Ausgabe 
8.4.1900 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 8. April

Erstes Blatt.

Anrts- und Anzaigeblutt für den Ureis (ßkfeen

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gingen, um dem Attentat beizuwohnen.

Havas-Reuter veröffentlicht folgende Einzelheiten hin­sichtlich der durch die Verhaftung Meerts eingetretenen Phase der Untersuchung. Meert nahm noch gestern im, Bolkshause an einer Probe zu HauptmannsWeber" teil, worin er eine Rolle spielen sollte. Es soll sich ursprünglich darum gehandelt haben, das Los zwischen den drei ent­scheiden zu lassen. Meert war ein eifriger Leser anar­chistischer Zeitungen. Der Vater Meerts soll am Kommune- I Nagten gegen

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Cin^Lehrer Sipidos schildert ihn imPetit Bleu" alj ein Kind, das jede Ungerechtigkeit leidenschaftlich aufregte, ob sie nun ihn oder andere betraf. Dieser Eigenschaft des Jünglings hätten sich zweifellos diejenigen bedient, die zu feige waren, das Verbrechen selbst zu begehen, ^.em bisherigen Anschein nach sind die Anstifter ebenfalls un­reife Burschen, die der jungen sozialistischen Garde ange-

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Am 9. April vollendet Friedrich Franz, der minder« lähme Großherzog von Mecklenburg - Schwerin, fern 18. Lebensjahr, und wird großjährig. Von diesem Tage am wird er als Großherzog Friedrich Franz IV. deutscher Jundesfürst, doch wird Regent Johann Albrecht noch einige Zeit für ihn regieren.

gegen eine Depesche derMagdb. Ztg.", die ^.über den Empfang berichtet und in der es heißt:Die Polizei ent­fernte eine große Zahl von Str.aßenplakaten, die Beleidigungen der Königin enthielten. Außer den öffentlichen Gebäuden sind nur wenige Häuser beflaggt. In den Straßen herrschte große Bewegung. Militär besetzte alle Straßen, welche die Königin passierte." Diese kurze Schilderung dürfte im Wesentlichen^ das Richtige treffen.

Meßmer Anzeiger

Hmnal-An;eiger

Politische Tagesschau.

Jedenfalls nicht ohne Absicht ist die Reise der Königin Bictoria nach Irland aus den 2. April verlegt worden, also aus den Tag, an dem gerade vor wo Jahren dl- Unionsakte beschlossen wurde, die am 26. Mai 1800 zur befinitioen Vereinigung von Großbritannien und Irland and zur Einrichtung eines gemeinsamen Parlamentes führte. Blickt Irland heute auf diesen Zeitraum zurück, so darf e* ihn mit Grund als ein Jahrhundert voller Unrecht be­zeichnen. Das blühende Land ist unter der Herrschaft der englischen Großgrundbesitzer, die, in London ihre Rente verzehrend, den Pachtschilling der irischen Bauern ständig erhöhten, immer mehr verarmt. Die Bevölkerung hat sich fast um die Hälfte vermindert, und der Bauer hat in manchen Distrikten, wo er die Pachtsumme und die fast unerschwinglichen Steuern nicht mehr aufbringen konnte, verzweifelt einfach Haus und Hof im Stiche gelassen und bat seiner Heimat den Rücken gekehrt. Diese Bilder er­schreckender sozialer Not wird die Königin in Dublin nicht tu sehen bekommen, das irische Volk aber wird sich durch den Besuch der Königin und die letzten gelegentlichen Gunsterweisungen nicht darüber täuschen lassen, daß die Irländer nach wie vor in London nur als Engländer zweiter Klaffe gelten. Der Rassengegensatz zwischen dem englischen und dem irischen Volke lebt selbst unter den irischen Elementen, die durch Generationen bereits in Eng­land ansässig sind, weiter fort und bricht, auch wenn er künstlich überbrückt ist, doch immer wieder hervor. Die Bevölkerung Irlands selbst sieht jedenfalls dem Besuche der Königin mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Zwar dürfte es nicht zu feindlichen Demonstrationen kommen, denn eine Lady wird der Irländer nicht beleibten. Aber kühl sehr kühl dürfte die Stimmung des Volkes fein, höchstens in Dublin werden außer den dort ansässigen Engländern und den bekannten schaulustigen Elementen, die jedem fremden Gast zujubeln, nur bie Kreise sich zu legend welchen Kundgebungen veranlaßt fühlen, die von dem Fest- trnbel irgend welche geschäftliche Vorteile erwarten. Hin­sichtlich der über die Ankunft der Königin m Dublin vor­liegenden Berichte ist man natürlich in einer gewissen Ver­legenheit. Weiß man doch, daß sie aus der Feder eng­lischer Berichterstatter stammen, die verpflichtet find, den Londoner Lesern ein möglichst farbenprächtiges Bild von dem Empfange zu geben. So sprechen denn auch die offi­ziellen Meldungen nur von einer einmütigen Begeisterung der irischen Volkes. Sehr verschieden davon lautet da-

