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6.5.1900 Erstes Blatt
 
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Rt. 105 Erstes Blatt. Sonntag dm 6. Mai

1900

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Meßmer Anzeiger

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In «k-ßiöhrigkritsnklSniiig h» Krsü-riijes.

(C. Mai).

Am 6. Mai findet bekanntlich im preußischen Königs­schlosse an der Spree mit all dem Pomp, wie er aus be­sonderen Anlässen an Fürstenhöfen üblich ist, die Großi- jährigkeitserklärung des jugendlichen Hohenzollernprinzen statt, der nach menschlicher Voraussicht dazu bestimmt ist, dereinst die Krone des Reiches zu tragen. Durch diesen Akt tritt der Kaisersproß in den Kreis des öffentlichen Lebens, und die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich ihm zu, dessen für sich einnehmende, herzgewinnende äußere Er­scheinung die Besucher und Bewohner der Reichshauptstadt schon seit einiger Zeit kennen zu lernen Gelegenheit hatten, wenn er seinen kaiserlichen Vater in den Straßen der Re­sidenz begleitete.

Als im Januar 1877 sich der Geburtstag des Kaisers, damaligen Prinzen Wilhelm, zum 18. Male jährte, nahmen die Wirren im Orient, der täglich zu gewärtigende Aus­bruch des russische-türkischen Krieges und allerhand inner­politische Streitigkeiten das öffentliche Interesse derart in Anspruch, daß bas Datum fast unbeachtet blieb. Diesmal aber richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit umsomehr nach dem Schlosse an der Spree, als auch das Ausland von dem feierlichen Akte Notiz nimmt und der Herrscher des befreundeten und verbündeten Kaiserstaates an der Donau die Gelegenheit ergreift, seinem nunmehr großjährigen Patenkinde die höchsten Auszeichnungen zu erweisen, über die er verfügt.

Wo die Sorge um die materiellen Existenzbeding­ungen alle anderen Erwägungen überwiegt, mag das Los, an den Stufen eines Kaiserthrones geboren zu sein, wohl als die Summe alles irdischen Glückes erscheinen; denn tfti Millionen von Köpfen stellt sich das Prinzendasein dar als der Inbegriff von Sorglosigkeit und Ungebunden­heit. Wer aber, unbeirrt durch den alänzenden Schein, auf den Kern des Seins geht, gewahrt, daß in Fürstenhäusern, die vom modernen Geiste der Gegenwart durchdrungen sind, entsprechend dem GrundsatzNoblesse oblige" die Lehrjahre eines Prinzen ungefüllt sind mit schwerer Arbeit, und daß der Anwärter eines Diadems oft genug Ursache hat, die Kinder des Bürgers zu beneiden, die nach Absol­vierung ihrer Schularbeiten zu ihren zwanglosen Spielen eilen.

Es ist allgemein bekannt, daß man es in den Familien der deutschen Fürsten mit der Ausbildung der Prinzen immer ernst genommen hat. Daß die Großen der Erde von jeher danach getrachtet haben, den Erben ihrer Macht die beste Bildung anzueignen, beweisen zahllose Beispiele der alten wie der neuen Geschichte. Wenn Cyrus zusam-- men mit gleichalterigen Jünglingen erzogen wird, wenn der makedonische Philipp als Lehrer für seinen Sohn, den nachmaligen großen Alexander, den größten Gelehrten des Altertums, Aristoteles, beruft, so sind das Beweise, wie hoch man schon vor Jahrtausenden die Kenntnis des wirklichen Lebens in fürstlichen Familien bewertete. Daß diese Beispiele vereinzelt blieben, ja sogar in den Zeiten des Mittelalters kaum je Nachahmung fanden, liegt weniger in dem Bestreben, sich gegen niedriger Stehende abzuschließen, als in den trostlosen Zuständen der damaligen öffentlichen BildunLsanstalten. Die Univers itäten, die übrigens lange auf Italien beschränkt blieben, waren zwar Has Produkt der wieder erwachenden westeuropäischen Bildung, boten aber mit dem an ihnen herrschenden, oft zügellosen Treiben für fürstliche Familien wenig Ver­lockung, ihnen ihre Sprößlinge anzuvertrauen. Aus den Klosterschulen aber entwickelte sich das humanistische Gymnasium, das in den langen Jahrhunderten seines Bestehens wesentliche Reformen nicht durchgemacht hat und mit dem Zeitgeiste bis in unsere Tage nicht gleichen Schritt gehalten hat.

