Der Krieg in China.
Der Berliner amerikanische Botschafter White erklärte in einer Unterredung bezüglich der Bemerkung des „Standard" „daß der Beitritt der Union zur Stärkung des Einvernehmens unter den Mächten nicht beigetragen habe und daß er nur als Fessel auf die europäische Diplomatie gewirkt habe", daß der „Standard" wohl nicht so ganz unrecht habe. Man müsse aber immer im Auge behalten, daß die Union keinerlei Gebietserwerbungen in China suche, sondern nur und ausschließlich kommerzielle Vorteile zu gewinnen hoffe. Es sei aber auch nicht wahr, daß die Bereinigten Staaten sich der Bestrafung der Schuldigen in China widersetzen. Im Gegenteil verlangten die Bereinigten Staaten ebenfalls die Bestrafung der chinesischen Missethäter, nur seien die Bereinigten Staaten der Meinung, daß man diese zuerst; haben müsse, bevor man sie verurteile, daß es ferner sehr schwer sein dürfte, die wahren Schuldigen zu fangen oder ausgeliefert zu erhalten, und daß die als „irre- vocable" bezeichneten Bedingungen der Gesandten in Peking nicht den Charakter eines Ultimatums haben dürfen, also nicht „irrevocable" sein sollten. Denn, wenn es den Mächten nicht gelingen sollte, die als „irrevocable" bezeichneten Bedingungen durchzusetzen, so würde das für die Mächte doch demütigend sein, besonders in den Augen der Chinesen. Es ist gerade auf die klugen Vorstellungen des chinesischen Gesandten in Washington zurückzuführen, wenn die Vereinigten Staaten ihre gegenwärtige Haltung einnehmen; denn derselbe erklärte wiederholt, daß'nur solche Forderungen der Mächte auf den chinesischen Hof und das Wnesische Volk Eindruck machen könnten, welche die Mächte auch zu erzwingen im stände seien. Botschafter White hatte idieserhalb eine Llnter- redung mit dem Staatssekretär Frhrn. v. Richtbofen, worin dieser erklärte, daß sich Deutschland d e'r A n s i ch.t der Vereinigten Staaten jetzt an geschlossen habe. —
Graf Waldersee meldet aus Peking, 4. Dezember: In der Provinz Schansi sollen stärkere reguläre Truppen unter dem General Ma stehen und die Pässe im Gebirge an der Grenze von Tschili besetzt halten. — In P a o t i n g f u fand beim Räumen eines Pulvermagazins eine E x p l o - s i o n statt. Ein Pionier i st tot; verwundet sind Leutnant W o l f g r a m m und vier Pioniere.
Der „Reichsanz." teilt mit, daß das Kommando des ostasiatischen Expeditionskorps angewiesen ist, jeden Todesfall und jede Verwundung telegraphisch dem Kriegsministerium m i t z u t e i l e n. Sobald die Identität des als tot oder verwrrtkdet Gemeldeten feststeht, werden die Angehörigen sofort benachrichtigt.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In einem Telegramm des Vizekönigs Li-Hung-Tschang an die Berliner chinesische Gesandtschaft, das von dieser dem Auswärtigen Amt unterbreitet worden ist, wird mitgeteilt, daß der neue Gouverneur Sih-liang der Provinz Schansi, im Gegensatz zu seinem fremdenfeindlichen Vorgänger Huh- fien, seit der vor zwei Monaten erfolgten Uebernahme seines Postens mit aller Strenge gegen die Boxer vorgehe, über 80 Anführer der Aufständischen habe öffentlich hinrichten lassen und die Missionare mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln schütze.