Ueber das gestrige Verhör Sipidos ist mitzuteilen, daß er nach eindringlichen Ermahnungen, die seine Eltern in Gegenwart des Untersuchungsrichters an ihn richteten, sich entschloß, ein Geständnis zu machen. Sipido gab an daß er am Montagabend mit drei anderen jungen Leuten im Bolkshause zusammen gewesen sei. Er nannte dabei einen Schuhmacher Meert in St. Gilles. Sipido berichtete eingehend über die Wette von 5 Frcs., die Anlaß gab, daß er auf den Prinzen schoß!! Meert, ein 17 jähriger Bursche, wurde sofort im Vorort St. Gilles verhaftet. Er hat dem Sipido für 3 Frcs. einen Revolver verkauft. Er erkannte die von Sipido gemachten Angaben an, behauptete jedoch, Sipido nicht aufgefordert zu haben, sondern dieser habe selbst gesagt, er wette um 5 Frcs., daß, er a,uf den Prinzen schießen werde. Weitere Erklärungen waren von Sipido nicht zu erreichen, jedoch ist nunmehr bekannt, daß mehrere Personen mit ihm zum Bahnhofe

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Der Schreibsachverständige, Sekretär Altrichter, hat zunächst die Urschriften der beiden Depeschen, die an Gönczi selbst, und an den Hausverwalter Schlecht ge­richtet waren, verglichen. Er begutachtet, daß der Augen­schein lehre, daß beide Depeschen von einer Hand her­rührten. Er kommt zu dem Schlüsse, daß die Urschriften der beiden Depeschen von der Hand des AngeUagteu her­rühren Präs.: Was sagen Sie dazu, Gonczi? Gönczi: Bitt' schön, Herr Präsident, ich hab' mx ge­schrieben. -Präs.: Ihre Fran hat aber doch auch ^hre Handschrift anerkannt. Gönczi: Bitt schon,^Herr Prä­sident, so a Frau kann darüber gar mx wissen. Sehen Sie, mancher Mensch schreibt wie der andere, ich will ^hnen 15 bis 20 Mal hintereinander einen und denselben Namen schreiben und er soll jedesmal anders ansschaun. ^a, aus Handschriften darf man nix geben! .

Der Möbelhändler Franz Stiller kennt Gonczi schon sehr lange, er hat ihm Sachen aus Abzahlung geliefert, Gönczi zahlte pünktlich 45 Mark monatlich ab. Zeuge hat dann Gönczi die Einrichtung für den Laden in der Kömggrätzer Straße und das Hinterzimmer geliefert, wo­bei Gönczi sagte, das solle nicht für ihn, sondern für einen gewissen Loewy aus Brüssel eingerichtet werden. Die Rechnungen wurden denn auch auf Herrn Loewy, Brunel, Boulevard 2, ausgestellt. Gönczi hatte den Loewy als Schnhwarenhändler bezeichnet. Gönczi ist dann eines Tages gekommen, und hat erst gesagt:Der Briifieler sei gestorben", dann aber habe er gesagt, der Brüsseler sei gekommen und habe Geld gebracht, und er habe ihn dann I mit den Brauhaus-Aktien und mit den Saskaer Kohlen- obliqationen bezahlt. Er sei mit Gönczi zum Bankier ge­gangen und habe dort den Kurs der Brauhaus-Aktien fest­gestellt und gleichzeitig vom Bankier erfahren, daß die Skaskaer nichts wert seien. Der Zeuge hat den Loewy nie gesehen und bestreitet, daß dieser im Zimmer hinter I dem Laden gewohnt haben tönne, da es gar kein Bett enthielt. Gönczi verwahrt sich sehr lebhaft dagegen, I daß er vom Zeugen Geld auf Wechsel geborgt habe. Er habe alles, was er Stiller schuldig sei, bezahlt, und dieser habe bei seiner Abreise nichts mehr von ihm zu fordern I gehabt. Der Zeuge erklärte, daß die Wechsel ja noch vor- I Händen sein müßten. Herr und Frau Dr. Schlesinger I als Zeugen vernommen, glauben, den Gönczi noch am Abend des 18. August (Mittwoch) im Hause Königaratzer I Straße 35 gesehen zu haben, können aber mit Sicheret I nicht sagen, ob es der Mittwoch war. Sie waren un xte* griff ins Theater zu gehen, und begegnten dabei Gonczi. - Gönczi: Das ist ganz richtig. Ich hab> bie schäften noch gegrüßt. Es war, wie Loewy a

I Hannover zurückgekehrt war, da war ich m Staats- niat nach der Kömggrätzer Straße gegangen. bie

I anwalt Plaschke: Tas kann nicht s^^ Unge-

I Herrschaften ins Theater 6ingem $ug au§ Han-

cyijliicyer Teilungen. L^er -oarer '^ceerrs jvu am 5tummunt= i uuyivn bvyc;i 7 Uhr ge on 9 af)Cr per Loewy soll

aufstand teilgenommen haben. Er hat in seiner Wohnung ' nover kommt aber mch i T

eine Waffensammlung, der der Sohn wahrscheinlich den Revolver entnahm. _ .

