Ausgabe 
7.12.1900 Drittes Blatt
 
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Freitag den 7. Dezember

150» Jahrgang

1900

GießenerAnzeiger

Beamter

General-Anzeiger

Asnts- und Zlnzeigeblutt für den Kreis Gieren

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mir i elbar nach Beendigung der Konitzer Prozesse nach dem Wefftn versetzt wird, so könnte dies den Eindruck machen, daß viel Zuslizverwaltung dem Drängen der antisemitischen Pr i sse nachgcgeben habe, die denn auch ein Triumphgeschrei ctbHl. Es ist selbstverständlich, daß die Justizverwaltung weiL davon entfernt ist, ihre Entschließungen durch die Wtünilche der antisemitischen Partei irgendwie beeinflussen zu lllchv-, aber sie mußte auch den Schein vermeiden, als ob dies geschähe, und zwar auch dann, wenn die Versetzung ou'f tegung des Beamten ausgesprochen worden wäre, dernil ai! ch dann mußte eine gelegene Zeit hierfür ab-- gertwrlel werden. Wie sich die Justizverwaltung bei solchen 'la.llüsseli zu verhalten hat, kann aus dem Verfahren deLe Jufstizministers gelegentlich des Prozesses Buschoff entwnen werden; auch damals richtete sich der Haß den antisemitischen Presse gegen die Beamten der StiillSamwaltschaft, vor allem den damaligen Oberstaals- annimlt deS Oberlandesgerichts Köln, den jetzigen Prä« ftoiüiitn dieses Gerichtshofes, und es fehlte mit Nichten an Pr ü stuÄlaffungen, die seine Versetzung verlangten. Die batomlige Justizverwaltung hatte aber kein Ohr hierfür, sie verrmd auch den Schein, als ob sie sich zu einer Maßregel bcfitiznwn ließe, die ausschließlich im dienstlichen Interesse verAgt werden kann. Es mag ja sein, daß dienstliche Är iiM für die Versetzung des Herrn Settegaft sprachen, vieUuicht war sie auch schon längst in Aussicht genommen, aben iann mußte ein auderer Zeitpunkt für ihre Ausführung gttiti^ werden.

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bekannt ist und als kein sonderlicher Nachteil gilt, während die reine Schwefelsäure bei der Verarbeitung von Glucose und Zucker zu Fabrikationszwecken benutzt und arsenikfrei verbürgt wird. Nun soll aber eine Glucosefabrik statt der reinen Schwefelsäure die Marke ordinary commercial bei ihrer Fabrikation verwandt haben, sodaß ein nicht unbe­trächtlicher Arsenikniederschlag in ihre sämtlichen Fabrikate gelangte, die mit dieser Partie Schwefelsäure behandelt worden waren. Es giebt in England nur etwa ein Dutzend Glucosefabriken, da ein beträchtlicher Teil des Erzeugnisses von Amerika eingeführt wird. Die meisten dieser Fabriken haben ihren Absatz in Brauereien, Gerbereien und Fabriken von Eingemachtem und Syrup, diejenige Fabrik aber, die man hier ins Auge gefaßt hat, liefert nur an Brauereien, und zwar in einem bestimmt abgegrenzten Kreise. Als man erst auf bestimmte geringe Biersorten bei der letzten Suche nach Arsenik aufmersam wurde, stellte sich heraus, daß in allen Fällen bei der Herstellung Glucose oder Stärkezucker verwandt worden war. Man dachte alsbald auch an Ein­gemachtes und Syrup, fand aber dabei in der Untersuchung massenhafter Proben keine Spur des Giftes und schloß, daß bei Herstellung der dabei benutzten Glucose nur reine Schwefelsäure gedient habe. Damit war das Untersuchungs- feld auf Bier beschränkt, und da sti'ß man denn auch auf Proben, die Arsenik in lebensgefährlicher Menge enthielten. ES wird sich also demnächst um die Frage handeln, ob Glucosefabrikantcn die Marke ordinary commercial al- reine Schwefelsäure verkauft, oder ob Brauer in st äflicher Unwissenheit oder mit bloßer Rücksicht auf die Billigkeit wissentlich ordinary commercial statt reiner Schwefelsäure gekauft und verwandt haben. Eine Brauerei, deren Bier arsenikhaltig befunden wurde, legte sofort die Hand auf sämtliches Bier, das sich noch in den Kellern ihrer Kunden befand, und warnte die Schenkwirte, keinen Tropfen mehr zu verzapfen, bis es durch sachverständige Untersuchung als rein und unschädlich befunden sei. Die fragliche Brauerei soll bereits den Schaden auf Tausende von Pfunden be­rechnen. Die Mäßigkeitsapostel haben sich alsbald die Bier- Panik zunutze gemacht und für den Augenblick glänzende Erfolge zu verzeichnen. Ob aber nicht im weiteren Ver­laufe die bisherigen Bierfreunde sich dem Schnaps zuwenden werden, bleibt abzuwarten.

