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6.4.1900 Erstes Blatt
 
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Frettag den 6 April

Erstes Blatt.

AintS- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

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z»e,«gspr«t- vierleljährl. Mk 3M monatlich 75 PsZ. mit Bringerlohn; durch die Abholestrküx vierttljährl. Ml. IM monatlich 65 Pftz.

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Gießen, r.

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Der Krieg in Südafrika.

Der Handstreich der Buren gegen die Bloemfonteiner Wasserwerke und die Ueberrumpelung einer englischen Ko­lonne bei Thabanchu haben den englischen Siegesrausch I bedeutend abgekühlt. Man ist sich klar darüber geworden, ! daß noch nicht einmal der Oranje-Freistaat genügend paci- siziert ist und das schwerste Stück Arbeit den englischen Heersührern noch bevorsieht. Zutreffend wird die Lage in einer Meldung an dieTimes" aus Bloemfontein vom Montag wie folgt geschildert:

Die Bewegungen des Feindes zeigen Unter­nehmungsgeist und beweisen, daß im nördlichen Teile des Oranje-Freistaats die Buren fester zusammen- halten, als man angenommen hatte. Oliviers Aktion, indem er wieder auf Ladybrand nach Osten vorstoßend dasselbe besetzte, sodann Verstärkungen heranzog und Tha­banchu wiedernahm, war ein strategisches Meisterstück, da er dabei seinen Vorteil an der einzig verwundbaren Stelle von Roberts Stellung wahrnahm. Die Sache ist haupt­sächlich von dem Gesichtspunkt aus zu bedauern, daß wir uns unfähig gezeigt haben, den Farmern im Südosten und Osten, die ihre Gewehre ausgeliefert hatten, vollen Schutz angedeihen zu lassen.

Ueber den Kampf bei Thabanchu liegen noch eine Reihe weiterer Meldungen vor. Marschall Roberts tele­graphiert aus Bloemfontein vom Montag 10 Uhr 30 Min. abends: Fortsetzung meines Telegramms vom 31. März. Es hat eine beträchtliche Verzögerung in der Erlangung

Ein Telegramm derTimes" aus Kapstadt den 2. April berichtet: Als der englische Convoi und die Geschütze am Kornspruit in den Hinterhalt gerieten, war, wie es scheint, nicht ein Mann an der Tote, der den Auftrag hatte, Aus­schau zu hallen. Die Eskorte trottete ruhig hinten daher und merkte erst, daß etwas nicht in Ordnung war, als der halbe -Convoi bereits weggenommen war.

Laffans Bureau" meldet, in Bloemfontein sei das Pumpwerk in die Luft gesprengt. Die Zerstörung der Wasserwerke wird doch große Unbequemlichkeiten ver­ursachen. Es wird nötig sein, mit Wasser zum Baden sparsam umzugehen, es ist jedoch ein reichlicher Vorrat von Trinkwasser vorhanden.

DerBerl. Lokalanz." läßt sich aus London tele­graphieren: Die Meldungen aus Bloemfontein lauten ungünstig für die Engländer. Einzelne Burenab­teilungen haben sich bereits nach dem Süden von Bloem­fontein durchgearbeitet und die Verbindungsbahn mit dem Süden überschritten. Die Pserde Lord Roberts' sind auf­gebraucht, neue fehlen. Die Wafferleitung von Bloemfontein ist thatsächlich zerstört.

DieBoss. Ztg." erfährt aus London, daß der Standard" folgendes Bloemfonteiner Telegramm veröffent­licht : Die neunte Division und die Kavallerie des Generals French versuchten die Buren zu umzingeln, zogen sich aber nach einer starken Stellung zurück; als General i Colville fand, daß der Feind über Creuzotgeschütze ver­füge, beschloß er, ihn nicht an zu greifen und kehrte nach Bushmanskop zurück. French behalte indes Fühlung mit den Buren.

Die Division des Generals Colville samt der Ka­valleriebrigade des Generals French wurde von den Buren zurückgeworfen und ist in Bloemfontein wieder eingetroffen.

Aus London geht demBerl. Tagebl." ein Telegramm zu, demzufolge zwei kleine Abteilungen gefangener Buren I von Green Point entflohen sind. Sie wurden verfolgt und in einem Eisenbahnzuge aufgespürt, der angehalten I wurde. Es gelang ihnen aber, durch die Wagenfenster zu I entspringen.

