1900
Freitag den 6. April
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Amts« und Anzeig-blatt für den Areis Gietzen
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AezugspreiL vierleljährl. Mk 2M monarlich 75 Psz. mit Bringerlohu; durch die AbholestüS« oiertetjährl. Mk. IM monatlich 66 Psg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljäh«4 mit Bestellgeld.
।MaMm, •UHlitbn und Smlmi: >4*fH»*|e Nr. 7.
Schulgeld.
Zahl der Schulkinder: ,
1. nach Klassen (nicht Abteilungen) getrennt: a) im Ganzen, b) Knaben, c) Mädchen.
2. nach dem Bekenntnis: a) evangel., b) röm. kath., c) isr., d) anderere Konfessionen.
Stand der Fortbildungsschulen nach Beginn der Schulperiode 1899/1900.
Zahl der Fortbildungsschüler: a) einklassig,. b) zwei- Nassig, o) dreiklassig u. s. w.
Zahl der Schüler nach dem Bekenntnis: a) evangel., b) röm. kath., c) iSr., d) andere Konfessionen, e) im
Das Ehepaar Gönczi vor den Geschworenen.
Berlin, 4. April.
Bevor wir die weiteren Verhandlungen mitteilen, müssen wir folgende Vorgeschichte geben:
Die 71jährige Witwe Schultze wohnte mit ihrer 51 jährigen Tochter in dem zweiten Stockwerk des ihr gehörigen'Hauses Königgrätzerstr. 35. Der 1892 gestorbene Mann der alten Frau hatte in Spremberg große Gipsbrüche besessen, und seiner Frau und Tochter eht großes Vermögen hinterlassen, zu dem außer dem Hause in der Königgräßerstraße noch ein solches in der Prenzlauer Allee
Alle Lnzeigen-LermittlmisSstellen beB In« und AuSlanLiL nehmen Lu-eigen für den Gießener Anzeiger entgr,«. Zeilenpreis: lokal 1L Pfg., »uSwSrtS 20 Pfg.
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e. ^Blätter Dc Ufi. »»ttltunbe- eü<tL 4 ml deigelegt.
Erotzh. Kreis-Schulcommission Gießen au die Schulvorstande des Kreises und die Borsteher von Privatschulen.
Wir sehen Ihren Berichten in rubr. Betr. bis spätestens
1. Mai d. I. entgegen und zwar über: .
I. Stand der einfachen Volksschulen nach Beginn des Schuljahres 1900/1901. a) ohne Schulgeld, b) mit
ßr. 81 Zweites Blatt
Wehener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Bekanntmachung.
Hrtr.: Statistische Nachweisungen über das Volksschul-
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Ci« Attentat auf den Prinzen von Wales in Brüssel.
Während die greise Königin Viktoria sich einer Ver- svhnungsmission in Irland unterzieht, ist auf ihren ältesten Lohn und Thronerben, den Prinzen von Wales, in der Hauptstadt Belgiens, das die Engländer als üpx | eigenste Schöpfung und als unter ihrem besonderen Schutze stehend anzusehen pflegen, ein Attentat verübt worden, das allerdings glücklicherweise, mißlungen ist, denn der Prinz ifst unverletzt geblieben. Er befindet sich mit jenter Gemahlin auf der Reise nach Kopenhagen, wo sich bereits die Schwester der Prinzessin von Wales, die verwitwete Kaiserin von Rußland, befindet. Wie angegeben wird gilt die Zusammenkunft in Kopenhagen der Feier des 82 Geburtstages des Königs Christian IX. Die Prinzessin von Wales ist bekanntlich ebenso wie die Kaiserin Maria eine Tochter des Königs von Dänemark.
