Ausgabe 
6.5.1900 Erstes Blatt
 
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Schwierigkeiten und Nachteilen verbunden sind, welche die fürstlichen Hausgesetze durch den frühen Termin der Groß­jährigkeit nach Möglichkeit vermeiden wollen.

Den Erben der Königs- und Kaiserkrone aber, der nunmehr mit den Rechten und Pflichten des Mündigen ins volle öffentliche Leben tritt, begleiten die Sympathien und Segenswünsche, wo immer Deutsche wohnen, denen bei dem Gedanken an des deutschen Volkes Macht und Größe das Herz höher schlägt. Heil ihm auch, daß es ihm vergönnt ist, sich noch weiter auf seinen hohen Beruf vorbereiten zu können, den sein kaiserlicher Pate Franz Josef von Oester­reich schon in dem Alter, in dem jetzt der Kronprinz steht, auf seine jugendlichen Schultern nehmen mußte.

Politische Tagesschau.

Eine sozialdemokratische Frauenkon- serenz soll diesmal dem sozialdemokratischen Parteitage, der in der zweiten Hälfte des September in Mainz zu­sammentreten soll, vorausgehen. Nach der Arbeiterinnen- ZeitungDie Gleichheit" soll es jetzt an der nötigen Fühl­ung und Einheitlichkeit unter den Frauen fehlen. Bor allem müsse das System der weiblichen Vertrauenspersonen besser ausgestaltet und die Agitation einheitlicher geregelt werden. Darüber möge man sich in Mainz verständigen, und dann mit Anträgen an den Par­teitag herantreten. Zu dem Zwecke werden die Genossinnen aufgefordert, sich allerorts gründlich mit der Sache zu be­fassen .und derGleichheit" Thatsachenmaterial, Erfahr­ungen und Anregungen einzusenden. Nicht ohne Interesse ist es, wie dieGleichheit" sich die Frauenkonferenz denkt:

Sie bedarf keiner applaudierenden Zuhörerschuft, wohl aber einer möglichst großen Zahl praktisch er­fahrener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Außer den Delegierten sollen deshalb an der Zusammenkunft solche Genossinnen und Genossen mit beratender Stimme teil­nehmen können, von deren Beteiligung eine Förderung der proletarischen Frauenbewegung zu erwarten ist. Ihre Zulassung würde auf Grund von Karten stattfinden, die das Komitee abgiebt, das mit den Vorarbeiten für die Besprechung beauftragt wird. So können alle zum Wort kommen, welche Aufklärendes und Anregendes zu den vorliegenden Fragen zu sagen haben, und denen der ernste Wille eignet, die Bestrebungen der Genossinnen zu unterstützen.

Man bezwecke übrigens keineswegs die Schaffung einer Sonderbewegung, sondern eine kräftigere Verbindung zwischen der proletarischen Frauenbewegung und der po­litischen Partei. Die Führerinnen dürften sich kaum ver­hehlens vieleGenossen" für dieGenossinnen" wenig übrig haben. Groß ist auch die Gleichgiltigkeit der Ar­beiterinnen. Die Bewegung schreitet denn auch nur sehr Langsam vorwärts.

Der feine Ton hat sich in einer der letzten Sitz­ungen des böhmischen Landtages wieder herrlich offenbart. Dr. Klouczek warf der deutschen Gemeindever­tretung von Reichenberg vor, daß sie die tschechischen Ge­werbetreibenden schlecht behandele. (Rufe bei den Deut­schen: Denunziationen, Verunglimpfungen!) Dr. Scha- manek zum Abg. Stein: Unterbrechen Sie hier nicht, sorgen Sie lieber dafür, daß in Reichenberg Ordnung geschaffen wird. Euer Bayer soll in Reichenberg Ordnung schaffen, denn was dort geschieht, ist die aufgelegte Lumperei. Klouczek (zu Schamanek): Lassen Sie ihn sein, es steht nicht dafür. Lassen Sie ihn lärmen, so viel er will. (Stür­mische Zwischenrufe von beiden Seiten.) Klouczek (fort­fahrend) führt über die Unterdrückung der Tschechen in Reichenberg Klage. (Große Unruhe.) Oberstlandmarschall: Ich wurde aufmerksam gemacht, daß der Herr Redner den Reichenberger Bürgermeister, Herrn Bayer, einen Lumpen genannt hat. Ich habe es nicht gehört. Sollte es der Fall gewesen sein, so sehe ich mich veranlaßt, ihn zur Ordnung zu rufen. (Stürmischer Widerspruch bei den Jungtschechen, Rufe: Er hat nichts derartiges gesagt! Er hat Bayer gar- nicht genannt! Gegenrufe der Deutschen: Das Wort

