Samstag den 7. April
weites Blatt
2lntts» und rlnzeigeblatt für den Ureis Gieren
Amtlicher Heil.
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Redaktion, Expedition und Druckerei:
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Adresse für Depeschen: Anzeiger Ziehen.
Fernsprecher Nr. 51.
Gießen, 5. April 1900.
. Die Ausführung des Gesetzes über den Urkunden- '' stempel vom 12. August 1899; hier: die Stempel- pflicht der Gewerbspatente.
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Das Ehepaar Gönczi vor den Geschworene«.
Berlin, 4. April.
ß-ffidnt täglich lilsuahmc des Montags.
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J. Carl Wtt.
Bekanntmachung.
Betr.: Gesuch der Versicherungsgesellschaft „Thuringia" in Erfurt um Genehmigung zur Aufnahme des Betriebes der Versicherung gegen die Folgen gesetzlicher und vertraglicher Haftpflicht jeder Art. DaS Großherzogliche Ministerium des Innern hat der Ungenannten Gesellschaft gestattet, ihren Geschäftsbetrieb im Großherzogtum Hessen auf die Versicherung gegen bie Folgen gesetzlicher und vertraglicher Haftpflicht jeder Art in erstrecken.
Gießen, den 5. April 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
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Bäckermeister Frach, der folgende Zeuge, hat Laden an Laden mit Gönczi in der Mühlenstratze gewohnt. Am 13. August sei der Hausverwalter Woeppel zu ihm gekommen und habe ihm erzählt, daß er einen am Montage fälligen Wechsel von Gönczi über 1000 Mark in Händen habe Woeppel habe den Zeugen gefragt, was er von Gönczi halte Der Zeuge habe erklärt, daß er Gonczi fur einen g r o ß e n L u m P e n halte, weil er ihn schon vielfach belogen habe. „Na dann werde ich wohl hinemgefallen sein", habe Woeppel erwidert. Der Zeuge behauptet weiter, daß das Gonczische Ehepaar am 14. auffallend früh fortgegangen sei. Auf Befragen des Rechtsanwa ts Tr. Frankel giebt er zu, daß er bei Gönczi einmal emen fremden Mann gesehen habe.
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Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt Glätter für hessische Volkskunde.
Sitzung der Stadtverordneten
am 5. April 1900.
Anwesend Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi und Wolff, von feiten der Stadtverordneten die Herren Brück, Emmelrus, Euler, Faber, Flett, Hanau, Heichelheim, Heyligen- staedt, Huhn, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Löber, Loos, Dr. Schäfer, Schiele und Wallenfels.
Entschuldigt die Herren Beigeordneter Grüneberg, Stadtverordneten vr. Fuhr, Dr. Gaffky, Grünewald, Dr. Gutfleisch, Leib, Scheel, Schwall.
Die beiden ersten Gegenstände der Beratung: Pachtweise Ueberlassung von Holzlagerplätzen am Lutherberg an die Herren Bäckermeister Ludwig Engelhardt und Philipp Wehrum werden genehmigt.
Ein Gesuch des Herrn Oekonomen Puth um Erlaubnis zur Errichtung einer Feldscheuer in Fachwerk am Wiesecker- weg soll befürwortet werden.
Bezüglich deS Baugesuchs deS Herrn I..Hirz am Seltersweg war dem Gesuchsteller unter Verzicht auf Belassung einer Durchfahrt in seinem Neubau aufgegeben worden, im Hofe beweiben einen Hydranten anzulegeu. Infolge erhobener und eingehend begründeter B l « gegen eine solche Anlage seitens des Ga-- und Wasf-rw-n- beschloß die Versammlung, ebenfalls f ?omit
dem Gesuchsteller aber aufzugeben, in ledem
der Polizei Anzeige. — Präs.: Was sagen Sie dazu, Gönczi? — An ge kl.: Wenn das Fräulein sagt, ich kannte die Frau Schultze schon seit fünf Jahren, so hat sie falsch verstanden. Ich hab' gesagt, ich bin seit fünf.Jahren hier und kenne die Frau nicht. Die Zeugin bleibt bei ihrer Aussage, auch dabei, daß Gönczi ihr bereits am Montag gesagt habe, daß die Frauen nicht nur nach Hannover, fotten and) nach Brüssel und Paris gereist feien. .
