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7.9.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag bett 7 September ISO. Jahrgang rsO«

R». 209 Zweites Blatt

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Die Wirren in China.

Nach einer Meldung aus London wird der Times aus Shaugai gemeldet: Ein Edikt an Lihungtschang vom 19. August, das im Namen des Kaisers auf dem Weg nach Taijuenfu abgefaßt ist, erklärt, der Kaiser habe eS trotz der Versicherungen der Verbündeten, daß ihr einziger Zweck die Unterdrückung der Ruhestörung sei und dem kaiserlichen Hause kein Schaden drohe, angesichts des Vormarsches auf die verbotene Stadt für seine Pflicht gehalten, den Wünschen der Kaiserin gemäß sie nach dem Westen zu begleiten, nach­dem er Aunglu, Hsutung unv Tsungtschi beauftragt, in Peking zu bleiben und die Regierung weiterzuführen. Jetzt befehle der Kaiser, in der Furcht, die Mächte seien erzürnt und nicht gewillt, Frieden vorzuschlagen, dem Vizekönig, alles aufzubieten, durch die Auswärtigen Aemter und die Konsulate in Shanghai Verhandlungen anzuknüpfen. Er lobt Li'S getreue Dienste für die Dynastie und versichert ihn der Dankbarkeit des Thrones. Dieser beabsichtigt, wie bereits mitgeteilt, demnächst nach Tientsin zu gehen und er­wartet mittlerweile des Kaisers Antwort auf sein Gesuch, Prinz Tsching und die Aangtse-Vizekönige zu seinen Assistenten zu ernennen. Ein weiteres Kaiser!. Edikt, datiert auS Schansi vom 20. August, bewahrt einen versöhnlichen Ton; eS versetzt die vornehmlichsten hauptstädtischen Beamten nach Taijuenfu, fordert die provinziellen Vizekönige und Gouverneure dringend auf, ihre Gebiete zu wahren, und gebietet den Aangtse-Vizekönigen die Fortsetzung ihrer Politik der Be- schützung von Missionaren und Kaufleuten und der Wahrung der allgemeinen Sicherheit. Man glaubt, der Hof be­absichtige, während der Verhandlungen in Taijuenfu zu bleiben. Die chinesische Presse veröffentlicht aufs Neue ein unbestätigtes, von uns bereits erwähntes Gerücht, Aunglu sei zu Li's Beistand ernannt. Wie man zuverlässig berechnet hat, sind seit Juni 60 Missionare in den Provinzen bar­barisch ermordert worden, 87 weitere fehlen. Biele von diesen sind jedenfalls auch ermordet worden.

DieFranks. Ztg." meldet aus Shanghai: Prinz Tuan hat die Akten geheimer Verhandlungen mit Rußland mitgenommen; er hat Rußland mancher­lei Vorteile in China versprochen, sodaß die russische Regierung zustimmte, ihre Truppen aus der ganzen Mandschurei zurückzuziehen und so­wohl Peking wie Niutschwang den Chinesen zurückzugeben.

Diese Nachricht klingt wenig glaublich. Eine Peters­burger Meldung der WienerPol. Korr." bestreitet, daß Rußlanld durch seine jüngsten Vorschläge die Intentionen der anderen Mächte zu durchkreuzen beabsichtige. Es be­harre jedoch auf dem Standpunkt, daß nur durch die Zu­rückziehung der Truppen aus Peking ein rascher Friedens­schluß und die Herstellung geordneter Zustände in China möglich sei. Nach Shanghaier Meldungen bezeichnen hohe chinesische Beamte eine etwaige Räumung Pekings seitens der Mächte als einen selb st mörderischen Schritt. Tie Kaiserin sei mehr als je gegen die Fremden erbittert. Wenn' ihr gestattet würde, nach Peking zurückzukehren und die Zügel der Regierung zu ergreifen, so würde man im nächsten Jahre einem neuen Auf stände entgegensetzen können. Ferner meldet das Reutersche Bureau aus Shanghai vom 4. September, die Wendung, welche die chinesische Frage in Europa genommen, habe unter alten Nationalitäten Bestürzung hervorge- gerufen. Die deutsche Kolonie habe an die deutsche Regierung telegraphiert, die Zurückziehung der fremoew Truppen aus Peking würde verhängnisvollfürdie Interessen der Ausländer wirken. Aus anderen Vertragshäfen einlaufende Nachrichten beweisen, daß der Widerstand gegen die Politik der Räumung Pekings vor cndgiltiger Regelung der chinesischen Frage unter den Aus­ländern allgemein ist. Nach neiner Meldung derDaily News" wollen sich sogar der französische und der amerika­nische Konsul in Shangbai samt dem amerikanischen Spe­zial-Kommissar Rockhill dem Einspruch gegen die Räumung im jetzigen Zeitpunkt entschieden anschließen.