Wie verlautet, ergaben die letzten Feststellungen, daß Sipido infolge der Beeinflussung älterer Freunde, unter deren Einfluß er stand, handelte. Sipido wollte, als der Zeitpunkt herannahte, den Gang nach dem Bahnhofe Nicht machen. Der Vater erinnerte ihn an den Bries aus, dem Volksbause. Der Sohn wagte nicht einzugestehen, daß der Brief eine Vorspiegelung enthalte. Als sipido sich aus der Wohnung der Eltern entfernte, traf er die Genossen, die ihn nicht mehr verließen. Er weigerte sich trotz, ihres Drängens, auf den P r i n §e n |u f eu ^r n , als dieser sich aus dem Bahusteige erging. Als seine Genolsen ihn verhöhnten, stürzte er sich auf den abgehenden Zug und ^n^Si'pido nannte heute auch den Schreiber des Briefes an seine Eltern, der es ihm ermöglicht^ am Mittwoch das elterliche Haus zu verlassen Der Brief- schreiber heißt Decker und wohnt m Uccle bei Brussel. l£r wurde nachmittags verhaftet und dem Untersuchungs­richter vorgeführt. Decker erklärte:Ich schrieb den falschen Brief im Volkshause zu dem Zwecke, um dem I Freunde einen Ausgang zu ermöglichen, ^zch wußte nichts von der Absicht Sipidos". Decker wurde wieder frei-

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Das Attentat ans den Prinzen von Wales.

Brüssel, 6. April.

Ein Berichterstatter desFigaro" hat die Eltern Sipidos ausgesucht. Er fand sie in einem jauberen Arbeitshäuschen. Die Frau bereitete gerade das Abendessen und der Mann, ein robuster Fünfundvierziger, war eben heimgekehrt. Der Berichterstatter teilte das Geschehene nut u,nb die Leute, die noch von nichts wußten, waren außer sich von Sckimerz und Betrübnis. Die Frau warf sich auf den Boden und weinte; der Mann wollte die Nachricht zuerst nicht glauben.Das ist unmöglich", sagte er;das hat mein Sohn nicht gethan; ein anderer hat seinen Namen angenommen! Wie sollte ein so stiller und ordnungslieben- «gelassen. , n m m

der Junge, der niemals ins Wirtshaus geht, so etwas Dr. Leyds richtete ein Gluck wünschte le gramm gethan haben! Vom Prinzen von Wales haben wir nie an den Prinzen von Wales und machte in wj etwas gehört, wir nicht und er nicht! Der Prinz hat ihm gleüung seiner Sekretäre emen Besuch bei dem hiesigen nichts gethan!" Die Frau sagte bann nut vom Wernen | englischen Gesandten, Sir F. R. Plunkett, der ihn sehr unterbrochener Stimme:Wenn er es ist, dann ist er dazu I höflich empfing, und den Schritt des Gesandten der feind^ , verleitet worden! Er, unser bester Sohn, der seinem Vater tid)en Macht höchlichst würdigte. Dr. Leyds ist dann h^lf es kann nicht wahr sein!" Sck)ließlich mußten sie kurzem Aufenthalt nach Paris gereist. Auch der belgisch« es aber doch glauben, und der Vater rief schmerzvoll aus: Thronfolger stattete gestern dem englischen Gesandten einen.

Ich wollte lieber, daß alle meine Kinder und ich habe I langen Besuch ab. deren neun tot wären, als eine solche Schanibe zu er- I__.

XäeÄ® um . DasEhePaav Gönczi vor den Geschworenen,

unsere Kinder gut erziehen zu können! Er hat niemals I Berlin, 5. April.

I einen Revolver in der Hand gehabt und hätte einen solchen I nicht handhaben können. Und wo sollte er das Geld her- qenommen haben, um sich einen zu kaufen? Er verdiente I nur zwei Franken die Woche, wenn er tüchtig gearbeitet I hatte." Der Berichterstatter bemerkte, der Junge sei ohne Zweifel verführt worden.Gewiß", erwiderte der Vater, I man wird ihn trunken gernackft und aufgereizt haben. I Wir erwarteten ihn zum Abendessen. Nachmittags ging er I ins Volkshaus, um dort einen Freund zu treffen, der ihm I eine Stelle versprochen hatte, denn wir können nicht alle unsere Kinder zu Klempnern machen. Er zog seme Sonn­tagskleider an und wollte um 7 Uhr zurück sein. Und jetzt I ist er verhaftet. O Gott, habe Mitleid mit uns!" Die Frau I warf sich dann vor ein Kruzifix nieder und weinte herz­zerreißend. Die Familie ist eine durchaus ehrbare Arbeiter­familie, darüber ist im ganzen Quartier nur eine stimme.

I Der Manu hta sich nie mit Politik ober mit Sozialismus bescha.t'gt Der Attentäter, Jean-Baptiste, ist oas brUe Kind; das jüngste ist erst zwei Jahre alt.. Der Vater Sipidos befand fiui früher wegen Geisteskrankheit in ärztlicher Be-

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Gefunden: Geld und 1 Weste.

Gießen, den 7. April 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Muhl.