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Wessener Anzeiger
General-Anzeiger
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Den Tapferen von j)aar-eberg.
„Alles verloren, die Ehre nicht!" 3ebcs brechende Äug' es spricht, 3ebe Fahne vom Feinde geraubt, Herz in die höh' drum, empor das Haupt! Sterbende Kämpfer im blutigen Feld, Du, vom Wetter gefällter Held!
Jedes brechende Auge spricht: „Alles verloren, die Ehre nicht!" herrliches Volk, verzage nicht! Vieles nahmen sie, Alles nicht. Stehen sie Dir auch nach hab' und Gut, Beugen sie nimmer Dir Stolz und Mut, Rauben sie Dir auch Dein Eigentum, Nimmer doch rauben sie Dir den Ruhm, herrliches Volk, verzage nicht
Vieles nahmen sie, Alles nicht!
Tapferes Volk, harr' aus, harr' aus! Schärfe die Waffen zu neuem Strauß, kaß sie nur jubeln, jauchzen und schrei'n, taffe den Kindern die Kinderei'n*).
Während sie taumeln in Siegeslust, Stärke zu frischem Kampfe die Brust! Tapferes Volk, harr' aus, harr' aus! Schärfe die Waffen zu neuem Strauß.
Gläubiges Volk, o zage nicht!
Gok verläßt feine Buren nicht.
lieber dem Wüten und Toben der Schlacht hält er schützend, und schirmend die Wacht.
Durch den ernsten, heiligen Krieg Führt er sein Volk zu herrlichem Sieg. Gläubiges Volk, o zage nicht!
Gott verläßt seine Buren nicht.
Gießen. Therese Köstlin.
*) Es bezieht sich dieser Ausdruck aus die Verbrennung deS Bildes des Präsidenten Krüger. Die Red.
* Unser Kaiser in der englisch französischen Presse.
Die englischen Blätter lieben es, die Persönlichkeit des Deutschen Kaisers, wo immer es möglich ist, in ihre Erörterung zu ziehen. Sie gleichen darin der Pariser Presse, die von dem Monarchen fast täglich ausführlich berichtet, sicher, das Interesse ihres Publikums zu erregen. Es ist natürlich, daß hierbei je nach der Stimmung das „Hosiannah" und das „Kreuzige" sich ablösen, daß bald in den wildesten Karrikaturen den Chauvinisten oder Jingos geschmeichelt wird, daß man bald in superlativischer Bewunderung erstirbt, wenn gerade der Moment eine kleine Spekulation auf die menschliche Schwäche rechtfertigt. Heuchlerischer Byzantinismus und freche Roheit folgen oft einander ohne Vermittelung. So ist es unvergessen, welche Takt- und Geschmacklosigkeiten das Echo des prächtigen an Ohm Krüger gesandten Telegramms bildeten, jenes Telegramms, das den Kaiser auf die höchste bisher erreichte Höhe seines Lebens führte; so haben wir noch im Gedächtnis die dreisten Mahnungen, von der Queen sich belehren zu lassen über Weisheit und Regierungskunst, und andererseits haben- die Blüten, die aus dem Schmutz der Dreyfustage aufsprossen, einen Duft verbreitet, der heute noch gespürt werden kann. Eine gerechte Würdigung der Tugenden und Fehler des Monarchen, seiner eigentümlich komplizierten Herrennatur, seines Wollens und Strebens hat man nur selten zu entdecken vermocht.