Ueber die bis jetzt noch unklare Haltung Japans weiß eine Timesmeldung aus Tokio berichten, die japa­nische Regierung sei eine entschloßene Anhängerin des Konzerts der Mächte und werde sich dem von der Mehrheit der Mächte gebilligten Kurs anschließen. Ueber den augen­blicklichen Stand der Verhandlung zwischen den Mächten teilt dieTribuna" vom 4. aus guter Quelle mit, daß sich bis jetzt nur die Vereinigten Staaten über den russischen Vorschlag bezüglich der Räumung Pekings aus­gesprochen hätten, im übrigen werde der Meinnngsaus- tausch zwischen den in China interessierten Mächten fort­gesetzt. Alle Kabinette beurteilten den russischen Vorschlag von verschiedenen Gesichtspunkten. Bezüglich des vorläu­figen Rückzuges derGesandten wären keine Schwie­rigkeiten vorhanden, doch würden gegen den Rückzug aller Truppen nicht unerhebliche Einwände erhoben. DieTri­

buna" fügt hinzu, alle Mächte hätten ihre Vertreter in Peking telegraphisch aufgefordert, ihre Ansichten über den etwaigen Rückzug der Truppen mitzuteilen, und gleichzeitig bei ihnen angefragt, wie die Sachlage sich dort infolge des russischen Vorschlages in militärischer Beziehung gestalten werde. Die Aufgabe Italiens sei, mitzuwirken, daß das Einvernehmen der Mächte erhalten bleibe.

DieKöln. Ztg." wendet sich in scharfen Worten gegen die Ausstreuungen auswärtiger Blätter, der Zar habe sich, durch die Zurückziehung der Truppen dafür rächen wollen, daß Kaiser Wilhelm die Ernennung Waldersees auf die Initiative des Zaren zurückgeführt habe. Dos Blatt sagt, wenn durch die Haltung einzelner Mächte anscheinend die Einigkeit er­schüttert sei, so seien nicht persönliche Empfindeleien, son­dern Erwägungen der Grund, die der natürlichen, wenn auch, egoistischen Jnteressenpolitik entspringen. Solche Wendung sei zwar unerfreulich, war aber vorauszusehen und bringe den verantwortlichen Leitern nichts neues. Die Wirkung, die Rußlands Vorschlag auf die Chinesen aus­geübt, sollte indessen Europa stutzig machen. Es stehe denn auch zu hoffen, daß dieselbe namentlich auf Rußland Ein­druck machen werde.

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Weitere 1200 Mann indische Truppen wurden am 4. d. Mts. in Shanghai gelandet. Nach der Ankunft desSeeadler" verließ das zweite englisch^ Kriegs­schiff Hankau. Der Dampfer Batavia ist mit dem Lan­dungskorps in Wusung angenommen. Außer den Seesoldaten sind in Peking Deutsche weder ge­fallen noch verwundet. Nach weiteren Shanghaier Meldungen werden dort 750 M a n n deutscher Truppen lanpen, um an der Beschützung der Fremdenniederlassungen teilzunehmen.

Der TruppentransportdampferPhönieia" (mit den Hessen an Bord) traf am 4. ds. in Singapore ein. Der DampferStuttgart" mit den aus China zurück- kehrtMden deutschen Soldaten ist am 5. d. M. von Ant­werpen nach Bremen abgegangen.