Es liegt nahe, das Attentat auf den Prinzen von Kales mit der gerade in Belgien sehr starken Entrüstung über den Krieg des mächtigen England gegen die beiden kleinen südasrikanischen Republiken m Zusammenhang zu bringen, allein es ist nicht recht einzusehen, warum der tarn eines Burensrcundes sich gerade gegen den Prinzen, von Wales richten füllte. Er hat zwar in einer der Sitz, ungen der Kommission, welche die mit dem ^amefonschen Einfall in Transvaal verbundenen Umstande zu untersuchen hatte, Rhodes die Hand gedruckt und damit diesen den Kommissions-Mitgliedern besonders empfohlen, allein man hat nichts davon gehört, daß der Prinz ^nJßateS bei der Herbeiführung des Krieges eine ^or^ne^f^Hc gespielt hat. Im Gegenteil, man darf wohl annehmen, daß er die Politik, die zum Kriege geführt, nicht oder
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gehörte. Die beiden Frauen lebten wie die Einsiedler, und außer der Zeitungsfrau, der Aufwärterin, dem Kohlenmann betrat keine Person ihre Wohnung. Im Juli 1897 hatte der bis dahin in der Mühlenstraße wohnhaft gewesene Schuhwarenhändler Josef Gönczi den Laden im Erdgeschoß des Schultze'schen Hauses und unter ihm ein Kellerzimmer gemietet; in dem letzteren wollte er angeblich Wein und Hühner, die er aus Ungarn zum "Absatz in Berlin einführen wollte, unterbringen. Gönczi hatte zwar die Ladeneinrichtung besorgt, verzögerte aber seinen. Einzug von Tag zu Tag. Am Abend des 13. August wurde die Tochter Clara Schultze von Hausbewohnern noch gesehen ; am nächsten Morgen wurden die Stimmen der Frauen noch gehört; auch war am 14. August die Morgenzeitung noch von ihnen angenommen worben. Seit dieser Zeit aber waren sie verschwunden; der Bäcker klingelte vergebens, der Zeitungsfrau wurde nicht geöffnet, der Kohlenmann mußte unverrichteter Sache wieder abziehen. Dies fiel natürlich den Hausbewohnern auf; sie wurden aber von Gönczi beruhigt. Dieser erklärte, daß Mutter und Tochter über Hannover und Brüssel nach Paris gereist seien, und wahrscheinlich nicht mehr zuruckkehreu würden, da sie sich in Hannover eine Villa kaufen wollten; die Frauen hätten ihm die Schlüssel zu ihrer Wohnung i übergeben, ihn mit der Verwaltung beider Hauser beauftragt und ihn ersucht, die ganze Wohnungseinrichtung nachzusenden. Diese Behauptung wurde durch eine Depe che bestätigt, die der Verwalter des Hauses Prenzlauer Allee erhielt, denn darin hieß es: „Ich fahre auf längere Zeit nach Paris, bitte die Mieten an Josef Gönczi abzufuhren . Es wunderte sich daher niemand, daß das Ehepaar Gönczi sich in der Schultze'schen Wohnung zu schaffen machte. Am 16. August ließ Gönczi zwei Fuhren Sand in den Keller schaffen. Am Tage darauf erschien er zum letzten Mal
I im Hause. Hausbewohner veranlaßten nun endlich, daß I die Polizei eine Untersuchung der ganzen Räumlichkeiten I vornahm. Als der Keller durch einen Schlosser geöffnet I war, fand man in dem Vorderzimmer den Sand aufgehäuft.
Die Kriminalpolizei ließ ihn abschaufeln, und man stieß jetzt auf zwei Kisten, in denen die Leichen der beiden Frauen, in schwarzes Wachstuch eingehüllt, vorgefunden
I wurden. Beiden waren die Schädel eingeschlagen; der I alten Frau war auch noch der Unterkiefer zertrümmert. I Blutspuren deuteten darauf hin, daß der Mord in dem
Gönczi'schen Laden vollführt war; vermutlich hatte der I Mörder zunächst eine der Frauen in den Laden gelockt dort I ermordet und den Leichnam in den Keller geschasst, und I ein Gleiches dann mit der zweiten gethau. Da Frau I Schultze ihr Barvermögen im Betrage von etwa emer I halben Million teils bei einem Bankier, teils bei der Reichs- I bank hinterlegt hatte, erbeutete der Mörder außer Wert- I papieren im Betrage von einigen tausend Mark und mehreren Schmucksachen nur eine kleine Bar stimme. GÄnczi und seine Frau waren am 18. August aus dem Schlesischen Bahnhof gesehen worden, dann in Frankfurt au der Oder, in Halle und in Brüssel. Bekanntlich wurden sie erst in Rio de Janeiro verhaftet und dann nach Berlin gebracht. Ihr Hund „Butzi" ward in Rio von dem Konsul Wewer zurückbehalten, und soll für Rechnung des preußischen Justizfiskus verkauft worden fein.
