Ausgabe 
6.12.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

rat Schritte unternommen, damit die schweizerische Republik auf Grund der Haager Friedenskonferenz ihre Vermittlung zwischen den Burenstaaten und England anbietet. Zwei Mächte, die ihre Vermittlung nicht anbieten können, seien bereit, sich dem Vorschlag einer anderen Macht anzuschließen.

Wien, 5. Dezember. Im Einvernehmen mit der deutschen Regierung wurden seitens Oesterreichs und Italiens diplomatische Schritte gcthan, damit sich Präsident Krüger auch die Reise nach Wien und Rom erspare.

Buren und Engländer.

Das angebliche Komplott gegen Lord Roberts erweist sich als von der Polizei erfunden. Die Unter­suchung gegen die 11 Verhafteten, meistens Italiener, ergab absolut nichts Belastendes, weshalb ihre Freilassung bevor­steht. Lord Roberts erließ einen Abschiedsbefehl an die Truppen, worin er ihnen für ihre trefflichen Leistungen dankt und ihrem Mut, ihrer''Ausdauer und Menschlichkeit (!) das beste Zeugnis ausstellt. Die von ihnen geleisteten Dienste ständen seiner Ansicht nach einzig in der Geschichte da; denn sie führten ein ganzes Jahr lang ununterbrochen Krieg, und hätten nicht, wie es in anderen langen Feldzügen geschehe, Winterquartiere aufgesucht. Lord Roberts sagt schließlich, er habe während des Krieges viel gelernt; die gewonnenen Erfahrungen würde er bei der ihm nunmehr obliegenden Arbeit der Vervollkommnung des britischen Heeres verwerten.

Da die antibritische Bewegung in der Kap- kolonie energisch fortgesetzt wird, hoffen alle loyalen Bürger, daß wirksame Maßregeln ergriffen werden, um den Schrecken eines möglichen Bürgerkrieges in der Kap- kolonie vorzubeugen.

In der Zweiten niederländischen Kammer legte der Minister des Aeußern auf eine Anfrage des Abg. Seret vorläufig den Bericht Dr. Kosters über die Einkerkerung der Mitglieder der niederländischen Ambulanz in Transvaal und die darauf bezüglichen Schriftstücke der englischen Regierung unter der Bedingung der Geheim­haltung vor. Der Minister stellte fest, daß der Bericht und die Schriftstücke in der Hauptfrage übereinstimmten und in Einzelheiten abweichen; es sei unmöglich, zu be­stimmen, welche Lesart die richtige ist.

Im Repräsentantenhause zu Washington wurde ein Antrag zu gunsten der Unabhängigkeit der Buren einge­bracht. Nach dieser Resolution soll dem Burenvolke die Anerkennung des amerikanischen Volkes für seine tapfere Ausdauer im Kampf für seine Unabhängigkeit ausgesprochen werden. Zugleich soll den Bestrebungen des Präsidenten Krüger die sympathische Anerkennung des amerikanischen Volkes ausgesprochen werden.

Einem Privatbrief aus Prätoria entnimmt dieKöln. Ztg." folgendes: Prätoria ist öde, die meisten Einwohner sind Kriegsgefangene, viele wurden über die Grenze be­fördert, z. B. Lourenzo-Marquez, Durban, East London, Port Elizabeth und Kapstadt. Es sind nur noch wenige Geschäfte offen, und diese haben fast gar nichts zu thun, da sie keine Vorräte mehr haben. So stiegen die Preise z. B.: ein mittelgroßes Schwein 500 Mk., ein Huhn 7 Mk., ein Pfd. Zucker 2,50 Mk., ungesifteS Mehl 200 Pfund 180 Mk., ein Pfund Butter 7,50 und 14 Mk., Kartoffeln 1 Mk. per Pfund (jetzt noch), eine Schachtel Schwefelhölzer 1 Mk., ein Liter Milch 3,50 Mk. Erst seit voriger Woche bekommen wir täglich einige Lebensmittel. Von den schönsten Privatvillen und prachtvollen vierstöckigen neuen Palais (Gerichtshof), Schulen, Gymnasien usw. wurden Hospitäler gemacht. Wir müssen einen Aufenthaltspaß tragen, wie früher ein Kaffer, und müssen uns upi 7 Uhr abends in unsere Wohnungen verfügen. Für alles muß man einen Paß haben, für Bicycle, für Pferde, Wagen, Hunde; die Restaurationen sind alle geschlossen, und in den Hotels bekommt man nur während der Mahlzeiten zu trinken. Geistige Getränke haben wir uns schon zu verschaffen ge­wußt, dafür mußte man auch einen Erlaubnisschein nach­suchen, doch nur jedesmal für eine Kiste. Bier habe ich schon seit einem Jahr nicht mehr getrunken. Die ganze Stadt und Vorstadt wimmelt von Solofiten. Die Bäcker bekommen ihr Mehl vom englischen Gouverneur und backen ausschließlich fürs Militär, zu kaufen giebts keins, so sind wir gezwungen, selbst zu backen. Ein jeder läuft herum und hat nichts zu thun. Seit Mai habe ich nichts mehr verdient, alles steht still. Der Gouverneur hat alles in die Hände genommen und läßt alles durch seine Soldaten ver­richten. Wir dürfen nichts kaufen oder verkaufen, ohne im Besitz eines Scheines zu sein, z. B. Holz, Eisen, Möbel. Bei mir waren schon achtmal Haus- und Vorrats-