Wie man aus Kiel meldet, sind nunmehr die infolge der China-Wirren in Frage gestellten außereuropäischen Reisen der Schulschiffe angeordnet worden. Ter Kaiser verfügte zunächst die Ausreise der Schulschiff-Fregatte Charlotte".

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DerNew Aork Herald" berichtet aus Hongkong: Ein­flußreiche Eingeborene sprechen die Ansicht aus, daß die fremdenfeindliche Bewegung in den südlichen Provinzen Chinas über die Macht der Behörden hinauswachse, und sagen einen furchtbaren Ausbruch dieser Bewegung binnen Monatsfrist voraus.

Von dem Personal der deutschen Gesandtschaft in Peking nahmen während der Belagerung Leutnant v. Lösch und Hilfskanzlist Pitrement aktiven Anteil an der Verteidigung. Herr v. Lösch befand sich meist in Ge­sellschaft von Engländern auf einer hinter der amerika­nischen Gesandtschaft errichteten Barrikade. Deutsche und Amerikaner hielten besonders gute Kame­radschaft. Die gegen die Chinesen gehaltenen Gesandt­schaften waren in beständiger Verbindung und halfen sich gegenseitig aus. Wegen der allzu ausgesetzten Lage der deutschen Gesandtschaft siedelte die Gemahlin des Frei­herrn v. Kettcler nach dem Tode ihres Gatten in die englische Gesandtschaft über, wo auch alle andern Frauen und alle deutschen Zivilpersonen, abgesehen von den Mit­gliedern unserer Gesandtschaft, Aufenthalt nahmen. Tas Schlafzimmer der Freifrau v. Ketteler in der deutschen Gesandtschaft blieb unbeschädigt. Reis verschafften sich die Belagerten noch rechtzeitig aus nahe gelegenen Läden, andere Lebensmittel, besonders Gier, gelegentlich durch Kauf von den Belagerern, wofür die Japaner einen be- sondern Tunnel gegraben hatten. Fleisch lieferten die Reit- und Rennponies. Diese Angaben stammen von demselben Deutschen, aus dessen Tagebuch bereits über die Vorgänge während der Belagerung Mitteilungen ge­macht wurden. Der Betreffende kam in Shanghai in Kleidern des gemordeten Gesandten an, welche die Freifrau v. Ketteler zur Aushilfe verteilt hatte.

Aus Detroit im Staate Michigan liegt folgende Kabel­meldung der Paris-Nouvelles vor: Die Witwe des Frei­herrn v. Ketteler hat an ihren Vater, den Präsidenten der Michigan-Central-Railway, Ladyard, folgendes Telegramm gerichtet:Komm sofort nach Yokohama um mich abzu- holen!" Präsident Ladyard ist jedoch verhindert, diese Reise zu Unternehmen. Indes wird fein Sohn, der sich verheiratet, seine Hochzeitsreise nach Yokohama machen und bei dieser Gelegenheit seine Schwester nach Amerika zurückbringen.

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Telegramme deS Gietzerrer Anzeigers.

London, 6. September. Der hiesige chinesische Ge­sandte erklärte einem Interviewer, er habe Lord Salis­

bury ein dringendes Gesuch um die Räumung Pekings übermittelt, aber noch keine Antwort erhalten. Die Entscheidungen Amerikas und Deutschlands hingen von der­jenigen Englands ab.

London, 6. September. Die Admiralität veröffentlicht einen Bericht des Admirals Seymour über die Opera­tionen der internationalen Hilfs-Kolonne. Er berichtet darin, daß angesichts der schwierigen Lage in Pe­king dem französischen Admiral Courrejolles die Zusamrnen- berusung der internationalen Admirale zu einem KriegSrat unterbreitet wurde, daß Courrejolles diesen Vorschlag ange­nommen hat und alsdann eine gemeinsame Aktion der Mächte geplant wurde. Der Kriegsrat, in dem dieser Beschluß gefaßt wurde, fand an Bord des Kriegsschiffes Centurion statt. Die Offiziere der acht Großmächte erklärten sich einstimmig mit dem Vorschläge einver­standen.