Die Vernehmung Gönczis fördert die abenteuerlichsten Geschichten zutage. Er bestreitet u. a., daß er an einem ber kritischen Tage einmal nach Hannover gefahren sei, erklärt manches, was feine Frau gesagt habe, damit, daß diese ganz verwirrt" sei, und behauptet, daß, als die alte Frau Schultze mit ihrer Tochter nach Hannover abreqte, er sie nach dem Bahnhofe begleitet habe. Den tsanb will er aus Betreiben des Zeugen Hinz haben anfahren lassen, weil dieser in dem Sande Wein lagern wollte. Weiter erzählt er, daß Loewy einmal nach Hannover gefahren sei. Die beiden Frauen seien am kritischen Sonntage abends von Hannover wieder nach Haus gekommen. Eine Schwester des Loewy, die übrigens auch kein Mensch jemals gesehen hat, habe ihm über die Ereignisse nun bei einem Zusammentreffen im Pschorrbräu folgendes erzählt: Loewy sei mit den Damen am 15. August abends nach Berlin zurück- gekehrt, Loewy habe sie aufgefordert, in seinem neben dem । Laden Gönczis gelegenen Zimmer mit ihm Bier zu ttmken.
Loewy habe die ersten drei Glas Bier aus dem Hmzeschen Lokal geholt, dann habe er noch drei Glas Bier spendieren wollen. Darauf habe die alte Frau gesagt: Wenn Loewy so spendabel ist, kann Klara auck) Zigarren holen. Letztere habe sich bann auch entfernt, Loewy sei zu Hinz per um- gegangen und habe diesem gesagt, er solle nur selbst das Bier bringen, dann könne er gleich mit ihr wegen des I „Mörders" abrechnen. Hinz habe dann das Bier gebracht, während Loewy vor der Thür stehen blieb und ans Klara wartete. Als Hinz das, Bier brachte, habe-die alte
I Frau gesagt: Wenn sie gewußt hatte, daß das Bier von üjm fämc, toäre sie gar nicht h-runt-igekommen habe Hinz auf sie -ing-schlag-n d,e atte hab^ny
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wenigstens nicht in ihrem vollen Umfange gebilligt hat. I Der englische Thronerbe ist nicht kriegerisch gesinnt, denn I sonst würde er sich wohl, trotz seiner Abneigung gegen I körperliche Anstrengungen, selbst auf den Kriegsschauplatz I begeben oder wenigstens seinen ältesten Sohn dorthin ge- I sandt haben, wie dies in den mit der englischen Königs- I samilie verwandten Herrscherhäusern in Europa bei ähn- I licheu Gelegenheiten üblich ist. Statt dessen hat sich der Prinz von Wales — der, beiläufig bemerkt, seit 1883 Ches I der Blücher-Husaren ist und den Rang eines preußischen I Generalfeldmarschalls hat — damit begnügt, ein paar Re- I gimenter, die auf den Kriegsschauplatz abgmgen, daheim I zu inspizieren. . , I
Ist trotz alledem der Attentäter durch einen politischen I Beweggrund zu seiner That veranlaßt worden, so mögen I die Engländer daraus ersehen, wie weit und tief die Er- I regung geht, die durch den ungerechten Krieg Englands I gegen die beiden südafrikanischen Republiken hervorgerufen worden ist.
