Nr. 233 Zweites Blatt. Freitag den 5 Octobtt 150. Jahrgang IWO
General-Anzeiger
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Das Kohlenfieber in Amerika.
Die amerikanische Presse scheint nicht müde zu iverden, aus dem gegenwärtigen Kohlenmangel in Europa die Hoffnung zu schöpfen, daß die Vereinigten Staaten in Bälde die ganze Welt mit Kohlen zu versehen haben würden. Zeitungsberichte aus Europa und die allezeit auf Schmeichelei der amerikanischen Eitelkeit berechneten Eingaben der amerikanischen Konsuln leisten dem Glauben Vorschub, daß Europa ohne amerikanische Kohlen nicht mehr fertig werden könnte und daß somit den Vereinigten Staaten angesichts der Abhängigkeit der ganzen modernen Kultur von den Kohlen die Zukunft gehöre. Man sieht im Geiste bereits europäisches Kapital in amerikanischen Kohlenbergwerken veranlagt und die Entwickelung eines ungeheuren Kohlenexports. Den glühendsten Schwärmern ist das noch lange nicht genug. Ihnen erscheint jdie nahe Zukunft so, daß die Europäer ihre Industrien gänzlich «usgeben werden, um es den Amerikanern zu überlassen, die ganze Welt mit den Erzeugnissen ihrer Fabriken ?zu versorgen. Es ist ein Wunder, daß man den armen Euro- -väern noch das Recht läßt, zum Ackerbau zurückzukehren, venu es gehört doch auch zu den amerikanischen Glaubenssätzen, daß Europa dereinst seinen Bedarf an Brotstoffen und Fleisch ausschließlich aus den Vereinigten Staaten beziehen werde.
In der Hitze dieses über die Amerikaner hereingebrochenen Kohlenfiebers schmiedet inzwischen eine Spekulation von riesigem Umfang ihr Eisen. Ja, es sieht fast so aus, als habe sich die gesamte Presse dieses Landes freiwillig oder für Geld in den Dienst derjenigen gestellt, welche das Kohlenfieber benutzen, um wertlosen Kohlenländereien einen künstlichen Wert zu verschaffen und die .Aktien von Eisenbahnep, die aus dem Jnlande zu den Exporthäfen führen, in die Höhe zu treiben. Darauf läuft die glanze Sache hinaus. Kohlenlager finden sich in allen Staaten der Union. Sie sichern den Amerikanern für alle Zukunft ihre industrielle Unabhängigkeit und entheben sie der Notwendigkeit, sich mit der Frage ßu beschäftigen, was dann werden solle, wenn einmal ihre Kohlenvorräte erschöpft sind. Vor der Hand sind die allermeisten Kohlenländereien als solche wertlos, weil ihre Ausbeutung für den heimischen Bedarf noch nichlt nötig geworden ist. Könnte man aber den Glauben erzeugen, daß eine ungeheure, von Jahr zu Jahr wachsende Kohlenausfuhr nach Europa bevorstehe, dann waren diese brach liegenden Kohlenfelder mit einem Schlage wertvolles Eigentum geworden, natürlich nur so lange, wie der Glaube anhält. Lange kann der Wahn nicht dauern, aber die Reue derjenigen, die ihr gutes Geld in Kohlenländereien zu stecken und gewisse Eisenbahnaktien zu kaufen sich verleiten ließen, wird desto länger sein. Es ist das Unglück der sollst so „smarten" Amerikaner. daß sie sich mit einer Presse begnügen, die, wie sie selbst, für jede Belehrung vom Ausland unzugänglich ist. Würden die amerikanischen Zeitungsschreiber es der Mühe für wert halten, europäische Verhältnisse aus europäischen Informationsquellen kennen zu lernen, so wäre es unmöglich, daß solche Wahnvorstellungen, wie der Glaube an eine noch bevorstehende völlige Abhängigkeit Europas von Amerika bezüglich der Kohlen, ernstlich Platzgreifen könnten. Man würde dann wissen, daß man sich mit dem Kohlenproblem in Europa schon sehr lange beschäftigt hat und daß man das ziemlich genau weiß, wieviele Kohlen in den europäischen Ländern noch vorhanden und wo außerdem noch unabsehbare Kohlenvorräte zu finden sind. Es giebt außer den VereinigtenStaaten noch rechtviele Länder, welche reiche Kohlenlager