Mittwoch den 7 November
150. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr 261
ichener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Preußische Hypotheken-Aktien-Bank »ttb Deutsche Grundschuld - Bank, Berlin.
ui.
Gießen, 6. November 1900.
Die Beurteilung der Lage der beiden Institute ist wiederum besser geworden, und es ist an Stelle der alb gemeinen Bestürzung eine größere Beruhigung getreten. Such heute muß unbedingt zur Besonnenheit ermahnt werden, und wir freuen uns, daß wir geradem den Tagen, an denen so viele Besitzer von Obligationen von einer wahren Panik ergriffen wurden, zur Ruhe aufforderten und dadurch unsere Leser davor bewahrten, ihre Papiere unter Wert zu verschleudern.
Daß auch die Börse die Sache wieder mit anderen Augen ansieht, hat sie durch eine enorme Steigerung der Aktien bekundet; gestern stiegen z. B. die Aktien der Grundschuld-Bank um volle 19 Prozent.
Die Obligationen resp. Pfandbriefe haben ihre Kurse iu den letzten Tagen um zirka 6 bis 10 Prozent erhöht. Es macht den Eindruck, als ob wieder viele Käufer am Markte seien, die durch das Eingreifen der Regierung und der bald zu erwartenden amtlichen Erklärungen eine Beilegung der Angelegenheit und die Wiederkehr des alten Vertrauens erwarten. Heute macht die preußische StaatS- regierung bekannt, daß sie auf Grund des ReichSgesetzeS, betr. die gemeinsamen Rechte der Besitzer von Schuldverschreibungen, in Ausübung des staatlichen Auf- sichtsrechtS die Inhaber von Obligationen der Deutschen Grundschuldbank zu einer Versammlung am 26. November nach Berlin und die Besitzer von Pfandbriefen der Preußischen Hypotheken- Aklren-Bank zu einer solchen auf den 4. Dezember ein- b ruft. DiePaPiere sollen an näher bezeichneten Stellen hinterlegt werden, und eS wird gut sein, wenn jeder Besitzer seinem Bankier baldigst die Papiere einhändigt und ihn zu seiner Vertretung bevollmächtigt.
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In unserem II. Artikel in dieser Angelegenheit in Nr. 259, zweites Blatt, lautet ein Satz gegen Ende der zweiten Spalte:
„Wenn dem wirklich fo wäre, bann kö.mten die Aktionäre der 98;.uscheu Hypotheken AkUen-Bank beruhigter der Zuku.ift entgegm-
lehen, selbst im Falle, daß es Jahre bedürfte, um diese gewvltigen TerrainS zu verlieren."
Statt „verlieren" muß es „veräußern" heißen.
Der Krieg iu China.
Der Chef des deutschen Krcuzergeschwadcrs hat am 2. ds. gemeldet: Es ist ein Dampfboot für den Wacht- dienst angekauft und armiert worden. Das Boot heißt „Shamien". Wie S. M S. „Luchs" meldet, hat „Shamien" am 2. ds. Seeräuber bei der Plünderung eines chinesischen Passagierbootes betroffen. Der Führer des „Shamien", Oberleutnant z. S. Reymann, hat mit Entschlossenheit die Verfolgung der Seeräuber ausgenommen und ist hinter ihnen gelandet, wobei Schüsse gewechselt wurdm. Ein Seeräuber wurde gefangen. Es wird beabsichtigt, diesen solange zu behalten, bis er den chinesischen Behörden zur Vollstreckung der Strafe am Orte der That überliefert werden kann.
Wie in militärischen Kreisen verlautet, hat Generalleutnant v. Lessel alsbald nach seinem Eintreffen in Schanghai Einleitungen getroffen, um für die ebenso un schöne als unpraktische Bekleidung Abhilfe zu schaffen und an die Stelle der Strohhüte Tropenhelme zu setz n.