Auch jetzt wieder ist das intensive Interesse der englischen wie der französischen Presse auf den Deutschen Kaiser gerichtet. Und es ist'seltsam genug, daß hier wie dort die dithyrambischen Klänge das Uebergewicht behalten, und daß für uns, die wir doch, wie Reuter sagt, „die Nächsten dazu sind", weder die Pariser noch die Londoner- Stimmung aus den Thatsachen sich begründen läßt. In England jubelt man darüber, daß die Politik des dritten Deutschen Kaisers von tiefem Wohlwollen zeuge für die Besiegten von Colenso und von Magersfontein, und triumphierend verkündet man der Welt, daß der Monarch nach des Helden Cronje tragischem Ausgang der Königin Viktoria und dem Prinzen von Wales seinen Glückwunsch übermittelt und „in generösen und freundlichen Ausdrücken auf das wichtige Ereignis beim Paardeberge Bezug genommen habe." Die französische Presse wiederum preist in schwungvollen Worten die „Ritterlichkeit" des Deutschen Kaisers, die ihn verpflichten soll, die Initiative zu einer schiedlichen und friedlichen Vermittelung zu ergreifen, und so einen Schritt zu unternehmen, dessen augenblicklicher Erfolg mehr als zweifelhaft wäre, dessen künftige Folgen
aber schwerlich auf das Gewinnkonto des deutschen Volkes gesetzt werden dürsten, weil auch der ehrlichste Makler nicht gegen Mißdeutungen und Verdächtigungen geschützt ist. Aber der Liebe Mühe ist hier wie dort umsonst. Alle Versicherungen, selbst alle Schwüre, die von den Ufetn der Themse herüber klingen könnten, werden uns, werden das deutsche Volk nicht überzeugen, daß unser Kaiser, von dessen tapferem Freimut wir nach dem Tage von Krügersdorp so begeistert vernahmen, dem Millionen von Herzen zujubelten, als er das richtende Wort über Jamesons Räuberfahrt aussprach, jetzt im Widerspruch mit seinem ganzen Volke, mit allen Deutschen der Welt dem Werke sympathisch sich zugeneigt habe, das die Spießgesellen eben jenes Jaweson nur mit wilderer Energie jetzt ausgenommen haben. ,
Kaiser Wilhelm ist wahrhaft ein Ritter, er ist em hochgesinnter Mann, dessen Herz schlägt gleich dem fernes Volkes für die kleine Schar, die, gegen die Uebermacht ringend, der Welt die trostvolle GewißlM giebt, daß todesmutiger Heldensinn noch nicht ausgestorben sei auf Erden. Der Zwang der politischen Besonnenheit, die Notwendigkeit, das Sehnen des Idealisten zurückzudrängen hinter den harten Forderungen der Realität muß den Deutschen Kaiser bestimmen, in strikter Neutralität den Ereignissen zu folgen, aber jene Notwendigkeit kann ihn niemals dazu führen, den Genossen des Rhodes und Chamberlain Glück zu wünschen zu den Fortschritten auf einer Bahn, die zu der Aufopferung eines Volkes von frommen und tapferen Männern führt. Allzuoft durchbrauste die Halle der unserem vielgeliebten ersten Kaiser gewidmeten Kirche in Berlin das alte Niederländerlied: „Wir treten mit Beten vor Gott den Gerechten", und allzuinnig hat sich in vergangenen Tagen das Hohenzollernblut mit dem Blute der Oranier vermischt, allzutief durchdringt das ganze deutsche Volk die Sympathie für das von seinem eigenen Stamm abgesplitterte Volk der Buren, als daß wir alle jene von englischer Seite geflissentlich verbreitete Meldung von dem Glückwunsch zu Cronjes Untergang nicht als eine schroffe Beleidigung der kaiserlichen Majestät auffassen und den Wunsch nach einer Berichtigung hegen sollten, die keineswegs den Stempel übermäßiger Höflichkeit zu tragen brauchte.
Und es ist auch gut, wenn jenen aufdringlichen neuen Freunden, die uns plötzlich selbst in der chauvinistischen Presse Frankreichs erstehen, mit aller Ruhe klar gemacht wird, daß unser Kaiser weder vor französischen Drohungen zittert, noch willig den französischen Lockungen folgt. Der Gedanke der Intervention mag ja verführerisch wirken, er mag so bestechend ersck)einen, daß selbst kluge und klare Köpfe sich an ihm berauschen, aber in der Politik hat nicht das gute Herz, sondern der nüchterne Verstand das Wort zu führen, und der Egoismus muß der Alleinherrscher sein.
