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6.9.1900 Zweites Blatt
 
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NrF2v8 Zweites Blatt. Donnerstag den 6 September 150. Jahrgang i«)oo

Gießemr Anzeiger

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Die Annexion von Transvaal.

Die bisher nur gerüchtweise als Londoner Zeitungs­nachricht erwähnte Meldung, daß der britische Ober-Kom- mandierende in Südafrika die formelle Vereinigung der Südafrikanischen Republik mit dem britischen Kolonialgebiet proklamiert habe, findet nun Bestätigung. So ist also, gleich dem Oranje Freistaat, auch die Südafrikanische oder Transvaal Republik, die auf der Pariser Weltausstellung noch als selbständiges Staatswesen aufzutreten und durch die Erlangung einzelner Auszeichnungen, unter denen der Preis für Förderung des Schulwesens gewiß als besonders bedeutsam bezeichnet werden muß, ihre Daseinsberechtigung als Kulturfaktor im dunklen Erdteil klar zu erweisen ver­mochte, aus der Reihe der unabhängigen Staaten gestrichen. Allerdings nur formell, denn Lord Roberts of Kandahar hat doch nur einen geringen Tcil des Transv.aalgebietes unter seine, beziehungsweise der Königin von England Bot­mäßigkeit gebracht, und auch von diesen, momentan voy britischen Truppen besetzten Distrikten kann ihm durch eine schnelle und geschickte Diversion der im Felde stehenden Buren-Kommandoö bald dieser, bald jener wieder entrissen werden. Die Einverleibungsproklamation stellt sich also, da von einer Debellierung der BurgherS noch keineswegs die Rede ist, zum mindesten als eine stark verfrühte Maß­regel, als eine Beschlagnahme des Bärenpelzes vor der Tötung des Bären dar. DaS bis zum Aeußersten gereizte, schwer verwundete Tier könnte dem Jäger bei dem Ver­suche, ihm mit schnellem Griff jetzt schon das Fell über die Ohren zu ziehen, noch manchen wuchtigen Tatzenhieb versetzen.

Von anderer Seite wird die vorzeitige Annexions- Kundgebung kaum angefochten werden. Die europäischen Großmächte und die Vereinigten Staaten von Amerika, die bis zu diesem Augenblick der Chamberlain-Salisbury'schen Jmperialpolitik *in Südafrika freien Lauf ließen, werden auch gegen die letzten Konsequenzen der mit dem Bemerken, daß England sich jede Intervention, selbst eine solche von anscheinend sreundwilligster Art, unbedingt verbitte, ein­geleiteten Vergewaltigungsaktion nicht Einspruch erheben. Die Buren bleiben auch während der Agonie, die sich frei­lich noch recht lange hinziehen und zu einem langsam qual­vollen Verbluten gestalten kann, auf diemoralischen" Sympathien der zivilisierten Welt angewiesen. Auf eine thatkrästige Unterstützung der fremden Machthaber können sie so wenig rechnen, wie einst gewifle Dynastien es konnten, als Napoleon I. sie mit den Worten:La dynastie X a 00888 de regner aus den Reihen der politisch Lebenden zu streichen für gut befand. Von diesen Dynastien ist freilich gar manche hinterher wieder zu Leben und Ansehen gelangt. Ob die nach napoleonischem Muster gehaltene Proklamation des Lora Roberts nicht ebenfalls durch die Geschichte noch eine posthume Korrektur erfährt, oder ob dem niederländischen Element in Südafrika, wo es lange vor den Engländern kulturtragend gewirkt hat, nun end- giltig das Todesurteil gesprochen worden ist, kann nur die Zukunft, und zwar die fernere Zukunft, lehren.

