Kenntnis- oder Mitschuld der Regierung als außer Frage stehend betont, und ein gerichtliches Vorgehen gegen die Delinquenten versprochen; die weitergehende Forderung auf Satisfaktion müsse er jedoch abweisen, da kein Landes- gesetz bestehe, auf Grund dessen die Anwesenheit der kommunalen Behörden bei einem solchen Akte erzwungen werden könne, audji in Berücksichtigung der Umstände eine derartige Form der Genugthuung nicht wünschenswert erscheine. Das deutsche Konsulat, das mit jener Forderung wohl nur bezweckte, die voll berechtigte Mißstimmung über das vorherige Ausbleiben einer zufriedenstellenden Entschuldigung zu markieren, hat, wie man hört,? der £>off= nung Ausdruck gegeben, es würden angesichts der nunmehr erfolgten offiziellen Erklärung weitere Schritte von Berlin aus unterbleiben. Daß die hiesige Tagespresse, statt dem Akt des Gouverneurs ehrlich zu sekundieren, die ganze Affaire en riducule behandelt, war vorauszusehen; ebenso wenig darf es bei der jetzigen Stimmung gegen „foreigners", d. h. gegen alle, welche dem Kriege in Süd-Afrika nicht zujauchzen, Wunder nehmen, wenn die jugendlick)en Radau- Patrioten, deren kostenlose Verteidigung der gewandteste Melbourner Advokat übernahm, unbestraft vom Gericht entlassen wurden. Liegt auch den deutschen Bewohnern Australiens nichts ferner, als einen Gegensatz zu der englischen Bevölkerung heraufzubeschwören, so dürfen wir uns doch' freuen, daß die Reichsvertretung die Gelegenheit benutzt hat, ihre Existenz zu bekunden und fernerem Unfuge eines Jingotums vorzubeugen, welches seit dem Waffen- anteit an den kriegerischen Operationen eine nie geahnte Macht hier erreicht hat.
Ueber einige weitere, auch für Deutschland wichtige australische Angelegenheiten schreibt derselbe Korrespondent:
Die Rede, die Mr. Chamberlain gelegentlich des zu Ehren der australischen Föderations-Delegierten gegebenen Bankets in London gehalten, und in welcher er die Begründung eines imperialistischen Zoll-Vereins befürwortete, hat weder in hiesigen maßgebenden Kreisen, noch in der australischen Presse Anklang gefunden. Die beiden leitenden Organe „The Sydney Morning He- rald" und der „Melbourner Argus" sprechen sich auf das Entschiedenste gegen eine Absperrungspolitik aus; das letztere Blatt, welches sonst der Kolonial-Politik des englischen Ministers durch Dick und Dünn folgt, tritt der Ansicht bei, es sei unleugbar, daß sämtliche Kolonien Australiens es für notwendig befinden, ihren Handel mit ftemden Nationen mehr und mehr auszudehnen, und jeder Versuch, einen Zollverein zwischen dem Mutterlande und
floß, wie es damals ihre Gewohnheit war, feucht und luftig dahin.
Onkel Alex improvisierte, wie gewöhnlich in fideler Herrengesellschaft, tolle Schnurren, die er aus dem Stegreif in Knüttelverse brachte und nach einer im Augenblick erdachten Melodie vortrug. Diesmal hatte er sich den „Papst von Rom mit seinem herzallerliebsten Sohn" zu Helden seines Skaldengesanges auserlesen.
Da wurde ich Plötzlich hinterrücks am Aermel gezupft. Ich wandte mich um. Eine dralle Magd schaute mich verschämt lächelnd an und raunte mir geheimnisvoll ins Ohr, daß jemand mich zu sprechen wünsche.
„Das scheint mir auch so", meinte ich, und schlug mich mit ihr seitwärts in die Büsche.
Im nächsten Augenblick stand ich — Käthchen und dem Töchterchen des Kantors von D. gegenüber.
Um mit dem lateinischen Dichter zu reden: ich staunte, die Haare standen mir zu Berge — heute sind sie leider meistenteils über alle Berge — und die Stimme blieb mir im Halse stecken — heute auch eine kaum mögliche Erscheinung bei mir.
Das veilchenäugige Kantorkind überreichte mir hold lächelnd ein Telegramm.
Wir hatten vom Grabe meines Großvaters telegraphisch einen Gruß an einen fernen Bruder meines Vaters entsandt. Seine Drahtantwort war erst nach unserer Abfahrt von D. dort eingetroffen, und so brachte denn das liebe Mädel, deren Vater zugleich Postagent war, mit ihrer Freundin und dem Bruder, oder, richtiger gesagt, mit ihrem Freunde und dessen Schwester, die Meile Weges von D. bis K. zurückgelegt, um mir das Telegramm aushändigen zu können.
ES giebt im Menschenleben Augenblicke, in denen man die nnverdientesteu Liebenswürdigkeiten mit Fassung ertragen muß. Damals wurde mir das unverhältnismäßig schwerer als heute.
