Donnerstag bett 7. Juni
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Und heute ist wieder „das liebliche Fest" erschienen. Wieder lachen Flur und Hain, der Lenz hat wieder die Erde mit duftenden Blüten und grünen Blättern geschmückt.
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Seit jenem Abend habe ich sie nicht wieder gesehen.
Vor kurzem erfuhr ich, daß sie einen reichen dicken Wurstsabrikanten geheiratet hat und Mutter von sieben Kindern ist.
Er treibt mich aus meiner Junggesellenklause, die ich soeben erst neu bezogen habe. Nicht weit bin ich gegangen, kaum aus der Stadt heraus, und ich stehe vor blühenden Bäumen.
Mein Blick durchdringt das frische Grün — und alle Lenzluft ist dahin.
Es ist der Friedhof, vor dem ich stehe.
Sonderbar, sonst fiel es mir niemals ein, um Gräber mich zu kümmern. Die Thränenweiden, die prächtigen Cypressen hatten mich noch nie gefesselt. Höchstens freute ich mich manchmal über ihr allmähliches Auferstehen aus dem Winterschlafe. Aber an die zu ihren Füßen, unter der Erde dachte ich nie.
Ein Schauer überläuft mich. Sie, die da ruhen, stehen nimmermehr auf. Sie kennen kein Erwachen mehr. Sie kennen keinen blauen Himmel und keine Sonne, keine Blätter und Blüten mehr. Und doch haben sie sich ebenso an allem diesem erfreut, wie ich; sie haben ebenso gelacht, wie ich, und manchmal auch wohl geweint, wie ich! Sie haben sich geärgert, wenn die Schuhe sie drückten, sie haben ihren Schatz geküßt und haben irgend jemand gar nicht leiden können. Sie haben eine liebe Mutter gehabt und einen guten Freund, dem sie gern die Hand drückten. Sie haben sich ihres Lebens gefreut und — find gestorben!
Du lieber Toter dort auf dem einsamen Kirchhofe in jenem ostpreußischen Dörfchen! Auch dir blühte einst die schöne, die goldene Zeit, auch Du warst einst frohsinnig und lebenslustig. Du hast ein glückliches und segensreiches Menschendasein geführt und manchen rosenumkränzten Becher geleert. Du hast Dich als Seelsorger durch wahre Menschen- und freie Gottesliebe hervorgethan und hast wacker gewirkt für das Wohl Deiner Gemeinde. •
Doch das ist alles längst vorbei! Du liegst jetzt im Schoße der Mutter Erde, und neues Leben erblüht aus
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Lied in den Wald hinaus:
Nun wirst du scheiden, du böser Knab', Ob auch das Herz mir bricht.
Was kann ich geben, was ich nicht gab! Du Lieber, vergiß mein nicht!
Und kehrst du nimmer wieder zurück, Ich bleibe auf ewig dein
Und denke der Stunden, da Liebesglück
Mir lachte ins Herz hinein.
Und wenn mich fortan das Glück auch scheut, Süß bleibt die Erinnerung, Doch süßer, schauerlich süß ist das Heut', Heut' sind wir beide noch jung.
Heut' sind wir noch jung, heut' liebst du mich, So sei uns das Heute Genuß!
Mußt du mich zerbrechen, nun, so zerbrich! Der Lohn ist ein seliger Kuß.
Und wenn du geschieden, du lieber Knab', Dann mag es aus mit mir sein!
Was ich geben konnte, ich liebend dir gab. Vergiß, o, vergiß nicht mein!
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieß«, Fernsprecher Nr. 51.
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mit wohlwollender Wärme lächelte der nun still zufrieden ausschauende Himmelspastor inmitten seiner frommen Sternengemeinde zu mir herab.
Wieder war ich mit Käthchen allein. Leise klang
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Gießener Anzeiger
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Die Gießener A«mtkie«v kälter •erben dem Anzeiger ta Wechsel mit „Hess, üenbrokt* m. „Blätter fftr Hess, volk-kunde" •Schtt. 4 mal beigelegt.