Untersuchungen, teilweise auf Gold und Waffen. Einmal wurden mir meine sämtlichen Zimmer buchstäblich untersucht, sogar Betten, Koffer, Kommoden, Schränke, und Inventar ausgenommen einschließlich der Waren und des Vorrats von den verschiedenen Lebensmitteln. Wir werden streng bewacht, teilweise durch Militärwachen, zwei auf jeder Sette in den Straßen, teilweise durch De- tectivs. Auch sind alle Banknoten gestoppt und wenn man noch Geld in der Bank hat, kann man nicht mehr als 20 Lstrl. die Woche herausholen. Leider ist der Brief ohne Datum. Er dürfte wohl Ende Oktober geschrieben sein.

* * *

Telegramme des Gießener Anzeigers.

Loudon, 5. Dezember. Aus Kapstadt wird gemeldet: Eine englische Kolonne, die zum Entsatz der Garnison von Schweizer Rennecks entsandt wurde, ist auf ihrem Rückwege nach Vryburg von Buren unaufhörlich belästigt worden. Dieselben feuerten von den umliegenden Kopjeu aus auf die englische Kolonne, der es trotzdem gelang, alle Wagen in Sicherheit zu bringen.

London, 5. Dezember. Nach den Berichten über die englischen Verluste in Südafrika hatten die Engländer bisher 49 728 Tote, Verwundete und Gefangene. In dieser Aufstellung sind die Kranken in den Hospitälern noch nicht inbegriffen.

Der Krieg Lu China.

Es ist erklärlich, daß die Verzögerung in dem Ab­schluß der Friedensverhandlungen Gerüchte zeitigt, die ein Scheitern der Verständigungsbestrebungen fast be­fürchten lassen. Gerade jetzt zeigt es sich deutlich, daß die unzweifelhaft vorhandene ernste Absicht der Kabinette, einmütig vorzugehen, nicht genügt, wenn sie nicht nach­drücklichst und schnellstens in die Thät umgesetzt wird. Zwar will eine Londoner Meldung wissen, daß ein Ein­verständnis aller Mächte über die Kollektiv­note jetzt bergestellt sei und daß die Gesandten dieselbe demnächst den chinesischen Bevollmächtigten überreichen würden. Hierbei darf aber keineswegs vergessen werden, daß die Erklärungen, die M c Kinley in seiner Bot­schaft an den Kongreß über China abgegeben hat, durchblicken lassen, daß hinsichtlich der Durchführung der Vereinbarungen immerhin noch Meinungsverschieden­heiten bestehen. Charakteristisch und bezeichnend dafür, daß die Erklärungen Mc Kinleys über China auch in London sehr abfällig beurteilt werden, ist eine Auslassung desStandard", in der gesagt wird, daß die Negier­ung der Union wenig zur Stärkung des Einvernehmens der Mächte gethan hätte und daß es besser gewesen wäre, wenn sie gänzlich fern geblieben wäre, nachdem sie aber der ganzen Aktion freiwillig beigetreten sei, hätte sie nur als Fessel auf die europäische Diplomatie gewirkt. Wenn die Nachrichten aus China selbst in letzter Zeit auch nicht sehr ungünstig lauteten, so verdienen die heuti­gen von Tientsin über London stammenden Meldungen doch erhebliche Beachtung. Hiernach werde mit Unter­stützung des kaiserlichen Hofes eine a l l g e m e in e Volks­bewaffnung gegen die Fremden organisiert. Angeblich würden in ganz China Freiwilligenkorps gebildet, die von der chinesischen Regierung mit Waffen und Munition versehen werden. Das läßt leider nicht darauf schließen, daß das Ende der Kämpfe in China so nahe bevorsteht.

