1900
Sonntag den 8. April
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Aints- rind Anzeigeblott für den Tireis Gieren
Uermrsthtes
Eine w°u°;„lor^
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S4»rst,-tze Nr- 7.
bringe, der andere erinnerte daran, daß inzwischen der Geburtstag des alten eisernen Kanzlers angebrochen sei, und daß man ihm als dem Muster der Pflichttreue und seinen unvergänglichen Verdiensten um des Vaterlandes Herrlichkeit ein stilles Glas zu weihen habe. Von einem Gaste wurde eine „Doppelkrone" für die Nachtwächter ge- _ ’ <-.• rr-.. i____ «2 S ihm nPtril AYYI PTPT
Kapitals von 1000 Mark. So verflossen die Stunden aufs angenehmste und heiterste, und kaum gewahrte man, wie die Morgenröte heranzog.
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Hagen Meder
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Ei« Bonner Stndenteufest.
Bonn, 4. April.
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* Der falsche Ostertermin 1900. Der Mensch kann sich das Leben ja einrichten, wie er will, und er kann daher z. B. auch das Osterfest feiern, wann er will, und es kommt höchstens darauf an, daß man sich überall darüber r i einig ist. Wir werden es uns aber gefallen lassen müssen, . I wenn die Astronomen uns belehren, daß wir das dies- ' 1 iährige Osterfest eigentlich an einem falschen Sonntag eiern. Die Regel für die Festsetzung des Osterfestes beruht auf einer alexandrinischen Berechnung und gründet sich darauf, daß der Ostersonntag der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmoud sein soll- Wenn letzterer selbst auf einen Sonntag fällt, so kann demnach das Osterfest erst am nächsten Sonntag gefeiert werden. Nun kann aber auch der merkwürdige Fall eintreten, daß die Zeit des ersten Frühlingsvollmondes gerade auf die Wende Zwischen einem Samstag und einem Sonntag fällt, und zwar so, daß er für die eine Halbkugel der Erde noch am Samstag und für die andere am Sonntag stattfindet. So kann es kommen, daß nach richtiger astronomischer Berechnung m Amerika das Osterfest acht Tage früher gefeiert werden müßte, als in Europa. Dieser Fall tritt nun gerade im lausenden Jahre ein. In Berlin ist der Zeitpunkt des ersten Vollmondes nach Frühlingsanfang um 1 Uhr 56 Mm. am Morgen des 15. April, in Paris um 1 Uhr 11 Mm. in Rom um 1 Uhr 52 Min., in London um 1 Uhr 2 Mm. und auch noch in Lissabon 25 Minuten nach 12 Uhr, so daß ganz Europa seinen ersten Frühlmasvollmond am Morgen des 15. April hat. An der Westküste von Afrika ! dagegen fällt er schon vor Beginn des 15 April und m New Bork gar auf sechs Minuten vor 8 Uhr abends des 14 April Aus diesen Verhältnissen ist die Folgerung zu ziehen, daß das Osterfest in diesem Jahre in Europa eigentlich am 22. April begangen werden müsste, wahrend es in Westafrika und in Amerika am 15. April gefeiert werden dürfte. Der kirchliche Kalender aber hat das einheitliche I Datum des 15. April für die ganze Welt festgesetzt, und man wird sich damit wohl auch zufrieden geben können, I da die allzu genaue Beachtung der astronomischen Ver-
Gießener Anzeiger
General-Unzeiger
Er. 83 Drittes Blatt
Femüetm.
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Riabetitlaeerci in Berlin. — Bei den „falschen Hasen" °» Alexanderplatz.