* Der Bau der Jungfraubahn macht rüstige Fortschritte. Nach dem am 3. April erfolgten Tode Guver Zellers beschränkte man die Arbeit auf Fertigstellung der Strecke Eigergletscher bis Rothstock, die denn auch am 3. August 1899 dem Verkehr übergeben wurde. Der Weiterbau des Tunnels über die Station Rothstock hinaus blieb dann des Betriebes wegen eingestellt. Er wurde erst am 1. November 1899 in vollem Umfange wieder ausge­nommen und bis Mitte Mai 1900 weilergeführt. Erst am 1. Oktober konnte der Betrieb wieder ausgenommen werden und schreitet nun rasch vorwärts. Es wird wie früher in drei achtstündigen Schichten bei Tag und Nacht gearbeitet. Es sind bis zur Station Eigerwand noch 1037 Meter Tunnel vorzutreiben, was einen Zeitraum von rund vier­zehn Monaten beansprucht (Oktober 1900 bis Dezember 19u1). Es wird während der Betriebszeit 1901 der Tunnelbau wahrscheinlich nicht wieder eingestellt werden müssen, da ja die Materialjorderung dann durch den neuen Stollen gehen kann. Auf StationEigerwand" wird dann die Station Eismeer" (3600 Meter über dem Meere) folgen. Die zwischen beiden zu überwindende Tunnelstrecke beträgt 1400 Meter. StationEismeer" wird die höchstgelegene und merkwürdigste Eisenbahnstation von ganz Europa sein.

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® besten deren, l6hörde als solche.

Politische Tagesschau.

Wit lesen in derKöln. Ztq.": Die Versetzung des bis­her iW (' rsten Staatsanwalts in Könitz, Settegast, nach Situ- burtg o. LS. ist geeignet, weithin Aufsehen zu erregen. An sich- sicht es ja selbstverständlich in dem Ermessen der Justiz- uctnüflltung, die Beamten der Staatsanwaltschaft im Jn- ter»:H dl s Dienstes zu versetzen, und eS wird auch wohl k.iili m Zuveifel unterliegen, daß den meisten Staatsanwälten

die Verlegung der Zentral-Werkstätte nach einer anderen Stelle herbeiführen können: Den Vorstand des Handels- Vereins,Ecooptiert durch Delegierte der anderen Vereine, zu beauftragen, bei allen geeigneten Stellen vorstellig zu werden, damit unsere Stadt vor einer Verkürzung ihres wirtschaft­lichen Besitzstandes bewahrt bleibe." Weiter gelangte alsdann nochsfolgendeResolution zur Annahme:In fernerer Erwägung, daß verschiedene Bahnverbindungen weder den Interessen der Provinz noch der Stadt entsprechen, einzelne Bezirke gerade von der Residenz abgeschnitten sind, beauftragt die Versammlung den erweiterten Vorstand des Handels Vereins, erwähnte Mängel zu Prüfen und das zu einer Beschwerde geeignete Material zur Abhülfe zunächst dem Präsidenten des Finaniministeriums Gnauth zu übermitteln."