Infolge Ausbruchs vonMeinungSverschieden- heiten zwischen den Kommandanten der verbündeten Truppen in Schanghaikwan ist ein Ausschuß ernannt worden, in dem die ältesten Generalstabs« Offiziere jeder der beteiligten Mächte als Mitglieder fungieren. — Das in Schanghai erscheinende französische Blatt „Echo de Chine" widmet hingegen der Annäherung Deutschlands an Frankreich eine längere Betrachtung. Ueber die Beziehungen der deutschen und französischen Truppen in China zueinander heißt es da:
Die deutschen Unteroffiziere als die ersten machten den französischen Unteroffizieren ihren Besuch und man brauchte nicht lange in den beiden Lagern zu suchen, um Dolmetscher der Gefühle zu finden; die französischen Unterosfiz ere erwiderten den Besuch und luden die Deutschen zu einer Erfrischung im „Klub der Freiwilligen und der Feuer wehr" ein. Heute ist es nicht mehr selten, in der Straße eine Gruppe russischer Matrosen und französischer und deutscher Soldaten zusammenzufinden. Wenn abends, wo die Mahlzeit verteilt wird, ein Deutscher sich verspätet und Furcht hat, nach der Rationsoerteilung zu kommen, braucht er sich nur bis zu einem französischen Lager zu begeben, man stößt sich ein wenig» rechts, ein wenig links, um Platz für den Ankömmling zu schaffen und die zukünftigen G-noffen gemeinsamer Gefahr trinken auf ihr gegenseitiges Wohl. — Stufe für Stufe, ohne Eile, ohne Ueber»
Haftung ist man zunächst zu der Meinung gelangt, daß man die Mög lichk-it der Annäherung zwischen den beiden Ländern in Erwägung ziehen könne. Wir sind vielleicht der Zeit um einige Augenblicke voraus, aber diese Annäherung wenigstens ist bereits zur Thatsache geworden, und wir haben es nicht zum geringsten dem ausgezeichneten Takt zu verdanken, welchen die Berufenen bewiesen haben, wo immer sich Gelegenheit bot. -
Der „Nat.-Ztg " wird bestätigt, daß in Peking täglich Konferenzen zwischen den Gesandten stattfinden, um die Basis zu gewinnen, auf der die Veitreter der Mächte völlig gemeinsam vorgehen können. Zu diesem Zweck besteht wohl auch der direkte Telegraphen-Verkehr zwischen Peking und den Regierungen, aber eine vollständige Übereinstimmung ist noch nicht erzielt, die notwendig sein würde, um Li Hung Tschang jede Möglichkeit der Hoffnung zu nehmen, daß er schließlich doch noch durch Sonderverhandlungen mit dieser oder jener Macht irgendwelchen Erfolg erreichen könnte. Erft wenn eine Uebereinstimmung vorliegt, treten die Vertreter der Mächte in Peking mit den chinesischen Friedens Unterhändlern in Verhandlungen ein. Ob die Note der Mächte an China gemeinsam sein oder von jeder der acht Mächte in identischer Form besonders überreicht wird, ist noch nicht festgestellt.
Der Berichterstatter des „Daily Mail" in Shrnghai meldet, daß ein amerikanischer Missionar, Ament, von einer Reise nach Chochon zurückgekehrt sei, wo er Schadenersatz für die beschädigten eingeborenen Christen eingetcieben hatte. Er sagt, daß die Missionare vollkommen in der Lage waren, selbst den Schadenersatz einzutreiben, sobald sie mit den nötigen Vollmachten und dem nötigen Schutz versehen würden. Die Boxerdöcfer find reuig, weil sie fürchten, daß eine fremde Besetzung ihnen großen Schaden zufügen könnte, sie bieten daher freiwillig Geld und Land an, um die Häuser dec Christen wieder aufzubauen. Die Beamten in Chochon hatten bereits, bevor Ament dorthin kam, 120 Hektar Land beschlagnahmt. Ament war in. der Lage, selbst noch 2000 Dollar Gold einzutreiben, womit er 30 Dörfer schadlos halten konnte.