Ueber die Gründe, die den englischen Generalissimus bewogen haben, jetzt, wo ihm Tausende von bewaffneten Buren gegenüberstehen, die nicht ohne Erfolg in der Gue­rilla-Taktik ihr Heil suchen, die Annexion von Transvaal zu dekretieren, sind zunächst nur Vermutungen möglich. Am nächsten liegt wohl die Annahme, daß Lord Roberts damit zur Durchführung des Schreckensregiments, dessen Augurierung ihm von London aufgenötigt worden war, einen weiteren Schritt zu thun gedenkt, daß er die Burghers im ganzen Transvaal Gebiet von nun an als llnterthanen der gracious Queen behandeln will, mit anderen Worten, daß er alle diejenigen TranSvaaler, Weiber und Kinder, weißes und schwarzes Gesinde mit einbegriffen, die der britischen Herrscherin nicht hold und gewärtig sind, die fernerhin noch die Waffen zu führen sich unterstehen oder Bewaffneten Unterkunft, vielleicht sogar nur Auskunft gewähren sollten, als ..Rebellen" zur Verantwortung zieht. Ein Teil der englischen Blätter, in erster Linie natürlich die Jingo- Organe, hat ja die Burghers von vornherein schon als Rebellen" bezeichnet und der eigenen Heeresleitung mehr als einmal den guten Rat erteilt, diesen Standpunkt auch praktisch zur Geltung zu bringen. Der Hoffnung, durch seine vorzeitige Annexionsproklamatkon, durch die Bekundung des festen Entschluffes, von der Selbständigkeit der Süd- aftikanischen Republik kein Titelchen übrig zu laffen, kann Lord Roberts als weit- und kriegserfahrener Mann sich unmöglich hingeben; er muß wiffen, daß er mit seiner Er-

Klärung dem letzten Teil des harten Ringens mit den mutig für ihr gutes Recht, für ihre Unabhängigkeit fechtenden Buren nur das Gepräge noch größerer Erbitterung ver­leiht. Für die Krüger und Steijn, die De Wet, Botha und Delarey und ihre Schicksalsgenossen handelt es sich jetzt um einen Verzweiflungskampf.

Der Krieg in Südafrika.

Daily Mail" meldes aus Pretoria, daß eine Buren­abteilung sich vor Buller nach Lydenburg zurückziehen mußte. Sie ist 1000 Mann stark und besitzt 4 große Geschütze. DaS Blatt hebt hervor, daß das Gebiet sich vortrefflich zur Verteidigung eigne, daß aber die Buren nicht zahlreich genug seien, um diese Stellung zu behaupten.

Dundonald mit seinen berittenen Truppen rückt aus Komatipoort zu vor.

Eine Depesche des Feldmarschalls Roberts aus Bel­fast vom 2. ds. besagt, daß kleine Kommandos, hauptsächlich zu De Wets Abteilung gehörend, in der Nachbarschaft von Johannesburg eine sehr lebhafte Thätigkeit entwickelt hätten. Eine Abteilung der Kolonial-Kavallerie marschierte von Zeerust nach Krügersdorp durch einen sehr mißver­gnügten Distrikt. Die Kavallerie-Abteilung hätte mehrere Gefechte zu bestehen gehabt. Die englischen Verluste be­trügen zusammen etwa 60 Mann, der Verlust der Buren sei schwer. Eine Reutermeldung läßt eine Abteilung von De Wets Truppen bei Johannesburg mit großen Verlusten geschlagen werden. Desgleichen meldet sie, daß Carrington mit seiner Kolonialdivision in Zeerust noch immer festsitzt. Seinem Vormarsch von Zeerust nach Krügersdorp wurde heftiger Widerstand entgegengesetzt,' der den Buren schwere Verluste gekostet haben soll. Im Norden von Pretoria operiert nach der plötzlichen, noch der Aufklärung be­dürftigen Abberufung Baden - Powells Oberst Plumer. Am 2. ds. kämpfte er mit dem Kommando, das östlich von Pienaars River steht, und bald Grobler, bald Prätorius unterstellt wird, und nahm ihm 90 Martinigewehre, 1000 Stück Vieh und 31 Wagen sowie 26 Gefangene weg. Nach einer Meldung vom 3., die allerdings wieder aus Kapstadt kommt, hatte er ein zweites Gefecht am Rooikop, erbeutete 100 Gewehre, 40 000 Patronen und einige Vorräte. Im Oranjefreistaat ist Ladybrand seit einiger Zeit von des gefangenen Oliviers Leuten arg bedroht. Reuter meldet darüber neuerdings aus Maseru vom 3.:Ladybrand wird von den Kommandos unter Fourie, Grobbelaar, Lemmer, Massebrook und 200 von Therons Kund­schaftern eingeschlossen. Die Garnison verbrannte die Vor­räte, um deren Wegnahme vorzubeugen. Wenn die Stadt genommen würde, würde die Lage der Garnison kritisch werden. General Hunter eilt zu dem Entsätze Ladybrands schleunigst herbei."