Ueber den Führer der Buren bei dem Ueberfall I am Kornspruit veröffentlicht dasNew-York Journal" ein Telegramm aus Bushmanskop, in welchem gemeldet wird, I daß der Hauptmann Reich mann, der die Buren geführt I haben soll, als sie den Engländern am Kornspruit den I Hinterhalt legten, Hauptmann im Heere der Vereinigten I Staaten sein soll, der die Burentruppen als amerikanischer Militärattachee begleitet. Einem Telegramm derselben Zeitung ans Washington zufolge hält das dortige Kriegs- I amt die obige Meldung für unglaublich, obwohl das KriegS- I amt in letzter Zeit nichts von Reichmann gehört hat. Karl Reichmann wurde in Deutschland geboren, in Herdel- I berg erzogen und kam 1881 nach Amerika, wo er als ge- I meiner Soldat in die Armee eintrat, aber schnell befördert I wurde. Reichmann wurde als ruhiger und sehr vorsich- I tiger Mann geschildert. .

I Nach St. Helena ist am Dienstag, wie die Londoner Blätter aus Kapstadt melden, ein Transportschiff mit dem General Cron je, dem Oberst Schiel und tausend ge.

I fangenen Buren in See gegangen. ,

I Die Nachricht von einem BeileidStele gramm

Gießener Anzeiger

General -"Anzeiger

genauer Nachrichten über unsere Verluste in dem betreffenden Gesecht stattgefunden, da das Gefecht 22 Meilen von hier stattfand. Das Telegraphenkabel wurde mehrfach unter­brochen, und das bedeckte Wetter stört daS Signalisieren. ES hat kein größeres Gefecht mehr stattgefunden. Während des Tages spielten sich viele Akte einer bemerkenswerten Tapferkeit ab. Die ^-Batterie blieb in Thätigkeit unter dem Kreuzfeuer auf 1200 Ellen. Die Offiziere bedienten die Geschütze selbst, nachdem die Verluste das Detachement ver­mindert hatten. Es wurden mehrere tapfere Versuche gemacht, die zwei Geschütze zurückzuerobern, deren Gespanne getötet waren, doch bei jedem Versuch wurden die Pserde erschossen. Die Essex-, Munster-, Shropshire- und Northumberland- berittene Infanterie deckte den Rückzug der Geschütze von dieser Position bis zu dem Flußübergang, welchen die Kavallerie zwei Meilen weiter südlich aufgesunden hatte, und widerstand den entschiedensten Angriffen deS Feindes, welcher in einigen Fällen bis auf 100 Ellen herankam. Die N-Batterie war plötzlich in der Drift umringt, und Offiziere und Mannschaften wurden, ohne einen Schuß abaefeuert zu haben, gefangen genommen. Nur Major ; Taylor und dem Sergeant-Major gelang es, tn der Ber- wirrung zu entkommen. Fünf Geschütze der Batterie wurden

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Amtliche^Teü.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Maul- und Klauenseuche zu Dorf-Gill.

In Dorf-Gill ist in einem Gehöfte die Maul- und Slauenseuche festgestellt und Gehöftsperre verfügt worden.

Gießen, den 4. April 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

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Zur Lage in Italien.

hoffnungslos gestaltet sich die Lage der beiden Mächte, I die mit uns im Dreibunde vereinigt sind. Der Hader der | Nationalitäten in Oesterreich hat schon seit langem nicht I nur die wirtschaftliche Entwickelung gelähmt, sondern auch I feine tiefgreifende Wirkung ausgeübt auf die Bewertung I je ui er Bündnisfähigkeit und seine militärische Bedeutung; I ine finanziellen Schwierigkeiten, die gleichzeitig einem Aus- I bau. der österreichischen Wehrkraft entgegenstehen, gehören I jo ohnehin zu dem Erbteil vergangener Zeiten. Noch trüber I gestaltet sich der Ausblick auf die Gegenwart und die Ver- I gangenheit Italiens. Der mißlungene Versuch, m den I chinesischen Gewässern eine Rolle zu spielen, spricht hier I eine fast noch deutlichere Sprache, als das trübe Drama in I Abessynien, das in der Schlacht von Adua seinen ent- I mutigenden Ausgang fand.