Die Gerüchte, daß der f beabsichtige, nach Peking zurückzukehren, treten mit immer größerer Bestimmtheit auf. Angeblich erhielten die Behörden die Weisung, den Frühjahrs-Tributreis wie üblich nach Peking zu senden. Chinesische Blätter melden, der Hof beschloß, ein Edikt zu erlassen, der die Hinrichtung T u a n,s und T u n g- fuhsiangs verfügt. — Die Kaiserin-Witwe feierte am 30. November ihren Geburtstag. Diese Feier gab früher immer Anlaß zu großen Demonstrationen, die jedoch dieses- Jahr unterblieben. Wie man erfährt, begaben sich Li- Hung-Tschang und Prinz Tsching ins Tsunglipamen, um für die Kaiserin-Witwe Gratulationen zu überbringen. Den dortigen Zeremonien wohnten auch mehrere andere Würdenträger bei. Am Hoflager in Singanfu fanden große Festlichkeiten statt. Die Kaiserin-Witwe erhielt viele Geschenke aus den Provinzen und die Vizekönige schickten ihr viel Geld und Silber. Aus Shanghai wird gemeldet, daß ein kaiserliches Edikt den General Tungfuhsiang aller Würden entkleide und ihm „nur" noch das! Kommando über die Truppen lasse, die er in der Provinz Kansu zu führen hat. Man betrachtet dies?
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150. Jahrgang
Dezember
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«elegrarume des Gießener Anzeigers.
Bn, 6. Dezember. Die Menschenansammlungen DOtitwn Domhotel hatten gestern nachmittag an Ausdeh- vuinz arbgenommen, und verliefen sich gestern abend ganz w.'-Wibes heftigen Regenwetters. In der Nacht erhob sich hiM rim orkanartiger Sturm, der bis zum Morgen wütete, unDiWh anhält.
London, 6. Dezember. Gestern fand hier eine Ber- ammlung statt, die von der liberalen Liga einberufen war und der mehrere Parlamentarier beiwohnten. Robert- on, der aus Südafrika zurückgekehrt ist, teilte in der Versammlung mit, man mache sich in England keinen Begriff von den in Südafrika herrschenden Zuständen. Redner versicherte, er habe mit eigenen Augen einen Befehl Lord Robert- gesehen, in dem dieser die Einäscherung von 40 Farmen auordnet.
be-nt Krüger."
D je Universitätsjugend von Budapest hat be>a Beschluß gefaßt, an Krüger eine Begrüßungsabresse
Wien, 6. Dezember. Die von den Wiener Bürgern veranstaltete Buren-Feier hat;gestern abenb im Sophien- Saale unter zahlreicher Beteiligung stattgefunben. Der Saal war mit Fahnen in bett Farben Transvaals unb Oesterreich-UngarnS geschmückt. Mehrere Rebner bestiegen bie Tribüne unb gaben ihrer Sympathie für bas um seine Freiheit unb Unabhängigkeit kämpfenbe Burenvolk Ausbruck. Der ehemalige Kriegsgefangene Dr. Lenz erzählte sodann einige von den Engländern an ihm verübte Grausamkeiten. Sodann wurde eine Sympathie-Adresse an den Präsidenten Krüger abgesandt. Ein Ehrengeschenk von zahlreichen Sympathie-Bezeugungen begleitet, soll in den nächsten Tagen an den Präsidenten Krüger abgehen.
Budapest, 6. Dezember. Kaiser Franz Josef soll auf Grund des Berichts des Grafen Goluchowsky über den Nichtempfang Krügers durch den deutschen Kaiser der Ansicht Ausdruck gegeben haben, daß die Angelegenheit der südafrikanischen Republiken nicht den Gegenstand der Einmischung der Großmächte bilden könne.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietze«.
Fernsprecher Nr. 51.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter füf hessische Volkskunde.______________
Ohm Krüger.
Köln, 5. Dezember.
Krüger empfing zahlreiche schriftliche und telegraphische Äegritßilngen. Namens der dentschen Centrale für Seen« bfigung des Burenkriegs (Sitz München) sandten im An- fctjlliiß in den bereits früher dem Präsidenten übermittelten Alisdmick der Gefühle von weit über eine Million T^ulsicher die Herren Max von Pettenkofer, Pros. Grüber, PS-of. Günther, Prof. v. Defregger, Prof. Lipps, sowie Margaretha Selenka folgendes Telegramm:
„Sn dem Augenblicke, in welchem Giro. Exzellenz den Boden des ftar»merrvandten deutschen Landes Betreten, bringen wir aus tiefstem mssere heißen Wünsche für einen glücklichen Erfolg Ihrer Reise hier. Mchte es Ihnen, dem erlauchten Führer seines Volkes in dem heLigm Kampfe für Haus und Hof, für Weib und Kind, für Freiheit umd Vaterland, beschieden sein, für Ihr Volk bald einen dauernden, die vü Tize Unabhängigkeit Ihres Landes sichernden Frieden zu erreichen.