Die Ausbeutung der Kinderkräfte zu gewerblichen rivecken wird durch! vernünftige Bestimmungen immer inefir eingeengt und dadurch der gesundheitlichen Entwicke- una sowohl als auch der besseren geistigen Ausbildung nuferer Heranwachsenden Jugend ein wesentlicher dienst >i leistet Trotz alledem wollen spät abends, sogar in den Nachtstunden, die halbwüchsigen, elenden Gestalten, die ge- inöbnlich Zündhölzer anbieten, und dann von dieser ober iener mitkeidigen Seele einen Nickel geschenkt bekommen,, nicht verschwinden. Trägheit und Trunksucht der Alten, -st wohl auch die bittere Not, die dahernr aus der Schwelle (wett treibt sie immer wieder hinaus, in das laute, lat> Le oftmL heutige Treiben der Grotzst-dt und ILßt ihre jungen Herzen vergiften. Schlimmer noch als Se armen Berliner Kinder haben es die schwarzäugigen st rausköpse die aus der warmen Sonne Italiens unter den rmuhen Himmel Spree-Athens verpflanzt worden sind, und im kärglichen Solde geriebener Unternehmer die bekannten Wypssiguren^ feilbieten. Gar keinen Brocken Derttsch zu verstehen, fangen die Heinen
u nb wissen auch nach einem Jahre ba^ Ee^otwendigste im radebrechen. ’ Das „Deutsch" ist so entsetzlich schwer und g Esichauch niemand die Mühe, es ihnen beizubringen Wenn nur aLäteu Abend der Erlös für eine genügend qnoße Anzahl Kaiser- oder Bismarckbusten m den kleinen Tiaschen klimpert! Darum leuchten auch die^ub^u sch^ zsm Augen so prächtig auf, wenn einmal em lustiger Maler m btüi- Kneipe, darin sie gerade hausieren gehen, em paar itlalienische Worte an sie richtet. Wie die bleichen Gesichter
s^er^uMfohlenen^ forschen. Fand er den iju stand schon Bedenken erregend, so hals er m der liebenswürdigsten, zuvorkommendsten und ^soPserndstenWeise leeren. Verspürte man emmal Lust zu nächtlicher Ruhestörung, so wandte man sichan denNachtwachter, und hnmn hipfe p«• Herr Doktor, gohn Se IN de Bachstraß, oa t^zwäckter von d° is grad °v der Wach, da könnt er et iiicle." Auch funktionierte ihr Nachtwächterdienst besser wie edes Gehcimpolizistenbüreau. Nur ein Fall sei erwähnt, ein jetzt schon in Amt und Würden stehender alter H^r der Palatia wurde wegen seiner Verdunste um das Be- I-Nchtungswesen in der Nachtwachterspruche „Et Brest genannt. Einmal war dieser zwei Jahre lang abwesend;
In.-6m. bon anj.ig.n ,u der n-chmi,mg- ,ür dm „Igrntm Tag -llchnn-ndm Rumm-r 'n- bann. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
Swächter fielen als ein Opfer des Fortschrittes und des- 20. Jahrhunderts, unfern Nachkommen werde es wie ein Märchen aus Taufend und eine Nacht einmal erklingen, PMWUMNI StÄBÄ-KS 5adner führte dann einzelne Bel g f «ipneive I dem Oberbürgermeister mit Grüßen sämtlicher Anwesenden
zursorge der Nach Wachter vor. Saß mau n der « "5„e,t&taä machte'es auch als Nachtrat I» erschien punkt 11 Uhr de': Nachtwachte -o g B J Regiment das Lied anstimmen ließ:
sw«'°r oder auch dreier Am sgenos n um nach dem ä w -erue mit lautem Hörnerklang!'' , Kl
„Hinaus'in die"Ferne'"mit lautem Hörnerklang!" Zu mitternächtlicher Stunde zog man denn auch wirklich m geordnetem Zuge, Arm in Arm, unter den Klangen der Musik nach dem Markt um die Fontäne herum, wo man die Nachträte zur Vorsicht vor dem anwesenden „Pochpen gemahnte, dann die große Freitreppe vor dem Rathause bestieg, wo des Stadtoberhauptes wiederum in einer Ansprache warm gedacht und ein Bierglas zerschmettert wurde als ein Zeichen der untergegangenen Glanzperiode. Nach der Rückkehr zur Kaiserhalle erhielt man den Besuch meh. rerer hoher Offiziere, von denen zwei sofort lebhaft unb thatkräftiq in die Verhandlungen eingriffen. Der eine pries das Fest als solches, das dem Verdienste seine Kronew
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Siidanlage 5.
