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8.3.1900 Zweites Blatt
 
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Donnerstag den 8 März

1900

Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger

Heneral-Nn^eiger

Nr. 56

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Fernsprecher Nr. 51.

Vnrerrgebet.

ITlit Gott für Freiheit, Recht und Gut!

Wir sind noch nicht verloren.

Und fließt zur Grde rot das Blut: Der Sieg wird drin geboren!

Wir rufen's in die weite Welt: Nicht Ghr- und Ruhmestrachten Trieb uns hinaus ins blut'ge Feld, 3ns mörderische Schlachten!

Wir wollten keines Menschen Land Und niemand's Recht berühren.

3a, nicht ein einzig Körnlein Sand Sollt' unsre Hand entführen!

Herr Gott, Du siehst in unser Herz, Führ' uns an Deiner Rechten!

Bereit uns nicht den höchsten Schmerz Und mach uns nicht zu Unechten!

Gieb, daß wir unser Väter Reich Nicht eh'r dem Räuber lassen, Als bis, wo wir gekämpfet, bleich, Die letzten Knochen blaffen.

Herr Gott, der Du der Wahrheit Wacht, Laß unfre Sache glücken, Und laß uns nach des Kampfes Nacht Den Freiheitsmorgen blicken!"

Unb da««?"

Gießen, den 6. März 1900.

Unter obiger Spitzmarke giebt der PariserFigaro" den Auslassungen eines Mannes Raum, der Menschen und Dinge in Transvaal aus eigener Anschauung kennt, und objektiv urteilend an der Hand der bisherigen Ereignisse in Süd-Afrika, insbesondere der letzten für die Engländer an­scheinend günstigen Erfolge für die wahrscheinliche künftige Gestaltung der Verhältnisse in Süd-Afrika eine Perspektive eröffnet, die die jetzigen Erfolge der Engländer in ein solches Licht setzt, daß darnach für dieselben von einem dauernden Gewinn nicht die Rede sein kann.

Es ist, sagt der Gewährsmann, sehr zweifelhaft, daß die Buren den Kampf aufgeben werden, weil General Cronje von Lord Roberts gefangen wurde, oder weil General Buller Ladysmith entsetzt hat. Ich müßte mich sehr täu­schen, wenn die Buren sich nicht mit derselben Hartnäckig­keit, von der die Verteidigung Cronjes ein Beispiel giebt, bis zum letzten Mann und bis zur letzten Kugel schlagen würden; ja, daß, wenn der Krieg in das Gebiet der beiden Freijtaaten selbst hinüber gespielt ist, selbst Frauen dort

mit eintreten werden und, ausgerüstet mit Martini-Henri- Gewehren, die sie ebenso gut wie ihre Männer das Mauser- Gewehr zu handhaben wissen, auf die Engländer feuern würden, wie ihre Gatten und Söhne auch.

Man wird ungeheuerliche Dinge erleben; die Engländer werden sich gezwungen sehen, auf die Frauen, wie auf die Greise und die Kinder zu schießen.

Kein Zweifel, die Engländer werden zuletzt Sieger fein, aber dann?

Dann werden sie die Wiederherstellung der Ordnung tu diesem Lande in die Hand nehmen müssen, und da sie die Buren nicht haben aus dem Lande treiben können, wie im Süden, der vollständig der britischen Herrschaft unter­worfen ist, so werden die Angehörigen holländischer Abkunft immer noch zahlreicher sein, als die Vertreter der englischen Rasse; die Engländer werden nicht umhin können, mit Hilfe außerordentlicher Maßregeln ihr Regiment zu stützen, und zwar einer Bevölkerung gegenüber, die ihrem größten Teile nach ihnen feindlich gesinnt sein wird.