Marburg, 4. Dezember. Gestern abend spielte sich auf einem hiesigen Postamte zwischen einem Postbeamten und einer Bäuerin aus der Umgegend folgende köstliche Szene ab: Die Bäuerin lieferte ein Packet ab; als sie der Postbeamte darauf aufmerksam machte, daß das Packet keine Adresse trage, und sie fragte, für wen das Packet bestimmt sei, antwortete sie verwundert: Ei, an den Emil! Und als diese Antwort dem Postbeamten nicht ge­nügte, fügte sie hinzu: Ei, an den Emil in Wiesbaden! Der Beamte machte sie nun darauf aufmerksam, daß die Poft unter diesen Umständen nicht das Packet befördern könne. Der richtigeEmil" in Wiesbaden ließe sich schwer ausfindig machen. Verwundert den Beamten ansehend, nahm die Frau das Packet wieder an sich, und an der Findigkeit der Post verzweifelnd, murmelte sie kopfschüttelnd im Fortgehen:Ist das aber eine Arbeit; die kenne noch nicht einmal den Emil, den kennt bei uns zu Hause doch jedes kleine Kind!" O. Z.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Bei der letzten Ziehung der hessischen Klassenlotterie sind die beiden ersten Hauptgewinne nach Oberhessen gefallen; der erste mit 60 000 Mk. fiel in eine Kollekte nach Schotten, das betr. Los wird in kleinen Anteilen gespielt, der zweite Gewinn mit 15 000 Mk fiel in eine Kollekte nach Büdingen. Die Lehrerstelle in Fleschenbach (Kreis Lauterbach) wurde dem Schulverwalter Jnderthal aus Rödgen zur Verwaltung übertragen. In Darm­stadt ist der Königl. Baurat i. P. Oskar Hirsch auf einem Spaziergange von einem Schlaganfalle betroffen worden, der dessen alsbaldigen Tod herbeigeführt hat.

Vermischtes.

* Massenhafte Arsenikvergiftung. Großes Aufsehen hat seit mehreren Tagen in Manchester und Nachbarschaft die Feststellung massenhafter Arsenikvergiftung verursacht. Bisher sind zur öffentlichen Kenntnis und Ver­handlung einige 660 Fälle gelangt, von denen über sechzig tätlich verlaufen sind. Eme ganze Weile schien der Ursprung dieser zahlreichen Vergiftungsfälle, Die sozusagen ohne Ausnahme sich unter die Arbeiterbevölkerung verteilten, im höchsten Grade rätselhaft, bann aber stellte sich nach langen Untersuchungen heraus, daß hier und da Arsenik in Bier gefunden wurde. Nunmehr begannen neue Unter­suchungen. Bierproben aus Kneipen, die meilenweit von einander entlegen waren und aus Brauereien im ganzen Norden Englands und Brau-Ingredienzien ans dem ganzen Lande wurden untersucht. Man kam dabei auf allen mög­lichen Gedanken und glaubte vorübergehend sogar, der Hopfen sei durch Bespritzung mit Chemikalien zum Schutze gegen Insekten äußerlich arsenikhaltig und in der trockenen Jahreszeit nicht durch Regen vom Giftstoffe wieder befreit worden. Doch bald gab man diese Annahme wieder auf und neigte sich dem Gedanken zu, daß der in der Brauerei geringerer Biere verwandte Zucker in einigen Fällen arsenik- haltig gewesen sein könnte. Sobald übrigens diese An­nahme an die Oeffentlichkeit gelangte, hüllten sich die Sach verständigen aus übrigens verständlichen Gründen eS schwebt eine Leichenbeschau - Untersuchung in tiefstes Schweigen. Heute will nunDaily Mail" trotz dieses Schweigens in der Lage fein, die genaue Erklärung des Geheimnisses zu geben. Eine spanische Kupfergrube war nach ihren Darlegungen der Ausgangsort des Arseniks, das diese große Anzahl Menschen vergiftet hat. Es wurde nach England eingeführt durch eine chemische Fabrik in Yorkshire in Gestalt von Pyrit, daS in ihren Werkstätten zu Schwefel- säure verarbeitet wurde. Bei Schwefelsäure macht man den Unterschied zwischen reiner Schwefelsäure und der billigen Sorte, die als ordinary commercial bezeichnet wird, haupt­sächlich zur Färberei dient und wobei ein Beisatz von Arsenik

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Armen ein

die i Wahl! zwischen Limburg und Könitz nicht schwer fallen ftvIümnA ii / Aber hier hat der Justizminister einen Beamten UXierner 6OIM t,cr öon der antisemitischen Presse in stärkster Weise 9 toupiert, aus .Loy' unprftiniet wurde, dem man in unzweideutigen Worten en Belohn, abjuqeben imvor Mts, alle Spuren nicht beachtet zu haben, die auf eine / . ScLuld der Juden hindeuteten. Wenn dieser Beamte nn-

31ms Stadt und Fand.

Gießen, 5. Dezember 1900.