Nach Berichten aus Kanton sollen sich die Aufständischen im Gebiete des Ostfluffes flußaufwärts gezogen haben. Zwischen Poklo und Huitschou fahren jetzt wieder Personendampfer. Der Aufstand geht wahrscheinlich langsam zu Ende. Die Reformer geben zu, daß ihre Erhebung verfrüht war und daß ihre Waffen unzurefchend sind.
Wikl-elmMers.
Ter Kaufmännische und der O r t s g e w e r b e - Verein zu Gießen veranstalteten am Montag ihren dritten Vortragsabend. Es war eine Allers-Soiree. Dr. Olinda aus Neustadt a. H. führte etwa 100 Projektionsbilder vor, Produkte der neuerdings von Allers und den Herren van der Zütphen und Schulz, den Besitzern der bekannten Deutzer Waggonfabrik, unternommenen Welt reise. *
Der bekannte Zeichner C. W. Allers ist ein geborener Hamburger. Er besuchte als Knabe eine gewerbliche Zcichenschule und trat später in eine lithographische Anstalt. Während seiner Lehrzeit besuchte er fleißig das Theater, aber nicht vor, sondern hinter den Kulissen, indem er als Statist, Dekorateur, Kulissenzeichner sich nützlich machte. Bald nachdem er ausgelernt hatte, begann er mit seinem Freunde Tr. Olinda, der als Redakteur am „Hamburger Fremdenblatt" thätig gewesen war, ein abenteuerliches Wanderleben. Um Mittel zum Reisen zu bekommen, zogen beide mit einem Nebelbilderapparat von Stadt zu Stadt und gaben Vorstellungen, als aber der Apparat in Lindau explodierte, war guter Rat teuer. Lange dauerte es aber nicht und sie hatten eine neue Idee ausgeheckt; sie durchzogen Tirol und Italien und ließen Theater spielen. Sobald sie in eine Stadt gekommen, einen entsprechendem Saal oder eine Scheune gefunden hatten, erließen sie einen Ausruf an die Einwohner, in dem sie im Verborgenen, blühende Genies baten, durch ihre dramatischen Leistungen die Welt in Erstaunen zu setzen. Meist kamen massenhafte Anmeldungen von Mitwirkenden, die allerdings zuerst ein erstauntes Gesicht machten, als sie für ihre Bemühungen auch noch zahlen sollten, d^ann aber rasch in die Tasche griffen, um für die Rolle des Don Carlos drei Lire usw. Zu zahlen. Auf diese Weise zahlten sowohl Schauspieler als Zuschauer, und die Einkünfte reichten aus, die Reise bis Neapel fortzusetzen. . , ... x .
Haute ist Allers ein gemachter Mann und beicht eine :«illa auf (Sabri, in der er seinen alten Jugendgenossen Mlinda noch yeute gern beherbergt.
Allers hat seine Freunde früher in den Orient, zu lbcn deutschen Kolonisten auf Capri, in die Hella Napoli,
oder mit dem Meininger Hoftheater reisen lassen, er führte sie zu einem Silberhochzeitspaare und nach dem Berliner Viehhofe utib zeichnete das quiekende Tier, das Uhland in gekochtem Zustande besungen:
„Wo solch ein Fischlein zart und mild Im Staute liegt, das ist ein Bild, Wie Venus in den Rosen--"
Er erzählte mit seinem Bleisttft von dem Leben des eisernen Kanzlers in seinem Tuskulum Friedrichsruh, schil derte das Hamburger Kleinbürgertum im Klub „Eintracht", unternahm „Eine Hochzeitsreise durch die Schweiz", schaute hinter die Kulissen des Zirkus Renz und durchschaute den „Spree-Athener", pries „Unsere Marine", machte eine zweite „Hochzeitsreise nach Italien", schuf „Das deutsche Jägerbuch" 2c.
