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6.7.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag den 6. Juli

1900

Nr. 155 Zweites Matt

Gießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

Wenn es wahr ist, was der LondonerDaily Expreß" von der Ermordung des deutschen Gesandten in China, Frhrn. v. Kettel er, erzählt, dann hat sich in Peking ein neues Egmontdrama zugetragen. Baron v. Ketteler, der nach früheren Nachrichten die Gefahr deutlich voraus­gesehen und seine warnende Stimme vor allen anderen erhoben haben soll, ist dem englischen Blatte zufolge in eine Falle gelaufen, wie vor viereinhalb Jahrhunderten der verräterische Spanier Alba den niederländischen Grafen Egmont, dem vertrauensseligen Sanguiniker, überlistete. Die anderen Gesandten der Mächte besaßen die Schlauheit des Prinzen von Oranien, nur der Deutsche wurde ein Opfer deutscher Treue.

Das genannte Londoner Blatt schildert die tragischen Ereignisse in Peking wie folgt:

Prinz Tuan sandte allen fremden Gesandten Ein­ladungen, im Tsung-li-Aamen mit ihm zu konferieren. Die Kollegen K e t t e l e r s, die argwöhnisch waren, blieben fort. Ketteler allein folgte der Einladung, begleitet von einer kleinen Eskorte deutschier Matrosen. Gegenüber dem Yamen - Gebäude wurde er von einer ungeheuren Menge chinesischer Soldaten attackiert, und er erhielt vier Schüsse durch den Leib. Das Damen wurde darauf von -deutschen Matrosen niedergebrannt, Kettelers Leiche wurde entsetzlich verstümmelt. Die Chinesen machten nachj der Mordthat eine w i l d e A t t a ck e auf die Legationen. Nur die deutsche, britische und italienische Gesandtschaft blieben stehen. Prinz Tuan soll den Befehl gegeben haben,alle fremden Teufel umzubringen". Es sei so gut wie keine Hoff­nung mehr, so heißt es weiter in demDaily Expreß"- Telegramm, daß die vereinigten Armeen bei ihrer Ankunft in Peking von Uen Gesandtschaften etwas anderes als Trümmerhaufen und von ihren Bewohnern mehr als ver­stümmelte Leichen vorfinden werden. Der Bote, der diese Nachrichten überbrachte, tonnte dies nur, indem er sein Gesicht mit Blut beschmierte und in das Wutgeheul gegen diefremden Teufel" den ganzen Weg über einstimmte.

Inwiefern diese dramatische Darstellung des englischen Blattes Phantasieen von Thatsachen scheidet, können wir selbstverständlich, z. Z. ni,cht ermessen. Glaubwürdiger ist eine neue Depesche. DieTimes" veröffentlicht eine De­pesche aus Shanghai, wonach die dortigen Konsuln aus Tschifu die telegraphische Mitteilung vom 1. ds. erhalten haben, daß Sir Robert Hart die Botschaft gesandt habe, die Chinesen hätten die Beschießung der englischen Gesandtschaft nachhaltig fortgesetzt, und die Lage in Peking sei verzweifelt. Wann Sir Robert seine Botschaft absandte, ist nicht zu erkennen. Einem Tele­gramm aus Shanghai vom 3. Juli abends zufolge, be­sagen chinesische Meldungen, daß kein Ausländer in Peking am Leben bleiben werde. Der Bote Sir Ro­bert Harts, der die Botschaft vom 25. Juni nach Tientsin brachte, schilderte die Lage der britischen Gesandtschaft dci- nials schon als schrecklich. Das Gebäude war mit Kranken und Verwundeten gefüllt, Getötete lagen haufen­weise innerhalb und außerhalb des Gesandtschafts-'

Gebäudes, Gefallene aller Nationen lagen durcheinander. DemMalin" zufolge soll Minister Delcasse die Meldung von der Ermordung des französischen Gesandten in Peking erhalten haben, mit der Veröffentlichung des Te­legramms aber zurückhalten, bis die Kammer vertagt sei. Eine Bestätigung der Meldung habe er durch! eine andere Quelle erhalten.

