Mr. 30 Zweites Blatt Dienstag dm 6. Februar
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Die Gießener AnmikienökLItcr »erden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter Kr heff. Volkskunde" wdchtl. 4 mal beigelegt.
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Amtlicher Fett.
Bekanntmachung.
Bon dem zur Deckung der Geländeerwerbskosten für den Bahnbau Grünberg Londorf durch den Kreis Gießen in 1895 aufgenommenen Anlehen von 80 000Mk. sind die Obligationen Lit. A Nr. 22 zu 1000 Mk. und Lit. C Nr. 10 zu 200 Mk. durch daS Los zur Rückzahlung per 1. März d. Js. bestimmt worden.
Gießen, den 1. Februar 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Die Durchschnittsmarktpreise.
ES wird hiermit zur Kenntnis gebracht, daß die im Gießener Anzeiger Nr. 11 von 1900 veröffentlichten Durchschnittsmarktpreise sich auf den Monat Dezember 1900 (nicht November) beziehen.
Gießen, den 2. Februar 1900.
Großh. Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Gießen, den 2. Februar 1900. Bett.: Wahlen zur Handwerkskammer im Jahre 1900. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
«e bie Wroßh. Bürgermeistereien des Streif<0.
Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 4. Januar 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 4) erinnern wir Sie hiermit an pünktliche Erledigung der darin enthaltenen Auflage — bis zum 10. Februar.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Nachdem der Kollekteur Philipp Weiler zu Gießen krankheitshalber auf seine Kollektur verzichtet hat, haben wir dieselbe den Hauptkollekteuren HochreutherLTöpel- mann zu Gießen übertragen.
Darmstadt, am 3. Februar 1900.
Großherzoglich Hessisches Landeslotteriedirektion.
Dr. Götz.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Februar. Zur BegrüßungdesPrinzen Heinrich in Neapel nach der Rückkehr des Prinzen von seinem Kommando in Ostasien hat in Vertretung des Kaisers einer der Flügel-Adjutanten des Monarchen Berlin verlassen.
— Wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, wird der Botschafter in Lon don, Graf v. H ahfeld , behufs Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit einen mehrmonatlichen Urlaub nach dem Süden antreten. Zu seiner Vertretung während dieser Zeit ist der Gesandte in Hamburg Graf Wolff-Metternich, bestimmt.
— Der „Reichsanzeiger veröffentlicht die Ernennung des bisherigen ersten Sekretärs bei der Botschaft in Paris, Legationsrat von Below-Schlatau zum General- Konsul in Budapest.
— Wie die „Post" vernimmt, ist im Auswärtigen Amt seit dem Januar d. I., die Orthographie des Bürgerlichen Gesetzbuches als maßgebend angenommen worden. Es soll auch bereits angeregt sein, dieselbe Orthographie in den preußischen Ministerien in Anwendung zu bringen.
— Betreffs der Warenhaus-Besteuerung fand, wie der „Konfekt." berichtet, vor einigen Tagen eine Konferenz zwischen Mitgliedern der freisinnigen Volkspartei, den Herren Eugen Richter und Müller-Sagan, und zwischen den Herren Georg Wertheim, Adolf Jandorf, Wilhelm Stein, M. Emden (Hamburg) und Oskar Tietz (München) statt, den Besitzern großer ^Warenhäuser. Es handelte sich um Informationen und Vorbesprechung betreffs der den preußischen Landtag demnächst beschäftigenden Vorlage.
— Beim Empfang einer Abordnun g des Verbandes der Post- und Telegraphen-Assistenten hielt der Staatssekretär von Podbielsky eine Ansprache, in welcher er sich über die an seiner Verwaltung geübte Kritik sowie über den Rest von Unzufriedenheit, der immer noch in seiner Beamtenschaft zurückgeblieben sei, äußerte. Er bemerkte u. a.: Er könne es verstehen, wenn unter den Beamten trotz materiell guter Lage noch ein Rest von Unzufriedenheit verbleibe, dergleichen sei aber überall auf der Welt. Die Kritik dürfe aber niemals darauf ausgehen, Unzufriedenheit zu erregen oder zu erhalten und er bitte die Herren, dafür zu sorgen, daß Fehler in diesem Sinne vermieden würden. Es müsse auch das letzte schwinden, was die notwendige Harmonie noch stören könnte.
— Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus Wien: Ueber den Besuch des Prinzen Maximilian von Baden verlautet, daß man in Hofkreisen von der Möglichkeit einer Verlobung spricht. Die AuSerwählte sei die ältere der zwei Töchter der Erzherzogin Maria Theresia, die Nichte des Kaisers, Erzherzogin Maria Annunciata. — Für die Anwesenheit des Prinzen Heinrich von Preußen wird eine Galatafel zu 80 Gedecken vorbereitet.
Plaue« i. V., 3. Februar. Der Kohlenmangel macht sich infolge des böhmischen Streikes in Werdau bemerkbar. Einige Fabriken sind bereits wegen Kohlenmangel außer Betrieb.
Ausland.
Wie«, 3. Februar. Im heutigen Ministerrat wird die Regierung endgültig das Programm für die Ver- ständiguugs-Konferenz festsetzen. Die Einladungen an die Konferenz-Teilnehmer werden sofort nach Nennung der jungtschechischen Delegierten erfolgen. Letztere werden in der heutigen Sitzung des Jungtschechen-Komitees ernannt.
Wien, 3. Februar. Die „Reue Freie Presse" veröffentlicht ein Interview mit dem serbischen Gesandten über den Abschluß der Anleihe mit Rußland. Der Gesandte bestreitet, daß die Anleihe eine poli- titsche Bedeutung besitze, sie sei lediglich eine Geschäfts- Angelegenheit. Alle Kombinationen, welche daran geknüpft wurden, seien falsch, ebenso das Gerücht, daß die Russen Herat besetzen wollten. Demselben Blatte zufolge legen dagegen hiesige Diplomaten dem Abschluß der Anleihe eine eminent hohe politische Bedeutung bei, umsomehr als Frankreich dabei mitbeteiligt ist.
London, 4. Februar. Wie hier verlautet, wird die Königin Viktoria nach Italien über Calais und Basel reisen, ohne dabei Deutschland zu berühren. Man glaubt jedoch, daß während der Durchfahrt in Basel nach dem Sankt Gotthard die Königin sich einen Ruhetag in Saint Urlanne gönnen wird. Man schließt daraus auf die Möglichkeit einer Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit seiner Großmutter.
London, 3. Februar. Rach einem Telegramm aus Durban wurde das beschlagnahmte deutsche Segelschiff Marie freigelassen, nachdem erwiesen war, daß kein Teil seiner Ladung für Transvaal bestimmt war.
Feuilleton.
frankfurter Aries.
Origtnalbnicht für den „Gießmer Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
Ibsen Abend: „Wenn wir Toten erwachen." Zum ersten Mal.
Dr. M. Auch iü seinen schwierigsten Problemen trifft Ibsen in Frankfurt am Main auf ein vorbereitetes Publikum, in welchem die Gedankenlosen, selbst wenn sie sich auch darunter befinden sollten, wenigstens nicht zu Wort kommen können, und ihre banale Schilda-Weisheit fein still für sich behalten müssen.
Theater und Presse haben gleichmäßig dafür gesorgt, daß sich ein mehr und mehr wachsendes Verständnis für den „Magus des Nordens" anbahnen konnte. Und wahrlich, Ibsen macht es denen, die zu ihm die Pilgerschaft antreten wollen, nicht eben leicht! Ganz besonders nicht in feinem jüngsten Opus „W e n n w i r T o t e n e r w a ch e n!" Das „wir" hat wohl hauptsächlich zu der Annahme geführt: es handle sich um etwas ausgesprochen Persönliches, so um eine Art Beichte, die Ablegung eines Rechenschaftsberichts, woraus auch die Hinzufügung: dramatischer Epilog — also ein Epilog zu allem, was vorangegangen ist! — zu deuten scheint. , . ... -
Für unser persönliches Gefühl hat Ibsen fein künstlerisches Glaubensbekenntnis ein für alle Mal in „Kaiser und Galiläer" niedergelegt. Tiefere Gedanken, als die von den „Drei Reichen": Schönheit — Wahrheit — Wahrheit und Schönheit hat er uns in keinem anderen Werk mehr gebracht, mag er auch formell d. i. in diesem Falle: axv Gedrängtheit des Ausdrucks an der Gabe, den Stoff auf seine Hauptmomente zusammenzuziehen, außerordentlich vorgeschritten sein.