Dr. Olinda erzählte uns nur von seines zeichnenden Freundes letzter Weltreise. Er führte uns in Wort und Bild zuerst Aegypten vor, gelangte dann über Ceylon, Singapore und Java nach Siam, das Land eines Königs mit dem schönen Namen Somdetsch Prha Paramindr Maya Mongku Tsulalongkorn Klow Chow^Aua Hua, dann nach unserem vielgeliebten China nach Japan, nach den Südseeinseln und endlich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, über deren Eintrittspforte jetzt die bedeutsamen Worte prangen: „Wer die Wahl hat, hat die Qual".
Dr. Olindas Vortrag war vornehmlich historisch-geographisch-ethnographisch und bot vieles interessante in gewandter Form. Das Künstlerische bei Allers ließ sein guter Freund fast ganz aus dem Spiel. Er behauptete nur gleich eingangs, „unbestreitbar sei Allers der bedeutendste und originellste jetzt lebende Zeichner". Nun, das bestreiten alle Halbwegs Kunstverständigen. Man denke doch an so alles und alle überragende, unvergleichliche Zeichner wie Adolf Menzel und Hans Thoma! Auch Max Klinger ist Zeichner! Ebenso die meisten der Worps- weder! Und nimmt man die Humoristen, zu benen manche auch Allers rechnen, so ist doch wahrlich fein Vergleich zwischen ihm und den genialen Wi l h. Busch und Adolf Oberländer, zweien der größten Bleistifthumoristen der Welt! Diese Reise um die Welt lehrte uns zur Evidenz, daß die Kunst des routinierten Zeichners Allers dem außerordentlich anziehenden, allumfassenden Stoffgebiete nicht gekvachsen ist. Er regt die Neugierde an, befriedigt
sie aber nur teilweise. Allers sucht wohl hier und da den .Humor, kommt jedoch oft über einen, manchmal recht hübschen Situationswitz nicht hinaus. Damit hat er schon bei seiner „Orientreise" Befremden erregt. Auch die restlose Wiedergabe des Bismarckschen Kopfes ä. B. ist ihm nirgends gelungen; man denke nur an irgeno ein beliebiges Lenbach sches Bismarckbild! Bei seinen Weltreise-Zeichnungen hätten hier und da die Spuren der Moment-Photographien, die ihm bei den Bildnissen doch zum Substrat dienten, mehr verarbeitet werden können. Doch das kleine Genre ist zuweilen vorzüglich geschildert, dieses Kommen und Gehen in den Straßen, das Schaffen und Rüsten bei den Karawanen re. Allers hat etwas behaglich liebenswürdiges fast immer an sich. Immerhin ist nicht zu leugnen, daß die von Allers angewandte Bleifedertechnik auf die Dauer etwas eintöniges bekommt; die Perspektive und das Landschaftliche gelangen dabei nicht zu schlagender Wirkung Ich bin nicht sehr verwundert darüber, daß Rich. Mut her in feinet großen dreibändigen „Geschichte der Malerei des 19. Jahrhunderts" ebensowenig wie Konversationslexika von Allers Notiz nehmen.
Immerhin enthielt der Vortrag des Dr. Olinda viel anregendes und fand die gespannte Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörerschaft. Lichtbildervorträge stehen zurzeit hoch in der Gunst des Publikums, gewiß nicht ohne Berechtigung, obwohl der Hörer bei der Bilderbetrachtuna bemerkenswerte Ausführungen des Redners überhören und andererseits vielleicht auch einmal durch einen interessanten und geistreichen Vortrag von dem Beschauen der Bilder abgelenkt werden mag.
Ter Allers-Abend, an dem die Kiknst Eintritt in diese Vortragsserie erhielt, bringt den Wunsch nahe zur Veranstaltung eines Vortrags über moderne M a - l e r e i oder über die Entwickelung der deutschen Kunst im 19. Jahrhundert, unter Begleitung von Skioptikonbildern. Es ist nicht zu zweifeln, daß ein solcher Vortrag, und sollten es selbst deren einige werden, lebhaftesten Zuspruch und Beifall finden würde.
Gießen, 6. November 1900. P. W.