Der chinesische Gesandte in Berlin hat, wie eine chinesische Korrespondenz zu melden weiß, dem Kaiser sein Beileid für den schweren Verlust, der das deutsche Reich durch die Ermordung des Gesandten Freiherrn von Ketteler betroffen hat, ausgesprochen und Namens seiner Regierung die Versicherung abgegeben, daß dieses furchtbare Verbrechen voll und ganz gesühnt werden würde. Wie das geschehen wird, verschweigt der gelbe Herr.

Laut einer Meldung des russischen Vize-Admirals Alexejew aus Taku vom 30. Juni meldete der russische Generalmajor Stössel, der in Tientsin den Oberbefehl führt, über die Kämpfe, die zur Eroberung des östlich der Stadthz elegenen Arsenals führten, folgendes:

Ich rekognoszierte am 27. Juni von 5 Uhr früh an mit einer Sotnie und zwei Kugelwerfern die Gegend nörd­lich vom östlichen Arsenal. Nachdem ich einen Kilometer vorgerückt war, wurde ich mit starkem Feuer begrüßte ich klärte hierauf mit vier Kompagnien auf, die über die Eisenbahnlinie vorrückten, die ganze Gegend vom Feinde besetzt fanden und auf dem Wall zwei Geschütze bemerkten. Nachdem ich nach ausländischen Landungstruppen geschickt hatte, eröffnete die zweite englische Batterie das Feuer. Von den Wällen, welche die Gegner besetzten, begann ein un­unterbrochenes Schießen. Mit drei Kolonnen wurde der Angriff ausgeführt, um halb 4 Uhr nachmittags war das Arsenal genommen. 6 Mann tot, Regimentsarzt Kasumow und 45 Mann verwundet. An dem Kampfe nahm die ganze Abteilung mit Ausnahme der Marinelandungs­kompagnie teil."

Trotz der Eroberung des Arsenals wurde dann die Gegend um Tientsin derart von chinesischen Truppen über­schwemmt, daß es nunmehr fraglich erscheint, ob diese Stadt noch länger gehalten werden kann. Infolge dessen hielten, wieReuter" aus Taku vom 30. Juni meldet, an jenem Tage die Admiräle Alexejew und Seymour einen Kriegs- r a t ab und kamen zu dem Beschlüsse, daß es u n m ö g l i ch sein werde, ohne viel größere Streitkräfte zu versuchen, Peking zu entsetzen. Es dürfte nach ihrer Ansicht möglich sein, Tientsin! zu halten, aber wenn dies nicht thu'nlich sei, würden sie sich bemühen, Taku zu halten.

Chinesische Zeitungen in Kanton veröffentlichen, wie ein Telegramm vom 3. ds. von dort meldet, zwei Rund­schreiben der chinesischen Regierung über die Boxerbewegung, den Kampf der Fremden gegen China und die Stellung der chinesischen Behörden, die vor einigen Tagen beim Vicekönige Lihungtschang eingelaufen sind. Der erste Erlaß besagt: Eine Aussöhnung mit den C h r i st e n , gegen die sich das ganze Volk, einschließlich des Militärs, der Gelehrten, des Adels und der Prinzen mit der Absicht, sie auszurotten, vereinigt habe, sei v ö l l i g ausgeschlossen. Die Fremden hätten den Kampf gegen China mit dem Angriff auf die Taku-Forts eröffnet.

und infolge dessen sei die Erbitterung gegen alles Fremde noch gestiegen. Eine Unterdrückung des Volkes sei gefähr­lich, und daher erscheine es ratsam, die fremdenfeindliche Bewegung bis auf weiteres zu benutzen. Die bedrohten G e s a n d t s ch a f t e n i n P e k i ng w o l l e d i e K a i s e r i n schützen. Ob die Fremden stärker seien oder China, bleibe abzuwarten. Jedenfalls sollten aber alle Gouverneure un­verzüglich Truppen zur Verteidigung ihrer Bezirke anwer­ben und gemäß den örtlichen Verhältnissen nach eigenem Ermessen handeln. Für jeden Landverlust seien sie ver­antwortlich. Ein am 26. Juni in Peking erlassenes zweites Edikt läuft auf eine offene Herausforderung an alle Kulturmächte hinaus. Es erklärt allen Fremden, wel­cher Nation sie auch angehören, den Krieg und befiehlt den Provinzialbehörden die Mobilmachung der regulären Truppen sowohl wie die Aufbietung aller Boxer zur Aus­rottung der Ausländer. Recht bedenklich erscheint es, daß Lihungtschang, denn von ihm kann die Veröffentlichung doch nur ausgehen, solche Anschauungen im chinesischen Volke verbreiten läßt. Das paßt schlecht zu seiner angeb­lichen Absicht, Frieden zu halten, und macht Lihungtschang im höchsten Maße verdächtig.