Italien leidet wie Deutschland an feiner Vergangenheit. Ehrend in Europa der natürliche Zusammenschluß der verwandten Stämme sich überall vor langen Jahrhunderten vollzog, haben beide Volker in partikularistischem Gegen- saße ihre besten Kräfte verbraucht und zusehen müssen, wie andere groß wurden, während sie selbst den Weg zum Leile nicht fanden. Bewußt oder unbewußt haben überdies die beiden großen kosmopolitischen Mächte des Mtttel- sllers, das Papsttum und das Kaisertum, die nationale Zusammenfassung erschwert. In Deutschlands ist jener | mittelalterliche Cäsarengedanke ausgeloscht worden durch , den Sturmwind der französischen Revolution und un letzten Sinne durch die Faust, die den Bundestag von Frankfurt veriaate- in Italien besteht jene internationale Gewalt noch heute, auch wenn die weltliche Herrschaft längst zer- trümmert ist, und trotz der scheinbaren Zuruckhaltung de» Klerikalisrnus von der aktiven Teilnahme an der inneren Politik bildet er dennoch den letzten tlntergrnnd alles Ge­schehens. Und zuweilen, wie bei den letzten Revolten im Nor^nund in Sizilien, tritt er sichtbar hervor und, immer erblicken wir ihn aus der ^eite der Gegner de» bestehenden Zustandes, selbst wenn er auf dieser Sette nur die fort» oeschrittensten Sozialisten und die Anarchisten schlimmster Gattung als Bundesgenossen antrifsl. Er bildet den Jung­brunnen, aus dem die Republikaner, die natürlichen Vor- läliipser der Umwandlung des Einheitsstaates in ein Bündel von kleinen Gemeinwesen, ihre Kräfte schöpfen. Denn das stärkste und vielleicht das einzige Band, das den Norden und den Süden Italiens, das den Mailänder und Turiner mit dem Bewohner Neapels oder Messinas zusammen- diüpft, bildet eben die Dynastie Savoyen, und ihr Sturz erst schafft freie Bahn für jene Tendenzen, ine einst im König Bomba und auch heute noch in den Erben der ----- Herrscher von Parma oder Toskana ihre Repräsentanten dchM ' Imben^ Ergänze, die sich jetzt auf dem parlamentarischen Loden Italiens abspielen, gehen wett hinaus über den nähmen einer zufälligen Episode wie sie etwa die Ge­schichte der Lex Heinze für Deutschland gebildet hat. ^ms

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F schichte der 2ex yemze für ycuuvc*.

Lv dasclbst deutschen Reichstag hat die Obstruktion lediglich die An- oi-rtoa fittpCohpa nt ni-vbindern aesucktt. aeaen das

lutionär Don Albertario, strenge Sühne forderten. Damals I war Rudini der leitende Minister; er mußte weichen, wett I er über Halbheiten nicht hinaus gelangte, und weil er selbst thatsächlich sich gegen die Anschuldigung nicht zu I wehren vermochte, den Wind gesäet zu haben, der zum I Sturme geworden ist. Hatte er doch ine Radikalen in. I solcher Weise begünstigt, daß er nicht nur zu allen ihrew Ausschreitungen, bis ihm selbst das Feuer aus den Nageln brannte, durch die Finger sah, sondern auch bei den Wahlen I den ganzen Regierungsapparat aufbot, um den Sieg von I Republikanern gegen die verhaßten Anhänger emes Crispi I durchzusetzen. Erst sein Nachfolger, General Pelloux, besaß, I die nötige politische Reinlichkeit, um den Kampf gegen den, Radikalismus mit Erfolg ausnehmen zu können. Und er besaß auch die nötige Energie zu solchem Unternehmen, I sodaß er in überraschend schneller Zeit den über große Teile des Landes verhängten Belagerungszustand aufheben und die öffentliche Stimmung beruhigen konnte. Als ev jedoch den Versuch wagte, auch für die Zuttmst dem Uebel, I den Nährboden zu entziehen, als er die Preß- und Vereins^ |