tiefer ruchlose alles Gefühl für Recht und Menschlichkeit aufs verletzende Krieg ein schleuniges Ende finden, und zum Heile noinenlos leidenden Volkes, zur Freude und Genugthuung der 3®m|tn tr. Meidenden gesitteten Welt."
Krüger nahm mehrere Oberlehrer bes königlichen Friedrich Wilhelm-Gymnasiums zu Köln unter Wchimg bes Geh. Regierungsrates Prof. Dr. Jäger an. G?uas Metternich begrüßte ihn im Namen mehrerer AHuligm.
Kriüger zeigte sich einige Male auf bem Balkon bem umh beim Hotel angesammelten Publikum. Gegen 4 Uhr nauchniilitags besichtigte ber Präsident den Dom, wohin er süitzzu Fuß begeben hatte. Die Menge brachte ihm auf dem Mge begeisterte Ovationen dar. Im Dome wurde K ügcr vom Dompropst Dr. Berlagi begrüßt und herum- geMt. Zwei junge Engländer, die Ansichtspoft- 7ei tltiu mit dem Bildnis Krügers in der Hand hip.Ileki, spuckten auf dieselben und warfen sie zu Boden, wi« sie dann darauf herumtrampelten. Mehrere Herren ftfilöieii sie zur Rede und züchtigten sie. In der Nacht ripM Mittwoch versuchte eine Anzahl mit Steinen bewaff- neun öeute, die Fenster des englischen Konsulats ei rvzu werfen; sie wurden jedoch daran verhindert. Im PMss-Hotel fand heute abend ein großer Festkommers 5iu tijren Krügers statt, an dem auch Dr. Leyds teilnahm. DiÄ- Menschenansammlungen dayern trotz des schlechten W-MrS fort. Krüger verläßt bekanntlich morgen früh KM llhr Köln. Umfassende Absperrungsmaßregeln sind an- gkMdaer. Im Haag wird Krüger von der Königin Wil- empfangen werden.
Einem Berichterstatter sagte Dr. Leyds, Krüger habe ei m Entschluß, von Paris aus nach Deutschland zu ceichtii, ganz selbständig und unbeeinflußt gefaßt; er habe gct^in, was ihm der Situation entsprechend nützlich unb da s Nächstliegende zu sein schien; insbesondere hätten die Frim;c»sen in dieser Richtung ihn nicht beeinflußt. Ein Be- schÄch darüber, ob Krüger später nach Berlin komme, sei noch nicht gefaßt. Die Entwickelung der Dinge bleibe ab- WM orten. Krüger sei weit davon entfernt, seine Sache aM lerloren zu betrachten.
Eine aus Wien vorliegende Meldung, im Einvernehmen miit bec deutschen Regierung seien von Seiten Oesterreich- UriMins und Italien diplomatische Schritte erfolgt, damit KrdBgir die Reise nach Wien und Nom unterlasse, wird von' umiimichteter Seite als unzutreffend bezeichnet. Ebenso- roennij entspreche eine andere Meldung, wonach zwischen de:n deutschen Auswärtigen Amt und dem Präsidenten Kritchr ein lebhafter Depeschenwechsel stattfinden soll, den TAcckcheu.
Vtr Legationssekretär der südafrikanischen Republik 3clm btr Hoeven hat im Auftrage Krügers einen KuaiiZj am Sarge Kaiser Wilhelms I. im Mauso- ^ii;ibi jiii Charlottenburg niedergelegt. Die Schleife de^ krarnzeS, die in den Farben der südafrikanischen Republik rnrgejccligt war, trägt die Widmung: „Dem unvergeßlichen Kaiser in dankbarer Erinnerung, Präsi-
pifvieinl täglich mi. Insnahinc des
NontagS.