haben. China, Japan, Korea und Formosa sind voll davon. A u st r a t i e n und Neu-Seeland können ihre Kohlenausbeute noch vertausendfachen. In den Anden find überall Kohlen zu finden, soweit überhaupt das Gebirge erforscht ist, und durch Peru und Chile läuft bis fast zur Küste eine Ader der allerfeinsten Anthrazit- kohle. Britisch Nord-Amerika, Neu-Schottland und Neu-Braunschweig haben Ueberfluß an Kohlen und in Afrika fehlt es nicht daran. Kurz, die Kohlen sind über die ganze Erde wohl verbreitet, sodaß Europa und insbesondere England und Deutschland, die noch selbst auf Jahrhunderte genug eigene Kohlen haben, durchaus nicht gezwungen sind, gerade zu den amerikanischen Kohlen ihre Zuflucht zu nehmen. Der gegenwärtige Kohlenmangel ist durch ungewöhnliche Verhältnisse verursacht worden. Er ist aber nicht annähernd so schlimm, wie die Amerikaner sich ihn vorstellen und hat offenbar seinen Höhepunkt schon überschritten. Im nächsten Jahre werden in den Vereinigten Staaten sehr wahrscheinlich nur noch diejenigen an dem Kohlenfieber lewen, welche die Opfer des darauf basiert gewesenen Grundungs- schwindels geworden sind.___
Die Wirren in China«
T„ Soweit man aus den bisher eingegangenen ausländischen Depeschen ersehen kann, hat das Telegramm
des deutschen Kaisers an den Kaiser von China den besten Eindruck gemacht, und es wird mit großer Uebereinstimmung ausgeführt, daß durch Ein- schlagung des vom Kaiser empfohlenen Weges die schnellste Beilegung der chinesischen Wirren erzielt werden könne. Auch die deutsche Presse verhält sich zustimmend, nur finden wir in einzelnen Blättern die Meinung ausgesprochen,' daß zwischen dem kaiserlichen Schreiben und der letzten Note des Staatssekretärs Grafen Bülow ein schwer zu überbrückender Widerspruch bestehe. Wir glauben, daß dieser Widerspruch nur gefunden werden kann, wenn man ihn mit der Lupe sucht und ihn finden will. Tie Sühnung- des begangenen Unrechts „in vollem Umfang und nach jeder Richtung" ist der springende Punkt sowohl im kaiserlichen Telegramm wie auch im Rundschreiben des Staatssekretärs. Daß der Kaiser nicht in Einzelheiten eingeht und nicht die Frage.erörtert, wie die Prozedur der Sühnung vor sich gehen soll, ist nur erklärlich, denn das ist die Aufgabe der deutschen Diplomatie, die sich hierüber mit den andern Mächten und mit China zu einigen haben wird. Ganz von selbst versteht es sich, daß man die Bestrafung nicht ausschließlich chinesischem Gutdünken und chinesischer Willkür überläßt, und das ist auch in dem kaiserlichen Telegramm hinreichend an jener Stelle angedeutet, wo von der Unterstützung durch die Mächte die Rede ift Wenn man China die alleinige Bestrafung der Schuldigen nicht überlassen zu können glaubt, so ist es eben begründet in dem Mißtrauen gegenüber der chinesischen Rechtspflege und Liebe zur Gerechtigkeit. Wir glauben nicht, daß die hierüber herrschenden Zweifel sich werden beseitigen lassen. Wie aber alles in der Welt, so wäre es schließlich ja auch möglich, daß die Chinesen, ihr inneres Wesen verleugn'md, aus freien Stücken ein Beispiel strenger und gerechter Strafjustiz gäben. Wir können uns nicht zu der Hoffnung erheben, daß dem ch sein werde, aber ausgeschlossen ist es doch nicht. Nehmen wir z. B. an, daß in einigen Tagen die Nachricht einträfe, der Kaiser von China habe unter dem Eindruck des erhaltenen Telegramms sich aufgerafft, kurzen Prozeß gemacht und einem halben oder ganzen Dutzend von Großwürdenträgern, und zwar solchen, die auch nach Auffassung der Gesandten die wirklichen Schuldigen sind, die Köpfe vor die Füße legen lassen, ohne jedwede Rücksicht auf Rang, Geburt und Stellung. Dann müßte man allerdings sagen, daß der Kaiser von