Die Meldungen über das Attentat lauten:
Brüssel, 4. April. Auf der Durchreise nach Kopen- I Hagen traf der Prinz von Wales nachmittags um 5 Uhr I | hier ein und stieg dann in den Zug nach Köln um. ^n I bem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzte, sprang ein junger Bursche aufs Trittbrett des Wagens, in I bem der Prinz sich befand, und feuerte durch das geschloffene Fenster zwei Revolverschüsse auf den Prinzen ab. Als der Attentäter zum dritten Male schießen wollte, traf ihn ein Schlag des heranstürzenden Stationsvorstehers. In der Aufregung, bte nun | I folgte, wurde ein junger Student, den man für den Attentäter hielt, vom Publikum fast gelyncht. Der wirkliche Attentäter, ein 15jähriger Bursche namens Sipido, wurde gefaßt und vorläufig auf dem Bahnhof emge- sperrt. Der Prinz erschien am Fenster und fragte, ob der I Attentäter gefaßt fei. Als dies bejaht wurde, setzte sich I ber Zug in Bewegung. Der Attentäter ist Kesselarbeiter. I Der Stationsvorsteher Crocius, der dem Prinzen das I Leben rettete und nachher als Chef der Bahnpolizei, den I Attentäter verhörte, erzählte den Vorgang wie folgt: Der I Prinz spazierte während des Aufenthalts auf dem Perron I zwischen ber Menge unerkannt umher. Dann begab er I sich in den Salonwagen, um das Diner zu beginnen, ^m I Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzte und Crocius I sich verneigte, sprang der Attentäter auf das Trittbrett I und sandte durchs offene Fenster den ersten Schuß, der in I die Wand drang. Der Attentäter gab Crocius einen Tritt I vor den Leib. Beide stürzten, und herbeieilende. I Geheimpolizisten ergriffen das Bürschchen. Der Attentäter I ist ein geborener Brüsseler. Bei der Aufnahme des Pro- I tokolls war er keineswegs aufgeregt. Er sagte, der Prinz I sei ein Mörder, er wollte die Opfer des Krieges, I an ihm rächen. Der Attentäter hatte kurz vorher emev I Versammlung beigewohnt, die gegen den Transvaalkrieg
protestierte.
In den Taschen Sipidos fand man eine Anzahl anar- | chistischer Papiere; er erklärte, er fei bereit, das Attentat ! noch einmal zu verüben, wenn er könne. Augenscheinlich war das Attentat vorher überlegt. Es ift feft- gestellt, daß Sipido sich ein Perronbillet löste, zu gleicher Zeit, a.ls der Prinz auf dem Bahnhofe promenierte. Im Verhör vor dem Staatsanwalt erklärte der Verhaftete, er sei Anarchist, und der Beweggrund zur That seien ferne anarchistischen Ideen. Sipido hatte bei der That seinen besten Anzug angelegt und, um seinem Vater gegenüber diesen Umstand zu erklären, gesagt, er müsse sich vor-, stellen, um eine Stellung zu bekommen.
Die Brüsseler „Gazette" schreibt: „Das ganze belgische Volk wird mit Nachdruck die ebenso hassenswerte wie unqualifizierbare Wahnsinnsthat verdammen, deren Gegenstand ber Thronerbe der befreundeten Nation war, die der unsrigen so viele Dienste erwiesen hat. Der König richtete an den Prinzen von Wales eine Depesche, in der er seinem Bedauern über den Mordanschlag Ausdruck giebt. Der Minister des Aeußeren stattete dem englischen Gesandten einen Besuch ab". - „Patriote" meint: Der chlimmste Feind Belgiens hätte nichts besseres erfinden können. Die „Chronique" sagt, Belgien fönnejn feiner Weise verantwortlich gemacht werden für die That eines Narren oder Wahnsinnigen, die es nach Gebühr verurteile.
lfrre#< für Depesche«: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.
Ganzen. , m .
III. Stand der höheren Bürgerschulen nach Beginn des Schuljahres 1900/1901 (wie unter I).
IV. Stand der Privatschulen nach Beginn des Schuljahres 1900/1901 (wie unter I).
Die Berichte sind genau nach vorstehendem Schema unter Beibehaltung derselben Bezeichnungen abzufasien.
v. Bechtold.__________________
Pottzei-Berordnimg,
betreffend Werhütung von Waldöründe«.
Mit Rücksicht auf die zurzeit bestehende Gefahr der Entstehung von Waldbränden bestimmen wir aus Grund des Art. 79 der Kr.- u. Pr.-O. das Folgende:
1. Das Rauchen von Zigarren, Zigarretten und ungedeckelten Tabakspfeifen in Waldungen und deren Umgebung, sowie auf Haiden außerhalb der chauffierten Orts Verbindungswege ist untersagt.
2. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 90 Mk. geahndet.
3. Das Verbot gilt vorerst für 4 Wochen. Gießen, den 2. April 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.