„Können Sie mir nicht einen Ibsen - Kommentar empfehlen?" frug mich eine Bekannte, die neben mir während der Frankfurter Premiere am Samstag faß und sich etwas beengt fühlte, als die Begebenheiten sich mehr und mehr in's Symbolische zufpitzen. Ich sann einen Augenblick nach, und sagte dann kurz entschlossen: Die voraufgegangenen Werke find der beste Kommentar zu dem jüngsten; lassen Sie sich den neuesten Ibsen immer vom vorletzten verdolmetschen.
Das ist in der That unsere Ansicht. So hatten wir den Schlüssel zum Drama „Wenn wir Toten erwachen" einigermaßen in der Hand, wenn wir auf „Baumeister Solneß" zurückgreifen. Ein Hauptgedanke kehrt in beiden wieder: die über dem Courierenfieber, der heißen Ehrsucht nach Ruhni und Anerkennung versäumte, vergessene und sogar mißhandelte Lebensfreude — letztere immer durch das Weib, nicht nur repräsentiert, sondern auch symbolisiert — rächt sich an( dem Manne, her 'nur seinem Künstleregoismus folgend, die Höhe des Daseins erstiegen hat. Nun umfängt ihn die große Stille, es ist sehr einsam um ihn her; er selbst ist müde und gleichgiltig geworden. Das ist das Los des Bildhauers „Arnold Rubck", für welche Gestalt das Frankfurter Schauspiel in Herrn Bauer einen Künstler besitzt, der Ibsen nicht nur zu sprechen, sondern auch zu denken weiß.
Zwar steht neben dem Professor eine frische, kraftstrotzende Frau, auf welche die von ihrem Gatten ausgehende Lebensgleichgiltigkeit erst oberflächlich zu wirken beginnt, aber sie ist für ihn nickt die rechte Frau, ebensowenig wie er für sie der passende Mann. Er braucht die Schwärmerin, s i e den praktischen Realisten. Beide finden, was zu ihrer Ergänzung taugt. Der Bildhauer feiert eigentlich nur ein Wiedererwack>en, als ihm in „Irene" nach vielen Jahren, abermals das Weib entgegentritt, das ihn einst zu seiner höchsten Kunstthat begeistern durfte, und über welche er dann als eine hocherfreuliche „Episode" hinweggeschritten war. Irene hat das nicht vergessen können,
daß sie diesem Manne ihre „Seele" gegeben, und ist darüber eine Zeit lang tiefsinnig geworden.
Rubek hat Irene etwa ähnlich behandelt wie der Künstler in Helene Böhlaus Roman „Halbtier" die Isolde Frey, nur daß bei Ibsen alles mit Nordlandsmystik versetzt ist, und die vor unfern Augen sich abspielende Handlung nebensächlich erscheint im Verhältnis zu dem, was unsichtbar hinter ihr steht.
„Rubek" kommt zu der Einsicht, daß er die wiedergefundene „Irene" nicht ferner enbehren kann und, sagt zu seiner Frau auf seine Brust deutend:> „Siehst Du, hier drinnen — hier hab ich einen winzig kleinen, verschlossenen Schrein. Und in diesem Schrein liegen all meine Bilder - Träume verwahrt. Als sie nun aber spurlos verschwand, da • fiel der Deckel ins Schloß. Und sie hatte den Schlüssel — und nahm ihn mit. — Du, meine kleine Maja, hattest keinen Schlüssel. Deshalb liegt alles unbenutzt darin". Frau Maja ist ganz damit einverstanden und hat gar nichts dagegen, daß er sich von „Irene" wieder diesen Schatz, aufschließen lassen möchte.
So finden sich denn die wahlverwandten Paare zusammen, und kommen gemeinschaftlich bei einer Gebirgstour auf dem schwindelnden Grat an. „Frau Maja" und ihr robuster Begleiter, der bärenjagende Gutsbesitzer „Ulf- Heim" finden noch zu rechter Zeit den Abstieg, den die beiden anderen versäumen, weil sie's verlangt, „auf den Berg 6er Verheißung zu'kommen". Eine donnernde Lawine stürzt herab, und reißt sie mit fort. Das Ende der „Brand" und des „Solnest!"
Von allen Jbsen'schen Dramen hat „Wenn wir Toten erwachen" die kürzeste Spieldauer: zweieiig viertel Stunden. Mit atemloser Spannung folgte der durch andere Jbsenabende trefflich geschulte Hörerkreis den interessanten psychologischen Entwicklungen, bei deren Au^ fassnng sich auch die Damen T r i e s ch (Irene) und B o ch (Maja) als erste Kräfte bewährten.