Nach einer in London aus Tientsin eingetroffenen, Meldung heißt es dort, die Deutschen hätten 2 0 T o t e und viele Verwundete westlich von Paotingfu ver­loren, wo sie von 2500 Boxern angegriffen worden seien. In Berlin liegt bisher keinerlei Bestätigung dieser Un­glücksnachricht vor.

Das Oberkommando meldet aus Peking: Bei Tsing- w an tau und Schanhaikwan werden Landungs­brücken und Feldbahnen zu einer großen Eisenbahn gebaut. Die Eisenbahn Schanhaikwan-Peking wird voraus­sichtlich Mitte Dezember betriebsfähig.

Feldmarschall Graf Waldersee meldet vom 3. ds. aus Peking:Stärkere reguläre Truppen unter einem General stehen bei Thsang, 95 Kilometer südlich von Peking. Gegen dieselben gehen von Tientsin zwei Detachements unter Oberst v. R o h r s ch e i d t und Major v. Falkenhain auf beiden Seiten des Kaiserkanals vor." Oberst v. Rohrscheidt ist Kommandeur des 5. In­fanterie-Regiments, Major v. Falkenhayn gehört dem Generalstabe des deutschen Korps an.

Tangwenhuan, der Urheber der Ausschreitungen gegen die Missionare in Paotingfu, ist am 3. Dezember in Tientsin angekommen; evsvurde von einer starkenHeutschen. Wache durch die Straßen geführt und soll der provisori­schen Regierung zur Vollziehung der Todesstrafe aus­geliefert werden.

Nach einer 'Depesche derPall Mall Gazette" vom Nankoupaß, die am 30. November durch einen Courier

Donnerstag dm 6. Dezember

M 286 Zweites Blatt

150. Jahrgang

1900

Keneral-AnMer

'finden,

Amts- unb Anzeigeblatt ftir den Areis Giefzen

Ohm Krüger

t

arbenauSlvahl.

Jotommen zu lassen. Mcur müsse in der Angelegt eil: krarnsvaal die Frage stellen, ob eine materielle Mf

en-

Hausgebrauch.

Mög-

Wchftz

zwembenren im Auftrage Krügers die am Sonntag auf

ehe

>nd reduziert.

\

\*ser

Telegramme deS Gießener Anzeigers

t.

atttn werben nng entM'NgMülm

Alle Anzeigen-Dermittlungsstellen deS In- und Auslande- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen..

Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

I Aitostivn, Expedition und Druckerei:

Kchutstratze Ar. 7.

Wen

\e and Reste

lig-

SacbfoN

AauHhln« von Anzeigen zu der nachmittags für den elgpbm Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

i twcciji immer voller Vertrauen.

zec belgische Abg. Beyl, der in Paris eine Unterhalt- mic; mit Krüger hatte, unterbreitete der belgischen Karamlr einen Antrag auf eine Abstimmung zu Gunsten .iunkL Schiedsgerichts zwischen England und den südafri- lainifier Republiken. Der Londoner Korrespondent des ..Ecchnde Paris" berichtet seinem Blatte, Dr. Leyds habe 1 ecklKtl, Krüger verbleibe noch längere Zeit in Hol- - ai'i b, um die völlige Wiederherstellung des Zaren ('bziMartten. Demnach sei es nicht ausgeschlossen, daß

streimn die Menge. Mehrere Personen wurden verhaftet.

lerKöln. Volksfr." erhielt die definitive Jnforma- tio .n, dH Krüger am Donnerstag morgen 10 Uhr über En rmerii) sich nach dem Haag begeben wird. Die Po- lizc-nbehöirde hatim Interesse der öffentlichen Sicherheit" die iton mehreren Gesangvereinen geplante Ova- t i ii)'H für den Präsidenten untersagt.

?r. Leyds läßt im Auftrage Krügers hier die Er- tläinng veröffentlichen, daß letzterer zu niemandem nach denn: Smipfang der Absage des Kaisers geäußert habe, ,etz:t iti alles verloren. Der Präsident sei im Gegenteil

Bezugspreis

Vierteljahrs Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn;

durch die Abholcstellen vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahrs mit Bestellgeld.

ichy!cit vorliege, die Sache vor irgend ein Schiedsgericht iu» bringt-n. Da dieses nicht der Fall sei, so sei es ge- I aw-zu grausam, durch zwecklose Kundgebungen Hoff- HUNlKkii erwecken, die nicht erfüllt werden können.