Ein eigenartiges humorvolles Fest spielte sich am I ßaristagabend in der Kaiserhalle ab. Es galt den mit I bem 31. März von der Schaubühne des öffentlichen -ebens I Mietenden Nachtwächtern, denen unsere akademische Zug end einen weihevollen Abschied zu bereiten sich ge- bmiigen gefühlt hatte. Tie Zahl der geladenen Nacht- wiukster belief sich auf 30. Sie hatten an sem-auberliche qedi-ckter besonderer Tafel Platz genommen, frische Mai- | cköckchen schmückten ihre Brust; ihnen gegenüber saßen die Mulsensöhne, Korpsstudenten, denn diese waren die Ver- cmsi alter des Festes. Einer unter ihnen, cand. zur. H., tmn neben dem Korpsband, das auch die übrigen angelegt Hatlien, einen etwa zwei Finger dreiteii Lederriemen, an des en Ende zwei große gekreuzte Nachtwachterschlussel pro ngten. Er war zum EhrenmitgHede dieser ehrsamen stuiift geschmiedet worden. Als das Präsidium, em alter Öcir der Saxonia, den Festabend mit einigen Worten eröffnet hatte, wurde das erste Trauerlied „O alte Burschen- hemlichkeit" gesungen und dann wurde ein alter Herr der Straßburger Alsatia zum Fuchsmajor ernannt und an ine lanel der Nachtwächter abkommandiert. Jetzt wurde Speise unb Trank den Herren des Tages aufgetragen. Weihevolle Sti Ile trat ein, als sich das Präsidium tzur F e st r e b e erhob.
gleich in die Breite gehen vor Entzücke^ und die kleine Zunge sich rührt! Eine ganze Springflut von Worten stürzt über die Lippen, und das klingt und singt so suß, so lustig, so rührend tinderfroh, daß es aus mancher Börse einen Nickel giebt, die sonst nicht gerade leicht zu offnen sein soll! Ganz beseligt zieht der kleine Kerl ab. Doch noch von der Thüre her ruft er und winkt er Mit der diesem Volke angeborenen Anmut Dank und ckbschiedvgruße zu. Wer will dem armen Burschen diesen Lichtblick m dem grauen Einerlei seiner Berliner Hungertage nicht gönnen ?
Ach, er hat einen Leidensgefährten, dem es viel schlimmer noch geht als ihm, der nicht so schone Glutaugen, keine so weiche, einschmeichelnde Sprache hat, wie er- das ist der kleine schmutzige Slovak, der halbnackt, hungernd und frierenb von Haus zu Haus pilgert, um seine Drahtbindereien an den Mann §u 6nngen, damit ihm abends nicht die unbarmherzige Prügel seines Brotherrn statt der kärglichen Mahlzeit zu teil werden, wie das vielleicht gestern und schon manchen Tag vorher geschehen ist! Ganz blöde vor Hunger und Müdigkeit traf ich noch unlängst einen dieser beklagenswerten Heinen Gesellen in einem Hausthor der Königgrätzer Straße, abends gegen zehn Uhr. Er fürchtete sich, den Heimweg anzutreten, und war doch nicht mehr imstande, ein Wort an die Passanten zu richten. Ein «Ähutzmann nahm sich endlich seiner an, nachdem ihm von hilfsbereiten Händen schnell ein Imbiß und ein paar Groschen gespendet worden waren. Armer Slovake! Was ist aus dir wohl geworden in abermals zwölf Jahren? Es ist traurig, darüber nachzudenken, zumal wenn einem im Weiterschlendem plötzlich die gefühlsselige Melodie Lortzings ans Ohr klingt: „O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!" wie das an jenem Abend geschah. Der Zufall ist ironischer als man glaubt! ... Da haben es jene anderen Geschöpfe, die auch im Dienste der Mäuse- und Rattenvertilgung stehen, doch tausendmal besser! Hat man ihnen zu Liebe doch in diesen Tagen sogar eine richtige Ausstellung eröffnet, in der sie sich bewundern lassen, die schmunzelnden und schnurrenden Groß