" Personalnachrichten. Der Großherzog hat am 22.!, November den durch die Dekanatssynode des Dekanats WlES für den Rest der im Jahre 1908, bezw. 1903 ab- lauiifiiiben Wahlperioden vollzogenen Wahlen des evangelischen PfiimrS Peter Schneider zu Hochheim zum Dekan und deSL ivangelischen Pfarrers Paul Benemann zu Worms zulllli Stellvertreter des Dekans des Dekanats WormS die

Scufiiliguing erteilt.

0 Rödgen, 4. Dezember. Hier wird soeben ein Weih- naichis spiet vorbereitet, das weitere Kreise interessieren büujfti. In Anlehnung an die früheren geistlichen Dolks- schÄchr-le soll die heilige Geschichte zur Darstellung gemacht: werden, und zwar unter Zuhilfenahme der Mittel d'.rc modernen Bühne. Eine in wundervollen Orientalin schlcn Karben gemalte palästinische Landschaft bildet die SzMii e, die Mitwirkenden spielen in historisch getreucn Kownie ti, soweit sich dies auf einfachem Wege Herstellen 8. lief^ lebendige, packende Szenen, in denen die Hoffnuna

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6f Hirßener '«MillcrrötLtlcr eetfcei fctm Anzeiger Im IBifilti mitHess CasUW u.Blätter für hilf. Sollstunbt r-ßchittlinol beigelegt.

Familien Nachrichten.

Geburtenr Dem Philipp Dumont in Offenbach ein Sohn.

Verlobter Emma Heß mit Moritz Löwenberg. Schotten-Lim­burg (Lahn). Minna Decher mit Heinrich Bert. Alsfeld-Schlitz.

Gestorben: Wilhelm Erbes, Weißbindermeister, in Darmstadt. - Käthchen Schnnerle in Offenbach a. M. Johann Christoph Riesling 5rJtrrkn^Uttm Elisabeths Katharine Hartmann geb. Waldeck in Isfeld Margarethe Mäser Ww geb. Hardt in Aulen-Diebach. Reinhard Wickel in Ober-Mockstadt. Amalie Loeb Ww. geb. Neu. mann m Dürkheim. Karl Kahrhof, Schreinermetster, in Darmstadt.

Margarete Elisabeths Metzger geb. Heim in Darmstadt. Bernhard Benz in Schleifmühle bei Arheilgen. Lorenz Schwerzel in Offenbach. rZrau Kreistierarzt Krell geb. Schmidt in Herborn. Daniel Kauf- maun in Köln.

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»ns lieft Jltfoenbige, packende Szenen, in denen die Hoffnuna Gasts*"^.. Ml der- Zerfall Israels, die Verkündigung des Heilandes, / h- * bie)l 8nbetun0 des Kindes nsw. zur Darstellung kommen, l sin:d Don lebenden Bildern durchsetzt. Daß dabei das ganze

r flflk löfv GM lediglich von Kindern der hiesigen Schule aufgeführt I iflCPf Vivv'**6 wiiÄ, ll»ahrt ihm den unverletzbaren keuschen Charakter. I |8)vl1 ' i Dm Zu schauer sind als feiernde Gemeinde aufgefaßt, und ihrer jeweiligen Stimmung während des Spieles von w"1 fr du-iH Absingen passend ausgewählter Choräle Ausdruck. fL Scene B f W sind in besonderen Programmen zusammengestellt.

er fr ^,aPHant der unzureichenden Raumverhältnisse des aus- - 8 Übr- ge'Mhltun Saales halber eine mehrmalige Aufführung,

Ehmr über Eintrittsbedingung'en usw. ist bei dem Orts- r*5* 2Schwabe zu erfahren.

KO v TMmstadt, 5. Dezember. Die am 3. Dezember hier

iwf ta?£* Versammlung Delegierter wirtschaftlicher Korpo-

» -AifflL j rannten beschloß:In Erwägung, daß die schwebenden Ver- YamlMgen inbetreff der Uebergabe der Main Neckar-Bahn anu he Preußisch-hessische Verwaltung die Beseitigung der DmmM der Main-Neckar-Bahn und unter Umständen auch

Krieskasten der Redaktion.

P Was meinen Sie für eine Abhandlung?

Sprechstunden der Redaktion

des Gießener Anzeigers täglich (mit Ausnahme von Samstag un' Sonntag) von 67 Uhr nachmittags. Eingang von der Kaplaneigaffe aufc