Ueberall werden sie einem entschlossenen Widerstande begegnen, der keine Gelegenheit Vorbeigehen lassen wird, sich zu äußern, ebenso wohl bei den Buren Transvaals und des Oranjefreistaates, wie bei den Afrikandern des Kap. Ein großer Teil dieser letzteren hegt wohl loyale Gefühle für ihre Souveränin, für welche sie ein Gefühl der Achtung und Verehrung haben, welches man mit dem ver­gleichen kann, welches die verschiedenen Völker der öster­reichisch ungarischen Monarchie gegenüber dem Kaiser Franz Joseph beseelt. In dem einen wie in dem anderen Falle ist dieses Gefühl ein persönliches und naturgemäß nur von begrenzter Dauer. Allmählich, denn der Geist des Buren hat nicht das Gepräge besonderer Lebhaftigkeit, werden die Geister des Widerwillens, die unter den Afrikandern des Kap zu verschwinden begannen, von neuem aufstehen, werden sich verstärken, genährt durch die Keime, welche der gegen­wärtige Krieg in den Köpfen gezeitigt hat, und allmählich wird man sehen, rote sich das Gefühl der Unabhängigkeit und der Geist der Empörung gegen das britische Joch be­merklich macht, wächst, sich vergrößert und sich weiter und weiter verbreitet. Hieraus wird sich mit höchster Wahr­scheinlichkeit ein Verlangen entwickeln, welches bis dahin, obschon die Engländer das Gegenteil behaupten, niemals vorhanden gewesen ist, nämlich der brennende Wunsch, der britischen Macht in Süd-Afrika überhaupt ein Ende zu machen.

Man möge nicht eine Einwanderung von Engländern in die eroberten Staaten erwarten, auch nicht eine Rückkehr der Uitländers. Diese letzteren sind fort auf Nimmer­wiedersehen.

Die Geldmänner, welche die Goldgruben ausbeuten, haben kein Verlangen, sie zurückzurufen; ganz im Gegenteil. Ihre wohlverstandene Absicht ist die, an Stelle der Arbeit

der Weißen die Arbeit der Eingeborenen zu setzen, und dieses System in Kimberley in den Diamantminen in Kraft zu setzen. An Stelle der Weißen, welche man mit 30 Pfd. Sterling für den Monat bezahlt, wird man in die Gold­minen Kaffem einführen, welche 12 Schillinge (12 Mark!) monatlich kosten werden, die, in Kantonnements eingefchloffen, in einer Art verschleierter Sklaverei sich befinden werden, welche das englische Gesetz (!) zuläßt, die aber die Gesetze Transvaals jenen Geldmännern des Randes niemals zuge­standen haben. Es liegt hier übrigens einer der argen, tatsächlichen, natürlich nicht zugestandenen, Grundsätze der­jenigen vor, welche zum Kriege gehetzt haben.

Und in gleicher Weise, tote die weiße Bevölkerung von Kimberley sich feit 20 Jahren vermindert hat, so wird auch die weiße Bevölkerung des Randes abnehmen, und mit ihr der immerhin lebhafte Handel. Aber die Goldgewinnung wird nichts destoweniger eine gewinnbringende fein, und die vier großen Finanzgruppen, welche neun Zehntel der Gold­minen besitzen, werden ihre Gewinne ganz bedeutend erhöhen.

Werden die weißen Arbeiter, welche die Goldindustrie nicht mehr anzieht, im Ackerbau thre Beschäftigung finden? Ganz gewiß nicht. Das Transvaal und der Oranjestaat sind hinsichtlich des Ackerbaues arme Länder. Die Hand­arbeit geschieht dort durch die Kaffem, mit denen der euro­päische Arbeiter nicht in Konkurrenz eintreten kann; und die Buren können nur von dem Ertrag ihrer Ackergüter leben, indem sie mit wenigem zufrieden sind.

Ihre Vorstellungen vom sogen, guten Leben stehen sehr unter dem Niveau europäischer Anschauung, besonders der englischen. Warum sollten englische Auswanderer einen undankbaren Boden für einen nicht hinreichenden Lohn in Afrika bearbeiten, wenn sie in Australien, in Kanada ganz unermeßliche Einnahmequellen finden, und zu gleicher Zeit einen Wohlstand, der dem gleich ist, den sie in Europa ge­nießen können, ja, diesen noch übertrifft?