Aus Shanghai wird von gestern telegraphiert: Dre chinesische Behörde der Stadt hat eine Proklamation er­lassen, in der den fremden Kriegsschiffen die Einfahrt in den Hafen untersagt wird. In der Proklamation heißt es, daß die chinesische Behörde jede Verantwortung für das Uebertreten dieses Verbots ablehnt.

Ueber die Vorgänge in der an das deutsche Kiautsch^u- gebict grenzenden Provinz Shantung berichtet der deutsche Konsul in Tschifu:Der Gouverneur von Shan­tung steht mit 8000 Mann in Tsinau, angeblich zur Ab­wehr eines deutschen Angriffs von Tsingtau aus; 3000 Mann seines eigenen Korps und 10 000 Mann Provinzial­truppen befinden sich an der Grenze von Tschili. Der Gou­verneur nimmt einstweilen eine abwartende Haltung ein und steht mit den Generalgouverneuren von Süd- und Mittelchina im regsten Verkehr". Gouverneur von Shan­tung ist der General Yuanschikai, der die besten Truppen kommandiert, über die China verfügt. Ferner wird aus Tschifu vom 4. Juli gemeldet, alle Missionare seien von Tsinnig, der Hauptstation der deutschen Mission, nach Tsingtau abgereist. Hoffentlich gelingt es ihnen, den sicheren Hasen wohlbehalten zu erreichen.

Nach einer Shanghaimeldung wurde ein Versuch, die Weselyanische Mission in Fatschau zu zerstören, durch eng­lische, kanadische und amerikanische Missionare vereitelt. Dagegen wurden in Tschili vier Priester von Boxern ermordet; die letzteren sollen jetzt aus Tschifu vorrücken. BeiNiutschwang wurde die Eisenbahn zerstört. Ein Telegramm aus Tschifu an den französischen Konsul in Shanghai berichtet, daß eine Bande Kulis am 2. Juli die russische Bank in Peking angegriffen hat. Die Kulis wurden jedoch, bevor sie größeren Schaden anrichten konnten, zurückgetrieben.

*

Man schreibt aus Kiel vom 4. d. M.: Auf Befehl des deutschen Kaisers erging heute an die Bezirkskom-

Feuilleton.

-o Eigenartige musikalische Genüsse wurden uns am Mittwochabend inSteins Saalbau" geboten. Dort ver­anstaltete der königl. Musikdirektor Boettge ein großes historisches Konzert mit seiner Kapelle des 1. Badischen Leibgrenadier Regiments Nr. 109. Wir lernten da ein Ensemble kennen, so straff zusammengehalten, wie man es nur selten zu hören Gelegenheit hat. Ein praktischer Ab­riß der Musikgeschichte war dieses Konzert, das die wesent­lichen Unterschiede zwischen alter und neuer Musik erkennen ließ. Zuerst ertönte einFeldstück der heroisch-ritterlichen Trompeter- und Paukerkunst", das beinahe ein Bedauern über die Verbreitung der Ventilinstrumente auskommen ließ, so viel schöner ist der Klang dieser Naturtrompeten. Den Marschliedern der Landsknechte", einem Stück für Quer­flöte und Trommler, folgte eine diskrete und graziöse Tafelmusik am Hofe Friedrichs d. Gr." Und dann kam das wundervolle Händel'sche Largo mit seiner unaussprech­lichen Innigkeit und Feierlichkeit, seiner harmonischen Aus­geglichenheit und seiner unvergleichlichen Farbenhoheit. Man hatte eine herzliche Freude an der schönen Klarheit, mit der die Kapelle dieses Meisterwerk uns bot. Aber der volle herrliche Untergrund des Händel'schen Orgelklanges läßt sich durch Orchester-Instrumente selbst von solcher Vortreff­lichkeit, wie sie die Musikerschar deS Herrn Boettge besitzen, »icht Herstellen. Es folgte eine große historischeUebersichtDer Militärmarsch von feinen Anfängen bis auf unsere Zeit". Ta konnte man eine Fülle interessanter Beobachtungen