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Politische Tagesschau.
Unter den Gesetzentwürfen, die der deutsche Reichstag vor den Psingstferien definitiv erledigt hat, befindet sich auch die Novelle zur Gewerbeordnung, durch welche eine in das Gewerbsleben tief einschneidende Bestimmung eingeführt wird; wir meinen den Neunuhrschluß für Ladengeschäfte bezw. überhaupt um neue Verordnungen über die Arbeitszeit der Handelsangestellten. Die Novelle bestimmt nämlich, daß von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens Verkaufsstellen für den geschäftlichen Verkehr geschlofien sein müssen; nur in wenigen Fällen und zwar nur vorübergehend sind Ausnahmen von dieser Regel zulässig. Auch die Arbeitszeit der Angestellten in Kontoren und Lagerräumen, die zu offenen Verkaufsstellen gehören, wird durch das Gesetz entsprechend geregelt.
Bekanntlich sind die Bestrebungen der Handelsangestellten nach einer gesetzlichen Normierung der Maximalarbeitszeit schon alt, aber es ist erklärlich, daß diese Forderungen, die einen Bruch mit alten Ueberlieferungen zur Voraussetzung hatten, auf großen Widerstand stießen, der nicht nur bei den Arbeitgebern, sondern auch bei den Angestellten zu finden war. Aber die Reichsregierung konnte sich dem Gegenstände nicht mehr entziehen, seitdem sie die Verhältnisse der Fabrikarbeiter durch die soziale Gesetzgebung geregelt hatte; denn die Fürsorge des Reichs wird sich nach und nach auf alle Arbeitskräfte zu erstrecken haben, mögen sie einem Stande angehören, welchem sie wollen.
Die neuen Bestimmungen treten am 1. Oktober in K aft; diese längere Karrenzfrist ist nur zn billigen, damit
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Rothenberger Wve,
Ein stilles Grab.
Eine Pfingsterinnerung von P. W. (Gießen). Schluß.
Der Mond hat mich immer verstanden, mich freundlich umstreichelt und eine Traulichkeit über mich ergossen daß ich stet- beruhigter und zusnedener vor. ihm fort unb ju Bette gegangen als ich zu >hm getreten bin. Ich habeben Mond weit lieber als die Sonne, die nur hasten und mühen siebt Der Mond aber sieht nur träumen. Was er von uns' in sich ausgenommen hat, das giebt er uns wieder zurück, alle unsere Hoffnungen, Wünsche und Traume, nur um vieles verklärter. Er scheint unsere Sehnsucht immer schon Halbwegs zu erfüllen, ob man sich allem mit ihm unterhält, oder, was mir lieber ist, zu dreien, wenn er kosendem Zwiegespräche lauscht. Trauliche Wonnen und bebende Seligkeiten hat er ganz besonders gern, er hegt lind behütet sie liebevoll. Liebe, sauste, milde, zarte, menschensreundliche Liebe entquillt seinem Llchte, das uns l.jse prickelnd umrieselt. Gerade und frei sehen wir ihm imS Angesicht. Die Sonne aber zwinkern wir an und meiben ihr Antlitz. Ihr gegenüber sinb wir nicht aufrichtig. Dem Monb aber vertrauen wir alles, unser bestes an, ihm offenbaren wir uns. Er kennt unsere Heimlichkeiten, unb d.§rum kennt er uns ganz, barum weiß er, was er von uns in halten hat. Ich bilbe mir em, mich hat er ganz be- sinbers gern, - vielleicht weil ich besonbers viele Schwachen ^"an jenem Abend kam mir der sonderbare Gedanke, c G -:n ferner Großvater aus dem Monde auf mich Lie^ ch uw Em leises Wölkchen, das sein Gesicht
Vin roenta verhüllt und ihn etwas mürrisch hatte luussehen lassen, verschwand, und fteundlich und gemütlich
daß es den Kamps nach all den schweren Niederlagen der ersten Zeit mit entschlossenem Mute durchgeführt und ber Welt den Beweis erbracht hat, daß trotzf allem noch ein Rest altgermanischer Kriegstüchtigkeit in dem angelsächsischen Blute übrig blieb. Eine Viertelmillion Soldaten, zusammengerafft aus allen Winkeln der Welt, narbenreiche Veteranen, ungeübte Rekruten, hergelaufenes Gesindel, wurden hinübergesandt auf den fremden Kriegsschauplatz und einheitlicher organisiert. Wollte es am Anfang scheinen, als sei das militärische Prestige des britischen Reiches für immer verloren, so wird jetzt der Krieg vielleicht einer stärkenden Eisenkur gleichen.