Nein, Süd-Afrika wird niemals zum größeren Teile von der englischen Rasse bewohnt sein; die holländische Nasse, die das Land gewissermaßen erst geschaffen, es urbar gemacht und bebaut hat, sie, die dort Wurzel gefaßt hat, ist dazu, was auch kommen mag, bestimmt, daselbst in der Majorität zu sein. Die Wohlhabenheit, welche dort die Industrie der Goldminen hervorgerufen hat, wird zweifels­ohne so lange währen als diese Minen selbst, das will sagen, vielleicht 30 Jahre, und wenn man dann nicht neue Lager entdeckt und es spricht nichts dafür, daß dies der Fall sein wird so wird das Land in einer oder zwei Generationen wieder das sein, was es gewesen ist, ein armes Ackerbauernland, das nur für die Bedürfnisse eines Volkes hinreichen kann, welches so bescheidene Ansprüche macht, rote die Buren.

Man mag von hier aus beurteilen, welche Aussichten die Engländer haben, wenn sie aus der Bevölkerung Süd-

Feuilleton.

Die Mitschüler des Kronprinzen in Plön, die bisherigen Oberprimaner des dortigen Kadettenhauses, Gras von Hochberg, Freiherr zu Fürstenstein, Sohn des Ge­neralintendanten der Königlichen Schauspiele Grafen Bolko Hon Hochberg, von Sommerfeld und Steinbömer, welche mit dem Kronprinzen am 22. Februar die Reifeprüfung nach den Anforderungen eines Realgymnasiums bestanden haben, sind laut Allerhöchster Kabinettsordre d. d. Huber­tusstock 24. Februar er. als Fähnriche in der Armee an­gestellt, und zwar Gras Hochberg im ersten Garde-Regiment KU Fuß, von Sommerfeld im Königin Elisabeth Garde-Gre- nadier-Regiment Nr. 3 und Steinbömer im Hessischen Feld- Artillerie-Regiment Nr. 11.

Zur Verheiratung der Kronprinzessin- Witwe Stephanie. DieNeue Freie Presse" erfährt, daß die Kronprinzessin-Witwe Stephanie am Mittwoch, den 7. März, von Wien nach Schloß Miramar bei Triest ab­reist, woselbst am Donnerstag, dem 22. März, ihre Ver­mählung mit dem Grasen Elemer Lonyay stattfindet. Be­gleitet wird die Kronprinzessin-Witwe von ihrer Tochter, der Erzherzogin Elisabeth, dem Oberhosmeister Grasen Eholoniewski, drei Hofdamen und Dienerschaft. Die kirch- ltche Trauung findet in aller Stille in der Schloßkapelle von Miramar durch den Wiener Hofburgpfarrer Bischof Laurenz Mayer statt. Es heißt, ein Erzherzog werde der Trauung beiwohnen. Graf Lonyay traf schon Ende Fe­bruar in Triest ein, da er als Ungar drei Wochen im ?rke des Aufgebots seinen festen Wohnsitz haben muß. ^-nt einigen Tagen ist er vorübergehend in Wien. Nach

seiner Vermählung macht das Paar eine Reise nach der Riviera, wenn das Wetter günstig ist, zur See mit einem Lloyddampfer. Gestern, Sonntag, gab die Kronprinzessm- Witwe in ihren Apartements in der Burg ein Abschieds­diner, wozu meist frühere Oberhosmeister und Hofdamen geladen waren. Nach der Rückkehr von der Riviera nimmt das Paar den Sommeraufenthalt in Rodaun bei Wien.

