt fflr den Aveis Gietzen

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Nnsere Kriegsschiffe für Khina.

Weissenburg

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Kurfürst Fhedridy Wilhelm

Brandenburg

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Die 1. Division des 1. Geschwaders, die sich «un aus Befehl des Kai­sers zur schleunigen Fahrt nach China bereit macht, steht unter dem Befehl des Vizeadmirals Hofft mann, und fetzt sich aus folgenden Schiffen zu­sammen : Kurfürst Friedrich Wilhelm (Flaggschiff), Branden­burg, Wörth und Weißenburg, welchen vier Panzern 1. Klaffe noch der Aviso Hela beigegeben ist. Die vier Panzer sind die ersten während der RegierungS- z<it Kaiser Wilhelms II.

e cbauten Schiffe, ihre Herstellung fällt in die Jahre 1893/94. Sie besitzen eine Wasserverdrängung von 10 033 Tonnen, indizieren je 9000 Pserdekräfte und haben eine Besetzung von je 568 Mann, einschließlich 57 Offiziere. Die ganze Entfernung von Kiel bis Shanghai beträgt ca. 11 220 See­meilen, so daß die Fahrtdauer auf ungefähr 32 Tage zu schätzen ist. Da in Port Said, Aden, Colombo, Singa- -»ore und Shanghai Kohlen eingenommen werden müssen, wird sich die Fahrtzeit auf 40 Tage verlängern.

Unsere Schlachtschiffe der Brandenburg-Klasse, 1° nennt man diese Schiffe, haben bisher nur Fahrten in den Atlantischen Ozean unternommen. Zum ersten Male werden sie die Straße von Gibraltar durchschiffen. Die trefflichen Seeeigenschaften lassen die Linienschiffe für die China-Expedition als ganz besonders geeignet erscheinen. Ähre Manövrierfähigkeit ist sehr groß. Bei glattem Wasser, st illem Wetter und großer Fahrt gehorchen die Schiffe so­gar beim Achterausgehen dem Ruder. Das Fahrmoment ist groß, dabei lassen sich die Schiffe bei mit äußerster Kraft rückwärtsgchender Maschine bald zum Stehen bringen. Bei 15 Seemeilen Fahrt ist dies innerhalb zwei Minuten möglich Die Drehfähigkeit ist ausgezeichnet. Die Er­schütterungen der Schiffe durch den Gang der Maschine sind sehr gering. Die Maschinenanlage ist tadellos in der Arbeit und von größerer Oekonomie des Betriebes. Für die Verwendung in den chinesischen Gewässern ist es von größter Wichtigkeit, daß die Offiziere und Mannschaften gesundheitlich gut und bequem untergebracht sind. Die Lüftung der Wohnräume ist vorzüglich. Die Sicherheit der Schiffe durch die wasserdichten Abteilungen ist in hohem

Grade gewährleistet, selbst ein gelungener Torpedoschuß dürfte den Panzern keine ernstlichjen Gefahren bereiten. Die Schiffe sind mit einem Panzergürtel aus Nickelstahl in der Wasserlinie umgeben, der mittschiffs 400 Mm. stark ist und sich nach den Sch-iffsenden auf 300 Mm. verjüngt Außerdem erstreckt fick) über das ganze Schff ein Panzerdeck von 6065 Mm. Stärke. Die sechs 28 Ctm.-Geschütze, die die Hauptwaffe bilden, sind zu je zweien auf gemeinschaft­licher Drehscheibe in drei in der Mitfchiffslinie aufgestell­ten Türmen untergebracht, deren Panzerstärke 300 Mm. beträgt Dnß die Linrons-chiffo Nammschisfe

sind, ist bekanirt. Die Aufstellung der 20 Geschütze ist derart, daß man mit vier Geschützen rechts voraus, mit sechs recht achteraus, also in der Kiellinie, und mit 13 Ge­schützen nach der Breitseite feuern kann. Wenngleich die Feuerwirkung hinter derjenigen der Kaiserktasse zurück­bleibt, ist doch ein gutes Rund feuer nach allen Seiten ge­sichert. Me Geschoßmasse, welche die Gesamtartillerie in jeder Minute zu feuern vermag, hat ein Gewicht von 3200 Kilogramm. Jedes Schiff führt außerdem zwei 6 Ctm.- Bootskanonen.