Freilich versüßt uns die Pariser Presse den Gedanken der Intervention durch die Verheißung, daß von ihr eine überaus glückliche Rückwirkung ausgehen werde auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Aber wer hat solch kindlichen Glauben? Wir unsererseits haben stets, wenn die bekannten Liebenswürdigkeiten an die Adresse der Franzosen ergingen, wenn wir von der Ausschmückung der Gräber von Vmcennes hörten oder von dem Besuch der Iphigenie, von den Telegrammen an Sadi Carnot, Lesseps oder Faure und den Briefen an Gallifet, die Ueberzeugung vertreten, daß jenseits der Vogesen niemals über den Augenblick hinaus eine Wirkung eintreten werde, daß niemals der französische Haß erstickt werden könne selbst unter den ehrlichsten Beweisen kaiserlichster Huld. So mögen denn die Blätter von London und Paris getrost ihre Fäden spinnen; die Deutschen gleichen nicht den Fliegen, die sich im Netze fangen wie sie den Mücken nicht gleichen, die gegen das Licht flattern und sich zur Freude der Zuschauer unbedacht die Flügel versengen. _____
Lokales mth Nrsviiyietles.
(««orryme Einsendungen, gleichviel welche« Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gieße», den 6. März 1900.
** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 185 Jahren, am 7. März 1715, wurde zu Zeblin bei Köslin Ewald Christian o. Kleist geboren, ein Dichter voll warmen Gefühls und tiefen Naturstnns, ausgezeichnet in seinen Liedern und Elegien, berühmt als Sänger des „Frühling", und als einer der tapfersten Kriegs- Helden aus der Frtdericianischen Zeit. Er starb am 24. August 1759 infolge einer in der Schlacht bet Kunersdorf erhaltenen Schußwunde. ___________
** Juristen und Staalsbaubeamte im Großherzogtum Hessen. Der „Deutschen Zeitung" wird geschrieben: Die mannigfachen Ereignisse, welche sich in den letzten Monaten im Großherzogtum Hessen abgespielt und weit über die Grenzen desselben Aussehen erregt haben, lenkten die Aufmerksamkeit von einer in diesen Zeitabschnitt fallenden Ruhe
standsversetzung ab, die in erster Linie die hessischen Staatsbaubeamten betraf und in zweiter Linie weite technische Kreise teils in Erstaunen, teils in Mißstimmung versetzen mußte. Für diese Mißstimmung genügend war die Thal' fache, daß wider alles Er.oarten die seit Bestehen der Mintsterialabteilung für Bauwesen im Ministerium der Finanzen stets durch einen Fachmann besetzt gewesene Stelle eines Vorsitzenden an einen verhältnismäßig noch jungen Juristen übergegangen ist, der seit einer längeren Reihe von Jahren der Bauabteilung als juristisches Mitglied angehörte. Dieser Ersatz des Herrn Geheimrat Dr. Schäffer durch einen Juristen wirkte aber auf die beteiligten Kreise um so betrübender, weil kurze Zeit vorher die Frage der Wiederbesetzung der durch bekannte Ereignisse erledigt gewesenen Stelle eines Vorsitzenden der Schulabteilung beim Großherzoglichen Ministerium des Innern zur Erwägung stand und hierbei die durchaus berechtigte Befürchtung, daß diese Stelle wie in früheren Jahren so auch jetzt wieder an einen Juristen übergehen könnte, zum Ausdruck kam. Aber schon die bloße Annahme einer solchen Möglichkeit, zu der bei der wenig geschickten Verteidigung der Interessen der Schulabteilung bei den bewußten Kammerverhandlungen genügende Veranlassung gegeben war, betrachtet man als eine schwere Schädigung des Ansehens des gesamten akademisch gebildeten Lehrerstandes; man vertrat diesen Standpunkt mit Recht und kraft der bei den Lehrern seit Jahren bestehenden einheitlichen Organisation zur Vertretung gemeinschaftlicher Interessen mit Geschick und mit Erfolg. Dem Lehrerstand des Großherzogtums blieb also die drohende Demütigung erspart. Diejenige des lieber- gangs des bisher nur von Fachleuten geführten Szepters der Bauabteilung an einen Juristen muß daher um so greller wirken und vom Standpunkt des Fachmanns aus grundsätzlich unter allen Umständen mißbilligt werden. Daß eine so schwere Einbuße im Ansehen und der fachmännischen Leitung eines ganzen Standes möglich war, erklärt sich im vorliegenden Falle aus Umständen persönlicher Art. Der gesamte hessische Staatsbaubeamtenstand hat, vielleicht mit Ausnahme des derzeitigen Herrn Referenten, damit nichts zu thun. Um so mehr ist es nun seine Pflicht, gemeinschaftlich seine Interessen zu vertreten, wenn er in seinem Ansehen nicht noch weitere Einbuße erleiden will. Dazu mögen diese Zeilen den Anstoß geben.
