1900
Nr. 156 Zweites Blatt Samstag den 7. Juli
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Die Wirre« i« China.
Nach, einer aus Shanghai in London eingegangenen Depesche sollen sämtliche Fremden, die in der englischen Gesandtschaft zu Peking sich aufhielten, getötet und die Gesandtschaft nieder gebrannt sein. In Berlin ist an unterrichteter Stelle noch, nichts darüber bekannt, wenn auch, die Besorgnisse um die Lage in Peking andauern. Briefe des Zolldirektors Sir Robert Hart und einer Französin aus Peking, das meldet jetzt auch der deutsche Konsul in Tschifu, betonen wiederholt, daß die Lage verzweifelt sei Md bitten um sofortige Hilfe. Inzwischen bestätigen die Boten, die aus Peking in Tientsin eingetroffen sind, sämtlich die Ermordung Kettelers. Die deutsche S ch u tz w a ch e, die bei ihm war, soll darauf das Gebäude des Tsungliyamen verbrannt und das Stadt- thor vor dem Kaiserpalast mit vier Kanonen, darunter zwei eroberten, besetzt haben, während alle anderen Thore in den Händen der Chinesen sein sollen. Prinz Tschings Truppen kämpfen angeblich, gegen die Boxer. Es scheint also, a«ls ob die deutsche c^chjutztruppe den schmählichen Mord an dem Vertreter ihres Kaisers, soweit in ihren Kräften stand, geahndet hat. In Bestätigung dieses Berichts des deutschen Konsuls Meldet ein Telegramm des österreichisch^ungarischen Kreuzers „Zenta":
„Ein aus Peking eingetroffener Bote berichtet, daß die ö st erreich isch - ungarische Gesandtschaft wahrscheinlich zerstört wäre. Das österreichischungarische Detachement befände sich auf der englischen Gesandtschaft, die beschossen würde. Die deutsche Abteilung halte ein Stad tthor besetzt. Es seien sehr wenig Lebensmittel und Munition vorhanden".
Das Telegramm Meldet ferner, baß ein Entsatz vor- läuftg unmöglich wäre. Der deutsche Geschwaderchef, Vizeadmiral Bendemann hätte persönlich, zu dem tapferen Verhalten des österreich^sch^ungarischen Detachements der Zenta" bei der Erstürmung der Forts von Taku gratuliert. Mittlerweile scheint die Expeditionnach Peking endgültig aufgegeben zu sein, denn der deutsche Konsul än Tschifu berichtet vom 1. Juli:
„Die Detachements-Kommandeure in Tientsin sind wegen der Zerstörung der Eisenbahn, wegen des Beginns der Regenzeit und wegen der Schutzbedürftig- keit Tientsins außer st ande, Truppen nach Peking zu entsenden. Auch haben die Chinesen den Kaiser-Kanal bei Tientsin durchbrochen, anscheinend, um durch Ueberschwemmung den Vormarsch der Truppen auf Peking «zu verhindern".
Auch die folgende Reutermeldung aus Tschifu vom 4. ds. bestätigt die Unmöglichkeit, vor dem Herbst nach, Peking vorzudringen; sie lautet:
„800 Mann französischer Truppen sind gestern mit zwei Batterien Feldgeschützen vor Taku eingetroffen. Die Verbündeten erwarten Verstärkungen, bevor sie einen Vorstoß auf Peking versuchen. Die regnerische Jahreszeit, wo Marschieren und Transport schwierig sind, fängt jetzt an, auch, Ueberschwemmungen sind wahrscheinlich. Der Vormarsch dürfte bis zum Herb st unmöglich sein".
Schließlich hat in der Ersten niederländischen Kammer der Minister des Aeußaren de Beaufort noch eine Depesche des niederländischen Konsuls in Shanghai mitgeteilt, das niederländische Gesan d tscha fts g e b äud e sei nuch, zerstört und die Lage im Norden sei äußerst ernst.