Bereits int Jahre 1895 waren die Schiffe der Branden­burg-Klasse für eine Auslandsexpedition bestimmt. Als damals Kaiserin Augusta, Hagen und Stosch zur Bestrafung der Mörder des Kaufmanns Rockstroh nach Marokko dampf­ten, lagen sämtliche vier Linienschiffe in Wilhelmshafen bereit, um als Verstärkung nod), Tanger zu gehen. Es ist übrigens nicht das erste Mal, daß ein Linienschiffs­geschwader ins Ausland geht, um Rache für die Ermordung eines deutschen Vertreters zu nehmen. Als 1876 der deutsche Konsul Abbot und der französische Konsul in Sa­

loniki durch Türken ermordet wurden, entsandte die Reichs­regierung ein stattliches, aus den Panzern Kaiser, Deutsch­land, Friedrich Karl und Kronprinz bestehendes Gesckpvader unter dem Kommando des Kontre-Admirals Bätsch nach der Levante. Das Geschwader setzte, nacktem die türkische Regierung sich in der Bestrafung der Schuldigen säumig, ja widerwillig gezeigt hatte, die strenge Bestrafung der geistigen Urheber und Begünstiger des Konsulnmordes, des Gouverneurs von Saloniki und des Kommandanten der türkischen Fregatte Selemije durch

Der Oberbefehlshaber und Höchstkommandierende in China, Vice-Admiral Hoffmann, ist mit den ostasiatischen Verhältnissen eingehend verttaut und in der Navigation einer unserer trefflichsten Flaggoffiziere. Er war der erste Geschwaderchef nach dem japanisch-chinesischen Kriege und führte mit seinem Flaggschiff Kaiser, unterstützt von den übrigen Schiffen der Kreuzerdivision und dem alten Jltis^ die erfolgreiche Sttafexpedition nach Swatuu aus, wo chi­nesischer Pöbel deutsch Missionare 1896 niedergemetzekt hatte. Es begannen die Vorbereitungen zur Gewinnung einer festen Position an der Chinaküste, die Admiral v. Tirpitz weiterführte und Admiral v. Diederichs abschloß. Nach' seiner Heimkehr war er Inspekteur der 2. Marine- Inspektion und wurde im Frühjahr zum Chef des heimi­schen ersten Geschfvaders ernannt.

Me Division ist am Donnerstag nach der Rückkehr von ihrer unterbrochenen Uebungsfahrt aus den westliche» Ostfeegewässern im Kieler Hafen eingelaufen. Sie erhielt den Befehl, in 24 Stunden nach Wilhelmshaven marsckft bereit zu sein, und hat sofort mit der kriegsmäßigen Kohlen- und Munitionsübernahme begonnen.

Als Besatzung für den nach China gehenden Kreuzer Nymphe" ist die Matrosenbesatzuna deä Schulschiffes Nixe" ausersehen Die Dchisssjungen derNixe" gehe», aus die übrigen Schiulschsiffe über. Me Besatzung der aus­gehenden Schisse mlrd aus den akttven gnuuuf^uftv- beständen ergänzt.

Vermischtes.