ist gefallen!) Abg. Stein: Das sind die hart gekränkten Tschechen! (Rufe bei den Deutschen: Der Schamanek hat es gesagt!) Abg. Stein: Das ist eine tschechischeFrech- heit, die Leute zu beschimpfen! Feigheit! Sie können sich auf Ihre Intelligenz etwas einbilden? Der Lärm wird immer größer. Der Oberstlandmarschall sucht die Ruhe wiederherzustellen. Klouczek verwahrt sich schreiend gegen den Ordnungsruf, indem er erklärt, daß er den ihm zugeschriebenen Ausspruch nicht gemacht habe. (Andau­ernde Zwischenrufe von beiden Seiten des Hauses.) Abg. Aigner (zu Schamanek): Sie haben das gerufen. Wenn Sie so etwas sagen, müssen Sie auch den Mut haben, es einzugestehen. Das ist eine Frechheit von Ihnen, wenn Sie Sachen, die Sie hier vorbringen, dann ableugnen wollen. Sie sind ein Spitzbube! Schämen Sie sich! Abg. Stein: Wir haben den Bürgermeister von Prag noch keinen Lumpen genannt. (Rufe: Schamanek wohnt in Reichen­berg und beschimpft den Bürgermeister! Man sollte ihn nicht mehr nach Reichenberg kommen lassen!) Abg. Nowack: Ein gemeiner Kerl! Pfui Teufel! Das ist ein Skandal! (Stürmische Pfuirufe der Deutschen gegen Schamanek und Rufe: Schämen Sie sich!) Schamanek: Ja, ich habe gesagt, daß ein solches Vor­gehen eine Lumperei ist. (Neuerlicher großer Lärm.) Oberst­landmarschall (wiederholt das Glockenzeichen gebend) ruft Schamanek zur Ordnung. Abg. Klouczek kritisiert neuer­lich das Vorgehen des Reichenberger Magistrates. Abg. Stein: Es muß einem um die Zeit leid sein, die man hier vertändelt. Abg. Pacher (zu den Tschechen): Haben Sie die Prager Ereignisse von 1897 verurteilt? Niemals! Schämen Sie sich! Abg. König: Haben Sie die Saazer Ausschreitungen verurteilt? Klouczek bespricht das Vor­gehen des Reichenberger Magistrates gegenüber den tschech­ischen Gewerbetreibenden und bedauert, daß der Statt­halter im Hause nicht anivesend zu sein pflege, wenn solche Beschwerden vorgebracht werden. Abg. Schamanek: Das will er niemals hören! Aba. Morawetz: Wenn man den Tschechen die Haut ab ziehen würde, wäre es ihm auch gleich giltig.

Aus Stadt und Sand.

** Kaufmännische Fachschule. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß in nächster Wocl^e wieder ein Kursus im M a s ch i n e n s ch r e i b e n in der kaufmänni-i schen Fachschule beginnt, woran noch einige Herren teil-« nehmen können. Anmeldungen hierzu werden im Vereins- ihause Nordanlage 15 entgegengenommen.

** Rückfahrkarten zu Pfingsten. Auf den Preußischen und Hessischen Staatsbahnen wird den am 31. Mai d. I. und den folgenden Tagen auch nach dem Pfingst­fest gelösten gewöhnlichen Rückfahrkarten nicht auch Arbeiter-Rückfahrkarten von sonst kürzerer Dauer verlängerte Giltigkeit bis einschließlich den 11. Juni beigelegt. Die Rückfahrt muß spätestens am letzten Tage um 12 Uhr Mitternacht angetreten und darf nach Ablauf dieses TageS nicht mehr unterbrochen werden. Die direkten Rückfahrkarten von und nach Badischen, Bayerischen, Würt- tembergischen, Pfälzischen und Stationen der Reichs-Eisen­bahnen erhalten diese verlängerte Giltigkeitsdauer (bis zum 11. Juni d. I.) nur auf den Preußischen und Hessischen Strecken.