Nach, Meldungen aus London haben die vereinigten Truppen am 30. Juni die Chinesen st adt von Tientsin nach, sechsstündigem Kampfe nachmittags um 3 Uhr genommen. Inzwischen aber hat sich! die Lage in Tientsin durch das Anrücken großer chinesischer Verstärkungen wieder sehr verschlimmert. Während die Gesamtzahl der konzentrationsfähigen fremden Truppen etwa 20 000 beträgt, beherrsch, en nicht nur etwa 140 000 Mann chinesische Truppen den Weg von Tientsin bis Peking, es steht auch, ein Angriff von 90000 Mann unter General Nieh auf Tientsin bevor. Außerhalb der Stadt werden bereits Geschütze hinter Schanzwerken montiert, es soll offenbar ein neues Bombardement erfolgen. Für den Fall, daß Tientsin preisgegeben werden muß, tauchen sogar bereits Zweifel auf, ob Taku zu halten sein wird. — Nach Telegrammen aus Tschifu .ist Weihaiwei unter Kriegsrecht gestellt worden. — Die „Daily Mail" meldet aus Shanghai, daß die Fremdenniederlassung von K i a u t s ch o u unter dem Schutze der deutschen Befestigungen durchaus sicher sei. — Demselben Blatt geht ein weiteres Telegramm zu, daß die deutsche Handelskammer in Shanghai an Kaiser Wilhelm telegraphierte, er möge die Lage nicht unter sch ätzen, sondern ebenso viele Soldaten hinausschicken, wie die anderen Mächte. Um T i e n t - sin finden schwere Kämpfe statt. Von Peking aus rückt eine Armee von 30 000 Chinesen gegen Tientsin vor, die bereits Lofa erreicht hat. In Kwantung sei die Lage Luch sehr ernst. Ein Teil der Truppen in den mittleren Provinzen weigert sich den Befehlen der Gouverneure
Folge zu leisten und zieht ngch Norden, um sich! den Boxern anzuschließen. — Ein Telegramm besagt, daß bei Tientsin eine große Schlacht zwischen den Alliierten und den chinesischen Truppen erwartet wird. Die letzten Depeschen aus Tientsin melden, daß alle Nicht-Kombattanten den Befehl erhalten haben, die Stadt zu verlassen. — In Soochow verweigerten die chinesischen Truppen dem Gouverneur den Gehorsam und begaben sich nach- Norden, um sich, mit den Boxern zu vereinigen. — Der V i z e k ö n i g von Nanking hat eine schärfe Proklamation gegen die Boxer erlassen, worin er sie Strolche nennt und ihre abergläubische Einbildung, die europäischen Kanonen könnten ihnen nichts nnhaben, für Wahnsinn erklärt. Lihung Tschang hat eine ähnliche Bekanntmachung gegen die fremdenfeindlichen Gesellschaften veröffentlicht. Lihung-Tschang hebt 200 000 Mann aus.
Der „Central News" wird aus Shanghai gemeldet: Offizielle chinesische Nachrichten verzeichnen die Ereignisse in Peking bis zum 27. Juni. Danach standen nur noch zwei Gesandtschaften, alle anderen waren in die Hände der Chinesen gefallen. Armglu soll wiederholt an den Prinzen Tuan appelliert haben, er möge die Ausländer schützen. Uunglu wurde in den Straßen insultiert und in der ganzen Stadt herrscht völlige Anarchie. Die Boxer tumultuieren ungehindert und Prinz Tuan macht keinen Versuch!, der Gesetzlosigkeit seiner Anhänger Einhalt zu gebieten. Alle Thore Pekings sind geschlossen und werden sorgfältig bewacht. — Nach einer Dalziel-Meldung aus Shanghai haben einige mandschurische Damen vor einer Wochie Peking verlassen. Dieselben beschreiben die Szenen um die Gesandtschaften als fürchterlich Die Damens aller 'großen städtischen Behörden sind verbrannt, auch, Teile des P a l a st e s, die die B o x e r jetzt völlig im Besitz haben. Die Damen bezeichnen den Prinzen Tuan als irrsinnig.