•* In Amerika verstorbene Hessen. In New - Jork: Maria Lämmle, 55 Jahre alt, aus König. — In Stapleton, St. I., Horrmann, 64 Jahre alt, aus Frankfurt a. M. — Adolph Opper, 49 Jahre alt, aus Daubringen. — In Brooklyn, N.-D.: Anton Götz aus Mainz. — In Mount Vernon, N.-N.: Georg Weber, 71 Jahre alt, aus Hessen-Darmstadt. — In West-Hoboken, N.-J.: Valentin Weiß, 37 Jahre alt, aus Gau-Bickelheim. — In Cleveland, O.: Louis Wieland, 84 Jahre alt, aus Idstein (Hessen-Nassau). — In Crestline, O.: Frau Elisabetha Ludwig, 72 Jahre alt, aus Nieder- Modau. — In St. Louis, Mo.: Philipp Schubkegel, 70 Jahre alt, aus Groß-Bieberau. — In Belleville, Jll.: Heinrich Ribbling, 62 Jahre alt, aus Holzbach (Kurhessen). — In Dubuque, Ja.: Georg Kaiser, 64 Jahre alt, aus Ebsdorf (Kurhessen). — In Detroit, Mich.: Anna Müller, 63 Jahre alt, aus Dieburg. Ebendaselbst: Johann Schmitt, 80 Jahre alt, aus Niederklein (Kur Hessen). _________
§ Butzbach, 5. März. Wie die heutige Holzversteigerung in unserem Stadtwalde ergeben hat, sind die Holzpreise gegen das Vorjahr beträchtlich gestiegen, was hauptsächlich darin seinen Grund hat, daß infolge Verteuerung der Steinkohlen eine größere Nachfrage um Brennholz besteht. — Nächsten Donnerstagabend wird Herr Hof - Rezitator Ne an der aus Hannover im „Hessischen Hof" dahier einen Vortrag halten über „Deutschlands Kolonieen", womit eine Darstellung von 100 Kolonial-Lichtbildern verbunden wird.
4- Reichelsheim, 5. März. Der Vorstand und Aufsichtsrat unserer Genossenschaftsmolkerei beschlossen gestern in einer gemeinsamen Sitzung, der auch Herr Instruktor Persyn von Offenbach beiwohnte, die Herstellung einer Pasteurisieranlage für Vollmilch und Rahm.— Der Sekretär des Obstbauvereins, Herr Reichelt von Friedberg, hielt gestern hier einen sehr instruktiven Vortrag über Neupflanzungen von Obstbäumen nach dem bürgerlichen Gesetzbuch, uüd über Obstverwertung im Haushalt. Die sehr zeitgemäßen Ausführungen boten eine Fülle von interessantem und neuem, und verdienen darum weitgehende Beachtung. — An diese Versammlung schloß sich