So kam es, daß die Erziehung fürstlicher Söhne fast ausschließlich in strenger Trennung von den Kindern des Bürgertums stattfand. Die Resultate, die dabei heraus­kamen, entsprachen natürlich ebensosehr den Fähigkeiten des Schülers und seiner Lehrer wie dem Geiste, von dem die Eltern des Zöglings dessen Bildungsgang erfüllt wissen wollten, und es ist tendenziöse Entstellung, wenn von Manchen Seiten behauptet wird, daß der lÄfolg immer nur in dier Erhöhung der den unnahbaren fürstlichen Ab­solutismus vom Volke trennenden Schranke bestanden habe. So sicher es ist, daß unter dem Zwange spanischer Etikette eine Prinzenerziehung nur unter extremer Exklusivität denkbar war, die dann die entsprechenden Früchte zeitigte, ebenso sicher ist es, daß in Deutschland Fürstenhäusern die wertvolle Verbindung mit dem Volke schon deswegen nie ganz verloren gehen konnte, weil hier die Fürstenmacht

aus kFeixien territorialen Herrschaften entstanden war. Wo die Gaben des Herzens und des Kopses unter der Direktive des Pflichtgefühls ihre gleichmäßige Ausbildung erfuhren, wurden Erfolge erzielt, an denen nur öde Nörgelei herum- mäkeln kann, und ein Staat, der durch die hohe Herrscher­begabung eines großen Kurfürsten, eines Friedrich des Großen sich zur Stellung einer Großmacht erhoben hat, ist ein beredter Beweis dafür, daß die Prinzenerziehung den damaligen Zeitverhältnissen entsprach.

Immerhin bedeutete es einen entschiedenen Bruch mit jeder Traditon, als der Großvater des Kronprinzen, der nachmalige Kaiser Friedrich, nachdem er schon zuvor den Unterricht des berühmten Historikers Ernst Curtius ge­nossen, im Jahre 1850 die Universität Bonn bezog, an der auch sein Enkel demnächst Vorlesungen hören wird. Als vollends Kaiser Wilhelm II. als fünfzehnjähriger Prinz im Herbste 1874 zusammen Mit seünem, Bruder, dem Prinzen Heinrich, auf L as Gymnasium in Kassel kam, wo er am 20. Januar 1877 das Abiturientenexamen ablegte, um hierauf zwei Jahre lang in Bonn Rechts- und Staats­wissenschaften zu studieren, mag manche am Hergebrachten hängende altersgraue Excellenz bedenklich den Kopf ge­schüttelt haben. Im deutschen Volke aber ist der Entschluß der Eltern, auch bei uns im Hessenlande, freudigst begrüßt worden als ein Zeichen der innigen Verbindung zwischen Fürst und Volk.

Der Kronprinz, der am 6. Mai in die Rechte des Er­wachsenen tritt, hat ein öffentliches Gymnasium nicht be­sucht. Seine wissenschaftliche Biloung erhielt er seit einer Reihe von Jahren in der Kadettenanstalt zu Plön, dem seeumgürteten Stammsitze der noch jetzt in Hessen und in Oesterreich blühenden Familie der Reichsritter von Plönnies. Aber der Unterricht blieb nicht auf den Kreis der Lehrgegenstände dieser Anstalten beschränkt, sondern wurde auf den Bereich der Gymnasialbildung erweitert, und der Prinz Lenoß ihn in Gemeinschaft anderer Jüng­linge, die von Geburt aus keineswegs eine Ausnahme­stellung einnahmen. So hat er die Leiden und Freuden des jugendlichen Ehrgeizes im Wettstreit mit gleichalterigen kennen gelernt.

Der Eintritt der Großjährigkeit preußischer Prinzen vollzieht sich wie in den meisten europäischen Dynasten­häusern an dem Tage, an dem das 18. Lebensjahr vollendet ist. Nur in ivenigen Ländern gilt eine andere Altersgrenze, so in Oesterreich das vollendete 16. Lebensjahr, während Mecklenburg und Schweden-Norwegen das 19. Jahr dafür festgesetzt haben. Die Hausgefolge, die von der Reichs­und Landesgesetzgebung unberührt geblieben sind, sichern also den Prinzen vor anderen Staatsbürgern, die nach deutschem Rechte mit 21 Jahren großjährig werden, einen mehrjährigen Vorsprung. Hierin liegt aber keine einseitige Bevorzugung im persönlichen Interesse der Fürsten söhne; vielmehr hat staatliches Interesse dazu geführt, die Alters­grenze gegenüber der bürgerlich gütigen herunterzusetzen; denn wenn der biblische Prediger Salomo ausruftWehe Dir Land, des König ein Kind ist", so spricht er nur eine durch hundert Beispiele zu beweisende geschichtliche Wahr­heit aus, daß vormundschaftliche Regierungen häufig mit

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

Rote Plakate. Der Mai ist gekommen. Werder im Blütenschnee.