— Londoner Blättern wird aus Shanghai vom 4. Juli gemeldet: Der Kaiser Kuangsü wurde am 19. Juni von dem Prinzen Tuan gezwungen, sich durch Opium das Leben zu nehmen. Die Kaiserin- Regentin folgte seinem Beispiele, lebt aber noch, soll jedoch infolge der Wirkung des Opiums geisteskrank sein. Diese Erklärung wurde amtlich vor den deutschen Konsularbeamten abgegeben. — Es handelt sich offenbar um eine Erklärung chinesischer Beamten, und es läßt sich nicht feststellen, wie weit ihre Wahrheitsliebe durch das Bestreben beeinträchtigt wird, für die Blutthaten gegen die Ausländer in Peking eine Entschuldigung zu suchen.
Aus Ciria in der Mandschurei wird berichtet, daß auf derjenigen Strecke der Bahn, deren Ches der Ingenieur ProssinSki ist, chinesische Soldaten plötzlich eine Salve auf die russische Schutztruppe abgegeben haben. Dieser Ueberfall erfolgte in dem Augenblick, als der russische Hauptmann Jantkevic den chinesischen Soldaten auseinandersetzte, warum einige chinesische Bahnarbeiter verhaftet worden seien. Der Hauptmann und ein Kosak wurden auf der Stelle getötet und ein anderer Kosak wurde schwer verwundet. Aus der genannten Strecke sind überhaupt häufig Mißhelligkeiten zwischen Russen und Chinesen vorgekommen, während die Chinesen sonst freundschaftliche Beziehungen zu den Russen unterhielten.
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Neuerdings ist der Vorschlag ausgetaucht, die Japaner mit der Herstellung der Ordnung in China durch die Mobilisierung einer japanischen Armee von 20- oder 30,000 Mann zu betrauen. Der „Nationalzeitung" zufolge verhält sich die deutsche Regierung diesem Vorschläge gegenüber neutral, hat es jedoch abgelehnt, ihn der russischen Regierung zu unterbreiten, wohl von der Voraussetzung ausgehend, daß dabei mancherlei Interessengegensätze zwischen Rußland und Japan in Frage kommen könnten. Die „Berl. Neuest. Nachr." erklären wiederholt, die deutsche Politik gegenüber den chinesischen Wirren gehe ohne irgend welche Sonderbestrebungen dahin, im Einvernehmen mit den anderen Mächten eine leidliche Ordnung in China mit möglichster Sicherheit für Gut und Leben der deutschen Reichsangehörigen, sowie Sühne zu schaffen für schmähliche Verletzung des Völkerrechtes durch Gesandtenmord und weitere Gräuel.
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Im Namen des Offizierkorps des 1. Bad. Leib-Gren.- Regts. Nr. 109 widmet der Oberst und Kommandeur v. Ferno dem in Peking ermordeten Frhrn. v. Kettel er folgenden ehrenden Nachruf:
„Die Ermordung des deutschen Gesandten in Peking, Herrn Frei« Herrn v. Ketteler, hat das Offizier-Korps mit besonders tiefer Teilnahme und Trauer erfüllt. In treuester Anhänglichkeit hielt der Verstorbene die Beziehungen zu seinem früheren Regiment austecht, in dessen
Offizierkorps er von 1874 bis 1878 seine militärische Erziehung empfing. Dem Stolz über die Laufbahn seines ehemaligen Kameraden fügt das Offizierkorps bet dem heldenmütigen Ende desselben den unvergänglichen Lorbeer dankbaren und ehrenden Gedächtnisses hinzu."
Der österreichisch - ungarische Botschafter in Berlin, v. Szögyeny-Marich, drückte im Namen seiner Negierung der deutschen Regierung die tiefste Entrüstung über die Ermordung des deutschen Gesandten in Peking, Frhrn. v. Ketteler, und schmerzliches Beileid aus. Auch König Alexander von Serbien und die serbische Regierung ließen dem deutschen Gesandten in Belgrad, Frhrn. v. Waecker- Gotter, ihr Beileid ausgrücken.
Der erste Dolmetscher bei der deutschen Gesandtschaft in Peking, Frhr. v. d. Goltz, der China vor Ausbruch des Aufstandes verlassen hatte, um einen längeren Erholungsurlaub in der Heimat zu verbringen, ist in Berlin eingetroffen. Er hat für seine Reise den Ueberlandweg gewählt und zur Zurücklegung der ganzen 15000 Kilom. langen Strecke von Wladiwostok aus 37 Tage gebraucht, von denen er 21 Tage auf dem Wasser, insbesondere auf dem Amur, hat zubringen tnüffen. Er ist feit Jahren in feiner jetzigen Stellung in Peking thätig.