Eine Depesche Lord Roberts' aus Belfast vom 3. Sep­tember besagt: Da .General Buller bei dem Vor­marsche auf Lydenburg den Feind direkt vor der Front in einer starken Stellung vorfand, die er nicht umgehen konnte, sandte ich heute eine Kolonne ab, um ihn zu unter­stützen. Am 2. September wurde von den Buren auf der Petrusburglinie ein Eisen bah n zug, mit dem Truppen befördert wurden, zum Entgleisen gebracht.

Wie in London verlautet, wird Lord Roberts Ende dieses Monats aus Transvaal dorthin zurück­kehren. (?)

*

Telegramme des Oietzeuer Anzeigers.

London, 5. September. Nach einer Bloemfonteiner Mitteilung setzt der Ausschuß zur Besichtigung der Hospi­täler seine Untersuchungen fort. Er hat bereits zahlreiche Zeugen vernommen, welche die gegen die eng­lischen Ambulanzen gerichteten Anklagen vollständig aufrecht erhalten.

London, 5. September. Aus Lorenzo Marquez wird gemeldet, Präsident Krüger befinde sich noch immer in Nelspruit, wo er eine Gegenproklamation gegen die Pro­klamation Lord Roberts, betreffend die Annexion Trans­vaals, veröffentlicht hat.

London, 5. September. Ein Telegramm aus New- Dork berichtet, daß eine große Erbitterung gegen einen dortigen Einwohner herrscht, der beim Einlaufen eines englischen Kriegsschiffes in den dortigen Hafen die Buren­flagge entfaltete. Die Polizei mußte den Betreffenden in Schutz nehmen.

London, 5. September. Aus Lourenzo Marques wird berichtet: General Louis Botha bedrängt mit 17 Geschützen Buller auf dem Wege nach Ladybrand.

Nach einer Meldung aus Pietermaritzburg sollen bie Buren die Engländer bei Ladybrand heftig beschossen haben. Der Erfolg ihres Angriffs soll jedoch unbedeutend gewesen sein.

Kapstadt, 5. September. (Kabelmeldung der Paris-Nouvelles".) Die ZeitungOnsland" bespricht die Annexion des Transvaal und erklärt, daß man zwar ein Land annektieren, aber nicht die Herzen der Be­völkerung erobern kann, und daß die Partei der Afri­kander sich von Tag zu Tag verstärken werde. Die Annexion habe nur dann Dauer und Wert, wenn sie durch eine mächtige Armee gewährleistet werde.

Pretoria, 5. September. Die öffentliche Aufmerk­samkeit wird immer mehr von der Lage der Bergwerks - In d u st r i e i n Johannesburg in Anspruch genom­men. Die verschiedenen Maschinen sind in gutem Zustande und man glaubt, daß das jeingedrungene Wasser in drei Monaten ausgepumpt werden kann.

Die Wirren in China.

DerCentral News" wird aus Shanghai vom 3. ds. gemeldet: Lihungtschang benachrichtete den französischen Generalkonsul, daß der kaiserliche Hof jetzt im Damen des Statthalters zu Taijuenfu in Schansi eingerichtet sei. Der Generalkonsul sagt, ihm sei die glaubwürdige Nachricht zugegangen, daß in demselben Damen zu Anfang der Un­ruhen auf Befehl des Gouverneurs Dühsien 50 bis 60 Mis­sionare ermordet und ihre Leichname den Hunden vor- gewvlfen wurden. Der Generalkonsul erblickt darin einen Grund mehr, daß die Mächte Peking nicht verlassen sollten, ehe Friedensverhandlungen abgeschlossen sind.