I sreiheit, die in Italien die tollsten Bluten trieb, einzig engen Unternahm, da setzte die Obstruktion der Radikalen I ein, und jene abstoßenden Bilder zogen heraus, die den italienischen Parlamentarismus von Tag zu Tag schwerer I kompromittieren. Als die Minderheit direkt zur Verge- I waltiaunq schritt, als die Stimmurnen zu Boden geworfen und zertrümmert wurden, und der Präsident der Kammer, BianccheHi, machtlos dem wüsten Treiben zußehen muhte, pa wurde während der Vertagung des Parlaments der um­strittene Entwurf durch Königliches Dekret zwar zum Gesetz erhoben, doch entschloß sich die Regierung nachträglich, die | Zustimmung der Kammer zu diesem Vorgehen einzuholen. Und nun setzte der Kampf erst in voller Wildheit em.

Die einzelnen Episoden in dem von der Obstruktion herausbeschworenen Konflikte zu verfolgen, erübrigt sich; sie gleichen den Vorgängen, die wir auch anderswo erlebt

I haben, nur sind sie gesteigert m das Maßlos-Brutale. I Die Aenderung der Geschästsordnung und die Uebertragnng weitgehender Gewalten an den Präsidenten der Deputierten-

I kammer dürfte auf parlamentarischem Gebiete zunächst den | Abschluß bilden. Wie in Frankreich die Hnissiers nicht

gar zu säuberlich umgehen mit den Widerspenstigen, deren Abführung der Prästtent anordnet, so dürsten auch die

I Pantano und Costa und selbst der neueste Sozialist, Ga- I briete d'Annunzio, in Zukunft gelegentlich die eiserne Zucht- I ritte der Disziplin zu kosten bekommen. .....

Die Vorgänge in Italien würden kaum eine tiefgehende I Besorgnis erwecken, wenn eben nicht der Untergrund so I wenig Zutrauen in die Beständigkeit der gegenwärtigen

Einrichtungen einflößte. Dieses Mißtrauen wird noch ver­stärkt durch die vielfach wiederholten Wahlen von ver-

I urteilten Anarchisten und Verbrechern zu Deputierten, die I den Beweis dafür liefern, daß die Obstruktion einen starken I Rückhalt bei der Menge findet. Eine Auslosung des Parla­

ments würde daher schwerlich mit einem Siege der Re- I aierung enden, sondern nur die Reihen der zum Umsturz

qeneiqten Elemente verstärken. Bisher blieben überdies die aufständischen Bewegungen noch stets auf bestimmte

I Kreise beschränkt; wer steht jedoch für die Folgen, wenn I die Bewegung weiter greift und statt des Ministers das I Haupt des Königs zum Ziele gewählt wird?

atratzen ] .ewährter Systeme | r-Matate I teatzen ^-Matratzen.

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nähme eines Gesetzes zu verhindern gesucht, gegen das sich im Lande eine starke Strömung geltend machte, die intschieden noch nicht zum Worte gelangt war. In Italien ober handelt es sich nicht um eine einzelne Frage, auch nicht einmal um die schließlich gar nicht so ungewöhnliche Beseitigung eines unbeliebten Ministers oder um den Sturz ,ines von der Mehrheit preisgegebenen Kabinetts. Hier handelt es sich um die bewußte Diskreditierung des ge­inten, in der Monarchie gipfelnden Systems um die Her­beiführung des Anfangs von jenem Eiide, das die Reche der Könige im Exil noch durchs den Sohn Viktore Emanueles vergrößert sieht. Durch die Obstruktion die setzt m der Kammer auf dem Monte Citorio betrieben wird, sollen revolutionäre Unruhen, Aufstände im ^tile der Hunger- | cevolte von Mailand, erregt werden, die Mas en

uvbil machen zum Schutze einer Freiheit, die angeblich wn dm leitenden Gewalten, in Wahrheit aber von denen bedroht wird, die den stürmischen Willen einer Minderheit öer überragenden Mehrheit als Gesetz aufzwingen wollen [trb in der That geht die Bewegung, die letzt dav ganze '3anb in Atem hält, zurück auf die Vorgänge, die vor zwei Wen sich abspielten, als die Brotverteuerung die Massen rebellisch machte und die Urteile der Kriegsgerichte von den Räirelsführern, vor allem von dem klerikalen Revo-

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