2ie für Dienstag mittag geplante Umfahrt durch die S-tcLtAö'ln ist abgesagt worden. Krüger hat das Storni Hot L Wicht verlassen. Der Präsident, der seiner Gewöhn-

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Ktätter für hessische UotKsKunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieß«.

Fernsprecher Nr. 51.

oer i$r sich nach Nizza oder M ento n e zur vollstän- Dignn bknesung begeben wird, wo er den Präsidenten e nltpsan gen wird.

Güner Pariser Meldung zufolge ist es nicht wahr- Harht9-i(' chemlch, daß Krüger Dokumente über Chamber- 1 a iin veröffentlichen wird.

t Dem Bahnhofe verunglückten Personen im Hospital.

Wh dem englichen Konsulat fanden am Montag abend grL.Zne -Ansammlungen statt, wobei eine Rotte Fanatiker das« kcliilddesenglischenKonsulatsherunter- >uMeißen suchte. Berittene Schutzmannschaften zer-

8eNWig[eit c

f Oetfl gemäß das Bett bald nach 6 Uhr morgens verläßt, ,, mutzte nach dem ersten Frühstück nochmals der Ruhe

jSW*

DieKölnische Zeitun g" warnt, offenbar vOh offiziös davor, eine Gefühlspolitik, die in lobernt flunftftirf#«; v 1 n Zrei heit ihrer Bewegungen durch keinerlei Kennt- eiten WM T der südafrikanischen Verhältnisse oder der ge-

' wie m Moderner Küchei!»rWen Erfordernisse der Weltlage gehemmt wird, zu

pflegen. Am Nachmittag fand mit Ausnahme einiger Pri- a itMrso-nen kein Empfang statt. Nach 9 einhalb Uhr

I UM/NIft'sina Krüger den Dr. Leyds. Mittags verweilte Krüger ?inr#t'3(it auf dem Balkon, wobei ihm die Menge stür- oationen darbrachte. Am Nachmittag besuchten astfpiel hur zwemjdeuren im Auftrage Krügers die am Sonntag auf

1 Swtaion unb , * für 6au8gebram{ unj»

bi. meift

sKrehmer Anzeiger

Mn, 5. Dezember. Ein reger Depeschenwechsel k find t» zwischen Krüger und Dr. Leyds einerseits und / en® Berliner Auswärtigen Amte andererseits statt. I KrH§ empfing gestern mehrere Deputationen, so die von Äh mnas ial-Professor en, eine Deputation von Stu- P ii dierÄrckn der Er efeld er Weber sch ule, Studenten und W Al»18 T ^Zrrim Personen. An Stelle der Serenade konzertierte die -^strahe 3, E Raffydt der Deutzer Kürassiere in Zivil in den nach der kl» N'Utitloes 5 Stoinit hin geöffneten Restaurationsräumen des dem Dom- Hovvl bienachbarten Palast Hotels. In die Jubelrufe zu Ehr?« Krügers mischten sich deutlich hörbare Pfiffe, deren UrMer man nicht entdecken konnte. Nachdem das Ständchen \J1*W A der iM^zertkapelle in dem Gebet ausgeklungen war, zeigte <R sich iMZer in seinen Pelz gehüllt auf dem Balkon. Ein .w* unNr schreiblicher Jubel brach los. Die Kapelle stimmte

eretell iy.it Dir im Siegerkranz" an. Krüger entblößte das

stekblllö & Kflfl1"1 HarG u nd schwenkte grüßend den Zylinder. Eine schrille

ne*9 e Stimme rief: Schiedsgericht, und Schiedsgericht klang es 'r-mchibfach zurück.

üöl», 5. Dezember. Um 8 Uhr abends begannen die Unagigit. Außer Trupps von Hunderten von Kindern zog?» amch größere Trupps Erwachsener durch die Straßen, , die Hkin.t Fahnen Transvaals mit sich führten. Sie sangen 1 Lieck», in denen sie ihre Sympathie für Transvaal und dierÄmm zum Ausdruck brachten. Krüger ließ die Vor- ' in uh- - hävüg! smnes Zimmers ab und zu auseinander nehmen, um t oo" 1V aMW, einnivi Überblick über die Menschenmenge zu gewinnen.

< X ftllkis, 5. Dezember. DasJournal de Paris" be- 9,1 Dr. Leyds werde in einigen Tagen nach Livadia t* reislA, mm die Vorkehrungen zum Empfang Krügers beim M treffen. Aus guter Quelle verlautet, die fra-viMshe Regierung habe bei dem schweizerischen BundeS-

t »0°

7059