China es verstanden hätte, das Präveniere zu spielen, und das Verlangen nach einer Strafjustiz der Mächte in seinen wesentlichen Teilen gegenstandslos zu machen. Wir geben uns in dieser Beziehung gar keinen Täuschungen hin, aber wir wollen Nlit diesein Beispiel nur zeigen, daß es Lagen geben kann, wo das Verharren auf dem Wortlaut gewisser Forderungen dem eigentlichen Ziele direkt entgegenarbeiten könnte. Wir glauben auch heute noch, daß die Besorgnis vor dem bösen Willen Chinas berechtigt* ist. Sollte sich diese Meinung wider Erwarten als unzutreffend Herausstellen, so würden wir das keineswegs beklagen, sondern es als eine durchaus berechtigte Politik betrachten, wenn man der veränderten Lage durch veränderte Mittel Rechnung trüge. So wie die Dinge heute liegen, muß man nun abwarten, wie der Kaiser von China sich äußern und welche Maßnahmen er ergreifen wird. Es kann das eine Geduldprobe werden von einer Woche und mehr, aber Geduld gehört zu denjenigen Eigenschaften, mit denen man bei den chinesischen Wirren gerüstet sein muß.
Aus Shanghai wird gemeldet: Nach einem kaiserlichen Erlaß vom 26. September ist Yuesien, der bisherige Gouverneur von Schansi, seines Amtes enthoben. Der Erlaß ordnet ferner die Besetzung einiger wichtiger Posten mit Personen an, die, soviel man weiß, an der Boxerbewegung nicht beteiligt waren.
Eine hier aus Tientsin eingetroffene Depesche vom 29. September meldet: Li-Hung-Tschang hat seine Absicht, nach Peking zu gehen, aufgegeben. Es verlautet, daß er Unterhandlungen mit dem russischen Gesandtm beginnen wird, sobald dieser in Tientsin ankommt.
Eine Meldung des „Daily Expreß" vom 30. September lautet dahin, daß die Verbündeten Schanhaikwan bereits genommen und eine größere Streitmacht dort zurückgelassen hätten, um die Boxer abzuwehren, die einen weiteren Angriff planen sollen. Bestätigung dieser Nachricht bleibt abzuwarten. Dasselbe Blatt meldet, eine starke deutsche Kolonne sei unterwegs, um die Kohlengruben von Tangschan und Kaiping zu beschützen, die unter der Leitung des stets fremdenfreundlichen Tschanghinmao den Betrieb wieder eröffnen sollen.
Aus Peking wird gemeldet: General v. H ö p f n e r ging gestern mit 2000 Mann und einer Feldbatterie zu einer Straf-Expedition nach dem südlichen Teil des kaiserlichen Jagdparkes ab, mo am Tage vorher eine Patrouille angegriffen worden war. Die Deutschen steckten mehrere Dörfer in Brand, wo Waffen gefunden wurden, und rückten bis nach N a n h u n g m e n vor. Die Boxer, die außerhalb der Stadt angetroffen wurden, wurden nach einem kurzen Kampfe zersprengt.
Die feindlichen Truppen waren teils mit Gewehren, teils, mit Piken und Schwertern bewaffnet. Einige chinesische Soldaten, die sich bis auf zwanzig Schritt den deutschen Truppen näherten, wurden niedergemacht. Vier Deutsche wurden verwundet.
Aus London wird vom 3. geschrieben: Die Kunde aus China fließt auch heute spärlich. Nach einer vorgestrigen Shanghaier Meldung der „Morning Post" befände" sich der chinesische Hof auch jetzt noch an seinem neuen Zufluchtsorte in einer ziemlich kläglichen Lage, nms zum Teil die anscheinende, neuerliche Gefügigkeit erklären würde. Die Truppen, die als Deckung dienen, sollen teils gemeutert haben, teils umgekehrt seien. Nach einer Dalziel-Meldung zog Admiral Seymour neuerdings die Kriegsschiffe Goliath, Hart und Orlando von Wusung nach Tschingwanda heran. Eine Meldung des „Standard" aus Tientsin vom 29. September bestätigt die Angabe, daß auf Befehl Li-Hung-Tschangs in Paotingfu durch Maueranschläge angezeigt wurde, die chinesischen Christen müßten sterben, falls sie nicht ihrem Glauben entsagen wollten, und die Mächte hätten versprochen, ihre Truppen abzurufen.