neffen und Großnichten des alten epischen Charakter-Katers Hiddigeigei, die sich so gern dehnen und strecken über das weiche Fell streicheln lassen, Milch kneipen und auf den Dächern spazieren gehen! In den Festsälen des Grand Hotel Alexanderplatz haben sie Wohnung genommen, die Herren Hinz und Peter, Mur- und Leiseschlick), und die Damen Murzchen und Miezchen, Pusselchen und Mirka Nur fünfzig Pfennig braucht man entrichten und man wird vorgelassen bei den edelsten des Katzengeschlechts, die vom Verein für Katzenschutz, Zucht und Pflege aus allen Weltgegenden hier zusammengeholt sind. Ein wahres Kesseltreiben von „falschen Hasen", das da stattgefunden haben muß; denn weit über hundert haben sich eingestellt und strecken die Pfötchen unb blinzeln mit den grünen Augen und machen die niedlichsten Gesichter von der Welt, zumal wenn gute ältere Damen mit einem Stück Zucker in die Nähe kommen! Wahrhaftig, die Katzengesichter bieten eine überraschende Fülle von Abwechselung, und eins ist immer noch hübscher als das andere! Kein Wunder, wenn sich die Herren Kater um so ein liebes kokettes Miezchen mitunter eklich ins Haar geraten! Aber auch häßliche, vergrollte und boshafte Gesichter tauchen bei der Besichtigung auf, ganz waschechte „alte Katzen"! Mitunter bekommen sie die An^ Wandlung, einen Orchester-Verein zu gründen, wie das augenblicklich in Berlin riesig Mode ist, und dann erschallt ein so famoses, buntes und zu Herzen dringendes Ton- gewoge, daß man den ganzen Wert und Zauber der berühmten „Katzenmusik" zu ahnen beginnt und scheu nach dem Ausgange schielt. Aber die Philharmoniker beruhigen sich wieder, und so wandern wir weiter zu den Cyper- katzew und der bläulichen Karthäuserkatze, begrüßen die spanischen, die beinahe in deutschen Reichsfarben erschein , und huldigen endlich dem Könige aller Kater dem stolzen Dodo aus dem Angora-Geschlechte, der. einen a« hundertjährigen Stammbaum aufzilweis h ^lkater! gehätschelt und gepflegt wird, der preisg
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als er eines Tages um 8 Uhr abends wieder hier eintraf, vernahm man schon eine halbe Stunde später auch im entferntesten Stadtviertel, wie ein Nachtwächter dem andern zurief: „Du, Jup, häste es alt gehört, et Biest is wedder do'" Ja, giebt es eine Polizeibehörde, die findiger wäre,
ersetzt, weil ein Schutzmann so viel leisten soll, wie zwei Nachtwächter. Schon an anderer Stelle ist dem Magistrat gesagt worden, daß dies unmöglich sei. Demi kem Schutzmann kann soviel Kaffee umsonst im Kaiserkaffee trinten, wie zwei Nachtwächter, kein Schutzmann kann soviel schlafen, wie zwei Nachtwächter. „Aber wie dem auch sein mag, wir Korpsstudenten wollen ihnen immer ein treues Andenken bewahren und uns stets der heitern Momente erinnern1, i die sie uns bereitet haben."
Kaum war die Festrede und der stürmische Beifall, den sie gefunden, verHungen, als auch schon der Vertreter der Nachtwächter, Kraus mit Namen, sich jur Gegenrede erhob und sich für die Anerkennung bedankte, die sie wenigstens bei den Studenten gefunden, uni) ine ihnen ein Trost sei für das ihnen zugefügte Leid. Auch er I erklärte, daß ihnen die mit den Studenten verlebten schonen I Stunden unvergeßlich bleiben würden. Als dann das den „lieben Güsten" gespendete Muhl fein Ende erreicht be- I qann die „Fidelitas". Kraus wurde unter Musikbegleitung Mdne^b«^" dVß °°"ns' de°m mtt' HeEelinpelz 8nf»en &W6 geführt es wurde bunte Reche^ rwk'htpn Niirvurmantel der alten Burschenherrlichke^jt ein I gemacht, nichts unterblieb, was bei einem solchen festlichen SS <mbeni fetStiffen werde* Die Belage zur Tagesordnung gehört. Auch em Sem°swr° ^okwa äch . ,s~)hfpr he§ ?(ortfchrittes und I reiben wurde vorgenommen, und dabei kamen die., Se-^
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