Die Gießener MMwitteubtätter Wizfrltr Dem Anzeiger inrvVrchskl mit „Hess. La-ativirt" u. „Blätter füü h'ff. Volkskunde" tt iijtl. 4 mal beigelegt.
Sto. 287 Zweites Blatt
Telegramme des Gießener Anzeiger-.
London, 6. Dezember. In Worcester wurde der Eigentümer der Zeitung „Advertiser" gestern verhaftet. Die Verhaftung erfolgte wegen eines Artikels des Blattes vom 24. November, in dem über verschiedene Greuel- thaten der Engländer in Südafrika berichtet wurde. Der Artikel wurde als aufrührerisch betrachtet.
London, 6. Dezember. Wie aus Pietermaritzburg gemeldet wird, besuchte Lord Roberts gestern dort die Kadettenschule. In einer Ansprache an die Kadetten hob er die Notwendigkeit einer guten Ausbildung in diesen Schulen hervor.
London, 6. Dezember. Lord Balfour wird, wie berichtet wird, in der ersten Parlamentssitzung im Namen der Regierung erklären, daß dieselbe befohlen habe, die Ausplünderungen bet Farmen in Sübafriko einzustellen.
London, 6. Dezember. Lord Kitchener berichtet aur Bloemfontein: General Knox hatte gestern ein neues Gefecht mit Dewet auf dem Wege zwischen Bethulie und Smithfield. Der Feind wurde zurückgeschlagen Während der Nacht zogen sich die Buren vollständig zurück Die Kolonne Pilcher führte eine Umgehung aus, die der Rückzug der Buren zur Folge hatte. Die Garnison vor Utrecht hatte gestern ein Gefecht mit 200 Buren, du zurückgeworfen wurden. In der Nähe von Edinburx wurden ebenfalls Buren-Kommandos bemerkt. Es wurder englische Truppen dorthin gesandt, die bereits gestern eit Gefecht mit 150 Buren hatten, bie in die Flucht geschlager wurden. Die Engländer erbeuteten in diesem Gefech 9 Wagen.
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Buren und Engländer.
Ein Kommando von 50 gut bewaffneten unb berittenen Buren erschien plötzlich in einem Ort in der Nähe von Ladysmith und plünderte ihn. Eine der von der Plünderung betroffenen Personen traf in Ladysmith ein und berichtete, daß noch ein zweites, etwa gleich starkes Buren- Kommando in der Nachbarschaft aufgetaucht sei.
Londoner Blätter melden aus Pretoria vom 3. d. M.: Es verlautet, daß die Kommandanten Erasmus und Viljoen bei Bronkhorst Spruit eingeschlossen seien.
In Grahamstown entdeckte man, daß die Telegraphenlinie dicht bei der Stadt durchschnitten war. Es herrscht dort infolgedessen große Erregung. Grahamstown liegt nordöstlich von Port Elizabeth, etwa 90 Kilometer mit der Eisenbahn von letzterm Ort entfernt. Es ist ein wichtiger Handelsort mit gegen 8000 Einwohnern.
In Kapstadt ist am 5. Dezember der Dampfer „Viktoria" mit 200 gefangenen Buren nach der Insel St. Helena abgefahren.
Eine zweite Resolution zu Gunsten der Buren wurde der Kammer in Washington unterbreitet. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: Da durch den südafrikanischen Krieg ein tapferes und braves Volk sicherlich ausgerottet werden würde, ein Volk, das für seine Heimat und Freiheit kämpft, beschließt der Kongreß der Vereinigten Staaten, im Namen der Humanität und Civi5isation Protest gegen diesen Krieg einzulegen, der alle freiheitsliebenden Leute beleidigt. Der Kongreß empfiehlt der Königin Victoria, daß es weise und klug wäre, ein Schiedsgericht anzunehmen, um den Grausamkeiten in Südafrika ein Ende zu setzen.
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Gießener Anzeiger
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