Ein aufmerksamer Schwiegersohn. Fol­gendes nette Geschichtchen wird über einen bekannten Pariser Arzt, der viele vornehme Damen der Seinestadt zu seinen Patientinnen zählt, ausgeplaudert: Vor kurzem wurde Dr. B. zur Baronin de M. gerufen, die über starkes Kopfweh, Gliederschmerzen und allgemeine Schwäche klagte. In der Erwartung, der Arzt werde bei ihr die Modekrank­heit Influenza konstatieren, irrte sich Madame aber.Ich werde Ihnen sagen, was Sie thun müssen, um sich in wenigen Stunden wieder wohlauf zu fühlen", bemerkte der ärztliche Ratgeber.Schaffen Sie sofort jenen ameri­kanischen Ofen dort ab, der die Luft in Jhtem Zimmer mit schädlichen Gasen erfüllt. Diese modernen Kohlenöfen sind wahre Giftreservoire, die kein menschliches Wesen, dem am langer Lebensdauer etwas gelegen ist, in seiner Nähe dulden dürfte."Der Ofen aber hat mich 120Frcs. gekostet", protestierte die Baronin.Ganz egal, besser die größte Geldsumme verlieren, als Gesundheit und Leben. Ich werde Ihnen einen Vorschlag machen. Hier haben Sie 25 Frcs., überlassen Sie mir dafür den Ofen und ich werde schon sehen, wie ich das Teufelsding los werde." Die Dame willigte ein, und der. Doktor ließ den Ofen ab­holen. Nach wenigen Tagen begab sich die einen Woh­nungswechsel beabsichtigende Aristokratin auf die Suche nach einem neuen Logis. In einem Salon der ersten Woh­nung, die sie inspizierte, entdeckte sie ihren Ofen.Wer

wohnt hier?" fragte sie die sie umherführende Dienerin. Mm. E., die Schwiegermutter des berühmten Dr. B.", lautete die respektvolle Antwort. Mit einem verständnis­innigen Lächeln trat die Baronin in den nächsten Salon.

Mmaristisches.

Berliner Französisch. In einer größeren Gesellschaft befindet sich auch eine Pariserin, die ziemlich gelangweilt dasitzt, weil sie einer deutschen Konversation nicht mächtig ist. Deshalb stellt die Frau des Hauses an die Anwesenden die Frage, ob jemand französisch spräche.

Einen Augenblick herrscht Stille; dann ertönt aus irgend einer Ecke:Je!!

Aus dem iSeschäftSleven. Ein Geschäftsreisender ist von seiner Frau mit Drillingen beschenkt worden, als er gerade im Begriffe steht, sich auf die Tour zu begeben. Jnfolgedeffen fühlt sich sein Chef verpflichtet, für diesesmal sein eigner Reisender zu sein. Er betritt das Haus des ersten Kunden.Nanu, Sie reisen jetzt?" empfängt ihn dieser.Ja, was soll ich machen? Mein Reisender ist plötzlich Vater von Drillingen geworden!"Ach Gott, der arme Kerl! Er hat doch schon so eine Menge Kinder," äußert der Kunde bedauernd.

Der Chef besucht den zweiten Kunden.Was ist denn los? Sie reifen jetzt persönlich?" ruft man ihm entgegen, und aus feine Er­klärung erfolgt prompt die mitleidige Antwort:Nein, thut mir der arme Mensch leid, bet seinem geringen Gehalt, und dazu gleich drei!"

Der Chef kommt zum dritten Kunden:Wo kommen Sie denn her? Ist denn Ihr Reisender weg?"Nein, aber bei meinem Reisenden sind Drillinge angekommen."Was sagen Sie?! Drillinge? Sie! Das ist ja großartig! Nein, freut mich das! Das geschieht dem Kerl recht!"Aber erlauben Sie 'mal, warum freut Sie denn das so ungemein? Sie sind wirklich der erste, dem der Mensch nicht leid thut!"Nee, wissen Sie," grinst der Kunde,das gönne ich dem . . .! Jetzt sieht er doch wenigstens einmal, was das heißt, wenn man ein Stück bestellt, und dreie kommen an!!" (Münch. Jugend.)