Maurer Habermann, der nächste Zeuge, hat bei den Schultzeschen Frauen, die kein Dienstmädchen hatten, kleine häusliche Verrichtungen besorgt. Er hat Frau Schultze zum letztenmale Freitag, 13. August, gesehen er hatte von ihr den Auftrag erhalten, Samstag nicht zu spat zu erscheinen. Am Samstag ist der Zeuge in dem Hgu,e Prenzlauer Allee beschäftigt gewesen; dorthin kam Gönczi gegen 11 Uhr vormittags und hat dem Zeugen erklärt, er brauche nachmittags nicht hinein zu kommen, denn Frau Schultze sei mit ihrer Tochter nach Hannover verreist. Er selbst habe die Hausverwaltung übernommen, sämtliche Schlusiet erhalten, und werde dem Zeugen die beantragte^ Lohner- I Höhung gewähren. Gönczi ist dann an demselben Samstag- uachmittag noch einmal gegen dreiviertelfunf Uhr m der Prenzlauer Straße erschienen und hat dem Zeugen leinen Lohn ausgezahlt Staatsanw.: Der Angeklagte meint, daß Sie auch um den Mord ganz genau wissen -Zeuge fentrüftet): Ich? — Gönczi (sehr eifrig): Jawohl! Er sollte ldie Leichen einmauern und auch 10 000 Mark erhalten. — Zeuge: Das ist eine ganz gemeine Luge! — P r a .: Gönczi hat folgendes behauptet: Er habe am 16. August I die Gasleitung revidiert, und als er sich im ersten Stock befunden, habe er im Keller ein Poltern gehört; er habe
I dann Habermann gesehen, der ihm zugerufen, er habe sei I Handwerkszeug in den Keller getragen. Nach kurzer Zeit I habe er gesehen, daß Hinz und £oen)t) auf -örettenr einen Gegenstand nach dem Kettet hinuntergefchleppt hatten..
I Er habe" angenommen, daß der Wein ^gekommen sei, den Hinz im Sande habe lagern wollen, thatsachlich seien I es aber die Leichen gewesen. — Habermann erklärt I Gönczis Behauptungen für „so erlogen, d atz es keine Worte dafür gieb t". . ,
Der Vorsitzende macht wieder auf eine Reihe von I Widersprüchen Gönczis und seine abweichenden Aussagen I beim Untersuchungsrichter aufmerksam. Gönczi erwidert sehr lebhaft: Ter Untersuchungsrichter hat mich nicht.zu. I Worte kommen lassen. Da hieß es einfach: „Maul holten. I Und wenn der Herrgott Ihr Rechtsanwalt wäre, Sie werden
Perlen besetzte Brosche, ein zu dem Collier gehöriges, nut | । hellblauen Steinen und weißen Perlen besetztes Armband, I 1 ein Brillantenarmband in Goldfassung, em Brillantring, ein Paar Chemisett-Knöpfe von Brillanten, em Kreuz mit Goldopalen, und eine dazu gehörige — lange — goldene Kette ein Armband in Form eines einfachen Goldreifens, I ein goldener Siegelring mit hellblauem glatten Stern, ein Gemmenschmuck und ein goldenes Armband in Form einer Schlange, deren Augen aus Brillanten bestanden.
Gönczi bestreitet, daß bei den Schmuckfachen, die I ibm angeblich Loewy auf dem Bahnhofe Friedrichstraße I Übergab, ein Brillantarmband sich befunden habe, wo-. I gegen Frau Gönczi behauptet, daß em Brillantarmband in Brüssel verkauft worden sei. — Gönczi: MemeEhe- | krau irrt sich, das war in Antwerpen, da hat Loewy em I Armband verkauft und hat mir Geld von dem lÄckos Qe- I neben —Präs.: Das ist wieder ganz etwas neues. Bisher haben Sie kein. Wort davon gesagt, datzLoewy auch m ! Antwerpen mit Ihnen zusammen war. — An ge tl.. Bitt schön, Herr Präsident, Loewy ift nach Antwerpen gekommen, weil er schpn mal in Brasilien war und nut der I Ueberfahrt Bescheid wußte. - Präs.: F^u Gonezi, haben Sie etwas von hem Loewy gesehen? — Frau Gonczr. l I ch habe nie einen Loewy gesehen P ras.. I Nun, Angeklagter, das ist doch sehr auffallend, daß ^hre Frau einen Mann, der angeblich mit Ihnen nach Brussel gefahren ist, sich dort lange nut Ihnen ausgehalten haben und auch noch mit Ihnen m Antwerpen zusammen gewesen sein soll, niemals gesehen hat. - Angekst: Er wollte
I sich vor der Frau nicht sehen lassen. — P^s - Las I I war denn der Loewy für em Landsmann? — ^ugekl..