Die Gesellschaft vom Roten Kreuz in Rom trifft Vorbereitungen zur Entsendung von Samariter- Personal nach China. Zahlreich Offiziere melden sich zum Freiwilligen-Dienst nach China.
— Angesichts der deutschen Machtentfaltung in China werden auch in Paris Maßregeln in weit größerem Umfange geplant, als ursprünglich angenommen wurde. Zunächst wurde befohlen, zwei weitere Kreuzer in Dienst zu stellen. — In der französischen Kammer will der Abg. Pioux die Regierung über den volkswirtschaftlichen Zustand, in den Europa sich durch die Ereignisse in China versetzt sieht, interpellieren. Die Interpellation lautet: Aus welchen Gründen hat der chinesische Botschafter in Paris seine Pässe noch nicht erhalten?
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Telegramme des Giehener Anzeigers.
Berlin, 6. Juli. Der hiesige chinesische Gesandte ist seit einigen Tagen infolge der Aufteguug durch die Er- eigniffe der jüngsten Tage erkrankt und hütet das Bett. Der Ausdruck des Beileids anläßlich der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking durch die Empörer geschah auf Veranlassung des Vizekönigs Li-Hung- Tschang und unter Zustimmung der Mehrzahl der Gouverneure von Süd'China.
Berlin, 6. Juli. Bei der gestrigen Besichtigung des Schnelldampfers „Deutschland" sagte der Kaiser beim Betreten des Schiffes: „Ernste Nachrichten aus C h i n a". — Wie aus Kiel gemeldet wird, ließen die Kommandanten nach dem Eintreffen der Mobilmachungs-Ordre die Mannschaften sämtlicher Linienschiffe auf Achterdeck antreten und verlasen den Befehl des Kaisers, den die Besatzung mit brausenden Hurrarufen beantworteten. —, Gestern mittag fand ein K r i e g s r a t auf dem Flaggschiff „Kurfürst Friedrich Wilhelm" statt. Anwesend waren sämtliche Kommandanten. Die kriegsmäßige Ausrüstung soll so beschleunigt werden, daß am Samstag sämtliche Linienschiffe und der kleine Kreuzer „Hela" abgangsfertig find. In diesem Sinne telegraphierte Admiral Hoffmann an den Kaiser. Am Samstagnach- mittag, eventuell Sonntagmorgen wird die Division vom Kaiser inspiziert werden, tritt daun die Fahrt nach der Nordsee durch den Kanal an und geht, ohne Wilhelmshaven anzulaufen, direkt nach Gibraltar. Der Kieler Staatswerft ist die vollständige Ausrüstung übertragen. Das heimische Panzergeschwader ist gestern aufgelöst worden.
Wilhelmshaven, 6. Juli. Gestern trafen 15 Armee-Offiziere als Ersatz des See-Bataillons ein. Eine fieberhafte Thätigkeit herrscht im Bekleidungsamt für die Herstellung von 2500 Tropen-Anzügen. Die zweite Expedition soll 5000 Mann stark sein.
Brüssel, 6. Juli. Wie aus diplomatischer Quelle verlautet, soll die Regierung im Besitz der Nachricht sein, daß der Sekretär der belgischen Gesandtschaft in Peking, Mergelinck, enthauptet wurde. Es wird hinzugefügt, man glaubt, daß der Minister des Auswärtigen dem Vater des Ermordeten dies bereits mitgeteilt habe.
London, 6. Juli. Ein einflußreicher Chinese erhielt nach einer Shanghaier Meldung der „Dail Mail" von gestern mittelst Läufer einen Brief aus Peking, worin ihm mitgeteilt wurde, daß die Boxer sich immer zahlreicher in und um Peking versammeln. Die Adligen sind vollständig aus Seiten der Boxer. Vor fünf Palästen Adliger haben die Boxer Altäre errichtet, vor denen sich ihre Anhänger versammeln, und vor welchen hunderte chinesischer Christen von Boxern abgeschlachtet werden.