Als ich, über und über errötend, nach Worten des tiefstgefühlten Dankes die freiwilligen Sendboten meines Onkels auf forderte, an der Kneiptafel der Herren teilzunehmen,
seinen Kolonien herzustellen, müßte letzteren Ruin bringend und schließlich zur Auflösung des Reiches führen. Mag; die Macht Chamberlains auch noch so groß sein, an diesev Klippe wird sie voraussichtlich scheitern.
Eine 'Angelegenheit, die für die Verbindung Australiens, mit der Außenwelt von Bedeutung ist, ist soeben auf ziem-i lich unermartetc Weise zur Entscheidung gelangt. EZ handelt sich um die neue Kabelroute, die ohne Be-, rührung fremder Landgebiete Australien mit England verbinden soll. Das eine Unternehmen, The Imperial Pa- cifiz Cable, tritt mit dem Projekt via Canada auf, während die bisher den Dienst führende Castern Extension Company durch eine direkte Verbindung mit Capstadt das gleiche- Ziel erreichen will. Die Verhandlungen mit den verschiedenen Kolonien schleppten sich ohne Aussicht auf absehbare Entscheidung seit Monaten hin, und während bie' Regierungen von Neu - Süd - WaleS und Viktoria bett Stillen-Ozean-Plan begünstigen, neigten sich Süd- und West-Australien mehr der afrikanischen Route zu. Die Castern Extension Company hat nun endlich die Situation« durch einen geschickten Coup geklärt; ohne auf die Einigung der verschiedenen Kolonien unter einander, resp. auf die Zustimmung von Sydney, Melbourne und Brisbane- länger zu warten, ist der Vertrag mit Süd - und West- Australien abgeschlossen und der Beginn der Kabellegung sofort in Angriff genommen worden; und es tritt für die beiden zustimmenden Kolonien eine Reduktion beH Tarifsatzes um 10 Pence pro Wort, und zwar für den alten Weg, mit dem 1. Mai bereits in Kraft. Es ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die säumigen Pro-^ vinzen sich nunmehr schleunigst anschließen werden. Uebrvt gens wäre es im Interesse oes Publikums, wie des Han- dels sehr wünschenswert, wenn das Konkurrenz-Unternehmen gleichfalls zur Ausführung käme; der geschäftliche Verkehr mit Amerika wächst von Jahr zu Jahr, und außerdem: je mehr Kabel für unseren isolierten fernen Erdteil, desto besser.
UolMsche Wochenschau.
Obwohl wir mit dem lerchenliederreichen Pfingstfeste plötzlich in die warme, nein, in die heiße, fast überheiße Sommerzeit eingetreten sind, ist von dem Beginn der politischen Sommerruhe noch wenig zu spüren. Der deutsche Reichstag pflegt nur eine ganz kurze Pfingstruhe. Morgen schon geht er an ein Werk von umfassender Bedeutung, an die bereits als völlig sicher zu bezeichnende Genehmigung der
hatten sie begreiflicherweise kein rechtes Fiducit dazu. Dagegen schlug Käthchen einen Waldspaziergang vor. Ich habe dem Mädel niemals widersprechen können; ebenso wenig thaten es in jenem Moment die anderen.
Es war Abend geworden. Ganz unten am Horizont glühte noch die Sonne. Der Himmel erschien dort wie eine Flammenflut. Wie züchtige Jungfrauen erröteten von den letzten Küssen der scheidenden Sonnenstrahlen die Fenster der zerstreut umherliegenden Bauernhäuser, und wie feuriger Wein färbte sich unter der Glut des Himmels der leise plätschernde Bach.
Langsam erlosch der Himmelsbrand. Hellrot erschien die Luft, und kleine schimmernde Sterne begannen sich allmählich am dunklen Himmel zu zeigen.
Wir näherten uns dem Walde. Berauschend erhob sich in der Abendkühle der starke, gesunde Duft des Nadelholzes, und ein leises Flüstern ging durch die Zweige, wie von lauter verliebten Pärchen.
Wir waren im Walde. Biel mächtiger und stolzer war er als das kleine Wäldchen hinter dem D.er Friedhof.
Wieder schien der Mond durch die Zweige hindurch. Wie gleissendes Silber fielen heute seine Strahlen über die Baumstämme herab zwischen den grün glitzernden Nadeln auf den üppigen moosigen Waldboden.
Ich lernte den Mond damals als meinen besten Freund kennen. Was haben wir uns doch seitdem alles schon erzählt! Wenn es mir Nachts einmal gar so sehnsüchtig ober wehmütig zu Mute ist, wenn ich wieder einmal, glücklich ober unglücklich, verliebt war, wenn ich mich am Tage über etwas fürchterlich geärgert habe, ober wenn es mir jämmerlich in meinem Schädel rumorte, weil auf einer Gasterei der Erdgefchrnack guten Mosels meinem Gaumen allzu wohl gethan hatte, — immer wende ich mich dann an meinen Freund Mond und bin sehr betrübt, wenn ich ihn nicht antreffe.