Der Gouverneur hat Übrigens seine Blutthat dem kaiserlichen Hof in einem Memorandum mitgeteilt und hier­für eine Belohnung gefordert.

Aus Peking wird gemeldet, cs herrsche dort große Besorgnis, daß die Mächte China mit ungerechtfertigter Milde behandeln würden, was nach den von den Chinesen verübten Greueln ein großer Fehler sein würde. Die Chinesen hätten sich schlimmer als die wilden Ureinwohner Australiens gezeigt. Die Ausländer, die gefangen wurden, sind, wie festgestellt, grauenhaft gefoltert und die Toten und Ver­wundeten aus die fürchterlichste Weise verstümmelt worden. Die kaiserlichen Truppen waren darin ebenso barbarisch wie die Boxer. Ein jetzt in Peking angeschlagen gewesene Pro­klamation fordert zur Ausrottung der Ausländer aus; sie trägt das Siegel des Chefs der Gendarmerie.

Der deutsche Gesandte von Mumm hat am 3. d. M. mit den Herren Goltz und Bohven ohne militärische Be­gleitung die Chinesen st adt von Shanghai be­sucht und bei der Rückkehr dem Taotai einen Besuch abgestattet. Sie wurden nicht belästigt. Tas beweist einer­seits den Mut der deutschen Herren und deutet andererseits darauf hin, daß dort die Bevölkerung friedlich gesinnt ist und nicht mehr an Unruhen und Beschädigungen denkt. Als der Taotai hörte, daß deutsche Truppen landen würden, war er sehr bestürzt; er beruhigte sich aber bald, als ihm gesagt wurde, die Truppen würden nicht auf chinesischem Territorium landen. Li-Hung-Tschang wollte in diesen Tagen nach dem Norden reisen.

Ein Telegramm des französischen Gesandten Pichon aus Peking vorn 20. August, das über Tschifu eingegangen ist, besagt: Sämtliche Gebäude der französi­schen Gesandtschaft sind z e r st ö r t. Der Chiffre­schlüssel wurde gerettet. Nach einer Depesche des fran­zösischen Konsuls in Kanton hätten die R u h e st ö r u n g e n in Sw atu aufgehört. Das französische Ministerium des Aeußern übermittelt der Presse aber ein zweites Te­legramm, nach dem in mehreren Provinzen Chinas Un­ruhen befürchtet werden. In der Provinz Kuagtung wurde eine Mission angegriffen.

Aus einem Bericht des russischen Generals Lenewitsch, datiert vom 22. August aus Peking, ist zu entnehmen: Die Eisenbahn in der Umgegend Pekings ist völlig zer­stört und alles Material verbrannt. Maschinen sind nicht vorhanden, nur die Schienen sind geblieben. Tie Station Madzjan, nahe bei Peking, ist von unfern Truppen besetzt. Die Arbeiten zur Herstellung der Bahn werden von beiden Seiten unternommen. Der Peiho wird immer seichter und schwieriger zu befahren. Tie Eisenbahn von Tientsin bis Peking ist nur bis Dangtsun hergestellt, wo eine Brücke gebaut wird. Von hier bis zur Station Lofu ist der Weg vollständig zerstört, desgleichen viele Brücken. Von Dangtsun bis Peking muß die Linie in einer Länge von 100 Werft von neuem gebaut werden. Alles erforder­liche Material wird aus Shanghai bestellt. Auf die Auf­findung des gestohlenen Materials sind Belohnungen aus­gesetzt worden. . ,

Aus A m o y wird telegraphiert, daß der i a p a n i f ch e Konsul von dort plötzlich abberufen wurde und am