Er war ans Brüssel gebürtig und ein getaufter Jude - I Präs ■ Sprach er französisch? — Angekl.. Er sprach französisch und auch belgisch. (!) - Präs.: Also auch belgisch? - Angell.: Jawohl, er hat doch rn Brussel perfekt gesprochen - Präs.: Er sprach boch auch beutsch?
I Angekl.: Sehr gut deutsch!
Zeuge Dr. meb. Schlesinger hatte die Wohnung I unter der Schultzeschen inne. Als er an dem in Rede stehen- I den Samstag gegen 6 einhalb Uhr seine Bahnung verließ I unb die Hintertreppe benutzte, begegnete ihm Gönczi, der vom Hose kam. Gönczi sei auffallend erregt gewesen, so dust der Zeuge ihn gefragt habe, wa^ ihm fehle, xer Angeklagte habe erwidert, daß die Hausverwaltung ihm viel Aerger bereite, besonders fei es ihm unangenehm, daß zwei Wohnungen leer ständen Der Zeuge habe gesagt, daß man sich darüber doch nicht m zu ärgern brauche, es sei doch in erster Linie Sache der Frau Schultze. "Ach di Danien sind ja gestern abgereist", yabe Gönczi erwidert. Als der Zeuge eingewendet habe, daß dies nicht möglich sei, da er noch gestern das Gehen der beiden grauen gehört habe, sei Gönczi mit der Bemerftmg herausgekommen. „Na, dann werden sie wohl heute früh gefahren fern .
Es folgt die Vernehmung der Zeugin Franz. Sie ist Wirtschafterin beim Geheimrat Thur, der eine Woh- nuna neben derjenigen der Damen Schultze inne hat. Am 14. August sei es ihr aufgefallen, daß der Eismann kemen Einlaß in die Wohnung finden konnte. Gönczi habe ihr später die Mitteilung gemacht, daß die Damen verrech eien. Befremdet habe es die Zeugin, datz Goncz Erde und Schutt in den sauber gestrichenen und tapezierten Keller habe werfen lassen. Auf Befragen habe Gönczi erklärt, daß er einen kleinen Weinhandel anfangen und bie Erde zum Lagern des Weines benutzen wolle. Gönczi habe ihr erzählt, die Schultzes seien nach Brussel und Paris gefahren, sie kehrten vielleicht nicht mehr zuruck, denn fw wollten-sich eine Villa kaufen und hatten ihn beauftragt, das Haus zu verwalten und die Wirtschaft- nachzuschicken; er kenne Frau Schultze schon seit fünf' l Zähren, eine Frau sei eine entfernte Verwandte von ihr. ! Am Tage darauf sei sie von einem spaziergange zuruck-
nnrnuf fie entgegnete: „Tas haben Sie mir ja schon aestern gesagt"? Sie sah sich dann die Schultzesche Wohnung an Diese sah aus'wie eine Trödelbude und bet Zeugin siel es auf, daß die Betten ganz m Unordnung waren, wie sie doch jemand, der berreijt, nicht zurucklasfe. Za die Zeugin im Berliner Zimmer auch die Hute der I Schultzeschen Damen liegen sah und wutzte, datz diese lerne anderen besaßen, so erschien ihr tue ganze Sache höchst, 1 verdächtig und unheimlich, und sie hat sich Mfort über ihre I Begegnungen mit Gönczi am 16 und 1 (. August schriftliche I Aufzeichnungen gemacht. Sie hat dann am Abend noch I die frühere Portiers ft au Frau Murawski auf gesucht und dieser ihre Bedenken mitgeteilt, sie erzählte dabei auch. I die Behauptung des Gönczi, daß dieser die ^rau ^chultze angeblich schon fünf Jahre lang kenne. Frau Murawski erklärte dies sofort für eine grobe Luge, war auch uber- I zeugt, daß hier ein Verbrechen vorliege, und erstattete
Es werden einige der ermordeten FE Schultze ver- iembte Frauen darüber vernommen, welche Schmucksachen Srau Schultze besessen hat, und welche abhanden ge Immen sind. Nach der Ansicht dieser Zeuginnen fehlten tin aus Türkisen nnd weißen P"len SMammengesetztep Miet, eine ans einem Stein bestehende, mit weißen
1900
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Politische Tagesschau.