Fortsetzung folgt.
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Rtteftioa, Gxpeditton und Druckerei:
S^-kßraße Ar. 7.
Amtlicher Teil.
Gießen, 1. Juni 1900. Betr.: Die Remunerierung des Feldschutzpersonals. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grosth. Bürgermeistereien deS KreiseS.
Unter Verweisung auf das im KreiSblatt Nr. 153 von 1898 abgedruckte Schema beauftragen wir Sie, über bie Dienstführung derjenigen Feldschützen Ihrer Gemeinden, »eiche sich durch treue Pflichterfüllung in 1899/1900 ausgezeichnet haben, unter Anwendung dieses Schemas binnen 14 Tagen hierher zu berichten.
Diejenigen Feldschützen, welche Sie einer Belohnung nicht für würdig halten, sind unter Angabe der Gründe rbevffalls namhaft zu machen.
I. B.: Dr. Wagner.
Die Sühne der Beleidigung der deutschen flagge in Australien und Anderes.
Aus Melbourne, 25. April, wird der „Welt-Korre- spon denz" geschrieben:
Wenn sich! die Affaire in der Stadt Bendigo, wo die vor dem deutschen Bereinslokale aufgepflanzte schwarz- toeiß-rote Fahne von Straßenbuben heruntergeholt und zerrissen wurde, zu einer caufe eelebre entwickelte, so findet dies in dem taktlosen Verhalten des Premier-Ministers Hon Viktoria Erklärung. Statt das Beschwerdeschreiben des hiesigen Konsulats durch den rückhaltlosen Ausdruck des NkdLuerns über den Unfug zu erwidern, und' damit die tlngrlegenheit prompt au5 der Welt zu schaffen, zog genannter Herr vor, einen Untergebenen mit der Abfassung der Antwort zu betrauen; Inhalt wie Form jenes Schrei- denS war so wenig befriedigend, daß ein weiteres und energisches Vorgehen der Reichsvertretung zu absoluter Notwendigkeit wurde. Das Konsulat wandte sich schriftlich an den Gouverneur, Sir John Madden, beklagte sich! über die nonchalante Art und Weise, in welcher, der Premier die Beschwerde behandelte, und forderte als Genugthuung ckis Wiederaufhissen der deutschen Flagge an gleicher Stelle, Md zwar in Gegenwart der städtischen Würdenträger und eines Vertreters der Regierung. Der Gouverneur hat hierauf sein tiefes Bedauern über die der deutschen Triko- tore zu Teil gewordene Beschimpfung ausgesprochen, jede
Ein stilles Grab.
Eine Pfingsterinnerung von P. W. (Gießen).
Fortsetzung.
Mein Gott, wenn ich heute, als angejahrter, lyrisch M mit Geld vorbestrafter homo urbanus, an das rustikale M in jenem ostpreußifchen Pfarrgarten zurückdenke, dann will es mir gar nicht so recht in den Sinn, daß ich es Mst war, der in solchen ..poetischen" Jugendduseleien fjitvelqen konnte. Aber das ärgerlichste ist, daß ich auch Etote noch in stillen Stunden ganz heimlich darein verfalle. Mncher bleibt eben im innersten Herzen ein Kind fern Lben lang.
Doch zurück zu Käthchen!
Ihr Köpfchen war an meine Brust gesunken — ich fthlte, halb genommen, halb gegeben, den ersten — ach nttti» Verzeihung, ihren ersten Kuß auf meinen flaurn- mcahrnten keuschen Jünglingslippen.
Da hörten wir auf dem Kies des schmalen Garten- chdks Schritte. Ich sah den Pfarrer kommen. Augen- Mliich stand ich in möglichst kavaliermäßiger Haltung vor w „jungen Dame" und nahm in trodenen Worten stotternd Mschied. Arg beklommen schlich ich mich von bannen.
Es war aus! . .
Mir schien's, als ob ihre Hontgaugen em Wässerchen Ciiit getrübt hätte. Ich kann mich aber auch geirrt haben. Stern man so ein junger Dachs ist, dann glaubt man ja, t»j so etwas fürchterlich tief geht, besonders den Mädels. Zuwischen bin ich, wie es den meisten Menschen geht älter gwarden, und heute habe ich Erfahrungen, die — ich hier aiijiframcn nicht die Absicht habe
So ganz aus war es aber doch noch nicht.
Am Nachmittage desselben Tages saßen rott un lichten Mrt mhause deS Rittergutsbesitzers T. m K., eines Jugend- ftemdes meines Vaters. Das Rittergut K. ist etwa acht Moineter von dem Kirchdorfe D. entfernt.
hoch sprangen die Champagnerpfropse», und die Zeit