* Der deutsche Bäcker im Mittelalter w-ar ein viel geplagter und von den Behörden peinlich ton- trolierter Mann. Wie sehr die Stadtverwaltungen in ihrem Eifer für die städtische Wohlfahrtspflege die Bäcker über­wachten, um einer Ueberteuerung der Käufer vorzubeugen, zeigt eine Stadtrechnung und ein Tarif, die Dr. Eduard Otto aus dem Bäckerbuch der Stadt Butzbach zitiert und dieRomanwelt (Vita, Berlin W. 50) reproduziert. Im Jahre 1476 ließ ein zur Aufstellung eines Tarifs er­nannter Ausschuß des Butzbacher Rats in vier verschiedenen Bürgerhäusern je ein Achtel Korn fassen, und zwar zwei Achtel alten und zwei Achtel neuen Korns. Unter der Aufsicht einzelner Ratsherren wurden hierauf diese Achtet in verschiedenen Mühlen durch einengeschworenen Müller" vermahlen, dann wurde das Quantum Mehl, wel-

Berliner Urief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

?hi«a in Berlin. Ein neuer Feldzug gegen Böhmen. Die Berliner Lenormands und andrer Geisterfchwiudel.

Eine einzige große Flutwelle braust über Berlin wie Oirrch das Reich, durch ganz Europa. Es gilt den Greuel- tWaten dergelben Teufel", die ihren Gipfelpunkt zunächst der Crm or dun g des deutschen Gesandten, . vrhrn. v. K e t t e l e r, gefunden haben. Me energischen Maßnahmen des Kaisers finden überall rückhaltlose Zu- sttmmung, auch in Kreisen, die noch vor wenig Wochen ? wenig flottenfreundlich gesinnt waren, und mit fieberhafter Spannung verfolgt man allerorten den Gang der Ereig- i' nisse. . Hoffentlich bringen uns die nächsten Wochen schon Nachrichten über die exemplarische Züchtigung und Bändi­gung dieser seltsamen Natton, die wie eine fossile Ver­steinerung mit ihrem Götzentum und Aberglauben, ihren Fuchslisten und Heuchelkünsten in die moderne Kultur hin- emragt. Wie wenig den Zopfttägern Europa imponiert, sieht man in Berlin deutlich genug an dem zähen Fest­halten der bezopften Söhne deshimmlischen Reiclies" an ihrer Nationalttacht, die nichts weniger als gefällig oder bequem genannt werden kann. Während die fröhlichen höflichen und sympathischen Japaner nur an dem > asiatischen Schnitt der Gesichter und dem gelbbraunen Hronzeton der Haut kenntlich werden, im übrigen aber sich s iit Kleidung, Haartracht re. vollständig uns angeschlossen haben und ihre weiße Weste, wie den blitzblanken Zylinder mrit dem ganzen Chic eines Lindenbummlers zu tragen ?lKen' China, das durchschnittlich häßlicher ist, im G-eftchtsschnitt wie im Teint, nach wie vor in den ölglän- zemden halblangen Seidenkaftan mit den durch die Farbe dLS Futters, die Anzahl her Knöpfe, die Art des Besatzes Emsgedruckten Rang-Abzeichen in den Berliner Straßen

umher, das Haar selbstverständlich gestrafft und zum Zopfe vereinigt, auf dem Kopfe ein krempenloses seidenes, von einem Knopf gekröntes Etwas, das an die Hauskäppchen unserer alten Herren erinnert, die sich die empfindliche Glatze gern schützen möchten. So laufen sie auch heute noch durch die belebtesten Gegenden, wo in ihrem eigenen Vaterlande kein Deutscher seines Lebens mehr sicher ist, vertrauend auf die guten Sitten des Abendlandes und den mächtigen Schutz der alle Völkerrechte hochhaltenden Regierung. Und wahrlich, sie haben sich darin nicht ge­täuscht. Jedermann weiß ja, daß diese, die jetzt bei uns zu Gast sind, keine Schuld trifft an all den fluchwürdigen Thaten. Trotzdem: taktvoll und feinsüchtig ist es nicht gerade, und es wäre ganz gut, wenn sie sich an Japan ein Beispiel nähmen und die Blicke weniger auf sich zögen!