Wie aus Konstantinopel telegraphiert wird, ist Ghazi I Däm an Pascha, der Löwe von Plewna, gestorben. I Lor einigen Wochen hatte man den schwer erkrankten Mar- IckiU schon tot gesagt. Nun ist mit ihm einer der ersten I Ne.i aus der jüngsten Kriegsgeschichte des osmanischen Keichs abberufen worden. Den Krimkrieg und fast alle I bie Kämpfe, welche die Türkei gegen äußere ^embe und I Änpörer im Innern seitdem bestehen mutztehat erinit- crcmackt Ein 17 jähriger Junglmg, trat er 18d4 als Ka- »llllerieleutnant in die Armee ein. 1860 stand Osm.au ae en die aufrührerischen Drusen im Fettre, und die große ; »siurrektion auf fcta rief ihn einige Jahre darauf nach djiesemfoiel umstrittenen Eiland. Vierzig ^ahre ?lt, kämpfte n 1876 als Divisionsgeneral gegyi Serbien, ein Feldzug, her das Vorspiel zum letzten russisch-türkischen Kriegs sm!*
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oh nur her Siintaer brachte feine durch Dvtleben umschlossene Stellung zu Fall. Ein verzweifelter Versuch, idj durchzuschlagen, mißlang, und am Itt Dezenter 1877 munte das türkische Heer und sem verwundeter sichrer iw’bem iibermädjtigen Gegner iaMtlieren. 9te ho& toeä unglücklicheu Ausgangs behielt OEan Paslha den 2m von seinem Souvcrain verliehenen Titel Ghazi, d y^ dlr Siegreiche, wie er für die übrige Welt der Held von Llewna blieb. Beim Friedensfchlnß ans der rustijchen- Kcsangenschaft heimgekehrt, übernahm Ovman dav Kriegs- Ministerium, das er bis zum Jahre 1885 verwaltete. Ghazi Osman Pascha war ein Mann der alten türkischen Art. Lcstliche Bildung war ihm fremd geblieben, abm: er er- Eonnte ihre Ueberlegenheit zumal auf militari,chem Ge- biet rückhaltlos an. Für Deutschland hegte er auftichtige KUS uni) kurz vor feiner Erkrankung sagte er zum Mrften Maurokardatis: „Ich gratuliere Ihnen, daß Enechenland nach Deutschland OM^ere sende dort zu leinen Anck meinen Sohn habe ich in die deutjcye firmte Leihen lassen und er l,a. ine, nnd tüchtiges gelernt^
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Age Anzelgeu-Vermiltlungsstcllen des In- und Auslände- nehmrn Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreiö lokal 12 Pfg, austvärts 20 Pfg.
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M Großherzogliche Kreisamt Gießen
«»tte Großh. Bürgermeistereie» des Kreise».
■Wliüj zur Beseitigung mehrfach h-rvorgetreten-r Zweifel hat Me abend ancr; GMerzogliches Ministerium der Finanzen angeordnet, datz „ , W, Gewerb«p°t°nt- der in Artikel 3 d-S G-w-rb-ft-u-r.
NASI, I ,Mea vom 8. Juli 1884 bestimmte Stempel von 40 Pfg ■ , 8er8,enbung ,u kommen ha«, während die demnächst
Ain nicht«- - ‘ul Grund des Artikel« 24 d-S Vermögenssteuergefetze« >P1 non 12. August vor. IS. zur Ausfertigung gelangenden ,eS™-! «m-rbescheine nach Nr. 38 des Tarifs zum Urkunden- ä iftemödaefefe zu behandeln, also dem Stempel von oO Pfg.
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vwnuwni, s, $ V.: Dr. Wagner.
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Abbcstellungen spätestens abendS vorher.