Es will Abend werden. Nicht lange mehr und die Burenstaaten gehören der Vergangenheit an. Aber ihr Name und der Name ihrer Helden wird fortleben durch alle Zeiten, und wenn man einst den' lauschenden Kindern von Tapferen erzählt, die zu kämpfen und zu sterben verstanden, dann wird man auch! von denk armen. Bauernvolk da unten berichten, das zu Grunde gina, weil die Tiefe seines Bodens schimmerndes Gold und Edelgestein barg^
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erkämpfen und im Ringen mit wilden Tieren und wilden Menschen sich zu stählen, alle Eigenschaften besitzt, um ein ausgezeichneter Krieger zu sein, und der Fortgang der Geschicke hat des anderen gelehrt, daß ihm zur Vollendung nur das Eine fehlt: die fachgemäße Durchbildung des Soldaten, wie sie die Praxis des stehenden Heeres allein gewähren kann. Die Disziplin, die Unterordnung unter den Willen des Vorgesetzten, der schweigende Gehorsam — sie sind Korrelate der Tapferkeit, ja sie sind die Urbedingungen jedes dauernden Erfolges. Die Fremden waren es, vor allem die Deutschen, die in alter, harter Schule, in der Kaserne und auf dem Exerzierplatz „gedrillten" Männer, die den eigentlichen Kern des Burenheeres bildeten, wenn es einmal aalt, den Schutz der sorglich gewählten Verteidigungsstellung aufzugeben und in mutigem Angriff die Früchte erfochtener Siege zu sichern.
Auch Johannesburg ist in britischem Besitz. Atemlos hatte man gelauscht auf den Donner der Explosion, von der die Goldminen bedroht waren. Es hätte ein gigantischer Zug, eine Art von der Heldengröße der Vorzeit darin gelegen, wenn jene Minen, um deren Besitz englische Habgier den Kampf begonnen hat, vernichtet worden wären. So stürzte einst Hagen den Hort der Nibelungen in die Fluten des Rheines, auf daß nicht neue Schuld und neuer Mord an seinen Besitz sich knüpfe, daß FafnerH Fluch von der Erde sich löse. Völkerrechtliche Erwägungen haben keine Berechtigung mehr, wenn die Verzweiflung des Endes ein Volk erfaßt, im Angesicht des Ungeheuren verstummt die kleinliche Rücksicht des Tages. Aber die Buren haben den Mut des Aeußersten, jenen Mut, der nicht mehr scheidet zwischen Heldentum und Verbrechen, nicht gehabt, und vielleicht nur Einer von ihnen hat mit knirschendem Trotz sich gefügt, und dieser Eine heißt Paul Krüger. Denn wenn Einem von ihnen allen die Geschichte den Ehrenkranz erteilen wird, bcn sie so oft nicht für den Sieger, sondern für den Besiegten bereit halt, so ist es' der Mann, der den Freiheitskamps gegen einen hunde^- fach überlegenen Feind vorbereitet und durchgesuhrt hat, der bis zur Netzten Stunde nicht verzagte und der nur einen Feind nicht zu bezwingen vermochte: den Femd, der ihm in der Brust der eigenen Volksgenossen erwuchs.. Wird der greise Krüger, der so ost schon die Buren Transvaals mit frommem Wort befeuerte und mit markigem Ruf zu großen Thaten fortgerissen hat, jetzt der Führer sein in der letzten Phase, in der nicht mehr um den Lorbeer, sondern nur noch um die Ehre gerungen wird, deren Lohn, bei allem Heldentum doch nur die Vernichtung sein kann? Dem, der nüchtern denkt und kein Gesühl besitzt sür dasj Heldentum des Leidens, wird solcher Kampf als unnütze Frucht unnützen Eigensinns erscheinen; der aber, dessen Gedanken höher fliegen, dorthin, wo die Heimstätte des Heldentums liegt, der wird auch dieses Opfer noch fordern.