Paris, 6. September. Die aus Süd-China vorliegenden Depeschen laffen erkennen, daß die Stimmung im ganzen Bezirke höchst beunruhigend sei. Es seien neue Aufrührer im Volke erstanden, die jede Autorität, ein­heimische oder fremde, vernichten und zur allgemeinen Plünderung auffordern. Alle Missions-Anstalten haben in neuester Zeit abermals unter schweren Angriffen zu leiden. In Briefen von Missionaren aus mehreren dieser Anstalten werden die Konsuln dringend aufgefordert, alles aufzubieten, damit die versprochene militärische Hilfe erscheine.

Washington, 6. September. Das Kriegsministerium hat folgende Depesche des Generals Chaffee gestern ver­öffentlicht: Taku: Man kann die Feindseligkeiten als beendet betrachten. Wenn die Vereinigten Staaten bis zum Friedensschluß ihre Truppen in China belassen wollen, so genügt meiner Ansicht nach das gegenwärtige Kontigent von 5000 Mann vollkommen, falls keine wei­teren politischen Verwickelungen eintreten. Die Regierung erhielt auch heute Nachrichten, sowohl von Conger als von General Chaffee, die sie indes der Presse nicht mitteilte.

Der Krieg irr Südafrika.

Ueber das Gefecht bei Badfontein, wo Buller sich in sehr ungemütlicher Lage den Buren unter Botha gegenüber befindet, ist folgendes zu berichten: Die Buren eröffneten das Feuer aus drei langen Toms und einem Schnellfeuergeschütz, als die südafrikanische leichte Kavallerie und die berittene Infanterie sich bis auf etwa 3 Kilometer dem von ihnen besetzten Bergpasse genähert hatten. Zwei von den langen Toms waren zu jeder Seite des Passes aufgestellt, der dritte stand auf der Rechten, womit der Berichterstatter jedenfalls die östliche Seite meint. Ein Regiment mit einer berittenen Batterie besetzte unvor­sichtigerweise eine ungünstige Stellung auf dem rechten Flügel, von der es sich vor Eintritt der Dunkelheit nicht wieder zurückziehen konnte, und war den ganzen Tag dem ununterbrochenen Feuer der Buren ausgesetzt, welche die Entfernung mit großer Genauigkeit gefunden hatten. Die Infanterie versuchte zwischen Höhen nach Westen vorzu­dringen, wurde hier aber von Buren empfangen, die in trockenen, mit Buschwerk zugewachsenen Wasserläufen ver­steckt lagen. In Anbetracht des Umstandes, daß die Truppen sich in einer Senkung befanden, waren die Verluste nach dem Reuterberichterstatter verhältnismäßig gering. Roberts erfuhr die unangenehme Lage Bullers noch am 3. ds. Er schickte sofort eine Hilfskolonne auf dem Wege Belfast Dullstroom ab, der sich in einer Entfernung von 20 Kilo­metern westlich von der Straße MachadodorpBadfontein hinzieht, an der Buller steht. Wie stark diese Abteilung ist. teilt Roberts nicht mit; man da s als sicher annehmen, daß sie aus berittenen Truppen besteht. Offenbar ist Roberts Absicht, durch dieses Detachement die Stellung der Buren westlich zu umgehen und ihnen womöglich in den Rücken zu fallen. Es ist indessen anzunehmen, daß Botha für diesen Fall seine Vorkehrungen getroffen hat, und so die Hilfstruppe ebenfalls vor der Notwendigkeit eines Frontalangriffes steht.

Im Oranjefreistaat entwickeln die Buren zurzeit eine äußerst lebhafte Thätigkeit. Im östlichen Gebirgs­gelände wird bekanntlich Ladybrand belagert, doch ist die Belagerung nach einer Reuter-Meldung vom 5. d. M. ausgehoben worden. Doch sind, wie Reuter aus Pre­toria meldet, Burenabteilungen angeblich unter De Wets Kommando, an der Bahn nördlich und südlich von Krson­st ad thätig; sie erbeuteten einen Eisenbahnzug und zer­störten die Eisenbahnlinie bei Standerton (offenbar ver­schieden von dem Standerton in Transvaal), die jedoch