machen. Nicht nur finden wir alte, mehr oder weniger be­kannte Volkslieder zu Märschen verarbeitet, sondern auch Melodien, die uns aus modernen Opern bekannt sind. Wenn wir in einem Marsch aus dem 30jährigen Kriege daS Original zu dem ChoreWas gleicht wohl auf Erden" aus dem Freischütz" erkennen, so dürfen wir vielleicht annehmen, daß Weber mit Bewußtsein die Volksweise benutzt hat. Wo aber ist die Brücke, die uns von Richard Wagner zu dem im 13. Jahrhundert entstandenenMarsch aus Wales" führt, der mit demselben Motiv beginnt, wie der Brauichor aus Lohengrin"? DieKaiser Wilhelm-Jagd auf Kalten­bronn", ein Phantasiestück für 20 Dampierrehörner, brachte viel banalen Lärm und Hokuspokus. Dagegen zeigte die Auswahl beliebter Kompositionen berühmter Meister aus dem 17., 18. und 19. JahrhundertVon Lully bis Wagner" von dem feinen Geschmack des Dirigenten. Der Kapelle war hier ein weiter Raum gegeben, ihren ganzen Ton- reichtum zu entfalten und ihre Befähigung zu zeigen, die verschiedensten musikalischen Stylarten nachzuempfinden. DasParsifal-Vorspiel" haben wir von einer anderen reisen­den Kapelle so vortrefflich und ausgefeilt, wie sie uns gestern vermittelt wurde, noch nicht gehört. Und auch eindring­lich hat sie Herr Böttge zu gestalten verstanden. Jeder Wagnerjünger konnte hier zu voller Begeisterung erhoben werden. Daß eS im Zusammenhang mit dem Weihefestspiel ergreifender wirkt denn als reine Konzertnummer, ist ja selbstverständlich. Die Neberschrift Glaube, Liebe, Hoffnung und alle die anderen hineininterpretierten Dinge können im Konzertsaal kaum die rechte Stimmung erzielen, umsoweniger,

wenn ein glücklicherweise ganz kleiner Teil des Publikums sich in einem echten, rechten Bierkonzert zu befinden glaubt, und ein halblautes Geplauder fortwährend dazwischengreist. Das sind Unmanierlichkeiten, die nicht scharf genug gerügt werden können. Dazu kam noch der Lärm am Büffet, das Hin- und Herlausen der Kellner, das Klappern mit Gläsern und Untersätzen 2C. ES wäre besser gewesen, wenn Herr Direktor Boettge längere Pausen gemacht und Herrn Stein davon verständigt hätte, dann hätte die Bedienung des Publikums mit Getränken nicht während des Spieles, sondern während der Pausen in ausreichendem Maße geschehen können. Der unmusikalische Teil des Publikums stimmte, durch die Bereitwilligkeit des Herrn Direktor Boettge, zwischen die vorhergehenden Programmnummern unprogramm­mäßige Einlagen einzufügen verwöhnt, einen Heidenlärm an, offenbar in der Hoffnung, er werde einen Kavallerie­marsch ober bergt, einlegen. Daß Herr Direktor Boettge sich zu biefer Geschmacklosigkeit nicht verleiten ließ, versteht sich bei einem Dirigenten von seiner Feinfühligkeit von selbst. Dem wunberbar ergreifenden Totentanz von St. SaönS folgte eine ben Rahmen bes schönen Programms verlassenbe flache Wiener Volksmusik, bie vielen mehr Freube zu machen schien als alle anbercn Nummern bes Konzertes. Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Die Klangwirkung ber Instrumente war grandios, unb bie Präziston, bie ben Tonstücken zu Teil würbe, unübertrefflich. Der brausenbe Beifall, ber ben ganzen Abenb über von ben ungemein zahlreich erschienenen, selbst bie Nebensäle ganz in Anspruch nehmenbeu Zuhörern erscholl, war vollauf verbient.