Der Petersburger Generalstab meldet unter dem 3. Oktober: General Grodekow erhielt am 19. September von dem Verweser des Ministeriums des Aeußern ein Telegramm des Prinzen Tsching, mit dem Auftrage, dieses dem Gouverneur der Mandschurei zuzustellen. In dem Telegramm erklärt Prinz Tsching, daß er bevollmächtigt sei, in Gemeinschaft mit dem Kanzler Tschungtschou Unterhandlungen mit den Mächt-n eiuzuleiten, und dem Gouverneur befiehlt, zur Erleichterung dieser Unterhand-, lungen die Feindseligkeiten einzustellen und für den Schutz des Eisenbahnmaterials Sorge zu tragen. Das Telegramm wurde dem Gouverneur am 24. September durch den Körnet Vasiliew überreicht. Am gleichen Tage besetzte General Rennenkampf ohne Widerstand Kirin. Die chinesischen Soldaten legten die Waffen nieder, sodaß man in der Mandschurei keine Kriegsereignisse mehr erwartet. Bodune ergab sich am 30. September ohne Widerstand, 1500 Chinesen, die die Waffen streckten, werden zu den Arbeiten in Charbin erwartet.
Neber die Kolonne des Generals Fleischer wird gemeldet : Die Kolonne, bestehend aus 6 Bataillonen mit 10 Geschützen und zwei Sotnien, verdrängte nach hartnäckigem Kampfe die Truppen des Generals Schuje, bestehend aus 6000 Mann mit Artillerie aus einer ganzen Reihe befestigter Ortschaften und nahm das alte Niutschwang ein. Die Chinesen flohen nordwärts. Von den Russen wurden 7 Offiziere und 18 Mann verwundet, die Chinesen hatten starke Verluste, eine Fahne, deren Träger getötet wurde, und eine Kanone wurden erbeutet. Am gleichen Tage unternahm der Oberst Artamonow auf Befehl des Generals Subbotisch mit zwei Schwadronen Kavallerie eine Rekognoszierung vor dem allgemeinen Vorrücken gegen die chinesische Stellung südlich von Anschanschaw. Er erkundete mit Erfolg die Flanken und das Centrum der Position und näherte sich auf 300 Schritt dem Feinde, der ihn mit Gewehr- und Geschützfeuer empfing. Es zeigte sich hierauf, daß die Chinesen mit 14000 Mann disziplinierter Truppen und 30 Geschützen eine starke Position einnahmen. Ferner wurde bestätigt, daß die Eisenbahn überall zerstört und die Schwellen weggebracht waren, die Schienen dagegen geblieben seien.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Berlin, 4. Oktober. Aus Shanghai wird gemeldet: Außer vier deutschen Kriegsschiffen nahmen englische, französische und russische Schiffe an der Eroberung von Shanghaikwan teil. Unter den Landtruppen befand sich auch das 2. Bataillon des 2. deutschen oftafiatischen Jnf.- Regiments. Dazu wird aus Taku depeschiert: Die Admirale beschlossen, Shanghaikwan zur Sicherung der Verbindung mit Peking zu nehmen. Die Forts wurden von 10000 Chinesen verteidigt. An der Aktion nahmen 3500 Russen, 100 Engländer, 1200 Franzosen, 800 Deutsche und 500 Italiener, sowie ein Teil der internationalen Flotte unter dem Befehl des Admirals Candiani teil.
Loudon, 4. Oktober. Laffans Bureau meldet aus Washington: Der deutsche Geschäftsträger bei der amerikanischen Regierung habe mitgeteilt, daß Deutschland vollständige Genugthuung von China erhalten habe. Deutschland' widersetze sich infolgedessen nicht mehr der Eröffnung von Friedens-Verhandlungen und mache folgende Vorschläge: Die schuldigen Prinzen sollen vom Throne in Peking bezeichnet werden, der auch die ihnen zukommenden Strafen verhängen soll. Außerdem soll eine Garantie dafür verlangt werden, daß die Strafen auch