Neben dieser großen tragischen Kampffrage hat sich auf einem anderen Gebiete gleichfalls ein Krieg entwickelt, der Gott sei Dank keine Wunden schlägt, kein Blut fließen läßt, im Gegenteil, die Gesandten des bekriegten Landes, die Pilsener Bierfässer nämlich, unangetastet in den Lagerkellern stehn läßt und keinen mörder­ischen Hahn, keinen Nagelbohrer ergreift, um das edle Naß ausbluten zu lassen. In Folge der höheren Besteuer­ung ausländischer Biere soll das Pilsener, Budweiser rc. statt mit 30, fortan mit 35 Pf. pro Halbliter verzapft werden. Die Brauereien wollen die Zollerhöhung, die sie mit ironischer Unklugheit gerade jetzt alsFlottensteuer" bezeichnen, wie immer auf die Konsumenten abwälzen. Nun zahlt der Berliner, der es kann, resp. dem es nicht darauf ankommt, schon seit Jahren in den Cafes für drei Zehntel Liter 30 Pf.; die weniger Begüterten aber, die sich in bürgerlichen Restaurants teils aus Gesundheits- rmksichten an den goldenen Stoff gewöhnt haben, wollen M die Verteuerung nicht gefallen lassen. Man wird also streiken üind die deutschen Ersatzbiere für dieBöhmischen" trinken. Und ich halte das für kein Unglück. (Wir auch nicht. D. Red.) Es giebt eine ganze Reihe tüchtiger

Brauereien im Reiche, die sehr trinkbaren. Stoff in der Art des vielfach überschätzten Pilseners bieten; ihnen wird dieser neue kleine Feldzug gegen Böhmen hoffentlich recht aut bekommen. Eine ganze An­zahl von Berliner Wirten hat thatsächlich seit dem Tage der Preiserhöhung, den 1. Juli, kein Pilsener mehr verzapft, und mancher deutsche Mann gewöhnt sich an Radeberger, Dortmunder rc. umd bleibt ihm vielleicht treu, auch wenn der unklugeBöhm" den Rückzug antritt! Es könnte nicht schaden!

Einen ernsteren Feldzug führt die Polizei augenblicklich gegen die Schwestern der großen Pariser Wahrsagerin unsel. Angedenkens, Lenormand, g e g e n das kartenlegende, aus den Handlinien, aus Hühner­eiern, Regenwürmern, gezogenen Briefen oder Nummern prophezeiende weibliche Berliner Gaunertum. Das ist em Kampf, der seine Vorposten in die elegantesteii Salons der oberen Zehntausend eben so gut wie in die dumpfen Höhlen des Lasters und Verbrechens senden muß. Denn der thörichte Aberglauben grassiert ebenso schlimm auf den Hohen, wie in den Tiefen der Menschheit! Manch" seidener Jupon rauscht über die Hintertreppen der weisen Seherinnen, manche diamantenglitzernde Hand zieht aus dem unsauberen Kartenspiel Coeur- oder Pique-Buben. Allerdings ist es augenblicklich vornehmer, sich mit Geistern in spiritistischen Vereinen zu unterhalten, und manch dreister Schwindler findet dabei sein Brot und die Butter dazu. Die Dummen werden eben nicht alte! Ich habe unlängst ein paar ganz gescheidte Frauen aus den bessereu Ständen getroffen, die sich allen Ernstes einbildeten, all­täglich Besuch von Geistern zu haben, die ihnen die Hand führten, um ihnen schriftlich Auskunft auf allerlei Fragen aus Vergangenheit und Zukunft zu gewähren. Alle Augen­blick kommt oer brave Geist und fängt än mit ihren Fingern zu schreiben! . . . Wahrhaftig, der alte Fritz hatte nicht Unrecht, als er. . ., Verzeihung, schöne Leserin, ich wilb nicht ungalant werden! . . . A. R