England genießt in Deutschland keine besonderen Sympathien. Dennoch mutz auch der Feindseligste anerkennen.
Das Ende.
Es will Abend werden. Schon sind die Engländer in Pretoria eingezogen und es scheint in der That^ als solle der ungeheure Heldenkampf, als solle jenes grandiose Schauspiel menschlicher Größe, dem wir alle atemlos lauschten, rühmlos, klanglos zu- Ende gehen. Eine Welt von Ereignissen, von wechselnden Empfindungen liegt zwischen dem Tag von Elandslaagte und der Gegenwart, zwischen den wunderbaren Siegen, die das Burenheer nach jener ersten Niederlage erfocht, und der Zertrümmerung der beiden Republiken. Sie begannen als Helden Unb sie enbeten —
Ja, wie haben sie geendet? Sind sie noch dieselben, die sie einstmals waren, am Majubaberge, die sie waren, als der Einfall Jamesons sie nach Krügersdorp rief, als Methuen, Gatacre und Buller ihren Kriegsruhm Preisgaben? Oder sind die wetterfesten und stahlharten Männer, die in römischem Heldensinn die Pflugschaar und die Egge verließen, um das Vaterland zu schützen, plötzlich Feiglinge geworben, die nur Eines kennen und nur Eines fühlen: die Sorge um ihr Eigentum, um ihre Farmen unb Herben, um ihr Gelb und Gut? Die letzte Entscheidung wird erst die Geschichte bringen, und ungerecht ist es, ihrem. Urteil vorzugreifen. Aber Wehmut erfüllt uns alle, wie wir noch heute mit schmerzlichem Empfinden dem Kampfe folgen, in dem die Gothen unter Totilas und Teja um ihre Freiheit rangen, bis der letzte an den glühenden Hängen des Vesuvs sein Leben aufgab. Völker vergehen und Staaten verschwinden, in buntem Wechsel tauchen neue Gebilde empor — wird auch das Burenland dem Schicksal verfallen, wird der freie Bauer zum Knechte des Briten werden?
Seit dem Tage, da Cronje, der einst der Wolf von Transvaal hieß, dem siegreichen Roberts seinen DegeN nlbergab, ist das Glück von den Buren gewichen. Sie hatten aüänzende Erfolge erzielt, die Welt begann sich daran zu gewöhnen, sie für unüberwindlich zu halten und der Moment schien gekommen, da das ganze Capland sich erhob und den letzten englischen Soldaten und die letzte englische Fahne in die Finthen des Ozeans drängte Nur nach einer Richtung schien ein seltsames Mißgeschick das kleine Volk zu verfolgen: Ihre tüchtigsten Führer wurden ihnen geraubt, Schiel, Anrecht, Cronje, Joubert, Villebois, fte alle schieden aus ihren Reihen, und Neulinge, vielleicht begabte, sicherlich aber nicht voll erprobte Manner, traten a n ihre Stelle. Und b och konnten bereits die Anhänger des Milizsystems ihre Hymnen anstimmen zum Preise eines Volkes, das keine Kasernen und kein stehendes Heer, keme Kriegsübung und keine Unterordnung kennt und das -dennoch Armeen einer mit ungeheuren Mitteln versehenen europäischen Macht von Niederlage zu Niederlage treiben konnte. Aber jene erste Zeit hat nur eins erwiefen: daß der Bur, gewohnt in harter Arbeit sich das Leben zu
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