Mainz, 3. Mai. Zur gestern erwähnten Millionen­erbschaft erfahren wir, daß vor ca. 6 Jahren in Amerika ein in seiner frühesten Jugend unter bescheidenen Verhält- niffen ausgewanderter Mainzer starb, der es drüben durch Thatkraft, Unternehmungsgeist und Spekulation in Berg­werksunternehmungen zu einem ungeheuren Reichtum brachte. Da der Erblasser, Heterich mit Namen, keine direkten Erben hinterläßt und auch keine testamentarischen Verfügungen vorhanden sind, so fällt dieses große Vermögen an seine in Mainz und Aschaffenburg znm Teile be­dürftig lebenden Verwandten. Zwei Mainzer Rechtsanwälte

haben seit einigen Monaten im Auftrage der Erben diese Angelegenheit zur Regelung in Händen, und versichern die- selben, daß nach den bereits gediehenen Unterhandlungen mit den amerikanischen Behörden und Bankhäusern die Aus­zahlung des Geldes in Kürze erfolgen werde.

Frankfurt a. M., 3. Mai. Im Saale der Börse, fand heute wbend eine Versammlung des Vereins zu 0 Wahrung der Interessen der Frankfurter Börse statt. Nach längerer Debatte wurde folgende Re­solution beschlossen: Die heutige Versammlung spricht ihre Entrüstung aus gegen den Versuch, durch neue drückende Steuern das ohnehin infolge der Gesetz­gebung der letzten Jahre darnieder liegende Bör­sengeschäft vollständig zu zerstören und ge­waltsam zu vernichten. Die Resolution beschließtz ferner, den Vorstand aufzufordern, zur Abwehr dieser Gefahr alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu ergreifen, mit Handelskammern oder ihm geeignet erscheinenden Körperschaften in Verbindung zu treten und allein oder tin Gemeinschaft mit diesen Delegierte nach Berlin zu ent­senden, um dort mit den Nettesten der Kaufmannschaft und anderen Organen die zur Bekämpfung des Gesetzentwurfes notwendigen Maßnahmen zu treffen und in einer in acht Tagen einzuberufenden Versammlung über die unter­nommenen Schritte zu berichten. Die Frankfurter Han­delskammer hat gestern beschlossen, sich mit den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft ins Benehmen zu setzen, um Schritte zu beraten, daß der vom Abg. Müller-Fulda vor­geschlagene Gesetzentwurf nicht zur Annahme^Lelangt.

m. Ziegenhain, 3. Mai. Gestern nalymnkag hielt der Kreiskriegerverband Ziegenhain die zweite ordentliche Abgeordneten-Versammlung ab. Der Vorsitzende des Ver­bands, Landrat v. Sch wertzell, hieß die erschienenen Vertreter der Vereine herzlich willkommen und eröffnete die Versammlung mit einem Hoch auf den Kaiser. Besonders gedachte er auch der hohen Bedeutung der am 6. Mai be­vorstehenden Großjährigkeits-Erklärung des Kronprinzen des deutschen Reiches und von Preußen. Nach Verlesung und Genehmigung des vorjährigen Protokolls wurde die An­wesenheitsliste festgesetzt. Es waren 15 Vereine durch 17 Abgeordnete vertreten, 6 Vereine hatten keine Vertreter ent­sandt. Die Vereine Spieskappel und Berfa wurden neu in den Verband ausgenommen, sodaß derselbe zurzeit 23 Vereine zählt. Bei der Vorftandswahl wurde auf Vorschlag des Kameraden Blettner in Frielendorf der bisherige Vor­stand durch Zuruf wiedergewählt, und zwar Landrat von Sch wertzell als Vorsitzender, Steuersekretär Gi ssel als Schriftführer und Lehrer Schnell als Kassierer. Auch die Wiederwahl der Stellvertreter und Beisitzer geschah durch Zuruf. Die Abhaltung des diesjährigen KreiSkriegerfesteS rief eine längere Besprechung hervor. Wenn man auch all gemein die Ansicht vertrat, daß dies Fest in jedem Jahre zu feiern sei, so wurde doch mit Rücksicht auf die vielen sonstigen Feste, die in diesem Jahre im Kreise gefeiert werden sollen, und wegen der Nähe deS Kriegerverbands­festes in Neustadt beschlossen, von einem Verbandsfeste ab­zusehen. Aus dem Kasienbericht war zu ersehen, daß der Verband im verflossenen Jahr 21 Vereine mit 410 Mit­gliedern zählte.

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