An den Litfaßsäulen lösen sich seit Wochen die roten Plakate der Staatsanwaltschaft ab, die das Publikum auf­fordern, bei den verschiedenen Blutthaten in und um Berlin mit nach den verruchten Thätern suchen zu helfen. Ach, die Berliner Kriminalpolizei hat in den letzten Jahren wenig Glück gehabt, und eine ganze Reihe todeswürdiger Ver­brechen harren noch immer der letzten Aufklärung und ihrer Sühne! Auf Valentinis Ermordung, die vorläufig ein Rätsel geblieben ist, sind eine ganz erschreckende Anzahl anderer schwerer Greuel gefolgt, von denen nur der Mord am Teuflssee, dessen ganze Entwickelung wie die Kapitel eines Schauerromans anmuten, schnell und erfolgreich er­forscht worden ist. Der Tod der Schifferfrau Grasnick wie der alten Lehrerin Medenwaldt, sind noch ungelöst, und ob man den richtigen Spuren gefolgt ist, bleibt abzu­warten. Es fehlt ein Mann mit jenem sicheren Blick und der festen Hand, wie sie s. Z. Stieber gehabt haben soll, der wohl der erfolgreichste Kriminalist Berlins gewesen sein mag. Seit einigen Wochen halten neue rote Zettel das Publikum in Aufregung. Sie betreffen den geheimnis­vollen grausigen Konitzer Mord, und verkünden, daß dem Staatsanwalt nicht weniger als 26 000 Mark Prämie zu Gebote stehen, die für wichtige und zum Ziele führende Nachweise verteilt werden sollen? Die höchste Summe, die seit Menschengedenken für dergleichen ausgesetzt worden

ist! Es zeugt nicht just von gutem Geschmack und Fein­gefühl, daß die Leitung der sozialdemokratischen Vereine die Ankündigungen und Einladungen zu ihrer Maifeier in derselben, arellroten, den harmlosen Passanten Heuer Mit Gruseln füllenden Manier da, wo es ging, ange­schlagen hat. Auf eine andere Weise gruselt's der lieben Mitwelt freilich auch kaum noch vor den Heraufbeschwörern des,,großen Kladderadatsch". Tie ehemals so laute Heeres- folge der roten Generäle ist bedeutend zahmer und stiller geworden; auf allen Bauten, in allen Werkstätten wurde gearbeitet am 1. Mai; und die großen Gartenfeste mit roten Fackeln aus Pappe und Papier! und roten Reden, die zum Teil ebenso papieren gewesen sein sollen, waren nur mäßig besucht und durchaus nicht turbulent und demonstrativ. Das Schlimmste waren eben die Plakate; aber sie waren schließlich doch auch nur aus Papier!

Wenn sich der Mai nicht noch auf andere Weise bemerk­bar machte, würde man seinen Eintritt durch den sozialisti­schen einst mit vielen großen Worten proklamierten Feier­tag kaum bemerkt haben. Gott sei Dank aber, es giebt noch andere Anzeichen dafür, daß er nun endlich ba ist. In den Vorgärten der Straßen des Westens prunken die Tulpen und Hyazinthen; die Rofenstöcke sind hochgebunden und fangen an zu treiben; auf den Balkons wird der wilde Wein hochgezogen, und zwar in tausenden und aber­tausenden von Exemplaren und die dicken Blätterknospen der Roßkastanien haben sich endlich entfaltet. Auch die Nachtigall ist da. In den Gärten der Vororte singt sie ihr altes süßes Lied von der Liebe Lust und Leid, und so mancher blasierte Großstädter hemmt den Schritt, wenn ihm plötzlich die Triller dieser kleinsten und doch größten

Primadonna der Welt an das verwöhnte Ohr dringen. Wie andächtig aber lauschen die alten Leute, die draußen auf dem Lande geboren und groß geworden sind, bis sie eines Tages der Wirbelwind des Schicksals in das große Getriebe des Berliner Lebens geworfen hat. Das ganze reiche Glück der Kindheit wird in ihnen lebendig, wenn die Nachtigall singt!

Eine Hauptanziehung übt in diesen schönen Maitagen die große Obstkammer Berlins auf die beweglichen Groß­städter aus. Werder an der Havel, schnell und billig mit Vorortzügen zu erreichen, empfängt jetzt den Besuch von halb Berlin; denn auf feinen Hügeln blühen die Kirsch-

bänme. Ein unendlich scheinendes weißes Wipfelmeer mit jenem leisen feinen Frühlingsduft, der unseren Lungen so wohl thut, uns die Brust so weitet? Jung und Alt pilgert hierher, um Natur zu kneipen und da auch gute Biere in Fülle zu hoben sind, wird die Geschichte schließlich ungeheuer fidel. Mit blühenden Kirschzweigen geschmückt,

treten sie, ein wenig illuminiert, aber doch mehr von der Lenzwonne als vom Alkohol berauscht, die späte Heimreise an. Millionen von Kirschzweigen werden hier in der Blüte gebrochen und an die Mrliner verkauft, die sie mit dem hüten Vorsatze erhandeln, sie daheim in einer Vase zu pflegen, um einen Hauch dieser weißen Frühlingsfreude in das dämmrige Großstadtheim zu tragen. Gewöhnlich aber entblättert die Pracht schon unterwegs, und der halb-- welke Zweig dient als Gerte und Peitsche, bis er aus dem Coupeefenster fliegt oder in den Staub der Straße finTt! <So vernichten die geldlüsternen Pla"t"F^beschev durch diese erste Nickelernte den Respekt vor der Natur und züchten Vandalen, über die sie sich nachher beklagen.